Scherz Verlag, 1. Auflage Juli 2008
Originaltitel: In the Woods
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
HC mit SU, 674 Seiten
Preis € (D) 16,95 | € (A) 17,50 | SFR 28,50
ISBN: 978-3502101918
Leseprobe der TB-Ausgabe

Genre: Krimi



Klappentext:

Verdrängen ist Silber, Vertrauen der Tod

Wer bringt ein kleines Mädchen um und bahrt es auf dem Opferaltar einer Ausgrabungsstätte auf? Jede Spur, die die beiden jungen Dubliner Ermittler Rob und Cassie verfolgen, führt sie nur tiefer in ein Dickicht, in dem sich alle Gewissheiten in ihr Gegenteil verkehren. Und keiner darf erfahren, dass Rob vor vielen Jahren selbst etwas Furchtbares erlebt hat – im Wald bei ebenjener Ausgrabungsstätte …

Innerer Klappentext:

»Sie dürfen nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlich, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufes, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, doch wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengestezt sind. Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach der Wahrheit. Und ich lüge.«



Rezension:

Man kommt nichtsahnend zur Arbeit, macht sich mit frischen Eifer an seine Aufgabe und wird jäh von den Füßen gerissen, als man ein zwölfjähriges Mädchen tot vor sich liegen sieht – aufgebahrt und hergerichtet wie eine Opfergabe; auf den ersten Blick könnte man denken, das die Kleine einfach schläft, wäre da nicht das viele Blut an ihrem Kopf.
So beginnt der Arbeitstag für ein Archäologenteam an einem Dienstag und keiner ahnt, dass das Kind schon einen Tag tot ist. Die alamierte Polizei schickt ein junges Ermittlerteam an den Fundort, das eher duch Zufall an den Fall kommt: Es war schlichtweg niemand anderes aus dem Dezernat greifbar, denn alle befanden sich in der Mittagspause. So bleibt dem Chef O’Kelly nichts weiter übrig, als die „Frischlinge“, die sowieso einen durchwachsenen Ruf in der Abteilung haben, auf den Fall anzusetzen. Jedoch wird dem Duo, das ein komplettes SOKO-Team zur Verfügung gestellt bekommt, schnell klar, dass es sich bei diesem Fall um keine einfache Sache handelt – zumal ein alter Fall, in den Rob Ryan persönlich verwickelt ist, in Verbindung mit dem aktuellen Geschehen zu stehen scheint.

Was als Grundidee geradezu ein Garant für einen erfolgreichen Krimiplot ist, wird von Tana French nur sehr ungenügend umgesetzt. Wobei man hier eindeutig sagen muss, dass es schlicht und ergreifend zu sehr um die Aufarbeitung der Vergangenheit von Detective Ryan – und somit des ungelösten Falls – geht. Viele Dinge, die nur wenig oder sogar nichts mit dem Mord an Katy Devlin zu tun haben, werden genannt und bauschen das Buch unnötig auf. Die vorliegenden 670 Seiten hätten um die Hälfte reduziert werden können, wenn man sich auf die wichtigen Aspekte konzentriert hätte – was auch dem Leser zugute gekommen wäre, denn die ständigen Rückblenden, die urplötzlich und mitten während einer anderen, davon völlig unabhängigen Szene kommen, sind beim ersten und zweiten Mal ganz interessant und spannend, reißen aber auf Dauer an den Nerven des Lesers. Vor allem weil sie nicht zur Lösung beitragen, weder beim alten noch beim aktuellen Fall. Es scheint sogar fast ein wenig so, als sei die Geschichte von Adam Rob Ryan der eigentliche Hauptplot – was durch die Ich-Erzählperspektive desselben nur unterstützt wird. Ob es wirklich Zusammenhänge gibt und wie weit diese eine Rolle spielen, wäre hier zu viel Spoiler, weshalb die Rezensentin darauf verzichtet.

Die teilweise Langatmigkeit des Inhaltes kann die Autorin allerdings durch ihre Sprache wettmachen – Grabesgrün ist leicht und flüssig zu lesen, und obwohl man nie in Irland war, kann man sich gut vorstellen, in welcher Umgebung das Team ermittelt. French versteht es, die Gegend bildlich darzustellen und auch ihre Charaktere bis zu einem gewissen Grad interessant zu gestalten. Dass man über die eigentliche Hauptperson der Reihe, nämlich Cassie Maddox, eher wenig erfährt, ist wahrscheinlich nicht nur der Erzählperspektive aus Sicht von Rob Ryan zuzuschreiben; auch andere Charaktere erhalten teilweise zu viel Aufmerksamkeit.
Geschickt gestaltet sind auch die Gegenspieler des Ermittlungsteam, wobei man nicht wirklich von „Gegenspielern“ sprechen kann, denn alle Beteiligten versuchen auf ihre Art, die Ermittlungen nach bestem Wissen (aber nicht Gewissen) zu unterstützen. Hauptverdächtige und Motive geben interessante Einblicke in die menschliche Psyche, und auch die Vorgehens- und Denkweise der Detectives wird sehr anschaulich dargestellt.

Im Großen und Ganzen kann man Grabesgrün weder wirklich empfehlen noch vom Lesen abraten – es gibt einige Schwachstellen, aber auch große Pluspunkte. Wahrscheinlich gibt man der Autorin noch eine Chance und wird sich auch den Nachfolger „Totengleich“ zu Gemüte führen, in der Hoffnung, dass auf dessen knapp 780 Seiten weniger Drumherum und mehr echte Ermittlungsarbeit zu finden ist.



Fazit:

Mit dem Auftakt zur Cassie-Maddox-Reihe legt Tana French einen soliden, aber teilweise zu langatmigen Kriminalroman vor, der mit weniger unwichtigen Details wahrscheinlich für mehr Spannung hätte sorgen können. Größtenteils unterhaltend, aber auch mitunter zähfließend weckt Grabesgrün beim Leser zwiespältige Gefühle – und macht trotzdem oder gerade deswegen neugierig auf seine Nachfolger.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5



French, Tana: Totengleich

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