Anti-/I-Pop


UBooks, 1. Auflage März 2011
Originaltitel: Sex, død og ekteskap
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Hardcover, 144 Seiten
12,95 € (D) | 13,40 € (A)
ISBN 978-3-86608-146-8

Genre: Anti-Pop


Klappentext:

Wenn man vorhat, sich umzubringen, sollte wenigstens die richtige Musik dazu laufen.
Zu dumm, wenn der iPod auf Shuffle steht und ein fröhliches Lied die lebensmüde Stimmung zunichtemacht.
Wenn einem also nicht nach Leben und nicht mehr nach Sterben zumute ist, was bleibt dann noch, außer Sex?
Und in dieser Situation ist es auch schon egal, mit wem man fickt.

Jon Øystein Flinks drittes Buch – das erste, welches ins Deutsche übersetzt wurde – hat 2009 den Norwegischen Youth Critics‘ Prize gewonnen.
Übersetzt wurde das Buch von Gabriele Haefs.


Rezension:

Ein 38-jähriger Mann steht am Fenster der Bürotoilette und will springen. Das geht natürlich nicht ohne den passenden Soundtrack, daher ist der iPod dabei. Auf dem Schreibtisch liegt sein Abschiedsbrief, den die Kollegen erst am folgenden Morgen finden werden. Bis dahin, so zumindest der Plan, weilt Jon Øystein Flinks Ich-Erzähler längst schon im Jenseits und ist die Sorgen seines Lebens endlich los. Doch ein Plan wäre kein Plan, wenn er nicht misslingen würde – die Shuffle-Funktion spielt dem Lebensmüden einen gemeinen Streich und wechselt auf einen Hit, der so gar nicht in die Todesstimmung passen möchte. Ein Moment, in dem man als Leser eigentlich Mitleid haben sollte, jedoch eher zum Schmunzeln animiert wird. Die Lust am Sterben plötzlich verloren, werden die Selbstmordpläne erst einmal über den Haufen geworfen – was jedoch nicht bedeutet, dass die Idee an sich und die auslösenden Sorgen ebenfalls verschwunden sind. Welche Sorgen genau den Protagonisten plagen, wird erst im Laufe des Buches bekannt. Oder eben nicht, denn selbst nach den knapp hundertvierzig Seiten ist der Leser teilweise noch ziemlich ratlos und weiß nicht so recht, was er von Ficken und Sterben halten soll.

Natürlich fallen zu allererst der Titel und die Covergestaltung ins Auge – eine Kondomverpackung mit Grabkranz als Inhalt und das schlimme F-Wort im Titel kann man durchaus als unkonventionell bezeichnen. Aber eben auch als Aufmerksamkeit erregend und auf eine gewisse Weise ansprechend. Es provoziert eben, und diese Provokation wird auch im Buch selbst fortgesetzt. Nicht nur die verwendete und überaus zum Protagonisten passende Umgangssprache lässt das eine oder andere Mal die Augenbraue nach oben schießen, auch inhaltlich stoßen manche Aussagen und Kommentare des Selbstmörders übel auf. Sofern man denn ein zartes Gemüt hat und generell eher wenig mit dieser Art Umgangston zu tun hat oder zu tun haben will. Denn eines ist wohl klar: So satt der Protagonist das Leben hat, so vollmundig ist auch sein Umgang damit. Ohne Rücksicht auf Verluste oder familäre Beziehungsbande lebt er sein Leben weiter wie bisher, und der Leser kommt nicht umhin, sich zu fragen, warum genau eigentlich dieses doch offensichtlich ganz nette Leben überhaupt ein Ende finden sollte. Dass das Ende (sowohl des Lebens als auch des Buches) schnell vorhersehbar ist, tut dem unterhaltenden Aspekt keinen Abbruch – gegenteilig gewinnt Ficken und Sterben mit jeder Seite an Unterhaltungswert.

Inwieweit Jon Øystein Flinks Bücher in Deutschland wirklich Erfolg haben werden, bleibt vermutlich abzuwarten. In das Anti-Pop-Programm des UBooks-Verlages passen sie jedoch nahezu perfekt rein. Sollten also weitere Titel dieses Autors ihren Weg in eine deutsche Übersetzung finden, werden sich einige der Genre-Giganten aus deutschen Gefilden warm anziehen müssen. Denn die norwegische Konkurrenz schläft nicht – ein Reinlesen lohnt sich in jedem Fall, alles andere ist dann wohl – wie bei den meisten UBooks-Titeln – einfach Geschmackssache.


