Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1. Auflage September 2009
Taschenbuch, 320 Seiten
8,95 €
ISBN: 978-3-499-24736-1
Leseprobe

Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur



Klappentext:

Die erste Liebe.
Der erste Tod.

Rebekka ist in einer Orientierungsphase. Die junge Reiseverkehrskauffrau knabbert an der Trennung von Adrian. Dass sie selbst den Anlass dazu gegeben hat, weil sie ihn betrog, davon will sie nichts mehr wissen. Sie sucht Rat in der Gruppe «Männerentzug»: lauter Frauen, die vor allem eins lernen wollen – auf eigenen Beinen stehen, unabhängig werden. Was Rebekka außerdem noch lernt: sich nicht so wichtig zu nehmen angesichts wichtigerer Probleme, wie dem Sterben ihrer Freundin Jette.

Eine Geschichte von der ersten Liebe und vom ersten Tod im Leben einer jungen Frau. Ein Roman, der an die Nieren geht. Und ans Herz.



Rezension:

Es geht los und nicht, um anzukommen. Der Samstag, an dem sie das Klingelbrett auf dem Trödelmarkt kaufte, war so außergewöhnlich kalt für Anfang November, dass der Wetterbericht jede halbe Stunde wiederholte, wie außergewöhnlich kalt es für Anfang November sei. Beim dritten Mal «außergewöhnlich kalt» stand sie endlich auf und schaltete dem Radiowecker den Mund aus. Sie zog sich etwas außergewöhnlich Warmes für Anfang November an und fuhr mit dem Fahrrad zum Trödelmarkt.
Sie trank einen Kaffee im Bahnhof am Imbiss im Stehen am Tisch. Richtig schlimmer Imbisskaffee. Bitter, bitter! Der Verkäufer sollte in der Hölle den ganzen Tag diese Plörre saufen müssen. Sie stierte in irgendeine Richtung, und manchmal liefen Menschen durch ihren Blick.
(aus dem Beginn des Buches)

Heile, heile erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die durch einen Fehltritt ihren Freund verliert, den sie eigentlich nie wirklich geliebt hat, unter allen Umständen erst wiederhaben und dann vergessen will und so ganz nebenbei ihre beste Freundin an den Krebs verliert. Plötzlich wird Rebekka klar, wie unwichtig eigentlich die Trennung von Adrian ist, wie viel Zeit sie mit der Trauer und dem Kampf erst für und dann gegen ihn verloren hat, wie viel verschwendete Energie und Kraft sie für ihre Freundin hätte aufbringen können und wohl auch müssen und wie sehr sich die Prioritäten mit einem Mal verschieben können.

Sprachlich bedient sich Kirsten Fuchs hier so ziemlich aller Mittel, die zur Verfügung stehen, sodass das Ganze manchmal leider etwas verkrampft wirkt und der Leser sich des Öfteren fragt, ob das denn nun wirklich sein musste – in solchen Fällen ist weniger tatsächlich mehr, und Wortspielereien der zurückhaltenden Art wären sehr viel willkommener gewesen. Dass es tatsächlich geschafft wurde, einen Satz über eine ganze Seite und fünf Zeilen zu ziehen, ist ein wundervolles Beispiel dafür, dass an der einen oder anderen Stelle übertrieben wurde.
Durchaus amüsant, aber auch emotionsreich und ansprechend gestaltet die Autorin eine Geschichte mit einem nicht ganz klaren Handlungsverlauf. Verschiedene Storylines vermischen sich, wobei Rebekka immer den Mittelpunkt darzustellen scheint, als würden alle anderen Charaktere um sie herum leben, was so nicht der Wirklichkeit entspricht. In erster Linie spielt natürlich Adrian eine wichtige Rolle, doch nach und nach verschwimmt diese Wichtigkeit und macht Platz für anderes. Die kranke Freundin Jette fließt dabei immer mal wieder zwischendurch ein, geschickt eingebunden und nicht besonders auffällig, bis es dann zum großen Knall kommt und sich alles schlagartig ändert.

Etwas verwirrend ist der Klappentext, denn um die erste Liebe dreht sich dieses Buch nicht, jedenfalls kommt dieser Punkt nicht klar hervor. Rebekka hatte vor Adrian schon einige Beziehungen, bei denen sie nicht immer von Liebe sprechen konnte, doch auch bei Adrian bekommt der Leser nie den Eindruck, dass es sich um wirkliche Liebe handelt. Mehr scheint es eine Abhängigkeit zu sein, von der Bekka mit jeder Seite ein Stück geheilt werden kann. Spaß machen die Kapitel, in denen über die Selbsthilfegruppe berichtet wird, weil die angeblich Kraft bringenden Tipps der „Vorsitzenden“ ziemlich albern und nur selten nachvollziehbar sind.

Insgesamt schafft Heile, heile es nicht vollständig, den Leser zu fesseln. Manche Kapitel ziehen sich durch unwichtige Berichterstattungen in die Länge, während andere erfrischend kurzweilig sind und sehr gut zu unterhalten wissen. Trotzdem ist dieser Roman ein Buch, mit dem sich vor allem Liebhaber der deutschen Sprache beschäftigen sollten, denn Frau Fuchs versteht es hervorragend, die meisten Vorzüge dieser zu betonen – auch wenn sie das eine oder andere Kunststück besser in der Schublade gelassen hätte.



Fazit:

Mit Heile, heile liegt ein Buch vor, das sich ausführlich mit den alltäglichen Sorgen auseinander setzt, die unheimlich wichtig erscheinen, bis etwas wirklich Schlimmes passiert und einen aufweckt. Teilweise übertrieben witzig und großflächig emotional ist es ein Roman für stille und nachdenkliche Momente, die sich von Schmunzelaugenblicken unterbrechen lassen möchten.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4,5/5

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