Albrecht Knaus Verlag, 1. Auflage August 2010
HC mit SU, 352 Seiten
€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 33,90
ISBN: 978-3-8135-0379-1
Leseprobe

Genre: Belletristik



Klappentext:

Gefangen in einem Keller soll der Schweizer Uhrmacher Jean-Louis Sovary den raffiniertesten Automaten des 18. Jahrhunderts konstruieren. Mit dessen Hilfe will der Orgelbauer Blaise Montallier vor dem Pariser Hof den berühmten Schachautomaten
des Barons von Kempelen besiegen. Doch das kann nur mit Hilfe des Mädchens Ana gelingen.
Ein geistreicher Roman über die Zerrissenheit des modernen Menschen zwischen Maschinengläubigkeit und Aberglauben sowie eine Parabel über den Traum des Menschen, Intelligenz künstlich zu erschaffen.

Innerer Klappentext:

Jean-Louis Sovary ist ein Kind des 18. Jahrhunderts und als Sohn des Schweizer Jura von klein auf fasziniert von Uhren und ihrer Mechanik. In einem dubiosen Atelier in der Nähe von Genf kann er seine Begabung ausleben und wird zum Fälscher der besten Uhrwerke seiner Zeit. Dies bleibt auch dem französischen Orgelbauer und Automatensammler Montallier nicht verborgen, der ihn nach Paris lockt. Hier soll er im Geheimen einen raffinierten Automaten bauen, mit dem Montallier den berühmten Schachtürken des Baron von Kempelen besiegen will. Doch das geht nicht ohne ein geniales menschliches Gehirn, das Montallier in dem Mädchen Ana gefunden hat. Und Jean-Louis macht die Erfahrung, dass selbst die ideale Kombination von Maschine und Hirn unvollständig ist – ohne ein empfindendes Herz.



Rezension:

Schon als kleiner Junge von gerade mal zehn Jahren ist Jean-Louis Sovary der Faszination der Technik verfallen. Statt dem Gottesdienst auf normale Weise beizuwohnen, liegt er im Gebälk des Glockenturms und schaut, wenn sein Vater den Mechanismus in Bewegung setzt, jeder kleinsten Bewegung zu. Die Weg dabei kennt er schon auswendig, und er träumt davon, selbst einmal ein solch umfassendes Uhrwerk zu erschaffen – eines allerdings, das ohne jedes menschliche Zutun in Bewegung gerät und bleibt. An seinem zehnten Geburtstag eröffnen ihm seine Eltern, dass er in die kirchliche Lehre gehen soll. Doch im Gegensatz zu seinen Eltern und seinen beiden Schwestern findet er diesen Gedanken überhaupt nicht reizvoll – denn Jean-Louis möchte Erfinder werden und den vielen Plänen und Ideen in seinem Kopf ein Gesicht geben. Dass dies auf der Pfarr-Schule nicht möglich sein wird, ist ihm schnell klar, weshalb er einen Ausweg sucht und bei einem Geschäftspartner seines Vaters – und gleichzeitig Idol von Jean-Louis – um eine Arbeitsmöglichkeit bittet. Dieser Geschäftspartner sieht zwar durchaus Potential in dem Jungen, kann ihm jedoch nicht weiterhelfen. Einzig ein ausrangiertes Werkzeug-Set überlässt er ihm, zusammen mit dem Ratschlag, niemals mit dem Träumen aufzuhören.

So nimmt Jean-Louis sein Leben auf der Pfarr-Schule auf und entwickelt dort im Stillen Baupläne für ganz unterschiedliche Mechanismen. Von seinen Mitschülern gehänselt und ausgelacht zieht er sich immer mehr in seine Traumwelt seiner Zukunft zurück, übersteht die Ausbildung ohne größere Schäden und kehrt schließlich zu seiner Familie zurück, wo er vorübergehend in seines Vaters Werkstatt Uhrenkästen baut. Ungeschickt mit Holz wird er allerdings schnell zur Last, sodass sein Vater ihn nach nicht allzu langer Zeit zum Lieferanten degradiert. Was Jean-Louis‘ erste richtige Chance darstellt, seinen wahren Traum zu verwirklichen. Er führt die Lieferung aus und bleibt in der kleinen Stadt, um als Fälscher von berühmten Uhrwerken in einem kleinen Laden zu arbeiten. Mit Erfolg, denn seine Uhrwerke halten länger als die des Vorgängers und kommen gut bei den Kunden an. Bis eines Tages Montallier die Fälschung auffällt und er Jean-Louis nicht nur überführt, sondern auch mit seinem Wissen erpresst. Eingesperrt in den verborgenen Kellerräumen lernt er Ana de la Tour kennen, die schon längere Zeit dort unten verbringt und auch bis dahin kein leichtes Leben hatte. Bereits als Säugling machte sie ihren Eltern nur Probleme und Geldsorgen, weshalb sie recht schnell an eine Amme abgeschoben und nach deren Tod in ein Heim geschickt wurde. Gemeinsam planen und bauen sie schließlich die gewünschte Maschine – allerdings für ihre ganz persönlichen Zwecke.