Fazit:

Ficken und Sterben wirkt erstmal wie die Aneinanderreihung abstruser Erlebnisse eines eigentlich lebensmüden Mannes nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch. Erst nach dem Lesen und längerem Wirkenlassen findet die eigentliche Aussage den Weg in die Gedanken des Lesers und beißt sich dort fest. Ein Buch, das nachhallt, jedoch seine Zeit braucht, um die volle Wirkung entfalten zu können.


Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3/5

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UBooks, 1. Auflage März 2011
Taschenbuch, 144 Seiten
9,95 € (D) | 10,30 € (A)
ISBN 978-3-86608-143-7

Genre: Anti-Pop


Klappentext:

An seinem 18. Geburtstag erledigt Mathias erst den Abwasch, dann etliche Mitschüler und Lehrer.
Auf der Abschussliste: fünf Arschlöcher.
Die sollen büßen!
Für das, was sie ihm angetan haben. Was er nicht ahnt: Es gibt noch eine Todesliste.
Mit seinem Namen darauf …

Aus der Perspektive des Amokläufers verwischt Oliver Dreyer die Grenzen zwischen Täter und Opfer, Fantasie und Realität – verstörend.


Rezension:

Du hörst die Kugel, die dich tötet, nicht kommen. Mit über 370 Metern pro Sekunde frisst sie sich durch deine Hirnhaut, zerfetzt periphere Nervenstränge und reißt dir den Sehkanal aus dem Schädel. Der Tod ist schneller als der Schall. Und als die Schmerzen.
(Seite 3)

In Kopfschuss erwartet den Leser nicht besonders viel Handlung: Matthias hat die Nase voll von der allseitigen Schikane, schnappt sich Knarre und ausreichend Munition, holt sich tatkräftige Unterstützung in Person eines Clanmitgliedes und stürmt schließlich die Schule, um all denen eine Lektion zu verpassen, die sich in den letzten Jahren über ihn lustig gemacht haben. Bereits hier erfüllen sich die ersten Klischees, mit denen man mehr als gerechnet hat: Matthias ist ein übergewichtiger Brillenträger, Außenseiter in der Klasse und zockt Ego-Shooter am PC. Sein Zimmer ist dauerhaft verdunkelt, seine Eltern hören ihm nicht richtig zu und sein Onkel versorgt ihn mit den wichtigsten Infos über Schusswaffen. Aus dessen Waffenschrank entwendet Matthias letztendlich auch die Tötungsinstrumente für seinen letzten großen Auftritt.

Was besonders faszinierend ist, ist allerdings auch nicht die Handlung, die man in Oliver Dreyers Debüt geliefert bekommt. Das Erstaunliche liegt vielmehr in der Art, wie der Autor die Geschichte des Außenseiters Matthias zu verpacken und zu verkaufen weiß. Hier wird nicht einfach ein Klischee ans andere gereiht, sondern der Leser erfährt das ganze Geschehen aus der Sicht des Täters, das gleichzeitig Opfer ist. Dabei geht Dreyer derart geschickt vor, dass man bald vergisst (oder zu vergessen versucht), dass es sich beim Protagonisten um jemanden handelt, der mehrere Menschenleben ganz bewusst und in voller Absicht beendet. Doch nicht nur das, denn er erschießt seine Peiniger nicht einfach so, sondern lässt sie leiden – und der Leser steht direkt daneben und schaut zu, wenn er sich nicht selbst hinter der Waffe befindet. Denn durch die Erzählperspektive kommt es einem mitunter tatsächlich so vor, als befände man sich selbst am Abzug.

Durch Erinnerungssequenzen erfährt der Leser, wie Matthias auf seinen Weg gebracht wurde und warum genau diese Personen auf seiner persönlichen Abschussliste stehen. Und als sich am Ende des Buches ein Puzzleteil ins andere schiebt, sodass ein Gesamtbild entsteht, dürfte nicht nur der Leser, sondern auch der Protagonist überrascht sein.
Ebenfalls beeindruckend sind die Einschübe, die Oliver Dreyer aus bekannten Ego-Shootern einbaut. Der Leser kann sich bald nicht mehr sicher sein, was tatsächlich passiert und was sich „nur“ auf dem Monitor von Matthias’ Rechner abspielt. Vieles verschwimmt und nicht nur die Grenzen zur Realität beim Protagonisten, sondern auch beim Leser. Es ist beängstigend, wie nah am Geschehen man sich dadurch wirklich fühlt und wie verstört man das Buch schließlich zur Seite legt. Man erwartet einen Amoklauf, ja, aber man erwartet nicht, dass er so nachhallt.


