Belletristik


cbj, 1. Auflage September 2011
Originaltitel: A Monster Calls
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 216 Seiten
Mit s/w-Illustrationen von Jim Kay
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A]
ISBN: 978-3-570-15374-1

Genre: Jugendroman mit phantastischen Elementen


Klappentext:

Das Monster tauchte kurz nach Mitternacht auf.
Wie Monster das so machen.
Conor war wach, als es kam.
Er hatte einen Albtraum gehabt.
Na gut, nicht irgendeinen. Den Albtraum.
Den einen, den er in letzter Zeit ziemlich oft hatte.
Den mit der Dunkelheit und dem Wind und dem Schrei.
Den mit den Händen, die er irgendwann nicht mehr festhalten konnte,
egal wie sehr er sich bemühte.
Den, der immer damit endete, dass …

Glaubwürdig, herzzerreißend und unendlich tröstlich – dieses Buch lässt keinen mehr los.


Rezension:

Ich hatte und habe das Gefühl, als sei ein Stab an mich weitergereicht worden; als habe eine besonders gute Schriftstellerin mir ihre Geschichte gegeben und gesagt: „Lauf. Lauf damit los. Stifte Unruhe.“ Und das habe ich versucht. Untergwes gab es für mich nur eine einzige Leitlinie: ein Buch zu schreiben, von dem ich glaubte, dass es Siobhan gefallen würde. Kein anderes Kriterium konnte letztendlich zählen.
Und jetzt ich es an der Zeit, den Stab an euch weiterzureichen. Geschichten hören nicht bei denen auf, die sie schreiben, egal, wie viele von uns ins Rennen gegangen sind. Hier ist das, was Siobhan und ich uns ausgedacht haben. Und nun lauft. Lauft damit los.
Stiftet Unruhe.
(aus dem Vorwort von Patrick Ness)

Seit einiger Zeit schläft Conor sehr schlecht, immer wieder quält ihn ein Albtraum, von dem er niemandem auf der Welt jemals erzählen wird. Als er eines Nachts wieder einmal aus dem Schlaf gerissen wird, ist jedoch etwas anders, denn vor seinem Fenster steht ein Monster. Furchteinflößend ist es zwar nicht, dennoch gibt es Conor zu denken, denn von nun an stattet es ihm regelmäßig Besuche ab. Immer zur selben Zeit, immer um sieben Minuten nach Mitternacht. Was Conor erwartet, ist jedoch nicht das typische Grauen, das nachts in die Kinderzimmer huscht und in Schränken oder unter dem Bett lauert. Nein, das Monster hat eine Bestimmung und bringt den Jungen anhand von drei Geschichten dazu, seinen Albtraum endlich zu teilen, seine Angst loszulassen. Und nicht nur die, denn Conors Albtraum kommt nicht einfach irgendwo her – die Angst, die ihn jede Nacht im Traum verfolgt und einholt, hat auch im Wachsein von ihm Besitz ergriffen. Und so lange er an seinem Albtraum festhält, wird weder das Monster noch seine Angst verschwinden.

Bevor Siobhan Dowd im Jahr 2007 ihrem Krebsleiden erlag, entwickelte sie die Grundidee und die Figuren zu Sieben Minuten nach Mitternacht. Außerdem verfasste sie bereits ein Exposé und widmete sich dem Anfang der Geschichte, die sie ihrem guten Freund Patrick Ness mit der Aufgabe hinterließ, Conors Weg weiterzuführen und zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Gemeinsam mit dem Illustrator Jim Kay nahm Ness sich dieser Aufgabe an und erschuf nach den Vorgaben der verstorbenen Kinderbuchautorin ein Werk, das nicht feinfühliger und behutsamer mit dem Thema des Verlustes umgehen könnte. Obwohl die Zeichnungen von Jim Kay, die sich durch das gesamte Buch ziehen, sehr düster und mitunter erschreckend sind, haben sie auch etwas Tröstliches an sich. Der ohnehin stimmungsvolle und atmosphärische Text, dessen Lesen man immer wieder zu unterbrechen gezwungen ist, wird durch diese Bilder noch zusätzlich unterstützt – sie bilden eine Art Schutzhülle um Conors Geschichte und liefern gleichzeitig einen Grund mehr, sich immer weiter vorzuarbeiten. Was Jim Kay mit seinen Zeichnungen schafft, ist auch Patrick Ness mit Worten gelungen. Emotional, aber nicht kitschig oder gar übertreibend gibt Ness dem Leser die Chance, selbst zu entscheiden, ob und wie weit man sich in die Geschichte fallen lassen möchte. Eine Gratwanderung auch für den Leser, denn wenn Sieben Minuten nach Mitternacht eines definitiv ist, dann mitreißend auf jede nur erdenkliche Weise. Es fällt schwer, sich nicht vollständig an Conors Seite stellen und dem 13jährigen Jungen ein Stück seiner Ängste und Verantwortung abnehmen zu wollen.

