Fischer Taschenbuch Verlag, 1. Auflage März 2011
Originaltitel: Still Missing
Aus dem Amerikanischen von Maria Poets
Broschur, 416 Seiten
€ (D) 8,99 | € (A) 9,30 | SFR 14,50
ISBN 978-3-596-18716-4

Genre: Thriller



Klappentext:

Ein Thriller wie ein Albtraum,
der immer wieder neu beginnt.

Was würdest du tun, wenn dich jemand am helllichten Tag entführt?
Wenn du ihm vollkommen ausgeliefert bist?
Wenn es aus dieser Hölle kein Entkommen gibt?
Würdest du töten?
Und wäre dann wirklich alles vorbei?



Rezension:

Es gibt viele Bücher, in denen steht, dass wir unser Schicksal selbst bestimmen und dass das, was wir glauben, eines Tages Wirklichkeit werden wird. Man soll ständig mit aufgeklebtem Lächeln herumlaufen und nur positive Gedanken hegen, und schon herrscht nur noch Friede, Freude, Eierkuchen. Nee, sorry, aber daran glaube ich nicht. Man kann so glücklich sein wie nie zuvor in seinem Leben, und trotzdem kann jeden Moment irgendwas völlig schiefgehen.
Und ich meine richtig total vollkommen schief. Es haut dich um und zerschmettert dich am Boden, weil du so blöd warst und an Friede, Freude, Eierkuchen geglaubt hast.
(Seite 125)

Es ist ein sonniger Tag, als Annie O’Sullivan kurz vor Feierabend bei einer Open-House-Besichtigung noch einen letzten Interessenten in Empfang nimmt und ihm das Haus zeigt. Der Mann ist sympathisch und unauffällig, niemand, der Annies Aufmerksamkeit unter normalen Umständen erregt hätte. Doch das offenherzige Lächeln auf dem Gesicht des potentiellen Kunden ist nur Tarnung – denn am Ende der Besichtigung findet sich Annie gefesselt und betäubt auf der Ladefläche eines Lieferwagens wieder. Die Reise führt in eine Berghütte, von der Annie nicht weiß, wo sie eigentlich liegt – fernab von jeder Zivilisation und jeder Eigenständigkeit beraubt ist sie vollkommen abhängig von ihrem Entführer, der sich wie ihr bei einem Unfall verstorbener Vater nennt. Eine Zeit des inneren Widerstandes beginnt, aber auch eine Zeit, in der sich Annie nicht nur ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit stellt, sondern auch viel über sich und ihren Entführer lernt. In dem einen Jahr, das „David“ ihr stiehlt, verändert sich nicht nur Annies Leben, sondern auch ihr Denken und ihr Empfinden.

In Form einer Therapie setzt sich Annie O’Sullivan mit dem Jahr in der Berghütte und den dortigen Erlebnissen auseinander. Rückblendend spricht sie nicht nur über die Zeit auf dem Berg, sondern auch über aktuelle Geschehnisse in ihrem Leben – etwa die Ermittlungen der Polizei, die Auswirkungen der Hüttenzeit auf ihr jetziges Leben und natürlich ihre Beziehungen zu ihrem festen Freund, ihrer besten Freundin sowie ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Auch über den Unfalltod ihres Vaters und ihrer Schwester wird während dieser Therapiestunden gesprochen, denn die Schuldfrage nagt auch nach vielen Jahren noch immer an Annie. Stück für Stück bröselt die Protagonistin ihren ganz persönlichen Alptraum auseinander und zieht den Leser von Anfang an mit ins Geschehen – mit jeder Seite wächst das Grauen, bis schließlich der große Moment der konkreten Aufklärung kommt und alles bisher Vermutete in den Schatten stellt.

Chevy Stevens legt mit Still Missing – Kein Entkommen ein Thriller-Debüt der besonderen Art vor: Es geht hier zwar fast unblutig, aber nicht weniger grauenvoll und tiefschürfend zu. Das Grauen, das die Autorin mit ihrem Roman weckt, ist keinesfalls mit dem vergleichbar, das das Psychothriller-Genre für gewöhnlich auszulösen vermag. Fast harmlos scheint die Geschichte zu starten und auch die Art der Umsetzung ist ungewöhnlich, sodass man anfangs eher skeptisch ist. Schnell jedoch wird man mitgerissen, und mit jeder weiteren Seite überzeugt Stevens den Leser von ihrem Können. Nicht nur die Idee an sich und die Umsetzung derselben, sondern auch der schlichtweg sachliche Schreibstil und die trockene, aber gerade dadurch tiefgehende Erzählweise fesseln und jagen dem Leser einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Ein kurzes Anlesen und anschließendes Weglegen ist nicht möglich – einmal angefangen muss dieses Buch bis zum Ende gelesen, geradezu verschlungen werden. Alles andere ist nicht machbar, selbst akute Müdigkeit ist wie ausgelöscht, Hungergefühl nebensächlich.

Man kann nichts anderes sagen als: „Gut gemacht, Frau Stevens! Weiter so und mehr davon!“ Und so bleibt man nach dem Lesen zurück, lässt das tiefe Grauen leise nachhallen und harrt der Dinge, die da hoffentlich noch folgen werden. Denn eines steht fest: Still Missing – Kein Entkommen war definitiv nicht das letzte Buch, das von Chevy Stevens als gelesen zurück ins Regal gestellt wird.



Fazit:

Ein Psychothriller, der das Grauen leise wach ruft, und ein Debüt, das schon nach wenigen Seiten zu überzeugen versteht – anders kann man Still Missing – Kein Entkommen von Chevy Stevens nicht beschreiben. Die Autorin versteht es, den Leser auf stille, nahezu unblutige und unspektakuläre Art zu fesseln, doch gerade das macht diesen Roman zu dem, was er ist: Eine Empfehlung für jeden Thriller-Liebhaber!



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

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