Periplaneta, Edition Totengraeber, 1. Auflage Juni 2009
Taschenbuch, 294 Seiten
€ 13,99
ISBN: 978-3-453-40672-8

Genre: Thriller



Klappentext:

Edgar Tess ist Essenswagenfahrer in einer Schönheitsklinik und nur nebenberuflich Serienmörder. Und er ist Künstler, wie sein Vater, der leider schon tot ist. Tess ist zwar schizophren und hört Stimmen, ist aber sonst ein interessanter Typ, der Frauen fasziniert. Doch er beschränkt sich auf käuflichen Sex, so wie sein Vater, kurz bevor er sich die Rübe weggeschossen hat. Edgar Tess hat also leider ein Frauenproblem. Welcher Mann hat das nicht. Doch bei „Eddie“ nimmt das fast schon krankhafte Züge an. Aber das ist bei dieser nörgelnden alten Mutter, die nur Leberwurstbrote isst und im Rollstuhl sitzt, völlig verständlich. „Eddie“ hat also auch noch ein Mutterproblem. Welcher Mann hat das nicht. Doch es gibt da noch eine andere Frau. Diane! Was die schöne Ärztin wohl über seine Vernissage denken wird?
Edgar Tess plant nämlich eine Ausstellung, die ihm endlich Mutters Liebe und Anerkennung einbringen soll! Deshalb nimmt sein Interesse an Frauen auch immer mehr sachlich-pathologische Züge an …

„Vernissage“ eröffnet die Edition Totengräber bei Periplaneta.

“Haben Sie schon mal jemandem den Kopf abgesägt?“



Rezension:

Dirk Radtkes Debüt ist definitiv anstößig, krank und nichts für schwache Nerven.
Mit diesem Satz wirbt der Verlag auf seiner Homepage für Vernissage – Die Kunststücke des Edgar Tess – und tatsächlich erwartet den Leser eine unheimlich kranke Geschichte mit einem völlig durchgeknallten Protagonisten, der öfter unbewusstes Kopfschütteln hervorruft.

Die Story dreht sich hauptsächlich um Tess und seine Vorbereitungen für die besondere Ausstellung, die ihn berühmt und „es“ seiner Mutter wieder gut machen soll. Worum es sich bei diesem „Es“ handelt, erfährt der Leser während des gesamten Buches nicht – ihm bleibt nur die Möglichkeit, diverse Mutmaßungen aufzustellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das alles irgendwie mit der Vorliebe seines Vaters für Prostituierte und seinem Selbstmord auf dem Dachboden des Familienanwesens zusammenhängt, ist jedoch groß.

Neben Edgar spielt seine senile Mutter eine wichtige Rolle, die im Grunde nur noch vor sich hinvegetiert und sich so gesehen schlicht weigert, das Zeitliche zu segnen. Edgar und seine Mutter verbindet eine Art Hassliebe – sie piesackt ihn zu jeder erdenklichen Gelegenheit, er würde sie eigentlich am liebsten sofort loswerden. Trotzdem ist sie auf ihn angewiesen und er bekommt allein bei dem Gedanken, dass seine Mutter sterben könnte, diverse körperliche Beschwerden.
Diese Punkte zeigen recht schnell, dass Tess eine ziemlich zwiegespaltene Persönlichkeit ist. Außer den beiden Stimmen, die er seit dem Freitod seines Vaters immerzu im Kopf hat und die er mit Hilfe des heimischen Fernsehers nachts ruhig zu stellen versucht, sind da auch völlig unverständliche und kaum nachvollziehbare Gedankengänge, die dem Leser schnell ein Schmunzeln entlocken. Edgar Tess ist ein interessant gestalteter Charakter, dem entweder in seiner Kindheit zu wenig Liebe entgegen gebracht wurde oder der mal eine gehörige Tracht Prügel nötig hat, um den Kopf – und das Hirn – an die rechte Stelle gerückt zu bekommen.

Und dann gibt es da noch diverse weibliche Charaktere – die Pflegerin „Calzone“, ihre spätere Vertretung „Mandelauge“, die Stationsschwester Heidi und natürlich die Ärztin Diane, die für Edgar so was wie die Überfrau darstellt. Einige männliche Vertreter der menschlichen Spezies kommen auch im Buch vor, aber die spielen keine tragende Rolle – Edgars Ausstellung soll anscheinend ausschließlich Exponate von weiblichen Spendern zeigen.
So wird schnell klar, dass keine von den relevanten weiblichen Mitwirkenden dieses Buch überleben wird. Alles beginnt mit einer Prostituierten, die Edgar nicht bezahlen will. Die Idee für seine besondere Ausstellung hat er dieser ersten Frau zu verdanken, der er schließlich den Kopf absägt, sie in ihre Einzelteile zerlegt und in der Gefriertruhe auf dem Dachboden lagert.

Insgesamt gibt die Story allerdings nicht viel her. Die meiste Zeit spricht Edgar mit den Stimmen in seinem Kopf oder steht kurz vor dem Wahnsinn. Die ersten Male ist das noch ganz amüsant und passt gut ins Buch, doch wie bei vielen anderen Dingen heißt es auch hier: Weniger ist mehr. Teilweise entsteht der Eindruck, als würde der Autor aus fehlenden neuen Ideen wieder auf alte gute Einfälle zurückgreifen. Dabei ist die Grundidee dieses kranken Charakters und seiner Geschichte eine wirklich gute, die leider im Wust dieser sich immerzu wiederholenden „Dialoge“ in abgewandelter Form etwas verloren geht.
Leider lässt auch die sprachliche Qualität sehr zu wünschen übrig. Neben langweiligen Formulierungen tauchen vor allem viele Rechtschreib- und Satzzeichenfehler auf.
Dinge wie „-artzt“, „Strasse“, „Du heißt nicht zufällig Weinert mit Nachnahmen?“, sich häufende „das/dass“- und unzählige Kommata-Fehler haben in keinem Buch etwas zu suchen. Bleibt zu hoffen, dass vor einer Neuauflage noch mal genauer drüber geschaut und einiges verbessert wird.

Möglicherweise ist Vernissage ein Buch, das mindestens zweimal gelesen werden muss, um in vollem Umfang begriffen zu werden. Es fällt jedoch schwer, sich nach dem ersten Lesen zu einem zweiten Mal durchzuringen.
Das Versprechen, das der Verlag auf seiner Onlinepräsentation gibt, wird in jedem Fall eingehalten – wenn auch auf andere Weise als wahrscheinlich beabsichtigt.



Fazit:

Das Debüt von Dirk Radtke ist ein kranker Thriller mit viel Potential, das im nächsten Buch hoffentlich besser genutzt wird. Als Lektüre für zwischendurch eignet sich Vernissage gut, um sich wirklich zu gruseln, sollte der Leser jedoch zu anderen Büchern greifen.



Wertung:

Handlung: 2,5/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 2/5

Advertisements