Der Umgang mit und die Umsetzung einer solch schwierigen Thematik stellt immer wieder neue und auch erfahrene Autoren vor eine Herausforderung. Nicht immer gelingt es, trotz der belastenden Schwere auch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten und dem Leser nicht nur eine Last auf die Schultern zu legen, sondern auch den Unterhaltungswert nicht außen vor zu lassen. Patrick Ness schafft es mit seiner stilsicheren und einfachen Sprache, sowohl jugendliche als auch erwachsene Leser in vollem Maße anzusprechen und dabei sämtliche Charaktere und Ereignisse so lebensecht wie nur irgendmöglich darzustellen. Wie viel hiervon den eigenen Erfahrungen und Eindrücken von Siobhan Dowd zuzuschreiben ist, kann wahrscheinlich keiner zu hundert Prozent beantworten. Fakt ist jedoch, dass dieses Buch anders ist als andere zum Thema. Es hebt sich ab, nicht nur durch seine Vorgeschichte und das Zusammenspiel dreier verschiedener Menschen, sondern auch durch seine Umsetzung und die nachwirkende Tiefe.

Trotz der noch auffallend zahlreichen in der vorab zur Rezension zur Verfügung gestellten Druckfahne vorhandenen Fehler und Anmerkungen des Verlages versteht bereits das noch unfertige Buch es hervorragend, den Leser auf vielerlei Art in seinen Bann zu ziehen. Völlig egal, ob in der düsteren Jugendbuchausgabe von cbj oder in der so gegenteilig hellen Erwachsenenausgabe des Goldmann-Verlages: Dieses Buch ist in jedem Fall ein Gewinn für jedes Bücherregal und sollte nicht nur von Betroffenen gelesen werden.


Fazit:

Sieben Minuten nach Mitternacht ist eine wundervolle Zusammenarbeit zweier Autoren und eines Illustrators, die einfühlsam mit dem Thema Krebs und dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen weiß. Die einnehmende Grundidee von Siobhan Dowd findet in der mitreißenden Umsetzung durch Patrick Ness und den beängstigenden Illustrationen von Jim Kay ein wohlbehütetes Zuhause, das als Gesamtpaket nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen durchaus ans Herz gelegt wird. Eine Geschichte vom Loslassen und Festhalten, die nahe geht und lange nachwirkt.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4,5/5

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cbj audio, 1. Auflage März 2011
Gekürzte Lesung
Gesprochen von Yvonne Catterfeld
Originalverlag: S. Fischer
5 Audio-CDs, Laufzeit: ca. 310 Minuten
€ 16,99 [D] | € 16,99 [A] | CHF 28,50
ISBN: 978-3-8371-0849-1

Genre: Belletristik-Hörbuch


Klappentext:

Folge deinem Traum!

Angelia hat einen Traum. Sie will unbedingt als Sängerin den Durchbruch schaffen. Und sie ist fest davon überzeugt: Nur wer träumt, der lebt! Um ihren Traum wahrzumachen, geht sie nach London. Dort erlebt sie mit dem ungleichen Brüderpaar Josh und Jeremy Licht und Schatten von Freundschaft und Liebe. Angelia geht durch Glück und Enttäuschung, muss sich ihrer Vergangenheit stellen – und bleibt doch immer auf dem Weg, den ihr Traum ihr zeigt …


Rezension:

Als ihr Vater seinem Krebsleiden erliegt und ihre Mutter viel zu schnell wieder zum Alltag zurückkehrt, beschließt Jana, ihr Leben zu ändern. Mehrere Wochen gibt sie sich der Trauer hin und nutzt diese Zeit zum Nachdenken, bis sie schließlich den Entschluss fasst, nicht länger den von ihrer Mutter gern gesehenen Weg zu gehen, sondern ihre eigenen Ziele zu verfolgen und ihren Traum vom Musikgeschäft wahr werden zu lassen. Welche Stadt käme dafür mehr in Frage als London, wo ihr Vater aufgewachsen ist? Er war es schließlich, der ihr alles, was sie über Musik und das Gefühl dafür wissen muss, beigebracht hat. Er war nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr Mentor und ihr bester Freund. Seit seinem Tod ist Janas Welt nicht mehr rund, nicht mehr vollständig und für sie gibt es nur einen Weg, sich wieder wirklich lebendig fühlen zu können: Die Erfüllung ihres Traumes. Und sie ist sich sicher, dass ihr Vater diese Entscheidung in jedem Punkt gut heißen würde, also tritt sie nach recht kurzer Vorbereitungszeit die Reise nach London an, um dort ihr Leben endlich eigenständig in Angriff zu nehmen. Der erste Schritt hierzu ist die Ingebrauchnahme ihres zweiten Vornamens, den ihr Vater ihr direkt nach der Geburt gegeben hat: Angelia.

