Egmont Lyx, 1. Auflage November 2010
Originaltitel: A Local Habitation
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Trade Paperback, 380 Seiten
12,95 € (D) | 13,40 € (A)
ISBN: 978-3-8025-8289-9
Leseprobe

Genre: Urban Fantasy



Klappentext:

Die Privatdetektivin October Daye ist halb Mensch
und halb Fae. Als der Feenfürst Sylvester Torquill sie bittet, nach seiner Nichte, der Gräfin January, zu sehen, glaubt sie, einen leichten Job vor sich zu haben. Doch der Auftrag entwickelt sich zu einer tödlichen Falle. In Januarys Umkreis wurden mehrere Fae auf mysteriöse Weise ermordet, und sie könnte das nächste Opfer sein. Toby nimmt die Ermittlungen auf, doch dabei bringt sie sich in höchste Gefahr …



Rezension:

Ich bin wie schon gesagt zur Hälfte Daoine Sidhe, aber auch halb menschlich. Das schadet meiner Glaubwürdigkeit erheblich. Dass ich zugleich die Tochter der größten in Faerie lebenden Blutwirkerin bin, wiegt mein sterbliches Erbe jedoch auf. Was bin ich doch für ein Glückspilz. Schon mein Leben lang versuche ich meiner Mutter nachzueifern. Eine verrückte, verlogene Idiotin ist ja auch ein ideales Vorbild.
Die Daoine Sidhe haben sich nicht freiwillig für den Job gemeldet, sich um die blutigen Kadaver zu kümmern, aber das brauchten wir auch nicht. Die meisten Fae kommen selten mit dem Tod in Berührung und sind dankbar, wenn jemand bereit ist, als Mittelsmann zu dienen. Mich stört der Tod nicht mehr sonderlich, im Lauf der Zeit wurde er zu einem festen Bestandteil dessen, was mich ausmacht. Kaffee und Leichen, das ist mein Leben. Manchmal hasse ich es, ich zu sein.
(Seiten 92)

Von ihrem Lehnsherrn Sylvester Torquill wird Toby beauftragt, im Gebiet von dessen Nichte nach dem Rechten zu sehen, denn seit mehreren Wochen hat er nichts von January gehört. „Nach dem Rechten sehen“ klingt in Tobys Ohren nach einer leichten Aufgabe, weswegen sie kein Problem damit hat, für diesen Auftrag einen Schützling aufs Auge gedrückt zu bekommen. Nicht dass es etwas geändert hätte, wäre ihr das gegen den Strich gegangen, denn obwohl sie mit ihrem Lehnsherrn eine enge Freundschaft verbindet, ist sie ihm noch immer unterstellt und hat seine Befehle auszuführen.
So macht sich Toby also auf in das umstrittene Hoheitsgebiet Januarys, in dem Glauben, nur wenige Tage dort zu verweilen. Doch kaum dort angekommen, beginnen schon die Seltsamkeiten und October wird schnell klar, dass hier irgendwas faul ist. Denn January beharrt darauf, dass sie ihren Onkel ständig anzurufen versucht, aber schlichtweg niemand ans Telefon geht. Hinzu kommen einige Todesfälle während der letzten Wochen, die die Belegschaft der von January betriebenen IT-Firma radikal minimiert hat. Die verbliebene Handvoll versucht, den Mangel an Arbeitskräften zu kompensieren, doch als erneut ein Mord geschieht, nimmt October umgehend das Ruder in die Hand – schließlich hat sie Sylvester versprochen, die mysteriösen Umstände aufzuklären. Das jedoch stellt sich als schwerer als geahnt heraus – denn nicht alle noch übrigen Mitarbeiter sind kooperativ.

October Daye meldet sich zurück – in bereits gewohnt hübschem Layout bringt Egmont Lyx mit Nebelbann endlich die ersehnte Fortsetzung der vielversprechenden Reihe die Privatdetektivin auf den Markt. Nachdem Winterfluch als Einstiegsband den Leser anheizte und ihm Lust auf mehr machte, ohne dabei auf die gesunde Skepsis verzichten zu müssen, geht es im zweiten Band etwas ruhiger und gelassener zu – möchte man meinen. Und tatsächlich ist der Gesamteindruck vom zweiten Band um die Frau, der vierzehn Jahre gestohlen wurden, insgesamt ein zurückhaltenderer, was wohl vor allem daran liegt, dass der Schauplatz über das komplette Buch hinweg derselbe bleibt. Dadurch wird dem Geschehen einiges an Bewegung genommen, was der Spannung jedoch keinen Abbruch tut – mit jeder Seite fiebert der Leser mit, das Umblättern kann fast gar nicht schnell genug gehen.

Die Welt, die Seanan McGuire schon im Vorgängerband wundervoll darstellen konnte, bekommt in Nebelbann erneut eine ungeheure Ausstrahlungskraft. Phantasie und Realität verschwimmen hier und gehen so perfekt ineinander über, dass man sich in Lesepausen nur schwer damit abfinden kann, dass Räume dort sind, wo sie hingehören, und sich Grundrisse nicht verändern, sobald man eine Tür schließt oder öffnet. Auch mit ihren Charakteren kann die Autorin wieder auf hohem Niveau punkten – vielseitige Sympathiefänger, zu denen sogar die unsympathischeren Protagonisten auf ihre ganz eigene Art werden, nehmen den Leser mit auf ein Abenteuer. Obwohl man am Ende des Buches ziemlich sicher weiß, dass man nur mit den wenigsten wieder in „Kontakt“ kommen wird, bleiben einige der Persönlichkeiten im Kopf. Und ganz zarte, fast nicht wahrnehmbare emotionale Bande lassen die Hoffnung aufkeimen, im Laufe der weiteren Geschichten um October Daye noch so manche Überraschung erfahren zu dürfen. In jedem Fall bleibt die überaus sympathische Protagonistin ein Blickfänger im Regal und eine Erinnerung im Kopf.

Mit Nebelbann hat Seanan McGuire einige Weichen für die weiteren Wege von October Daye gestellt, die in völlig verschiedene Richtungen gehen könnten. Im Vergleich zum Vorgänger lässt sich eine klare Steigerung erkennen, und auch wenn die Autorin noch immer nicht zu hundert Prozent überzeugen kann, blickt man mit Spannung und Hoffnung dem nächsten Band Nachtmahr entgegen, der nicht ganz so lange auf sich warten lassen wird.



Fazit:

Mit Nebelbann setzt Seanan McGuire ihre Geschichte um October Daye erfolgreich fort. In einem wunderschönen Layout versteht auch der zweite Band es hervorragend, den Leser zu fesseln und das Reale mit dem Phantastischen zu verbinden. Toby Daye wächst mit jedem Band mehr ans Herz und schon jetzt freut man sich auf den dritten Band Nachtmahr, der voraussichtlich im April 2011 erscheinen wird.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5



McGuire, Seanan: October Daye I – Winterfluch
McGuire, Seanan: October Daye III – Nachtmahr

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