script5, 1. Auflage Februar 2011
Klappenbroschur, 528 Seiten
14,95 € (D) | 15,40 € (A)
ISBN: 978-3-8390-0120-2
Leseprobe

Genre: Jugendbelletristik


Klappentext:

Sven hat die schiefe Bahn verlassen und ist am Ziel angekommen: ganz unten. Seine Tage verbringt er im Rausch, seine Nächte wahlweise mit Sex oder Prügeleien. Dabei stünden ihm alle Türen offen, sagt sein Vater – hätte Sven sie nicht vor fünf Jahren zugeschlagen.

Als seine Schwester bedroht wird, findet sich Sven in seinem schlimmsten Albtraum wieder: Der einzige Weg, Lina zu retten, ist, so zu werden wie sein Vater.


Rezension:

Mit vierzehn Jahren hatte Sven mit „Palm Grove“ die großartige Idee für ein Freizeit-, Erlebnis- und Erholungsbad und gewann damit einen Wettbewerb für Jugendliche. Fünf Jahre später hat er das Abi abgebrochen, zu seinen alten Freunden keinen Kontakt mehr, der nicht über Schikanierung hinausgeht, und hängt mit ziemlich zwielichtigen Gestalten rum. Trinkt, kifft, pöbelt und lebt einfach in den Tag hinein. Für seine Eltern – die Mutter Hausfrau, der Vater erfolgreicher Schriftsteller von Ratgebern – ist dieses Leben nicht akzeptabel, doch sie schaffen es auch nicht, ihren Sohn zurück auf die richtige Spur zu bringen. Ihre Hauptsorge scheint vor allem darin zu bestehen, dass die Medien Wind von ihrem „abtrünnigen“ Sohn bekommen und der ein schlechtes Licht auf ihre heile Familienwelt werfen könnte. Einzig Schwester Lina nimmt Sven so, wie er ist, und versucht nicht, ihn zu ändern. Von ihr bekommt er weder Vorwürfe noch Verbesserungsvorschläge zu hören, und das trotz dieser schlimmen Sache, die damals auf dem Jahrmarkt geschehen ist …

Nun steht Lina der Weg in die weite Welt offen: Sie wird ein Jahr in ihrem und Svens Lieblingsland Australien verbringen. Für Sven bricht einen Tag vor ihrem Abflug eine schlimme Zeit an, weshalb er sich nicht von ihr verabschieden kann. Diese Tatsache trifft ihn hart, denn in der Vorbereitung für ihre Reise hat er ihr eine „überlebens“wichtige Mappe mit allerlei brauchbaren Informationen für die Reise selbst und den Aufenthalt in Down Under zusammengestellt, die nun nicht mit im Flieger ist. Doch bei dem, was Lina in Australien erwartet, hätte wohl auch diese Mappe nichts gebracht, denn Svens Schwester wird dort von einem Fremden beobachtet und unterschwellig bedroht. Der einzige, der davon weiß, ist Sven, denn der wird von diesem Fremden via MMS und SMS erpresst. Das Leben Linas soll Sven eine halbe Million kosten – doch wo soll ein Abiturabbrecher ohne Ausbildung so viel Geld hernehmen? Es gibt nur eine Chance: Das Projekt „Palm Grove“ muss wieder zum Leben erweckt werden, um vor allem an Investorengelder zu gelangen und seine Schwester, die nichts von alldem ahnt, zu beschützen. Aber kann Sven sein neues einfach so wieder gegen sein altes Leben tauschen und noch einmal von vorn beginnen?

Oliver Uschmann ist bekannt für seinen Wortwitz und seine lebensechten Geschichten. Auch mit Nicht weit vom Stamm versteht er es, das Leben seines Protagonisten an den Leser zu bringen und ganz verschiedene Gedanken und Gefühle zu wecken. Hauptcharakter Sven hatte alle Chancen, das Beste aus seinem Leben zu machen, und schaffte es trotzdem, sämtliche Möglichkeiten völlig in den Sand zu setzen. Das In-den-Tag-hinein-Leben wirkt bequem, aber auch unausgelastet, es fehlt ein klares Ziel im Leben und genau das wird dem Leser schnell bewusst – schneller als Sven alle Male, der auch nach diversen Arschtritten immer wieder in alte Verhaltensmuster fällt und gerade den Menschen, die ihm wohlgesonnen sind und ihn unterstützen, damit extrem vor den Kopf stößt. Das ständige Hin und Her ist einerseits zwar nervig, andererseits kennt man es aber auch von sich selbst, dass manche Dinge und Verhaltensweisen eben einfach nicht von einem auf den anderen Tag abzulegen sind. Nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar ist auch der Wille der anderen, Sven trotz allem weiterhin zu unterstützen. Oft denkt man sich, warum genau das denn jetzt schon wieder sein muss und ob Sven denn gar nichts begriffen hat. Letztendlich allerdings sind all diese Zwischenstufen notwendig, um ihn seinen Weg finden zu lassen und das Ganze eben nicht nach Geschichte, sondern nach Echtheit aussehen zu lassen.

Wem ist dieser Roman nun zu empfehlen? Es gibt wohl keine klar definierte Zielgruppe. Eltern mit fehlgeleiteten Sprösslingen könnten auf die Idee kommen, das Buch als eine Art Ratgeber anzusehen. Gescheiterte Persönlichkeiten dürften neuen Mut aus der Geschichte Svens schöpfen und vielleicht ebenfalls einen Neuanfang wagen, denn dieser Roman zeigt ganz klar, dass es mit vielen Umwegen und Stolpersteinen tatsächlich funktionieren kann. Doch auch „ganz normale“ Menschen, die einfach auf der Suche nach guter Unterhaltung abseits des aktuell typischen Buchmarktes sind, werden ihren Gefallen an Uschmanns lebensechtem Werk finden. Abzuraten hingegen ist wohl niemandem – bis auf jene, die sich ausschließlich der fiktiven Welt widmen möchten.


Fazit:

Nicht weit vom Stamm ist in vielerlei Hinsicht langatmig, verwirrend und sprunghaft. Doch wenn man sich durch die vielen Seiten gekämpft hat, wird man mit einigen veränderten Ansichten belohnt und erhielt Einblicke in das nicht immer einfache Leben eines ganz normalen Jungen, der zum Mann wird. Sicher keine leichte oder schnell lesbare Kost, aber ein Buch, das im Kopf bleibt und zeigt, dass manche Träume nie ausgeträumt sind.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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