In London angekommen macht Angelia sich auf die Suche nach ihrer neuen Unterkunft und gerät sofort mit Jeremy aneinander, der mit ihrem Einzug in das alte Haus seiner Tante gar nicht einverstanden ist. Doch sein Bruder Josh hat Angelias Einzug bereits beschlossen, sodass Jeremy nicht viel übrig bleibt, als sich seinem Schicksal zu fügen und seine neue Mitbewohnerin zu akzeptieren. In Josh findet Angelia einen Seelenverwandten, während Jeremy immer abweisend bleibt – ein ungleiches Geschwister-Paar, das jedoch auf seine ganz eigene Art Reiz auf Angel ausübt. Schnell kommt sie jedoch dahinter, dass beide Brüder ihre Geheimnisse haben – und nicht nur das. Sie stellt auch fest, dass ihr Vorhaben, weshalb sie nach London gekommen ist, sich gar nicht so einfach umsetzen lässt. Und so gestaltet sich ihr neues Leben sehr vielseitig, mal anstrengend und frustrierend, mal erheiternd und federleicht – jedoch immer lebenswert und sie lernt nicht nur viel über sich selbst, sondern erfährt auch eine Menge über ihren Vater, über Freundschaft und was es bedeutet, wirklich zu lieben.

Das Lied der Träumerin konnte bereits als Roman in gebundener Form, erschienen beim Fischer Jugendbuch Verlag, in seinen Bann ziehen. Nur selten beeindruckt ein Buch mit einer solchen Macht, dass man über seinen Schatten springt und auch dem eigentlich eher abneigungswürdigem Genre des Hörbuchs eine Chance gibt. Im Fall des vorliegenden Hörbuchs ist dieser Schritt ein vielfältig lohnenswerter, denn neben der – zwar leicht gekürzten, jedoch nicht weniger wirkungsvollen – Geschichte von Angelia, ihrem Lebenstraum und dem steinigen Weg dorthin erwarten den Hörer auch noch einige von der Autorin geschriebene und selbst eingesungene Lieder, die schon als Liedtexte im Roman eingeflochten eine besondere Wirkung hatten. Nun bekommen diese Texte eine Stimme und schnell wird klar, dass sich Tanya Stewner, sollte es mit dem Schreiben irgendwann einmal nicht mehr klappen, getrost auf eine zweite Karriere als Musikerin und Sängerin einlassen kann – ganz wie ihre Protagonistin Angelia.

Doch nicht nur die Stimme der Autorin versteht überraschend zu überzeugen, auch die Wahl der Sprecherin scheint wohlüberlegt zu sein. Die klare und sanfte, in den richtigen Szenen aber auch harte und laute Stimme von Yvonne Catterfeld – bekannt geworden vor allem durch ihre Zeit in der DailySoap „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und diverse Charthits – lädt passend zur Geschichte ebenfalls zum Träumen ein, was beim Anhören besonders leicht fällt, da man sich – wenn gewollt – bereits von Anfang an gemütlich zurücklehnen und Angelias Weg einfach auf sich wirken lassen kann.

Als Gesamtpaket besticht die Hörbuch-Fassung vom Lied der Träumerin mindestens genauso gut wie die Roman-Ausgabe. Hörbuch-Skeptikern ist mit dieser Geschichte die Möglichkeit gegeben, ein in jeder Hinsicht nicht allzu anstrengendes Buch aus sich wirken lassen zu können, und sie funktioniert. Aufgeschlossener nicht nur den eigenen Träumen und Zielen, sondern auch anderen Hörbüchern gegenüber ist die Rezensentin nach dem Hören zufrieden. Ein erneutes Eintauchen in die Geschichte eines jungen Mädchens, das auszog, um sich von den Fesseln ihrer Mutter loszumachen und ihren Traum zu verwirklichen, war lohnenswert – und wird es wahrscheinlich immer wieder sein.


Fazit:

Auch als Hörbuch kann Das Lied der Träumerin vollends überzeugen. Angelias Geschichte, die schon beim Lesen ein Gänsehautgefühl ausgelöst hat, bekommt durch die Stimme der bekannten deutschen Sängerin Yvonne Catterfeld eine neue Intensität. In Kombination dürften Roman und Hörbuch das perfekte Geschenk für jede Träumer-Seele sein und gerade für Hörbuch-Neueinsteiger ist dieses hervorragend geeignet.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Hörspaß: 4,5/5
Sprecherin: 5/5
Lieder: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Rezension des Romans

rororo, 1. Auflage Januar 2011
Taschenbuch, 208 Seiten
12,99 € (D) | 13,40 € (A)
ISBN: 978-3-499-21573-5
Leseprobe

Genre: Belletristik


Klappentext:

«Warum musst du eigentlich immer so negativ sein?», fragte Dine. «Alles findest du doof.» Katinka drehte sich zu ihr um. «Ich finde alles doof? Kannst du mir bitte eine Sache in den vergangenen vierundzwanzig Stunden sagen, die nicht doof war? Also eine, die nur ansatzweise erträglich war? Wir verfahren uns, du hast die falsche Reisetasche dabei, in dieser Dorfspelunke müssen wir uns wie Schwerverbrecher behandeln lassen und die Nacht im Auto verbringen, und jetzt stehen wir in diesem Kaff hier mit diesem Haus, das gern ein Hotel sein möchte, einem schwachsinnigen Typen an der Seite und einem Pferd, das mir auf die Stiefel scheißt. Da gehe ich lieber ins Gefängnis, als mit dir hierzubleiben.» «Da gehörst du auch hin. Aber vorher müssen wir hier etwas tun, sonst gehen wir leer aus.»


