cbt, 1. Auflage März 2011
Originaltitel: The Curse Workers Trilogy 1 – White Cat
Aus dem Englischen von Anne Brauer
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten
€ 17,99 [D] | € 18,50 [A] | CHF 27,90
ISBN: 978-3-570-16107-4
Leseprobe

Genre: Jugend-Fantasy



Klappentext:

Eine Berührung kann Liebe bedeuten – oder den Tod bringen …

In einer Welt, in der Magie seit Jahrzehnten verboten ist, sind allein sie mächtig: die Fluchmagier. Menschen, die das Schicksal eines anderen mit der geringsten Berührung ihrer Hand verändern können.
Cassel Sharpe stammt aus einer magisch begabten Familie, doch das Talent ist an ihm vorbeigegangen. Er will nur eines: normal sein. Und vergessen. Denn vor drei Jahren hat Cassel seine beste Freundin Lila umgebracht – und er weiß nicht, warum …



Rezension:

Auf das Gedächtnis kann man sich nicht verlassen. Es beugt sich unserer Weltsicht und passt sich unseren Vorurteilen an. Zeugen erinnern sich nur selten an dieselben Dinge. Sie identifizieren die falschen Menschen. Sie beschreiben im Detail Dinge, die nie passiert sind. Erinnerungen sind nicht verlässlich, aber plötzlich traue ich meinen noch viel weniger.
(Cassel Sharpe, Seite 123)

Lederhandschuhe als Pflichtkleidung. Jede Berührung mit der bloßen Hand könnte den Tod bedeuten. Denn manche Menschen sind sind genau dazu in der Lage: Die Fluchwerker, die sowohl Segen als auch – im wahrsten Sinne des Wortes – Fluch sein können. Fluchwerker zu sein ist ein zweischneidiges Schwert, denn man besitzt zwar große Macht, doch die „normalen“ Menschen haben auch Angst vor einem. Aus diesem Grund gilt es schon fast als fahrlässig, ohne die schützenden Lederhandschuhe in die Nähe von anderen Menschen zu kommen, denn man erkennt einen Fluchwerker nicht an seinem äußeren Erscheinungsbild.
Für Cassel Sharpe ist das Leben doppelt schwer – er stammt aus einer einflussreichen und gefährlichen Familie, in der sämtliche seiner Verwandten ebenfalls Fluchwerker sind. Alle außer er selbst. Damit wird er nicht nur zum Außenseiter in der Gesellschaft und in der Schule, sondern auch in seiner eigenen Familie. Er ist einfach anders als alle anderen und gehört nirgendwo wirklich hin, doch er versucht auch nicht, sich in irgendeiner Form anzupassen. Mangels Fluchwerkermagie findet er andere Mittel und Wege, sein Leben zu meistern und andere in seiner Umgebung zu täuschen. Und er ist gut in dem, was er macht – bis er eines Nachts schlafwandelnd auf dem Dach seiner Schule aufwacht und sich alles ändert.

Doch dies ist nicht der erste Wendepunkt in Cassels Leben. Vor drei Jahren erstach er seine beste Freundin Lila, in die er seit Beginn ihrer Freundschaft verliebt ist. Doch er kann sich nur an den Moment erinnern, an dem er über ihre Leiche stand, die Hände blutig, und an das erfüllte Grinsen, das ihm dabei ins Gesicht geschrieben stand. Die Tat selbst ist ihm nicht im Gedächtnis geblieben, genausowenig wie der Grund seines Handelns. Sicher ist nur, dass er das Mädchen, das ihm alles bedeutet hat und noch immer bedeutet, umgebracht hat, ohne Fluchwerkermagie, sondern mit bloßen Händen. Eine Schuld, die er seitdem mit sich trägt und die es ihm schwer macht, sich auf andere Menschen einzulassen und Vertrauen zu fassen.
Als Cassel auf Grund seines Schlafwandels vorübergehend des Internats verwiesen wird und sich lediglich zu den Tageseinheiten auf dem Schulgelände aufhalten darf, beginnt er gemeinsam mit seinem Großvater mit der Entrümpelung seines Elternhauses – aktuell sitzt Cassels Mutter wegen Betrügereien im Gefängnis und kann nichts dagegen sagen, dass Aufräumarbeiten vorgenommen werden. Denn seit Jahren verkommt das Haus und ist Lager für alle möglichen und unmöglichen Erinnerungsstücke. Anfangs steht Cassel dieser Unternehmung und seinem Großvater skeptisch gegenüber, doch mit der Zeit entwickeln sich interessante Gespräche, in denen mehr Wahrheit über die Familie ans Licht kommt, als man ahnen kann. Für Cassel verändert sich erneut einiges im Leben – doch dieses Mal haben diese Veränderungen nicht nur auf ihn gravierende Auswirkungen.

Neben dem aktuellen, immer gleichen Einheitsbrei von Jugend-Fantasy bietet Weißer Fluch eine neue Idee mit überzeugenden Protagonisten und einer angenehmen Sprache. Die Ich-Erzähler-Perspektive und die Erzählform der Gegenwart tragen den Inhalt und die Atmosphäre noch ein Stück mehr zum Leser, dem es so leicht fällt, sich in Cassel hineinzuversetzen. Dieser erste Teil weist zwar hier und dort Schwächen auf, doch als Gesamtkonzept ist alles stimmig und lässt die Vorfreude auf beide Folgebände wachsen. Für Fantasy-Liebhaber, die dem üblichen Schmonz um Liebe und Vampire entgehen wollen, bietet der Trilogie-Auftakt eine erfrischende Methode, sich endlich einmal neuer und innovativer Fantasy zu widmen, ohne bereits vorher zu wissen, was kommen wird.
Hier und dort kommt es zu kleinen Ungereimtheiten und teilweise sind die Handlungen mancher Charaktere wirr und nicht nachvollziehbar, geradezu undurchsichtig. Je weiter man in der Geschichte jedoch vorankommt und in sie eintaucht, desto einfacher lassen sich Zusammenhänge erkennen. Besonders beeindruckend sind die ausgeklügelten Pläne, von denen der Leser einige zu lesen bekommt – jeder einzelne bringt Spaß und lässt den Leser seinen imaginären Hut vor der Komplexität ziehen. Nur einer von vielen Punkten, mit denen Holly Black überzeugen kann.

»Magie«, sagt sie. »Das ist alles einfach reine Magie.«
(Seite 369)

Holly Black ist sicherlich ein großes Wagnis eingegangen, als sie sich für die Umsetzung dieser Idee und gegen die Verkaufsgarantie der breiten Masse entschieden hat. Und dieses Wagnis hat sich gelohnt – sowohl für die Autorin als auch für den Leser, der hier einiges zu bieten bekommt, was so und in dieser Zusammenstellung noch nicht da war. Mit Spannung wird nun auf die weiterführenden Bände gewartet, in denen die kleinen Schwächen hoffentlich ausgebügelt sein werden, sodass einem runden Lesevergnügen nichts mehr im Wege steht.



Fazit:

Mit Weißer Fluch erfährt die Jugendliteratur des Fantasy-Genres am 21. Februar 2011 endlich eine willkommene Abwechslung zu den typischen Internats-Vampir-Dreiecksbeziehungs-Geschichten, die den Markt aktuell zu überfluten scheinen. Cassel Sharpe ist ein sympathischer Protagonist, mit dem sich zu identifizieren recht leicht fällt. Zusammen mit der neuartigen Idee verspricht diese Trilogie von Holly Black im Bereich der Fantasy überragendes Vergnügen für Jung und Alt!



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Advertisements