PAN-Verlag, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: The Girl Who Loved Tom Gordon
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Hardcover mit Hologramm, 304 Seiten
€ 14,99 (D) | € 15,50 (A)
ISBN 978-3-426-28356-1
Leseprobe

Genre: Psychothriller mit fantastischen Elementen



Klappentext:

Ich habe keine Angst.
Überhaupt keine Angst.
Der Wanderweg ist gleich dort vorn.
Es ist wirklich ganz unmöglich, sich hier zu verlaufen …

Um zehn Uhr sitzt Trisha noch im Auto ihrer Mutter. Um halb elf hat sie sich im Wald verirrt. Um elf Uhr versucht sie, sich nicht zu fürchten. Nicht daran zu denken, dass Leute, die sich verirren, vielleicht nie mehr zurückkehren. Hunger und Durst, Mücken und wilde Tiere, Einsamkeit und Dunkelheit – Trisha hat dem Grauen der Wälder wenig entgegenzusetzen. Und vor allem nicht dem, was sich aufgemacht hat, sie heimzusuchen …



Rezension:

Trisha – die Kurzform für Patricia – ist neun Jahre alt, fast zehn, und groß für ihr Alter. Ihre Eltern haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen, sie und ihr Bruder Pete leben bei der Mutter und sehen den Vater regelmäßig an den Wochenenden. Pete kommt in der neuen Schule nicht klar, ist Außenseiter und sehnt sich nach Hause zurück. Verantwortlich dafür ist natürlich seine Mutter, die ihn schließlich aus Malden, wo der Vater noch immer lebt, weggeschleppt und an diese neue blöde Schule geschickt hat. Er würde gern bei seinem Vater leben und dieses Thema ist ein ständiger Streitpunkt zwischen Pete und seiner Mutter. Um dagegen anzugehen, plant Quilla immerzu Ausflüge mit ihren Kindern, um sie bei Laune zu halten. Dabei wird Petes Gemecker konsequent ignoriert, bis es nicht mehr aushaltbar ist – meistens liefern sich Quilla und Pete heftige Wortgefechte. Trishas Rolle dabei ist die gute Miene zum bösen Spiel, immer ein Lächeln auf dem Gesicht und Begeisterung für die Unternehmungen ihrer Mutter. In Wahrheit aber nervt sie das Gejammer von Pete und der immer wieder kläglich scheiternde Versuch von Quilla, Pete auf irgendeine Art zu besänftigen.

An diesem Morgen steht eine Wanderung auf dem Plan und schon während der Autofahrt geht das Geschimpfe von Petes Seite los. Mit ihrer Lieblingspuppe Mona sitzt Trisha auf der Rückbank des Wagens und versucht, den Streit auf den Vordersitzen auszublenden. Trisha ist, wie ihr Vater, begeisterter Fan der RedSox und trägt an diesem Tag nicht nur das Trikot mit der Nummer 36 (Tom „Flash“ Gordon), sondern auch eine Baseball-Kappe mit dem Autogramm ihres Idols. Die Kappe war ein Geschenk ihres Vaters und verdient deshalb besondere Erwähnung, da der Baseball und speziell Tom Gordon im Laufe des Buches eine wichtige, sogar tragende Rolle übernehmen werden.
Nach Ankunft am Startpunkt – Quilla und Pete unterbrechen ihren Streit nicht einen kleinen Moment – schnürt jeder seinen Rucksack fest und der Marsch geht los. Trisha fällt hierbei ein kleines Stück zurück, verliert die anderen beiden jedoch nie aus den Augen. Als sie bei einer Wasserpumpe vorbeikommen und Trisha diese gern ausprobieren möchte, hört ihr niemand zu. Auch nach mehrmaligem Rufen reagieren weder Pete noch ihre Mutter auf ihren Wunsch, und so entschließt sich Trish – ganz das trotzige Kind, das in jedem von uns schlummert – zu einer Kurzschlussreaktion: Obwohl sie eigentlich gar nicht pinkeln muss, verlässt sie den vorgeschriebenen Wanderpfad und schlägt sich einen Weg in die Büsche. So lange sie den Pfad noch im Auge hat, könnte sie jemand anderes sehen, und so gelangt sie immer tiefer in den Wald, hört aber noch die streitenden Stimmen von Pete und Quilla. Nachdem sie pinkeln war, hört sie jedoch nichts mehr, und auch den Weg zurück findet sie nicht. Zunächst bleibt sie ruhig, schließlich kann sie ja nicht weit vom Wanderweg weg sein, doch nach und nach überkommt sie doch eine Unruhe. Statt wieder raus zu finden, entfernt sie sich immer weiter von der festgelegten Route und schließlich muss sie die Nacht im Wald verbringen. Allein und mit nichts weiter als dem, was sie trägt und was sie in ihrem Rucksack hat. Ein neunjähriges Mädchen, das bald zehn wird und groß für sein Alter ist.