Rezension:

Dine und Katinka waren eineiige Zwillinge. Sie hatten beide fast schwarzes, gelocktes Haar, waren groß und schlank, selbst ihre Bewegungen waren identisch, und beide hatten ein kleines Muttermal an exakt derselben Stelle. Trotzdem konnte man sie bestens auseinanderhalten, denn Dine hatte hellblaue und Katinka hellgrüne Augen. Das kam manchmal vor, und es erleichterte in diesem Fall ja auch vieles.
(Seite 12)

Sie gleichen wie ein Ei dem anderen und könnten doch unterschiedlicher nicht sein: Die Zwillinge Dine und Katinka sind wie Feuer und Wasser. Seit dem Kleinkindalter herrscht eine nicht verständliche Konkurrenz zwischen den beiden, ständig sind sie am Streiten, keine kann es der jeweils anderen recht machen. Als ihre Großmutter stirbt und jeder eine Menge Geld hinterlässt, ist dieses Erbe an eine Bedingung gebunden: Sie müssen das alte Hotel „Friesenzauber“ renovieren und anschließend mehrere Monate durchgehend ausgebucht sein – und während all dieser Zeit dürfen sie einander nicht von der Seite weichen. So steht es im Testament und natürlich lockt das Geld die beiden jungen Frauen – doch lockt es genug, um das Kriegsbeil vorübergehend zu begraben und die Auflagen zu erfüllen?
Schon bei der Anreise werden Dine und Katinka auf eine harte Probe gestellt und bei der Ankunft am Hotel steigt ihre Laune nicht im Geringsten, von der Motivation ganz zu schweigen. Aber nicht nur das sich in einem nicht sehr einladenden Zustand befindenden Hotel bringt die Mädels an ihre Grenzen, auch die Bewohner des kleinen Dörfchens scheinen den beiden Fremdlingen gegenüber nicht besonders aufgeschlossen zu sein. Und so wird den Zwillingen die eine oder andere Hürde in den Weg gestellt, die es zu überwinden gilt – schließlich winkt eine nicht geringe Summe am Ende der Strecke. Auf dem Weg dorthin müssen Dine und Katinka jedoch weit mehr als nur vor die Füße geworfene Felsbrocken aus dem Weg schaffen, denn auch ein lang gehütetes Geheimnis drängt an die Oberfläche und stellt alles auf den Kopf.

Eine an sich wirklich nette Idee für einen lockeren Unterhaltungsroman, die Steffi von Wolff dem Leser da bietet. Wenn die Umsetzung nun – zumindest in Bruchteilen – genauso ansprechend wäre, gäbe es an Ausgebucht nicht viel auszusetzen. Die Realität jedoch sieht anders aus: nämlich völlig unrealistisch. Die Grundidee an sich – eine alte Frau, die ihre beiden Enkelinnen zueinander führen möchte – ist eine schöne und auch der Plan, den die Großmutter der Zwillinge ausgeheckt hat, ist sicherlich einer der guten Sorte. Doch die Probleme, vor die beiden jungen Damen gestellt werden, und vor allem ihr Umgang damit ist wirklich haarsträubend. Auch die letztendliche Auflösung aller Schandtaten und das mehr als klassische HappyEnd sind langweilig und bleiben dem Leser schwer im Magen liegen. Hieraus hätte man sehr viel mehr machen können – sowohl aus der Geschichte an sich als auch aus jedem einzelnen Charakter.

Die Dorfbewohner werden nahezu ununterbrochen als unfreundlich und in keiner Weise umgänglich dargestellt, sodass man sich als nicht in einer Großstadt aufgewachsener Leser doch fragen muss, welche Vorurteile und Klischees die Autorin in ihrem Roman unbedingt bedienen musste. Auch die eingebundene(n) Liebesgeschichte(n) wirken eher plump und liefern zu keinem Zeitpunkt das, was man sich wünschen würde. Einzig die verstorbene Großmutter kann auf kuriose Weise von sich überzeugen, was wahrscheinlich daran liegt, dass ihr keine Möglichkeit zum aktiven Eingreifen in die Geschichte mehr gegeben ist. Und auch bei den Dialogen gibt es kaum Augenblicke, in denen man nicht schnell weiterblättern möchte. Highlights sind insgesamt nur wenige zu finden. Dabei scheinen die Grundzüge der Charaktere tatsächlich durchdacht zu sein, nur ist Steffi von Wolff wohl während des Schreibens die Lust am weiteren Ausarbeiten ausgegangen.