Fazit:

Oliver Dreyers Debüt Kopfschuss zeigt einen Amoklauf mal von der anderen Seite. Klischees werden geschickt mit nicht immer kranken Gedankengängen und toll eingebauten Computerspiel-Szenen verbunden, dabei hält der Autor immer das Gleichgewicht: Und am Ende weiß der Leser nicht mehr, was er für den Täter empfinden soll. Verstörend real und erschreckend nah am Zeitgeschehen!


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5


UBooks, 1. Auflage Februar 2011
Taschenbuch, 208 Seiten
€ 9,95 (D)
ISBN 978-3-86608-134-5

Genre: Anti-Pop



Klappentext:

Bewegende Geschichten, zwischen poetischem Glanzbildsammelalbum und Kriegsberichterstattung, literarischen Bombeneinschlägen gleich, mit einer Sprache wie Musik zwischen Klavierballaden und Grindcore direkt aus dem Proberaum im Keller der Nervenheilanstalt.
Selbst im dritten und letzten Teil der Trilogie hat Dirk Bernemann nichts von seiner Sprachgewalt verloren, im Gegenteil. Jede Geschichte ist ein kräftiger Tritt in die Weichteile unserer Gesellschaft.



Rezension:

„Gedacht, geschrieben, fertig. Storys aus der Mitte des äußeren Randes. Kurz und schmerzvoll. Denn das hier ist die großartige, schmerzhafte und wunderbare Sache, die sich Leben nennt! Und wir stehen an der Front und sehen dem Leben beim Passieren zu. Und ich steh so rum und spüre den Wunsch, an meinen Eingeweiden zu kleben, ein Problem darzustellen, das nicht wegzuignorieren ist.“
(aus dem Vorwort, Seite 7)

Schon das Vorwort des dritten Bandes der kotzenden Unschuld, der den überaus passenden Beititel „Hoffnung ist Betrug“ trägt, lässt das Leserherz um einiges höher schlagen. Lange musste ausgeharrt werden, lange zerbrach man sich den Kopf über die Frage „warum denn nur als eBook?“, doch nun endlich, am Valentinstag des Jahres 2011 ist es soweit: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3 erobert den Literaturmarkt, stürmt die Buchläden und legt, zumindest teilweise, den Verkauf anderer Bücher lahm. Und das zu Recht, denn die Fans von Dirk Bernemanns Arbeits-Endprodukt vieler Jahre fieberten dem Erscheinungstag der abschließenden Kurzgeschichtensammlung im Buchformat so sehr entgegen, dass sich der Verlag schließlich dem Wunsch beugte.
Lang erwartet liegt das Buch jedoch schwer in den Händen, das so treffende Cover mit der bereits bekannten, wenn auch leicht veränderten Chucky-ähnlichen Puppe blickt herausfordernd und man fragt sich als Leser: Will ich wirklich, dass es so zu Ende geht?

„Dieses Leben ist eine Sentimentalfahrt, deren Ziel nicht mehr bestimmbar ist, es gilt nur, in der Spur zu bleiben. Es bleibt eine Frage offen, die uns in die Gemüter flüstert: Wenn man die Kurve kriegt, was macht man dann damit?“
(Seite 50)

Auch im dritten Unschuld-kotzen-Band beweist Dirk Bernemann, dass noch längst nicht über alle Abgründe des Lebens geschrieben wurde, und zeigt immer neue Lücken auf, die gefüllt und gestopft werden müssen. Hierbei pumpt er den Leser voll mit bleischweren Tatsachen, die mitten aus dem Leid anderer – es betrifft nie einen selbst – gegriffen und irgendwem anders vor die Füße gespuckt wurden. Es ist faszinierend, dass man als Leser denkt „Mensch, der Bernemann, hat schon über alles geschrieben und fummelt trotzdem aus den tiefsten und versifftesten Ecken immer noch etwas hervor, über das es sich zu schreiben lohnt.“ und dabei feststellt, dass es sogar einen Sinn ergibt. Einmal mehr wird aus mehreren Einzelschicksalen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, eine große unförmige und glibbrige Masse, in die der Leser mit Anlauf hineinspringt und nur schwerlich wieder rausfindet.
Und will man das eigentlich? Während des Lesens wird dem Leser immer wieder schlagartig bewusst, dass es sich hierbei um den finalen Schlag der kotzenden Unschuld handelt. Danach ist Schluss, aus, vorbei, finito, Ende im Gelände. Und doch, mit dem Umblättern aufhören, das Lesen unterbrechen scheint eine Unmöglichkeit zu sein.