Stephen King ist bekannt, um nicht zu sagen berühmt-berüchtigt für seine Fähigkeit, bei den Lesern ein tiefschürfendes Grauen und Gruseln zu wecken. Auch mit Das Mädchen gelingt ihm dies – jedoch nur in den Grundzügen und nicht so, dass man als Erwachsener wirklich in den Genuss seines Könnens kommt. Vor allen Dingen kommt in diesem Roman eines zum Vorschein: Die erzählerische Kunst Kings. Mit einer erstaunlichen Ruhe und Konsequenz berichtet er über Trishas Tage und Nächte in diesen Wäldern, von ihren Gedanken und Ängsten, von ihren Hoffnungen und von den Versuchen des schlichten Überlebens. Dabei ist auffällig, dass Trisha sehr ernste und sehr erwachsene Gedanken hat – Gedanken, die man nicht einmal jedem Erwachsenen zutrauen würde, geschweige denn einem nicht mal zehnjährigen Mädchen, das mitten im Scheidungskrieg seiner Eltern steckt. Sehr viel glaubhafter ist da der Charakter von Pete gestaltet, von dem man zwar nicht viel kennen lernt, der aber genau in das Schema eines rebellierenden Teenagers passt. Und auch die Handlungen von Quilla, der Mutter, sind glaubwürdig und realitätsnah. Einzig die Hauptperson des Buches weist von Anfang an Details auf, die nicht so recht zu einem kleinen Mädchen passen wollen – schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass King dieses Buch vor mehr als zehn Jahren geschrieben hat und die Artikulationsweise von Trishas bester Freundin völlig undenkbar gewesen wäre.

Die Grundidee, ein kleines Mädchen in einem Wald auszusetzen und auf sich gestellt sein zu lassen, ist eine fabelhafte, die großartig zu Kings Konzepten passt. Nur die Umsetzung hinterlässt viele Schleifspuren, ohne dass man konkrete Kritikpunkte nennen könnte. Es besteht ein unheimlich starker Bezug zu Baseball und zu Tom Gordon, was der Originaltitel im Gegensatz zum deutschen Buchtitel bereits verlauten lässt – Leser der deutschen Ausgabe rechnen mit vielem, aber sicher nicht damit, dass das Buch zu einer guten Hälfte in Baseballbeschreibungen ausartet, zu denen kein wirklicher Bezug gefunden werden kann.
Hinzu kommt, dass King nicht müde wird, immer wieder die gleichen Dinge zu wiederholen oder zu beschreiben. Etwa dass Trisha bald zehn, aber schon ganz schön groß für ihr Alter ist. Dass die Tage in den Wäldern nicht viel Abwechslung bieten, ist wohl jedem Leser klar, trotzdem scheint der Autor großen Wert darauf zu legen, Trishas Wege bis ins kleinste Detail offen zu legen, und das mehrmals. Das führt leider dazu, dass man in Versuchung gerät, manche Passagen einfach zu überfliegen, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass man das ja schon ein (oder zwei oder drei) Mal gelesen hat. Hier hätte etwas mehr Abwechslung gut getan, denn King versteht etwas davon, die Gegend und die Atmosphäre anschaulich darzustellen. Man bekommt direkt Lust, selbst einmal durch Amerikas Wälder zu streifen – natürlich nur auf den vorgeschriebenen und befestigten Wanderwegen.

Was ein riesiges Lob verdient, ist die Aufmachung der deutschen Neuausgabe vom PAN-Verlag. Ein stabiles Hardcover, das in einem dunklen Blaugrün – passend zu den Wäldern – gehalten ist und in dessen Buchdeckel eine Hologrammkarte eingearbeitet wurde, die bei leichten Bewegungen ein größer- bzw. kleiner werdendes Mädchen zeigen und am unteren rechten Bildrand ein gelbes Augenpaar aufblitzen lassen. Obwohl das Mädchen auf dem Cover ein weißes Kleid, das an ein Nachthemd erinnert, trägt, kann man sich als Leser gut vorstellen, Trisha inmitten der Bäume zu sehen. Und auch die innere Aufmachung des Buches ist wunderschön gestaltet – jedes neue Kapitel wird durch nebelverhangene Bäume eingeleitet. Das lockert die gefühlt gleichbleibenden Abläufe stark auf und bietet dem Leser die Möglichkeit, zwischen den einzelnen Kapiteln ein wenig zu Atem zu kommen. Insgesamt wurde Das Mädchen wie ein Baseball-Spiel aufgebaut – vor dem Spiel, mehrere Innings und nach dem Spiel – dadurch wird der Inhalt und die Aufmachung zu einer runden Sache, die auf jeden Fall gut durchdacht wurde und zumindest optisch anmutet.



Fazit:

Gemischte Gefühle bleiben beim Leser zurück, als er Das Mädchen abschließt – das soll King gewesen sein? Man ist anderes von ihm gewohnt und vielleicht sollte gerade dieses Anderssein den Reiz dieses Buches ausmachen. Für Baseball-Kundige und Waldspaziergänger sehr gelungen, ein Gruselfaktor für Kinder und Jugendliche – doch das so berühmte King-Grauen versteckt sich hier leider zusammen mit dem „Ding“ in den Wäldern.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
optische Aufmachung: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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