Schade, denn etwas mehr Mühe hätte sich bei diesem Roman für alle Beteiligten durchaus rentiert: Für die Protagonisten, für die Autorin und für die Leser. So bleibt ein fast durchgehend bitterer Nachgeschmack zurück und teilt sich den Platz mit der sich aufdrängenden Frage, wie Steffi von Wolff unter ihrem Pseudonym „Rebecca Stephan“ so anmutige und mitnehmende Literatur verfassen kann, während ihr Original nichts von dieser Raffinesse vorzuweisen hat.


Fazit:

Ein unglaubwürdiger Plot, unsympathische Charaktere, humorlose Dialoge und eine generell vorherrschen zu scheinende Lieblosigkeit machen Ausgebucht zwar zu einer kurzweiligen Unterhaltungslektüre für zwischendurch, lassen den Leser aber enttäuscht und unzufrieden zurück.


Wertung:

Handlung: 2/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 2,5/5
Preis/Leistung: 1,5/5


Stephan, Rebecca: Zwei halbe Leben

Fischer Jugendbuch, 1. Auflage Juni 2011
Originaltitel: The Poison Diaries
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Nach einer Idee der Herzogin von Northumberland
HC mit SU, 272 Seiten
€ (D) 14,95 | € (A) 15,40 | SFR 26,90
ISBN: 978-3-8414-2124-1

Genre: Jugendbelletristik mit historischem Hintergrund und phantastischen Elementen


Über das Buch:

Die Poison Diaries – der Beginn einer lebensgefährlichen Liebe

Um 1800: Jessamine lebt mit ihrem Vater in einer verlassenen Kapelle im Norden Englands. Sie führen ein stilles, von Jahreszeiten geprägtes Leben. Jessamines Vater ist Botaniker, seine Leidenschaft sind Heil- und Giftpflanzen. In einem verborgenen Giftgarten züchtet er mächtige tödliche Gewächse, sorgsam darauf bedacht, seine Tochter von der Gefahr fernzuhalten. Als eines Tages Weed auftaucht, ein rätselhafter Fremder mit absinthgrünen Augen, verfällt Jessmine ihm sofort. Doch kaum haben die beiden zueinander gefunden, wird das Mädchen sterbenskrank. Was ist Weeds dunkles Geheimnis? Ist er ihre Rettung oder bringt er den Tod?

Eine Geschichte, so geheimnisvoll wie die unergründliche Welt der Pflanzen. Denn ob Belladonna heilt oder tötet, darüber entscheidet am Ende die Liebe …


Rezension:

Jessamine und ihr Vater leben weitab anderer Siedlungen. Seit dem Tod der Mutter ist das junge Mädchen diejenige, die sich um den Haushalt kümmert, während der Vater mit Hilfe der Kräuter und Pflanzen seines Gartens des Öfteren als eine Art Heiler unterwegs ist und bei den meisten Menschen nur als der Apotheker bekannt war. Die Tage sind recht eintönig, da das Leben auf dem alten Gelände eines ehemaligen Mönchklosters nicht viel Abwechslung zu bieten hat. Einzig der geheime Giftgarten ihres Vaters, in dem er Giftpflanzen aus aller Welt anbaut, übt eine gewisse Anziehungskraft auf Jessamine aus, doch das Betreten desselben ist ihr strengstens verboten. Obwohl nicht zufrieden mit dieser Einschränkung, ist Jessamine wohlerzogen genug, um ihrem Vater zu gehorchen und sich nur um die Dinge zu kümmern, die ihr aufgetragen werden. Als eines Tages der Inhaber einer Irrenanstalt vorbei reitet und ihnen den Jungen Weed quasi vor die Füße wirft, kommt endlich etwas Bewegung in den trägen und einsamen Alltag, der Jessamines Leben beherrscht. Denn Weed umgibt ein Geheimnis und seine nicht zu übersehende Angst vor dem Giftgarten stellt Jessamine vor ein zusätzliches Rätsel. Doch nicht nur diese beiden Punkte gilt es zu entschlüsseln – auch die erwachenden Gefühle, die sie für Weed entwickelt, sind neu und unbekannt. Das Glück soll nicht lange anhalten und schließlich steht Weed vor einer schweren Entscheidung und einer harten Probe.

Ein sofort ins Auge stechendes Cover und ein vielversprechender Klappentext laden sofort dazu ein, zum ersten Band der Poison Diaries zu greifen. Und auch die ersten Seiten der Geschichte verschaffen dem Leser das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und ein Mal mehr gute Unterhaltung im Bücherregal gefunden zu haben. Leider lässt dieses Hochgefühl recht schnell nach, denn obwohl Maryrose Wood tatsächlich erzählerisches Talent aufweist, wird das detailreiche Beschreiben von Hausarbeit und Pflanzenwachstum schnell langweilig und eintönig – ganz so wie das Leben, das Jessamine vor Weeds Auftauchen führt. Botaniker finden in den langen Ausschweifungen in die Pflanzenwelt sicher ihren Reiz, doch für Leser, die nicht viel für die Ausführlichkeit von Anbau übrig haben, sind diese Passagen eher lästig und sehr zäh. Dabei hat sich die Autorin wirklich Mühe bei der Ausarbeitung dieser Details gegeben, es jedoch doch ein wenig übertrieben – in diesem Fall wäre weniger definitiv mehr gewesen. Während die Geschichte daher größtenteils eher dahinplätschert und kaum mit Höhepunkten aufwarten kann, bündelt sich die meiste Spannung am Ende des Buches, als Jessamine erkrankt und Weed scheinbar die einzige Rettung für sie darstellt. Leider ist auch hier der eine oder andere Schwachpunkt zu erkennen, denn Maryrose Wood lässt sehr plötzlich Fantasy-Elemente in die Geschichte einfließen, die bis hierhin auch wunderbar ohne funktioniert hat.

