Edition PaperOne, 1. Auflage März 2010
Taschenbuch, 130 Seiten
€ 9,95 (D)
ISBN: 978-3-94113-452-2

Genre: Mystery



Klappentext:

„WENN DU NICHT WEISST,
WOHER DU KOMMST UND
DIE VERGANGENHEIT AN DEINE TÜR KLOPFT,
BIST DU BEREIT, IHR ZU ÖFFNEN?

Mein Name ist Sarah, und dies ist meine Geschichte. Mein Leben begann in einer Zeit, welche für mich immer im Dunkeln geblieben ist. Auch heute noch ist es mir nicht möglich, auch nur etwas Reales aus meiner früheren Kindheit zu erzählen. Was gehört zu meiner Phantasie? Was ist Realität? Wie soll ich diesen feinen Unterschied ergründen, fehlen mir doch jegliche Anhaltspunkte? In meinen Erinnerungen beginnt mein Leben mit zehn Jahren, denn in jener Zeit kam Licht in die Dunkelheit meiner Wesenlosigkeit.

In meinen Träumen höre ich Stimmen, die mich rufen. Wie ein Kind der Rastlosigkeit kommen Gedanken und Bilder aus einer Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, welche es aber durch ihre Stärke immer wieder vollbringen, mich zu beunruhigen. Wer bin ich wirklich?“



Rezension:

“Das Leben kennt keinen Zufall.“
(Seite 67)

Sarah wird von Albträumen geplagt, in denen viele Bilder auf sie einstürzen, die sie nach dem Aufwachen noch immer in ihrem Bann halten und beschäftigen. Ein altes Herrenhaus taucht oft darin auf, zu dem sie eine Verbundenheit fühlt, die sie sich nicht erklären kann. Für sie, die in einem Heim lebt und aufwächst, gibt es niemanden, mit dem sie über diese beängstigenden Träume und die von ihnen ausgelösten Gefühle reden kann. Gegenteilig jagt der Heimleiter ihr und den anderen Mädchen noch zusätzliche Angst ein.
Eines Tages gelingt Sarah die Flucht, bei der sie alles, was sie nicht am Körper trägt, zurücklässt. Als sie unter einer Brücke inmitten von Nebel Schutz sucht, trifft sie auf den Obdachlosen Shabo, der sich ebenfalls zu verstecken scheint. In Shabo findet Sarah eine Bezugsperson, er nimmt bei sich auf und macht sich, als sie erneut fliehen müssen, mit ihr auf die Suche nach dem Haus ihrer Träume. Dabei ist er die ganze Zeit über sicher, dass Sarahs Träume ihr etwas Wichtiges mitteilen möchten, denn Träume erzählen immer etwas über einen selbst.

Traurigkeit umschloss mich wie ein warmer Mantel der Erinnerungen.
(Seite 33)

Bereits im Prolog schafft Jean-Pascal Ansermoz eine düstere Stimmung – Sarah erzählt von ihren Träumen, von ihrer eigenen Wesenlosigkeit in diesen und von der Finsternis, die sie auch nach dem Aufwachen immer noch gefangen hält. Das gesamte Buch über bleibt die Atmosphäre beklemmend, was durch die Schauplätze nur noch verstärkt wird. Der Autor hat mit einer Zeit des Krieges eine gute Wahl für seine Geschichte getroffen, denn die Tristesse und das Grau der Städte passen sehr gut zu den düsteren Träumen Sarahs. Gut gelungen sind Ansermoz auch die fließenden Übergänge zwischen eben diesen Träumen und der realen Welt nach dem Aufwachen – dem Leser wird erst nach einigen Zeilen oder gar Absätzen klar, das Sarah gerade träumt. Eindeutig abgegrenzt sind hingegen die Momente, in denen sie wieder aufwacht, doch auch hier findet man Übergänge, die nicht abgehackt wirken.

Das Schicksal hatte mehrere Flügel in dieser Nacht.
(Seite 52)

Was Ansermoz in Sachen Atmosphäre und Verbindung zwischen Traum- und realer Welt sehr gut hinbekommt, geht bei Handlung und Inhalt leider verloren. Die meiste Zeit sind Sarah und Shabo, die beide alterslos bleiben, unterwegs und auf der Flucht, sie kommen kaum zur Ruhe. Auch als sie das Haus aus Sarahs Träumen finden, wird es nicht ruhiger, denn Shabo ist krank und Sarah wird weiterhin, sogar noch schlimmer von ihren Albträumen gequält. Dabei wird der Leser trotz der fortschreitenden Seitenzahl jedoch mit keinem Wort schlauer – Ansermoz spielt mit dem Geheimnis um Sarahs Vergangenheit und woher ihr Verbundenheitsgefühl stammt. Dabei vergisst er jedoch scheinbar, dass der Leser die Spielregeln und Hintergründe nicht kennt, und lässt ihn bis zum Schluss – und darüber hinaus – im Dunkeln tappen und dort letztendlich auch stehen.
Und auch sprachlich überzeugt Jean-Pascal Ansermoz leider nur bedingt. Einige wunderschöne Sätze und Zeilen bleiben im Gedächtnis hängen, doch mindestens genauso viele sprachliche Holper sowie Schreib- und Zeichensetzungsfehler reißen aus dem ansonsten flüssigen und mühelosen Lesen. Obwohl man sich erst an den Sprachstil, der doch sehr gehoben scheint, gewöhnen muss, findet man sich schnell gut darin zurecht, und einige Eigenheiten darf man getrost dem Schweizer Dialekt zuschreiben.

Sterne standen am Wegrand.
(Seite 51)

Insgesamt fesselt Ansermoz Roman auf eine spezielle Art, die nicht jedem gefallen wird. Doch aufgeschlossene Leser, die sich gerne auf die Düsternis einlassen möchten, werden in diesem kleinen Buch jede Menge davon finden, ohne dass das Gefühl einer Überdosierung derselben stattfindet.



Fazit:

Das Erwachen der Steine überzeugt vor allem durch seine düstere Atmosphäre. Wo es leider an Inhalt und richtiger Handlung fehlt, schafft es Jean-Pascal Ansermoz, die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Traumwelt einzufangen und darzustellen. Ein kurzweiliges Buch für zwischendurch, das nicht nur dunkle Gemüter fesseln dürfte.



Wertung:

Handlung: 2,5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 2/5

Advertisements