DuMont Buchverlag, 1. Auflage August 2009
HC mit SU, 223 Seiten
19,95 € (D)
ISBN-13: 978-3-8321-8092-8

Genre: Belletristik


Klappentext:

Schnell, skurril und böse – eine der markantesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur erzählt vom scheinbaren Zufall im Beziehungsgeflecht der Großstadt.

Innerer Klappentext:

Vincent ist Callboy, aber an Weihnachten sitzt er alleine in der Kneipe. Als die dichtmacht, lässt er sich zu Hause eine Badewanne ein. Beim Einsteigen wird er von einer Einbrecherin überrascht. Die beiden freunden sich an.
Einsamkeit und Sex und Mitleid bringt zusammen, was nicht zusammengehört: Die unterschiedlichsten Menschen streifen durch Berlin, begegnen sich, kommen einander nah immer auf der Suche nach dem Glück. Helmut Krausser verknüpft ihre Geschichten zu einem Netz, aus dem es kein Entkommen gibt.
Ein Kind wird entführt, eine mitternächtliche Hochzeit improvisiert, ein Genickschuss erkauft, der Prophet Jesaja predigt auf dem Kreuzberg und alles ist auf ungeahnte Weise miteinander verbunden. Einsamkeit und Sex und Mitleid spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls, mischt Melodram, Ironie, Suspense und Lakonik zu einem bizarren Panorama, zu einem überwältigenden Kaleidoskop des Lebens.


Rezension:

Der im Klappentext erwähnte Callboy und seine Einbrecherin sind nur zwei der skurrilen, aber sehr lebensechten Charaktere, der gescheiterte Einbruch und die daraus resultierende Freundschaft nur eine von vielen Geschichten, die das Leben schreibt und die Einsamkeit und Sex und Mitleid miteinander verbindet. Viele weitere Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen und zu Papier gebracht, mit Wiedererkennungswert beim Leser selbst, bilden zusammen mit dieser ersten ein Geflecht aus genau der im Titel genannten Mischung des Lebens.

Ein vorzeitig pensionierter Lateinlehrer, dem eine Schülerin zum Verhängnis wurde.
Eine einsame Kellnerin, die für teure Luxus-Chips sterben würde.
Eine Gruppe Punks, die gegen die Kälte zu kämpfen hat.
Ein ungleiches Ehepaar, das sich an Heiligabend trennt.
Eine gescheiterte Tänzerin, die ihre Karriere wegen einer nicht zu kontrollierenden Krankheit an den Nagel hängen muss.
Ein junges Mädchen, das mit einem bibeltreuen Jungen zusammen ist, sich aber von einem anderen für sexuelle Aktivitäten bezahlen lassen will.
Ein Mann, der seine Frau liebt, aber eine Affäre mit seiner Sekretärin hat.
Eine Familie, in der die kleine Tochter vergöttert und die große vergessen wird.

Was auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpasst und noch weniger zusammengehört, findet in Kraussers Roman einen gemeinsamen Platz im Spiel des Lebens. Findet Bezug zueinander und macht deutlich, dass eben doch alles irgendwie zusammenhängt und die Fäden oft unsichtbar sind und bleiben. Ganz unterschiedliche Geschichten treffen hier aufeinander und werden gemeinsam zu einer größeren, umfassenderen.

Trotz der humorvollen Erzählung und der amüsanten Dialoge hat Kraussers Buch auch eine nachdenklich machende Ader, die unbemerkt beim Leser einzieht und erst nach der letzten Seite zum Einsatz kommt. Denn es ist eben nicht alles, wie es scheint.
Mit großartigen Dialogen und perfekt auf Berlin abgestimmter Sprache überzeugt Krausser nicht nur im sprachlichen Bereich, nein, insbesondere Berlin-Kenner werden sich in diesem Roman wohlfühlen, der mit sehr speziellen Schauplätzen spielt, die perfekt zum Roman und den erzählten Geschichten – und eben auch zu Einsamkeit und Sex und Mitleid – passen.


Fazit:

Selbst eine Großstadt wie Berlin ist letztendlich nur ein Dorf, wie Helmut Krausser mit Einsamkeit und Sex und Mitleid sehr gut zu verstehen gibt. Ein kurzweiliger Pageturner, der durch Sprachwitz amüsiert, durch Inhalt aber auch nachdenklich macht.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3/5

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