Die Atmosphäre betreffend schafft die Autorin es mit den Poison Diaries recht gut, den Leser in die Zeit um 1800 zu entführen. Die Abgeschiedenheit und auch die Art des Umgangs miteinander lässt die historischen Grundgedanken aufleben und auch Menschen, die mit historischer Literatur eher wenig anfangen können, gewinnen einen leichten Eindruck der damaligen Zeit, ohne dass es überladen ist. Ebenfalls angepasst ist die Sprache, die Maryrose Wood für ihre Geschichte verwendet. Zusammen mit der wunderschönen optischen Aufmachung gewinnt das Buch dadurch einige Pluspunkte, die den mangelnden Inhalt zumindest ein stück weit ausgleichen können. Trotzdem wird den folgenden Poison Diaries, die ohne Zweifel kommen werden, wahrscheinlich eher mit Skepsis entgegen geblickt werden – das offene Ende bietet einen nicht unbedingt zwangsläufigen Cliffhanger, aber die Möglichkeit, dass die Geschichte sich weiterentwickelt und Schwachstellen in Angriff nimmt und ausmerzt.


Fazit:

Die wunderschöne Optik der Poison Diaries kann leider nicht über den nur mittelmäßigen und nur wenig anspruchsvollen Inhalt hinwegtrösten. Den Folgebänden steht ein hartes Stück Arbeit bevor, wenn sie den Leser überzeugen und mitreißen wollen.


Wertung:

Handlung: 2,5/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 2,5/5
Optische Aufmachung: 5/5
Preis/Leistung: 3/5

Arena-Verlag, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: Please ignore Vera Dietz
Aus dem Amerikanischen von Katharina Bendixen
HC mit LB, 392 Seiten
Preis: 16,99 Euro
ISBN: 978-3-401-06644-8
Leseprobe

Genre: Jugendbelletristik


Klappentext:

Kann man vergessen, was war?
Muss man verzeihen, um den anderen zu retten?
Wie viel Mut braucht die Wahrheit?

Vera hasst Charlie. Aus tiefstem Herzen. Obwohl er einmal ihr bester Freund war, für den sie alles getan hätte. Obwohl sie seine dunkelsten Geheimnisse kannte. Obwohl sie ihn so geliebt hat. Und doch ist sie die Einzige, die weiß, was in jener Nacht wirklich geschah. Der Nacht, in der Charlie starb.

Erschütternd und berührend:
Ein Roman, der einem das Herz bricht und den man nicht mehr aus der Hand legen kann.


Rezension:

Vera und Charlie sind von klein auf die besten Freunde. Schon immer bietet das eher stille Mädchen dem aufgeweckten und neugierigen Jungen ein Schlupfloch, wenn im Haus seiner Eltern mal wieder die Fetzen fliegen. Worüber selbstverständlich niemand spricht, obwohl alle aus der Nachbarschaft Bescheid wissen. Für beide ist der jeweils andere lange Zeit die Hauptbezugsperson unter den Gleichaltrigen, bis schließlich der Tag kommt, an dem Charlie neue und vor allem andere Freunde findet. Der Tag, ab dem Vera immer unwichtiger zu werden scheint und die gemeinsamen Interessen Charlie plötzlich langweilig erscheinen. Nun ist Charlie tot und Vera kann nicht aufhören, ihn für das zu hassen, was er ihr in den letzten Jahren angetan hat und seine Freunde ihr hat antun lassen, ohne ein Wort zu sagen oder ihnen Einhalt zu gebieten. Für Vera stellt der doppelte Verlust Charlies eine große Herausforderung dar – und nicht nur dieser. Denn Vera steht vor der Entscheidung, was sie mit ihrem Leben anfangen will, und wie bei den meisten Jugendlichen sehen ihre eigenen Vorstellungen schon immer so ganz anders aus als die ihres Vaters.

Was genau zu dem Bruch zwischen den beiden sich eigentlich so ähnlichen Jugendlichen führte und warum Vera nicht in der Lage ist, loszulassen und Charlie zu verzeihen, das ist die Geschichte, die in Please don’t hate me erzählt wird. Besonders dabei ist, dass nicht nur Vera als Protagonistin zu Wort kommt, sondern auch ihr Vater und der verstorbene Charlie selbst ihre eigenen kleinen Kapitel bekommen. Dadurch erhält der Leser tolle Einblicke und kann die Hintergründe besser nachvollziehen. Charlies Tod wird Stück für Stück in Rückblenden, die zwischen aktuelle Geschehen und Gedankengänge geschoben werden, erklärt und auch die Wege, die dorthin führten, und was sonst noch durch die Verkettung zahlreicher Umstände ausgelöst wurde, findet seinen Platz in A. S. Kings Roman.