Richles große Stärke ist das ausführliche und detailgetreue Beschreiben von technischen Vorgängen und Einzelheiten – wenn man sich dafür interessiert. Anfangs, als Jean-Louis im Glockenturm liegt, ist diese Detailtreue durchaus spannend, weil etwas Neues, leider zieht sich dieses überwiegend Technische durch den Großteil des Buches. Trotz der verständlichen Sprache ist es für totale Technik-Laien oftmals schwierig, sich zu konzentrieren und nicht aus Versehen mehrere Seiten nur zu überfliegen, weil das Lesen doch sehr ermüdend ist, teilweise sogar einschläfernd wirkt. Im ersten Teil, der ausschließlich von Jean-Louis handelt, häufen sich die Szenen der Technikbe- schreibungen leider sehr, sodass man als Leser mehrmals Lust hat, das Buch wieder beiseite zu legen. Die Versuchung, ganze Seiten zu überblättern, ist groß, bis der Autor endlich die Szenerie ändert und zu Anas Leben kommt.
Und hier findet sich wieder ein riesiger Pluspunkt, denn im zweiten Teil des Romans bekommt der Leser einen wunderbaren Eindruck von der schreiberischen Fähigkeit des Urs Richle. Anas Leben ist fließend geschildert, flüssig und eingängig – dem Leser fällt es hier, völlig gegensätzlich zum ersten Teil, tatsächlich schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Richles Sprache kann sich in diesem Teil voll entfalten, ohne über technische Umschreibungen zum Leser zu gelangen, und das schafft wieder einige Sympathien – nicht nur für Ana, sondern auch für den Autor, dem es hier endlich gelingt, auch den nicht Technik-Begeisterten zu überzeugen.
Dass im dritten Teil wieder viel technisches Zeug geschrieben wird, war absehbar, trotzdem ging der Teil über Ana de la Tour gefühlt viel zu schnell vorbei. Beim Lesen des dritten und wahrscheinlich wichtigsten Teils des Romans vermisst der Leser die ruhige und flüssige, techniklose Sprache einige Male, obwohl es auch hier eine Menge Stellen gibt, in denen diese zum Einsatz kommt. Der Plan, den Jean-Louis und Ana gemeinsam schmieden, ist ebenso ausgetüftelt wie die Baupläne in Jean-Louis’ Kopf. Es macht Spaß, nur wenig Einblick in die Entwicklung dieses Plans zu bekommen und mit jeder Seite näher an die Lösung getrieben zu werden, da man selbst zum Nachdenken angeregt wird, wie sie sich aus der Situation befreien könnten. Vor allem die sachte Annäherung zwischen den beiden, die nur kurz vor ihrer „Befreiung“ ihren Höhepunkt erreicht, zeigt, dass der Autor auch zu emotionsgeladenen Schriften fähig ist.

Als Gesamtpaket betrachtet ist Urs Richles Roman sehr vielseitig und dürfte viele verschiedene Lesergruppen ansprechen. Teilweises Hinziehen über mehrere Seiten verringert den Lesefluss, ohne ihn tatsächlich zu (zer)stören – es bringt lediglich etwas Ruhe rein. Wenn man sich nicht von den unzähligen Mechanikdetails abschrecken lässt, erwartet den Leser ein Buch mit vielen Eindrücken, vielen Ideen und dem einen oder anderen Gedankennachgang.



Fazit:

Das taube Herz ist ein anrührender Roman über einen jungen Mann, der einen großen Traum hat und diesen am Ende anders lebt, als er sich das vorgestellt hat. Urs Richle versteht es, mit seiner Sprache zu fesseln und mit seinem Roman die Faszination der Technik in Worte zu fassen. Ein Buch, das mit seinem Detailreichtum vor allem Technik-Begeisterte erfreuen dürfte, doch auch Liebhaber der Sprache werden ihre Freude haben.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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