„Du denkst über Altersmilde nach und darüber, wo du morgen sein wirst, wenn die Sonne aufgeht. Du denkst über gute Musik nach und willst bald mal wieder welche hören. Du denkst über dein Leben nach und dass da irgendwo eine Unordnung entstanden ist, die aber aufräumbar ist. Du denkst über Liebe nach und vermutest sie da, wo du nicht bist, aber immerhin in der Nähe.“
(Seite 67)

Wie ein Strudel wirkt jede einzelne Geschichte. Ob bereits auf einer Lesung gehört oder schon auf Bernemanns Weblog gelesen – die Worte wirken anders, wenn man sie in Buchform vor sich hat. Mehr als einmal hat man das Gefühl, der Autor schaut einem direkt hinter die Augen, gräbt sich mit seinen Schreibfingern ins Hirn und zieht das ans Licht, was man lieber im Dunkeln lassen würde. Trotzdem ist da Erleichterung, eine Art Schwerelosigkeit, weil man endlich andere an den schwärzesten Gebieten des eigenen Denkens teilhaben lassen kann. Weil man endlich weiß, dass es anderen genauso geht.
Doch was bleibt nun nach dem abschließenden Trilogie-Band und der Gewissheit, dass Hoffnung Betrug ist?

„Irgendjemand hat mal gesagt, meine Geschichten zu lesen sei wie mit einem geliebten Menschen im Arm und einem kuscheligen Gefühl im Herzen einer brennenden Stadt von einem Hügel herab beim Kaputtgehen zuzusehen.“
(aus dem Vorwort, Seite 7/8)

Hierzu kann man abschließend nur noch eins sagen: JA!
Und: Schade, dass es vorbei ist.
Aber: Es wird nicht das Ende sein.
Denn: Dirk Bernemann schreibt fleißig an seinem nächsten Roman, auf dessen Erscheinen im Herbst 2011 sich alle Anti-Pop-Freunde freuen dürfen.



Fazit:

Mit Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3 schließt Dirk Bernemann seine Trilogie um die Abgründe des Lebens ab. Lesungsbesucher stoßen auf bereits bekannte Texte, was den Lesegenuss jedoch nicht schmälert. Vielleicht ist aber genau das auch der Grund, warum der dritte Teil nicht so sehr überzeugen kann wie seine beiden Vorgänger.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


Interview mit Dirk Bernemann (02.09.2009)
Interview mit Dirk Bernemann (17.03.2011)
Bernemann, Dirk: Ich bin schizophren und es geht mir allen gut
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1 + 2
Bernemann, Dirk: Satt. Sauber. Sicher.
Bernemann, Dirk: Vogelstimmen


UBooks, 1. Auflage November 2010
Taschenbuch, 160 Seiten
€ 9,95 (D) | € 10,30 (A)
ISBN: 978-3-86608-137-6

Genre: Anti-Pop



Klappentext:

Ein Reporter liebt eine Frau. Kurz darauf zündet sie sich an. Dann passieren verschiedene Dinge.
Ein Bär räumt in einer Diskothek auf, ein echter Bär. Der Schützenverein rettet die Nacht. Irgendwie stecken alle unter einer Decke, sie ist kariert. Am Ende passiert noch etwas Unerwartetes.

Völlig absurd und dabei schrecklich realistisch entfesselt Andy Strauß in diesem Roman ein Feuer über einer längst abgehängten Region.



Rezension:

Ein Träumer unterscheidet sich nur durch das Leben seiner Träume vom Albträumer.
(Aus dem Vorspiel, Seite 4)

Mit den Protagonisten aus Andy Strauß’ zweitem Buch hat sich das Leben ganz offensichtlich einen wirklich üblen Scherz erlaubt: Des einen große Liebe fackelt sich vor seinen Augen ab, ein anderer trifft nach langer Suche endlich die perfekte Frau mit einem nicht übersehbaren „Haken“, ein weiterer träumt von einem besseren Leben, schafft aber den Ausbruch nicht, wieder ein anderer verliert an einer Pommesbude die Nerven, ein Mädchen bettelt mit extremen Mitteln um die Liebe der eigenen Eltern – doch neben der Gemeinsamkeit, vom Leben gebeutelt zu sein, schaffen sie noch etwas alle zusammen: Sie schockieren und erheitern den Leser aufs Höchste, ohne dabei den Unterhaltungswert außen vor zu lassen. Viele weitere Einzelschicksale verbinden sich zu einem Ganzen und reißen den Lesenden aus der Welt, um ihn gleich darauf mit einem etwas veränderten Blickwinkel wieder in selbige fallen zu lassen.