Obwohl keine Liebesgeschichte im eigentlichen Sinn, erfährt der Leser doch viel über die Gefühlswelt der beiden Hauptpersonen – Emotionen füreinander, aber auch ganz eigene Gedanken, die ihren Weg an die Oberfläche finden wollen und müssen. Erstaunlich, mit welcher Kraft hier die Worte zum Leben erweckt werden und wie tief sie unter die Haut dringen können. Tatsächlich wird der Leser von Veras Reflexionen berührt, und auch die Wortmeldungen der anderen Protagonisten (und Orte, doch mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden) erfassen den Leser auf eine besondere Art. Auch aus sprachlicher Sicht findet man sich gut zurecht und verliert sich des Öfteren in kleinen, aber sehr schönen Wort-Gedanken-Spielereien, die zum Zurücklehnen einladen. Passend zum Alter der Protagonisten bewegt sich auch der Sprachstil auf einem leicht verständlichen, aber nicht zu einfachen Niveau, sondern fordert zumindest stellenweise gerne auch mal heraus.

Ein Buch über Freundschaft und deren Verlust, über Träume und den Wandel derselben, über unterschiedliche Ansichten und wie man trotzdem zueinander finden kann – Please don’t hate me gehört in die Sparte der Jugendliteratur, die nachdenklich macht und zu unterhalten versteht. In keinem Moment fühlt der Leser sich gelangweilt oder überfordert und doch gibt es Augenblicke, in denen das Buch aus der Hand gelegt werden und nachwirken muss – nur um dann so schnell wie möglich wieder ergriffen und weitergelesen zu werden.


Fazit:

Mit Please don’t hate me liegt ein beeindruckender Jugendroman vor, der nicht nur Tiefgang aufweisen kann, sondern auch ein wichtiges Zeugnis über die Bedeutung von Freundschaft und Familie darstellt. A. S. King greift wichtige Themen auf und zeigt, dass es immer verschiedene Wege für den Umgang mit schwierigen Situationen gibt.


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

script5, 1. Auflage Februar 2011
Klappenbroschur, 528 Seiten
14,95 € (D) | 15,40 € (A)
ISBN: 978-3-8390-0120-2
Leseprobe

Genre: Jugendbelletristik


Klappentext:

Sven hat die schiefe Bahn verlassen und ist am Ziel angekommen: ganz unten. Seine Tage verbringt er im Rausch, seine Nächte wahlweise mit Sex oder Prügeleien. Dabei stünden ihm alle Türen offen, sagt sein Vater – hätte Sven sie nicht vor fünf Jahren zugeschlagen.

Als seine Schwester bedroht wird, findet sich Sven in seinem schlimmsten Albtraum wieder: Der einzige Weg, Lina zu retten, ist, so zu werden wie sein Vater.


Rezension:

Mit vierzehn Jahren hatte Sven mit „Palm Grove“ die großartige Idee für ein Freizeit-, Erlebnis- und Erholungsbad und gewann damit einen Wettbewerb für Jugendliche. Fünf Jahre später hat er das Abi abgebrochen, zu seinen alten Freunden keinen Kontakt mehr, der nicht über Schikanierung hinausgeht, und hängt mit ziemlich zwielichtigen Gestalten rum. Trinkt, kifft, pöbelt und lebt einfach in den Tag hinein. Für seine Eltern – die Mutter Hausfrau, der Vater erfolgreicher Schriftsteller von Ratgebern – ist dieses Leben nicht akzeptabel, doch sie schaffen es auch nicht, ihren Sohn zurück auf die richtige Spur zu bringen. Ihre Hauptsorge scheint vor allem darin zu bestehen, dass die Medien Wind von ihrem „abtrünnigen“ Sohn bekommen und der ein schlechtes Licht auf ihre heile Familienwelt werfen könnte. Einzig Schwester Lina nimmt Sven so, wie er ist, und versucht nicht, ihn zu ändern. Von ihr bekommt er weder Vorwürfe noch Verbesserungsvorschläge zu hören, und das trotz dieser schlimmen Sache, die damals auf dem Jahrmarkt geschehen ist …

Nun steht Lina der Weg in die weite Welt offen: Sie wird ein Jahr in ihrem und Svens Lieblingsland Australien verbringen. Für Sven bricht einen Tag vor ihrem Abflug eine schlimme Zeit an, weshalb er sich nicht von ihr verabschieden kann. Diese Tatsache trifft ihn hart, denn in der Vorbereitung für ihre Reise hat er ihr eine „überlebens“wichtige Mappe mit allerlei brauchbaren Informationen für die Reise selbst und den Aufenthalt in Down Under zusammengestellt, die nun nicht mit im Flieger ist. Doch bei dem, was Lina in Australien erwartet, hätte wohl auch diese Mappe nichts gebracht, denn Svens Schwester wird dort von einem Fremden beobachtet und unterschwellig bedroht. Der einzige, der davon weiß, ist Sven, denn der wird von diesem Fremden via MMS und SMS erpresst. Das Leben Linas soll Sven eine halbe Million kosten – doch wo soll ein Abiturabbrecher ohne Ausbildung so viel Geld hernehmen? Es gibt nur eine Chance: Das Projekt „Palm Grove“ muss wieder zum Leben erweckt werden, um vor allem an Investorengelder zu gelangen und seine Schwester, die nichts von alldem ahnt, zu beschützen. Aber kann Sven sein neues einfach so wieder gegen sein altes Leben tauschen und noch einmal von vorn beginnen?

