Periplaneta Berlin, 1. Auflage Dezember 2009
Klappbroschur, 214 Seiten, 13,90 EUR
limitierte Auflage mit Audio-CD
ISBN-10: 3-940767-09-3
ISBN-13: 987-3-940767-09-7

Genre: Novelle, interreligiöse Liebesgeschichte



Klappentext:

Gott und Allah,
Berge und Täler,
Berlin und İstanbul,
Laura und Çingiz.
Liebe.

Innerer Klappentext:

Laura canim, mein Leben,

Ich weiß nicht, ob Dich dieser Brief jemals erreicht, denn ich bin nicht sicher, wo es Dich hinverschlagen hat. Vielleicht bist Du zurück in das kleine Dorf Deiner Kindheit gegangen, vielleicht aber auch in eine andere Stadt. Ich hoffe jedoch, dort, wo Du jetzt lebst, geht es Dir gut. Falls Du nach Hause zurückgekehrt bist, bestelle dem Pfarrer einen lieben Gruß von mir, ohne ihn hätten wir uns beide nie gefunden. Ohne ihn hätte ich die Lebensart Deines Volkes nicht annähernd kennengelernt. An dieser Stelle bleibt für mich zu hoffen, daß ich Dich nicht endgültig verloren habe. So Allah will, werden wir uns wiedersehen, in Deiner oder in meiner Heimat …
Vielleicht kommt der Tag, an dem wir uns beide verzeihen können und wenn wir uns nie wiedersehen, so werde ich mit der Gewissheit gehen, nie eine andere geliebt zu haben. Möge Allah Dich beschützen und Dich mir wohlbehalten wieder zurückbringen.

Dein Dich vermissender
Çingiz Yedeşahin.
İstanbul, im Ramazan 1956



Inhalt:

„Das weiße Buch des Jadefalken“ ist ein Roman über eine deutsch-türkische Beziehung in den 1950er Jahren – eine Beziehung im Spannungsfeld zwischen Liebe, Fremdheit und sozialem Druck. Es ist die Geschichte von Laura, einer katholischen Frau aus einem Dorf in Sachsen und von Çingiz, einem muslimischen Mann aus Istanbul. Der Autor, der selbst in Istanbul lebt, lässt Laura erzählen, wie sie sich einem Mann zuwendet, der nicht nur einer anderen Kultur angehört, sondern auch an einen anderen Gott glaubt. Die junge Frau lernt, die Gemeinsamkeiten von Gott und Allah zu erkennen und sie kommt zu der Erkenntnis, dass es einige wichtige Glaubensgrundsätze gibt, die für alle Menschen gelten. Egal welchen Glauben sie in sich tragen. Leider teilt diese Meinung nicht jeder und so geschieht das, was immer geschieht, wenn Argumente nicht mehr zählen …



Rezension:

Sie hat ein Buch vor sich zu liegen. Ein weißes, leeres Buch. Çingiz hat es ihr an ihrem ersten Hochzeitstag geschenkt, nachdem sie schon so viel miteinander und ohne einander erlebt und gesehen hatten. Er bat sie, in dieses Buch hineinzuschreiben, was sie bedrückte, was sie beglückte, was sie erlebte und was sie als Erinnerung wichtig empfand. Ein Tagebuch.
Sie öffnet es. Zum ersten Mal. Das weiße, leere Buch. Laura nimmt sich einen Stift, und ihre zittrigen Hände versuchen, eine Linie zu finden. Eine Linie auf dem Papier.
Eine Linie durch die Zeit.
Ihre Augen verschleiern sich durch Trauer, die nicht weichen will. Nicht weichen kann. Denn Çingiz ist ein Teil von ihr.
Immer noch.
Nach 30 Jahren Liebe.
(Aus dem Prolog, Seite 10)

Paare mit unterschiedlicher Hautfarbe und Glaubensangehörigkeiten sind heutzutage keine Seltenheit mehr, obwohl noch immer schiefe Blicke auf solche gemischten Paare geworfen werden. Doch was heute im Großen und Ganzen als eine Selbstverständlichkeit angesehen wird, sah noch vor einem halben Jahrhundert ganz anders aus.
Holly Loose greift in seinem Debüt-Roman Das weiße Buch des Jadefalken das Thema von gemischten Beziehungen, deren Tabu und die mit ihnen einhergehenden Schwierigkeiten in den 50er Jahren auf. Hierbei nutzt er die Perspektive der Protagonistin Laura, die ihre Erinnerungen an die vergangenen Jahre in einem weißen Tagebuch niederschreibt, dass ihr „Gefährte“, wie sie ihn während der langen Trennungszeit nannte, am ersten Hochzeitstag schenkte. Dass dieses Tagebuch weiß ist und der Titel des Romans den Jadefalken inne hat, ist eine schöne Verbindung zum Nachnamen der späteren Eheleute Yedeşahin.