Eine Dichte an kritisierenden Wortspielen und bewusst auf die Spitze treibenden Sprachexperimenten lassen den Leser des Öfteren die Stirn runzeln und sich denken „Jetzt übertreibt der Strauß aber maßlos!“ – dabei jedoch im Hinterkopf immer wissend, wie nah der Autor an der Wahrheit schreibt. Einige Situationen scheinen auf den ersten Blick zum Schreien komisch zu sein, doch bei genauerem Hinschauen und späterem In-sich-gehen bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken. Strauß’ „Geschichten“ haben soviel Wahres in sich, dass zumindest vereinzelt auch nach dem Lesen noch viel nachgedacht wird. Während sich hartgesottene Leser das 160 Seiten starke Buch in einem Durchgang einverleiben, dürften zarter besaitete Fans des Genres mitunter ihre Probleme haben und das Buch gerne mal für einige Zeit zur Seite legen.

Obwohl oder gerade weil Andy Strauß seinen Ursprung im Poetry Slam hat, verbindet sich in Albträumer sehr viel Sprachgenialität mit trockener Berichterstattung. Dass der Autor mit Worten umgehen kann, merkt man schnell, doch im Gegensatz zum Vorgänger Establishmensch hat der Albträumer nicht so eindeutige Wurzeln aus dem Bereich des Poetry Slam. Man erkennt also eine eindeutige Entwicklung zwischen beiden Werken, die jedes für sich ein Gewinn für das Anti-Pop-Genre darstellt.



Fazit:

Ziemlich schräg, aber beängstigend nah an der Realität – auch mit Albträumer entlässt Andy Strauß ein wahres Anti-Pop-Stück in die Welt. In vierundzwanzig, voneinander scheinbar unabhängigen Kapiteln erzählt er eine Geschichte mit vielen Verwicklungen, die aufzeigt, wie klein und erbarmungslos die Welt ist. Für Neulinge erstmal schockierend, für Anhänger des Genres ein gefundenes Fressen.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5



Strauß, Andy: Establishmensch


UBooks, 1. Auflage August 2009
Taschenbuch, 160 Seiten
€ 9,95 (D) | € 10,30 (A)
ISBN: 978-3-86608-120-8

Genre: Anti-Pop



Klappentext:

In zahlreichen Geschichten und Texten taucht Andy Strauß in den nur vordergründig normalen, meist
sehr skurrilen Alltag seiner Protagonisten ein, beobachtet und seziert sie, bis der Wahnsinn aus ihnen heraustropft.
Das sammelt er dann ein und zeigt es herum.

«Ich habe einmal beobachtet, wie der bärtige, Hut tragende Nachbar vom Hutmacher sein ganzes Zimmer in einen Koffer gepackt hat. Erst nur den ganzen Kleinkram, dann die Bilder, sein Bett, die Tapete, Badewanne, alles rein, ganz unnachgiebig. Als das Haus leer war, packte er es auch hinein, zuletzt noch den Gartenzaun und die Nachbarskinder, wahrscheinlich, weil er ohne deren Genöle morgens nicht wach wurde …»

Andy Strauß, seines Zeichens erfolgreicher Poetry Slammer, Musiker, Künstler und charismatischer Gedankenverdreher. Mit seinen Texten, Lesungen und Aktionen würde er Kafka begeistern, begeistert stattdessen aber ein stetig wachsendes Publikum.



Rezension:

Das erste, was einem am Debüt von Andy Strauß auffällt, sind Titel und Coverbild des Buches. Man fragt sich, ob der Verlag sich vertan hat, ob es sich um einen schlichten Schreibfehler handelt und was dieses Bild eigentlich aussagen soll. Die zweite Auffälligkeit kommt beim Lesen selbst, denn die Art und Weise, wie der Autor sich ausdrückt, zeigt deutlich auf, wo er herkommt: nämlich aus dem Poetry Slam. Schon beim Einstieg in den ersten der drei Teile, in die das Buch gesplittet ist, bekommt man schnell einen Eindruck, wie Andy Strauß sich auf der Bühne gibt. Das schürt nicht nur Neugier auf die kommenden Seiten, sondern weckt auch das Interesse, an einer Slam-Veranstaltung des Autors teilzunehmen. Denn wer schon im schriftlichen Bereich so von sich und seiner Kunst zu überzeugen weiß, wie beeindruckend muss dann erst eine Lesung oder ein Poetry Slam sein?

