Blessing, 1. Auflage März 2009
HC mit SU, 256 Seiten
€ 18,95 [D] | € 19,50 [A] | CHF 33,90
ISBN: 978-3-89667-391-6
Leseprobe

Genre: Belletristik



Klappentext:

Die böse Fratze der Vergangenheit kann das vertraute Gesicht eines alten Freundes sein

Schlimm genug, wenn die eigene Tochter nachts einen älteren Mann mit nach Hause bringt. Noch schlimmer, wenn dieser Mann ein verdrängter alter Freund ist. Wie eine Zecke nistet sich Gideon in Franks Leben ein und vergiftet die scheinbar heile Familienwelt mit bösen Erinnerungen an eine vergessene Schuld. Es entspinnt sich ein psychologisches Drama, das dem Wahnsinn Tür und Tor öffnet. Der suggestiv-raffinierte Roman eines großen deutschen Erzähltalents.

Innerer Klappentext:

Damals, an der Schwelle des Erwachsenwerdens, war für Frank und Gideon die Begegnung mit der widerspenstigen Außenseiterin Laura ein Abenteuer, ein erstes Spiel mit dem Feuer, das Geheimnis und Gefahr verhieß. Doch der jugendliche Konkurrenzkampf um das Mädchen vom Bahndamm ging bald zu weit, und das Abenteuer endete gewaltsam. Der empfindsame Künstlertyp Gideon wird mit der Schuld nie fertig, während Frank sein Verbrechen mit beruflichem Erfolg und einem geordneten Familienleben zu verdrängen weiß. Bis der arbeitslose Gideon wie aus dem Nichts und quasi im Dunkel der Nacht in Franks heile Welt einbricht, sich mit dessen Tochter Nina anfreundet und einen Job in Franks Firma erbettelt. Mit Macht kehren Franks Erinnerungen nun zurück. War es damals nicht Gideon gewesen, der mit seiner Forderung, Laura solle nackt für ein Bild posieren, die Katastrophe heraufbeschworen hatte? Und nun will er Nina malen, weil die ihn so an Laura erinnert …



Rezension:

Vor knapp dreiundzwanzig Jahren zerbrach die Freundschaft zwischen Frank und Gideon durch eine Handlung im Affekt binnen weniger Augenblicke. Verdrängte Erinnerungen und Bilder kommen wieder hoch, als Gideon eines Nachts im Wohnzimmer von Frank steht. Von der Tochter des ehemals besten Freundes in einer Kneipe an der Bar angesprochen, wildfremd und neu in der Stadt, erschleicht er sich eine Arbeitsstelle in Franks Firma und versucht, durch diese neu entstandene Nähe auch wieder eine Bindung zu Frank herzustellen.

Während der eine also unter dem Verlust der Freundschaft leidet und alles dafür tun würde, das verlorene Vertrauen wieder zu gewinnen, liegt dem anderen nicht viel daran – Frank möchte die Vergangenheit vergessen und nie wieder daran denken oder erinnert werden. Dass seine Tochter sich so gut mit dem alten Freund versteht, kommt seinen Plänen dabei gar nicht zugute. Vor allem, weil Nina sich – wie Gideon früher – ebenfalls für Kunst begeistert und großes Interesse daran hat, Gideon ihre Bewerbungsmappe für die Kunsthochschule zu zeigen – wenn es sein muss, auch mitten in der Nacht.
Alte Erinnerungen, vergessene Angst und verdrängte Schuldgefühle kochen hoch, und als Nina eines Abends nicht mehr nach Hause kommt, eskaliert die ganze Situation um die ehemals besten Freunde.

Dirk Dobbrow schafft mit seinem Psychodrama Späte Störung ein eindrucksvolles Bild von „Jugendsünden“, die im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten, aber irgendwann völlig unerwartet aus der Versenkung wieder an die Oberfläche schwappen können. Mit bildhafter Sprache, tiefgehenden Charakteren und einem durch Erinnerungssequenzen eingebauten, zweiten Plot wird der Roman vielfältig, wenn auch manchmal verwirrend durch die verwandte Sprachneuerfindungen und schnelle Sprünge zwischen den Charakteren. Nicht immer ist dem Leser zu Beginn eines Kapitels klar, aus wessen Sicht der Autor gerade erzählt; es dauert manchmal mehrere Ab- und Ansätze, bevor man sich dessen sicher sein kann. Hauptcharakter stellt zwar Frank dar, doch auch Gideon, Nina und Franks Frau kommen zeitweilig zum Einsatz. Das lockert zumindest den Lesefluss ein wenig auf, bedrückend bleibt die Stimmung jedoch über die gesamten knapp 250 erzählenden Seiten.

Trotz der, über das gesamte Buch gesehen, relativ gleichbleibenden Spannung kommen zwischenzeitlich einige Längen auf den Leser zu, die ermüdend sein können und nicht recht ins Bild passen wollen. Gerade wenn man denkt, dass man eigentlich keine Lust zum Weiterlesen hat, und das Buch schon weglegen will, blättert man auf die nächste Seite und kommt wieder ins Rollen. Diese Spannungsbögen sind raffiniert, aber nicht besonders leserfreundlich – die Tiefe darf gern konstant gehalten werden, auch wenn dies das Buch um einiges anspruchsvoller gestalten würde, als es bereits ist.

Beängstigend nüchtern und ohne unnützes Ausschmücken zeigt der Autor Abgründe in Menschen, die nach außen hin anständig wirken und von innen von ihren dunklen Geheimnissen aufgefressen werden. Späte Störung ist ein verstörendes Abbild der menschlichen Psyche und schafft dabei trotzdem, dass der Leser sich angenehm unterhalten fühlt.



Fazit:

Man kann alles verdrängen und vergessen, doch die Vergangenheit holt einen immer wieder ein – das ist die Botschaft, die Dirk Dobbrows Roman in erster Linie vermittelt. Verstörend, teilweise verwirrend und dadurch streckenweise etwas anstrengend wird von einer zerstörten Freundschaft und dem verzweifelten Versuch ihrer Rettung erzählt. Kein leichtes Buch für zwischendurch, sondern etwas zum Nachdenken.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3/5

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