Man merkt dem Buch schnell an, dass es sich um einen generell sehr kreativen und gern mit Bildern arbeitenden Kopf handelt. Loose verwendet sehr schöne Beschreibungen und versteht es, die Gefühle und Gedanken klar zu schildern. Dass hier ein Mann aus der Sicht einer Frau schreibt, merkt man kaum, es wird sich keiner Klischees bedient und Laura ist – wie die damaligen Zeiten wahrscheinlich eher untypisch – ein recht rebellisches, aber teilweise naives junges Mädchen. Insgesamt wird auf Kitsch verzichtet, der Autor arbeitet viel mehr mit Tatsachen und wahren Geschehnissen. Letztere sind zwar zeitlich nicht ganz korrekt eingebunden, aber das tut dem Verlauf der Geschichte keinen Abbruch.
Die Mischung aus alter und neuer Rechtschreibung fällt dem Leser anfangs direkt ins Auge, rückt aber mit der Zeit in den Hintergrund. Würden sich ab circa der Mitte des Buches nicht Rechtschreibfehler häufen, könnte man vielleicht sogar ganzheitlich darüber hinweg sehen. So stören häufige „dass/das“-Fehler leider den Lesefluss mit der Zeit sehr und hemmen das Vergnügen an der Geschichte selbst extrem.

Was für Menschen, die nicht an Gott oder eine ähnliche Kraft glauben, ebenfalls sehr anstrengend ist, sind seitenlange Bibel- bzw. Koran-Zitate, die schnell zum Überblättern einladen. Auch die Briefe, die Çingiz an Laura schreibt und die sie erst viel später erhält, nehmen einen großen Teil des Buches ein – wären sie nicht wichtiger Bestandteil desselben, hätte man auf das eine oder andere Stück verzichten können.
Positiv zu benennen sind die vielen Fußnoten, die der Autor zur Erklärung vieler Begriffe, Orte und Feiertage nutzt. Das Lesen und Verstehen von Zusammenhängen wird hierdurch sehr erleichtert, wodurch auch klarer wird, welche Aussage hinter Das weiße Buch des Jadefalken steckt.

Holly Loose beweist mit seinem Debütroman, dessen limitierte Auflage mit Audio-CD, welche vom Autor gesprochene Textpassagen und ein Lesungsvideo enthält, ausschließlich auf der Homepage des Verlages erhältlich ist, dass er nicht nur ein begnadeter Songwriter und Sänger ist, sondern auch mit längeren Romanen begeistern kann.
Besonders die äußere Gestaltung, die in schlichtem Weiß mit einem angenehmen Grün erstrahlt, besticht durch die Verbindung von Kreuz und Halbmond auf dem Cover, welches nicht nur eine symbolische Bedeutung haben sollte. Und in einem verhältnismäßig kurzen Nachwort werden zeitliche Verschiebungen hinreichend erklärt, sodass man gern über kleine Fehler hinwegsieht.

Letzte Nacht hatte ich einen Traum; ich träumte, dass Du auf einem gläsernen Schiff mit drei Segeln durch den Himmel über die Wolken von mir weg fuhrst. Meine Tränen waren das Meer, und die Erinnerung war der Wind, der Dich von Horizont zu Horizont trieb. Ach, meine Einzige, wären wir doch nur offener zueinander gewesen, ich hätte Dir dieses Schiff gekauft, und wir wären nun gemeinsam wieder auf Reisen. Ich bete jeden Tag, dass Du zurückkommen möchtest und wir wieder auf unserer viel zu leeren Terrasse sitzen und das Sonnenlicht in die Nacht hinein sterben sehen können.
(Aus einem Brief von Çingiz an Laura, Seite 71)



Fazit:

Das weiße Buch des Jadefalken ist die Geschichte zweier Herzen, die trotz diverser Schwierigkeiten zueinander gehören und sich nicht entzweien lassen, deren Liebe über die Grenzen und Vorurteile dieser Welt besteht. Für alle „gemischten“ Paare und vor allem für Holly-Fans ein Muss!



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5



Interview mit Holly Loose (Letzte Instanz) (24.02.2009)

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