Unterteilt in drei Überkapitel erzählt Establishmensch von ganz unterschiedlichen Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Geschichten – eben genau das, was unsere Welt und unsere Gesellschaft darstellt. Wie auch im wahren Leben gleicht in Strauß’ Geschichten kein Protagonist dem anderen, und wie auch im wahren Leben findet der Leser zum einen Charakter mehr Zugang als zum anderen. Sehr vielseitig und mitunter auch vielschichtig werden menschliche Züge durchleuchtet, hierbei schafft das Buch es ganzzeitlich, den Leser zu amüsieren, zu beeindrucken und gleichzeitig zu schockieren – die Ideen, die der Autor einbringt, sind skurril, gegen die Norm und vor allem erstaunlich nah an der Wahrheit. Wer weiß schon, was in den Köpfen seiner engsten Freunde vorgeht? Man kann den Menschen immer nur vor den Kopf schauen, Strauß gibt dem Leser allerdings die Möglichkeit, eventuelle Szenarien hinter den Köpfen zu sehen.

Establishmensch ist ein Parade-Beispiel für das Genre des Anti-Pop: schnell, unterhaltsam, aufzeigend, lebensnah, entblößend, an- und (Ekel) erregend. Eben nicht für die Allgemeinheit, sondern für aufgeschlossene und nicht so leicht zu entsetzende Gemüter, die sich gerne an die Grenzen des guten Geschmacks und auch darüber hinaus wagen.



Fazit:

Andy Strauß ist mit seiner Schreibe bestens im Anti-Pop-Genre aufgehoben und versteht es, seine besondere Slam-Art geschickt aufs Papier zu bringen. Grinsend, kopfschüttelnd und mitunter sogar ein wenig angeekelt fühlt sich der Leser bestens, ja teilweise sogar herausfordernd unterhalten. Establishmensch lädt zur Sicht über den Tellerrand hinaus ein.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5



Strauß, Andy: Albträumer


UBooks, 1. Auflage Oktober 2010
Hardcover, 288 Seiten
€ 14,95
ISBN 978-3-86608-135-2

Genre: Anti-Pop



Klappentext:

Dirk Bernemanns neuestes Werk über Menschen mit Vergangenheit, die erkennen, dass sie auch Menschen mit Zukunft sein könnten …

«Und ich dachte: Ein Frühlingstag. Ja, ja, ja, ein Frühlingstag. Der Mai hat seine Mitte erreicht. Doch was bringt die Mitte eines Mais, wenn es sowas wie Vergänglichkeit gibt, wenn man von der Mitte eines Mais schon das Ende eines Novembers erkennen kann?»



Rezension:

Ich war ein Widerspruch. Zu denkend zum wirklichen Losleben und zu fühlend zum einfachen Ableben. Irgendwo dazwischen in den grauen Wartezimmern des Lebens, da hielt ich mich auf und starrte die Wände an, die mich einfach nur zurück anstarrten und mich regungslos in sich gefangen hielten.
(Seite 113)

In seinem zweiten Roman setzt Dirk Bernemann dem Leser einen Protagonisten vor, der nicht näher am Leben sein könnte: Irgendwie einsam, irgendwie unzufrieden, irgendwie ziel- und perspektivenlos lebt der namenlose Mittdreißiger vor sich hin, immer im Hinterkopf das Gefühl, etwas ändern zu wollen, etwas ändern zu müssen, und doch hilflos und ohne Antrieb sein Leben bestreitend. Die Mutter im Pflegeheim vor sich hinvegetierend, bei jedem sonntäglichen, inzwischen routinierten Besuch des Sohnes ein bisschen mehr tot als lebendig bekommt sie kaum noch etwas von ihrer Umgebung mit. Zum Vater eher sporadischen Kontakt, das Miteinander kann man kaum als eine Vater-Sohn-Beziehung bezeichnen, wird dem Protagonisten mehr und mehr klar, dass die Ehe seiner Eltern mehr aus Vernunftgründen denn aus Liebe geschlossen wurde. Dass sein Vater all die Jahre keine wirklich emotionale Nähe zeigen konnte, weil er sich etwas anderes von seinem Leben erhofft, etwas anderes für sein Leben geplant hat. Dass sein Vater möglicherweise das Leben eines anderen gelebt und sich selbst ein ganz anderes erträumt hat.

