Rowohlt, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: Death Notice
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
Taschenbuch, 384 Seiten
9,99 € (D) | 10,30 (A)
ISBN: 978-3-499-25588-5
Leseprobe

Genre: Thriller



Klappentext:

Ein gefesselter Mann, die Augen verbunden.
Er lauscht in die Dunkelheit. Er hört Schritte.
Er will schreien und kann es nicht.

Seit Menschengedenken hat sich in Perry Hollow kein Gewaltverbrechen ereignet. Doch an diesem Morgen wird ein Bürger des kleinen Ortes gefunden: in einem Sarg, die Lippen zugenäht, der Körper ausgeblutet.

Während sich Kat Campbell, Sheriff der kleinen Stadt, an die Ermittlungen macht, geht bei der Perry Hollow Gazette der Text für eine weitere Traueranzeige ein. Todeszeit: in einer halben Stunde.



Rezension:

Blut sprudelte aus ihm heraus, ergoss sich über Schultern und Haare. Hilflos lag er da, fühlte sich wie ein frischgeschlachtetes Tier. Mit jedem Herzschlag quoll ein weiterer Schwall aus ihm hervor.
Diesmal war der Schmerz unerträglich. Es war nicht mehr nur in seinem Mund.
Es war in ihm.
Es war überall.
Er schrie. Nicht laut, aber in seinem Kopf. Die Sirenen des Entsetzens hallten von den Schädelknochen wider.
Der scharfe, kalte Gegenstand blieb in seinem Hals. Der Schmerz war so überwältigend, er vernichtete seine Gedanken, seine stummen Schreie. Er vernichtete alles, bis in seinem Kopf nichts mehr war, nur noch Schmerz.
Und Angst.
Und, schließlich, Dunkelheit.
(aus dem Prolog, Seite 9)

Perry Hollow. Eine Kleinstadt, in der die Menschen geboren werden, aufwachsen und wieder aus der Welt scheiden. In der Harmonie herrscht und keine Missgunst untereinander gekannt wird. Der letzte Mord, sofern es denn überhaupt schon mal einen gegeben hat, ist Ewigkeiten her und längst aus den Erinnerungen der Bewohner verschwunden. Der Fund einer Holzkiste reißt ein Loch in die Idylle um Perry Hollow – ein selbst zusammen gezimmerter Sarg stellt alle bisher dagewesenen Verbrechen (wie zum Beispiel den Diebstahl eines Lieferwagens des örtlichen Blumenhändlers) in ein fahles Licht und in den Hintergrund. Denn einer der ältesten Anwohner liegt in dieser Holzkiste: Einbalsamiert, mit zugenähtem Mund und je einem Penny auf den Augen. Und niemand hat etwas gesehen oder gehört.
Doch damit nicht genug der Absonderlichkeiten, es kommt noch besser: Eine halbe Stunde vor dem später ermittelten Todeszeitpunkt ging in der Abteilung für Todesanzeigen und Nachrufe ein Fax ein, das die konkrete Zeit des Todes sowie den Namen des Mordopfers enthielt. Erlaubt sich hier jemand einen makaberen Scherz oder hat das dunkle Unheil gemeinsam mit den Unwettern die Provinz erreicht?

Ein Cover, das Gänsehaut verursacht. Ein Klappentext, der anfüttert und neugierig macht. Ein Prolog, der sofort in den strudelnden Abgrund zieht. Das Schweigen der Toten legt einen sauberen Start hin und verspricht nicht nur gute und spannende Unterhaltung, sondern versteht es auch durchaus, dieses Versprechen zu halten. Kleine Stolpersteine werden vom Thriller-geübten Leser übersprungen und ausnahmsweise nicht weiter beachtet, denn Todd Ritter überzeugt von der ersten Seite an.
Nicht nur der Plot weiß trotz einiger Klischeebedienungen zu überzeugen, auch die Charaktere sind herrlich erfrischend und stechen aus dem strukturierten Einheitsbrei der klassischen Thriller-Helden hervor. Jeder der Protagonisten trägt ein kleines Päckchen mit sich rum – einzigartig und menschlich werden hier Vergangenheiten und gegenwärtige Schwierigkeiten meisterhaft in den Alltag eingebunden, die Schatten geschickt dargestellt und zu keinem Zeitpunkt überladen wirkend. Mehrfach zieht man den imaginären Hut vor der einen oder anderen Person und fragt sich insgeheim, wie man selbst mit solchen Erfahrungen oder Umständen umgehen würde. Hierbei drückt der Autor jedoch nicht auf die Tränendrüse oder versucht auf Krampf, seine Charaktere menschlich zu gestalten. Alles passt, wie es ist, und steigert so das Lesevergnügen noch ein Stück weiter.

Dass klassische „Ausreden“ für Verbrecher auch in Das Schweigen der Toten als Tatmotive gebraucht werden, hinterlässt leider einen bitteren Beigeschmack. Außerdem stößt man auf vieles, was man schon gelesen hat – andererseits machen gerade diese Klischees das Thriller-Genre aus und es ist in der Masse der Neuerscheinungen schwer, herauszustechen und auf Anhieb zu überzeugen. Todd Ritter gelingt dies durch seine sprachliche Dichte und den atmosphärischen Aufbau der Gegend und der Taten. Die Zusammenhänge der einzelnen Mordopfer sind schlüssig und nachvollziehbar, vor allem nach der endgültigen Sicherheit über die Identität des Killers ergeben sich hier und da noch Rückschlüsse auf die Beziehungen der Opfer zueinander.
Und auch ein überraschender Wendepunkt nach dem ersten Drittel des Buches, wo Teil eins endet, trägt viel dazu bei, dass der Rest des Buches förmlich verschlungen wird. Was genau der Autor damit bezwecken wollte, ist zwar nicht ganz klar, spielt aber auch keine tragende Rolle, denn es hat ja funktioniert.

Von Todd Ritter hofft man nach dem Lesen seines Debüts definitiv auf weitere Romane – sei es mehr aus Perry Hollow und um die hier aktiven Charaktere oder etwas Neues und Eigenständiges. Das nächste Buch aus der Hand dieses Autors wird in jedem Fall ebenfalls gelesen.



Fazit:

Mit Das Schweigen der Toten legt Todd Ritter einen Thriller par exellence vor. Sympathische Ermittler, ein eiskalter Täter, menschliche Abgründe, überraschende Wendungen, Grauen erregende Beschreibungen und ein wenig Blut – dieses Debüt vereint alles, was gute Thriller-Unterhaltung benötigt. Vielversprechend für zukünftige Bücher!



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

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