Knaur, 1. Auflage August 2010
Originaltitel: No et Moi
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Taschenbuch, 256 Seiten
EUR (D) 8,95 | EUR (A) 9,20
ISBN: 978-3-426-50158-0
Leseprobe

Genre: Belletristik



Klappentext:

»Die Dinge sind, wie sie sind.«

Wenn wir irgendwann nur noch diese Antwort parat haben – sind wir dann erwachsen? Lou ist hochbegabt und eine Einzelgängerin. Am liebsten beobachtet sie die Menschen und stellt dabei gewagte Theorien auf, um das zu verstehen, was tagtäglich mit uns geschieht. Bis sie auf die achtzehnjährige No trifft, die mitten in Paris auf der Straße lebt. No mit den dreckigen Klamotten und dem müden Gesicht. No, die jeden Tag um ein Essen und einen Schlafplatz kämpfen muss. No, deren Einsamkeit die Welt in Frage stellt. Und Lou stürzt sich in ihr neues Projekt: Sie will No retten – und sich und der Welt beweisen, dass sich alles ändern lässt …



Rezension:

Mitten in der Stadt gibt es diese unsichtbare Stadt. Diese Frau, die jede Nacht mit ihrem Schlafsack und ihren Taschen an derselben Stelle schläft. Auf dem Bürgersteig. Die Männer unter den Brücken und in den Bahnhöfen, die Leute, die sich auf Pappkartons legen oder auf einer Bank zusammenrollen. Eines Tages fängt man an, sie zu sehen. Auf der Straße, in der Metro. Nicht nur die, die betteln. Sondern die, die sich verstecken. Man bemerkt ihren Gang, ihre unförmige Jacke, ihren löchrigen Pullover. Eines Tages beginnt man sich für eine Gestalt, einen Menschen zu interessieren, stellt ihm Fragen, sucht nach Gründen und Erklärungen. Und dann zählt man. Die anderen. Zu Tausenden. Wie Symptome unserer kranken Welt. Die Dinge sind, wie sie sind. Aber ich glaube, man muss die Augen weit offen haben. Als ersten Schritt.
(Seite 69)

Die dreizehnjährige Lou ist ein stilles, unauffälliges Mädchen, das sich gern im Hintergrund hält und niemals im Mittelpunkt stehen möchte. Mit einem IQ von 160 hat sie in ihrem jungen Leben bereits zwei Klassenstufen übersprungen und ist somit zusätzlich zu ihrem kleinen Wuchs auch die Jüngste in ihrer Klasse. Während des Sozialkundeunterrichts wird sie vom Lehrer aufgefordert, sich für ein Referatsthema zu entscheiden. Das Problem: Lou hasst Referate, weshalb sie sich über ein Thema noch gar keine Gedanken gemacht hat. Vom Lehrer unter Druck gesetzt greift sie einfach blindlings in ihre Gedanken und entscheidet sich für das Thema Obdachlosigkeit, speziell im Bereich der weiblichen Obdachlosen. Als wäre das Thema an sich noch nicht schwierig genug, trumpft sie mit einem persönlichen Interview mit einer Obdachlosen auf – und schon steckt sie im Schlamassel, denn natürlich kennt sie keine Obdachlose. Und wenn, würde die ihr denn einfach so vom Leben auf der Straße erzählen?

Der Einstieg in Delphine de Vigans Roman ist ruhig, die Atmosphäre und auch die Darstellung von Lou vermitteln schnell den Eindruck, sich im Hörsaal einer französischen Universität zu befinden. Auch dass Lou erst dreizehn ist, vergisst der Leser während des Buches schnell und muss sich diese Tatsache immer wieder ins Gedächtnis rufen. Delphine de Vigan schafft es nahezu perfekt, die Begabung ihrer Protagonistin darzustellen und so zu verpacken, dass man sie als selbstverständlich hinnimmt und auch hinnehmen kann. Nichts wirkt gekünstelt oder übertrieben, bis ins kleinste Detail schreibt die Autorin lebensnah und lebensecht.
Über die gesamte Länge des Buches fühlt der Leser sich als ein Teil der Geschichte – Lou wirft Fragen auf, über die der Leser nachdenkt; No zeigt Verhaltensmuster und Eigenarten, die man bei Obdachlosen oftmals vorfindet – beide Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein und doch bauen sie eine zarte, zerbrechliche Freundschaft auf, die beiden so viel gibt.

Von Anfang an fragt man sich natürlich, wie das Buch zu Ende gehen wird. Ungefähr nach der Hälfte kommt dann dieser Moment, wo man denkt, dass die Autorin hier eigentlich hätte Schluss machen können – man wünscht sich ein HappyEnd, für No, für Lou, für die Menschheit. Man wünscht sich einen Beweis dafür, dass die Welt doch veränderbar ist und dass jeder Einzelne in der Lage ist, die Welt zu verändern. Und obwohl dieses HappyEnd an dieser Stelle ausbleibt, das Buch einfach weitergeht und die Geschichte von No und Lou vertieft, bleibt man am Ende hoffnungsvoll und nachdenklich zurück.
Reicht manchmal wirklich schon eine so kleine Geste? Eine helfende Hand, die nicht weggeschlagen wird? Ein warmes Lächeln und ein heißer Kakao? Die Chance, wieder ins Leben zurück zu finden und einen Neuanfang zu wagen?

Und in unserem Schweigen lastet alle Ohnmacht der Welt, unser Schweigen ist wie eine Rückkehr zum Ursprung der Dinge, zu ihrer Wahrheit.
(Seite 60)



Fazit:

Mit No & ich hat Delphine de Vigan einen emotionalen, atmosphärischen und eindringlichen Roman um eine zarte Mädchenfreundschaft geschrieben, die den Leser mit der Hoffnung auf eine bessere Welt zurücklässt. Eindrucksvoll und sprachlich ansprechend dürfte dieses Buch viele Anhänger finden. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die noch hoffen möchten.



Wertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

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