Abgründe gab es überall und Gründe, in diese Abgründe zu fallen, gab es auch mehr als Hunderte. Und manchmal standen sie da, die richtigen Richtungslosen, standen an Abgründen wie die Selbstmordunentschlossenen und feierten da ihre extravaganten Partys, während derer sie in die Tiefe rauschten.
(Seite 227)

Doch entgegen aller Annahmen stürzt ihn diese Erkenntnis nicht in einen Abgrund des Selbstzweifels, vielmehr rüttelt sie ihn wach: Das Leben ist genau das, was du aus ihm machst. Die Aufgabe, dein Leben in die Hand zu nehmen und es zu dem zu machen, wie du selbst es dir vorstellst, kann dir niemand abnehmen – und du kannst niemanden in die Verantwortung für diese Aufgabe ziehen.
Bernemanns Protagonist lernt in kleinen, aber erkennbaren Schritten, dass das Leben nicht so eintönig, so vorgefertigt sein muss, wie er es kennt. Und mit ihm erkennt auch der Leser, der ohnehin erschreckend viele Parallelen zum eigenen Leben feststellt, dass nichts einem festen Plan untersteht, sondern alles beweglich ist.

Die Gefängnisse, in denen wir hier leben, haben wir uns selbst gebaut.
(Seite 222)

Der Ausbruch aus diesem selbstgefertigtem Gefängnis ist nicht leicht, gemeinsam mit dem Namenlosen begibt sich der Leser auf den steinigen Weg, etwas zu verändern – und diese Veränderung beginnt bei einem selbst, bei der ganz persönlichen Einstellung zum Leben und seiner Umgebung. Das Schicksal seiner Mutter, die an Demenz und Alzheimer leidet, wird aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, genauso wie die neue, zarte Beziehung seines Vaters zu einer anderen Frau, obwohl die Ehefrau noch gar nicht wirklich tot ist. Mit Vogelstimmen zeigt Dirk Bernemann, dass Vergänglichkeit nichts ausschließlich Schlechtes sein muss, sondern auch viel Gutes innehat.
Vergänglichkeit als Chance der Veränderung, ohne an seinen Prinzipien und Wünschen zu zweifeln – das ist nur eine der Botschaften, die mit diesem erneuten Wunderwerk der Sprachmagie in die Leserwelt getragen werden. Zahlreiche Sätze und auch einzelne Worte rühren den Leser an, eine Identifizierung mit dem Protagonisten fällt fast beängstigend leicht und trotz aller anfänglichen Schwierigkeiten, die Bernemanns Sprach- und Schreibstil – und auch ganz einfach seine Herangehensweise an Alltägliches – beim Anlesen mit sich bringen, gehört auch Vogelstimmen erneut zu den Werken, die einen fesseln und auch nach dem Lesen nicht loslassen, sondern noch lange Zeit nachhallen.

Das Leben ist ein Rucksack voller alter Fotos, aber auch mit den ungefähren Landkarten noch nicht erschlossener Gebiete darin.
(Seite 274)

Dirk Bernemann stellt einmal mehr unter Beweis, dass die Einfachheit der Dinge ganze Bücher verdient, die es sich zu schreiben und zu lesen lohnt. Mit einer ganz eigenen Poesie in einer sonst eher derben und teilweise vielleicht auch anstößigen Sprache schafft er es erneut, den Leser nahezu zum Nachdenken zu zwingen, bringt ihn zum Innehalten, zum Luftholen inmitten des viel zu schnellen Lebens. Er beleuchtet kleine, zum in der Masse Untergehen verurteilte Szenen und Momente und bereichert damit nicht nur das Leben seines Protagonisten, der gar keinen Namen zum Dasein braucht, sondern auch das seiner Leser. Die mit Garantie auch zum nächsten Bernemann greifen werden, in der Sicherheit, ein neues Stück Anti-Pop-Literaturgeschichte in den Händen zu halten.



Fazit:

Mit Vogelstimmen setzt Dirk Bernemann seine spezielle Art des Schreibens fort. Wieder setzt er sich mit einem ernsten Thema auseinander, ohne offensichtlich anklagend zu wirken. Wenn man möchte, kann man diesen Roman als Lebensratgeber verstehen – muss man aber nicht. Nachdenklich und wachgerüttelt wird man als Leser zurückgelassen – ein Lesegenuss der besonderen Art, wie man es vom Autor gewohnt ist.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4,5/5



Interview mit Dirk Bernemann (02.09.2009)
Interview mit Dirk Bernemann (17.03.2011)
Bernemann, Dirk: Ich bin schizophren und es geht mir allen gut
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1 + 2
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3
Bernemann, Dirk: Satt. Sauber. Sicher.


UBooks, 1. Auflage Mai 2009
Taschenbuch, 206 Seiten
€ 9,95 (D) | € 10,30 (A)
ISBN 978-3-86608-106-2

Genre: I-Pop



Klappentext:

Verschlafen, verkatert und verzweifelt – sogar für Maries Verhältnisse ein nicht ganz gewöhnlicher Mittwochmorgen. Sie hatte letzte Nacht offensichtlich Sex mit ihrem Nachbarn – versehentlich, versteht sich!

Wie erklärt sie das bloß ihrem Freund? Und wie geht sie jetzt am besten dem verdammten Nachbarn aus dem Weg?
Auf ihre eigene Marie-Art eben. Und schon überschlagen sich die Ereignisse …

Jana Krivanek hat einen herrlich unterhaltsamen Roman geschrieben über den Richtigen, den Falschen und die beste Zeit des Lebens.



Rezension:

Als Marie nach einem weinhaltigen Hausflur-Abend mit ihrem Nachbarn nur in Unterwäsche in ihrem Bett aufwacht, schrillen alle Fremdgeh-Alarmglocken in ihrem Kopf lauthals los. Zwar weist nichts hundertprozentig darauf hin, dass sie Sex mit ihrem Nachbarn hatte, die Indizien und Maries unerschütterliches Erinnerungsvermögen sprechen stark für sich. Völlig verkatert und außer sich über ihren Fehltritt fährt sie ins Büro und holt sich erstmal den Rat sämtlicher verfügbarer Freundinnen ein, um die Sache auszuwerten und aufzuklären.

Dass letztendlich alles anders war, als man denkt, wird dem Leser recht schnell klar. Anfangs hat man den Verdacht, hier läge ein privates Tagebuch vor, in das einfach alles gekritzelt wird, was der Protagonistin in den Sinn kommt. Das ist anstrengend und nervt, weil man nicht Eindruck nicht loswird, dass Marie sich unter allen Umständen darstellen will – und dabei leider oft ein bisschen zu sehr aufdreht, um zu zeigen, wie erfolgreich, gutaussehend, begehrt und hip sie ist.
Im Laufe des Lesens gewöhnt man sich aber dran und die Autorin schafft es, mit dem zwar eher oberflächlichen, aber durchaus unterhaltsamen Inhalt von diesen Schwachstellen abzulenken. Amüsant verpackt sie die kleinen Macken von Marie und den Leuten um sie herum, und obwohl man von Anfang an weiß, worauf es am Ende hinauslaufen wird, möchte man doch im Nachhinein keine Szene, keinen Haltepunkt der Geschichte missen.

Marie versucht mit allen Mitteln, an ihrer bestehenden Beziehung festzuhalten und sie sich schön zu reden. Eigentlich liebt sie ihren Freund doch, der jedes Wochenende zu ihr fährt und der perfekt für sie ist. Trotzdem kann sie sich nicht gegen den Charme des Nachbarn Jan schützen, der vor allem von seinem Kater ausgeht – ein Pluspunkt für Krivanek für die Ausarbeitung und Einbindung dieser Rolle. Katzenliebhaber werden das eine oder andere Mal mit einem Schmunzeln weiterblättern und gespannt darauf sein, wann Herkules wieder ins Sichtfeld rückt.
Die anderen Charaktere sind, ähnlich wie Marie, fast ein bisschen zu glatt gestaltet, fast so, als wolle die Autorin alles unbedingt richtig gut machen. Leider vergisst sie dabei, dass Menschen Ecken und Kanten haben und diese auch in Büchern nicht außen vorgelassen werden sollten. Zwar gibt es hier und da kleine Schwächen, im Großen und Ganzen sind Maries Freunde nahezu perfekt. Das funktioniert über ein paar Seiten, ist auf Dauer aber langweilig. Als Leser möchte man Protagonisten, mit denen man sich identifizieren kann – neidisch kann man im wahren Leben zur Genüge sein.

Für ein Debüt hat Sina Krivanek eine gute Leistung gebracht. Manche Ideen sind etwas unausgereift und einige Erinnerungen, die Marie einfließen lässt, überflüssig und nur Platzhalter. Besonders an einer Stelle wünscht man sich als Leser, dass die Autorin mehr Feuer in ihre Geschichte eingebaut hätte, um sie spannender und aufregender zu gestalten.
So bekommt man einen kurzweiligen Roman, der allerdings nicht mehr als einen angenehmen Unterhaltungswert hat. Weder Tiefgang noch wirkliche Spannung werden hier geboten, sodass sich Nachbar günstig abzugeben für die lockere Lektüre zwischendurch eignet, nach der man sich wieder schwierigerer Literatur widmen kann.



Fazit:

Sina Krivanek legt mit ihrem Debütroman Nachbar günstig abzugeben eine unterhaltsame, aber fast zu glatt geschliffene Geschichte vor. Hier und da hätten dem Roman ein paar Ecken gut getan. Man darf trotzdem gespannt sein, was die Autorin noch zu bieten hat, und sich hoffentlich auf weitere Bücher von ihr freuen.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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