Oliver Uschmann ist bekannt für seinen Wortwitz und seine lebensechten Geschichten. Auch mit Nicht weit vom Stamm versteht er es, das Leben seines Protagonisten an den Leser zu bringen und ganz verschiedene Gedanken und Gefühle zu wecken. Hauptcharakter Sven hatte alle Chancen, das Beste aus seinem Leben zu machen, und schaffte es trotzdem, sämtliche Möglichkeiten völlig in den Sand zu setzen. Das In-den-Tag-hinein-Leben wirkt bequem, aber auch unausgelastet, es fehlt ein klares Ziel im Leben und genau das wird dem Leser schnell bewusst – schneller als Sven alle Male, der auch nach diversen Arschtritten immer wieder in alte Verhaltensmuster fällt und gerade den Menschen, die ihm wohlgesonnen sind und ihn unterstützen, damit extrem vor den Kopf stößt. Das ständige Hin und Her ist einerseits zwar nervig, andererseits kennt man es aber auch von sich selbst, dass manche Dinge und Verhaltensweisen eben einfach nicht von einem auf den anderen Tag abzulegen sind. Nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar ist auch der Wille der anderen, Sven trotz allem weiterhin zu unterstützen. Oft denkt man sich, warum genau das denn jetzt schon wieder sein muss und ob Sven denn gar nichts begriffen hat. Letztendlich allerdings sind all diese Zwischenstufen notwendig, um ihn seinen Weg finden zu lassen und das Ganze eben nicht nach Geschichte, sondern nach Echtheit aussehen zu lassen.

Wem ist dieser Roman nun zu empfehlen? Es gibt wohl keine klar definierte Zielgruppe. Eltern mit fehlgeleiteten Sprösslingen könnten auf die Idee kommen, das Buch als eine Art Ratgeber anzusehen. Gescheiterte Persönlichkeiten dürften neuen Mut aus der Geschichte Svens schöpfen und vielleicht ebenfalls einen Neuanfang wagen, denn dieser Roman zeigt ganz klar, dass es mit vielen Umwegen und Stolpersteinen tatsächlich funktionieren kann. Doch auch „ganz normale“ Menschen, die einfach auf der Suche nach guter Unterhaltung abseits des aktuell typischen Buchmarktes sind, werden ihren Gefallen an Uschmanns lebensechtem Werk finden. Abzuraten hingegen ist wohl niemandem – bis auf jene, die sich ausschließlich der fiktiven Welt widmen möchten.


Fazit:

Nicht weit vom Stamm ist in vielerlei Hinsicht langatmig, verwirrend und sprunghaft. Doch wenn man sich durch die vielen Seiten gekämpft hat, wird man mit einigen veränderten Ansichten belohnt und erhielt Einblicke in das nicht immer einfache Leben eines ganz normalen Jungen, der zum Mann wird. Sicher keine leichte oder schnell lesbare Kost, aber ein Buch, das im Kopf bleibt und zeigt, dass manche Träume nie ausgeträumt sind.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Fischer Schatzinsel, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: The Miles Between
Aus dem Amerikanischen
von Gerald Jung und Katharina Orgaß
HC mit SU, 320 Seiten
€ (D) 14,95 | € (A) 15,40 | SFR 23,50
ISBN 978-3-596-85407-3

Genre: Jugend-Belletristik



Klappentext:

Im Augenblick ist alles möglich

»Ich möchte nur, dass einen Tag lang ausnahmsweise das Gute siegt. Dass es ein Mal gerecht zugeht. Dass einen Tag lang alles ist, wie es sein soll. Einen einzigen Tag lang. Ist das denn zu viel verlangt? Ich gehe zur Schule zurück – und halte verblüfft an. Da steht ein Auto mit laufendem Motor. Nur eine kleine Runde drehen …?«

Innerer Klappentext:

Destiny wird von ihren Eltern von einem Internat ins nächste verfrachtet, seit sie sieben ist. Sie lässt niemanden an sich heran, denn Freundschaften schließen hat keinen Zweck, wenn man ohnehin bald wieder gehen muss. Doch dann ist da plötzlich dieser perfekte Tag, an dem sich die Zufälle überschlagen – oder sollte es Schicksal sein? Jedenfalls steht da auf einmal zufällig diese blassrosa Luxuslimousine mit hochgeklapptem Lederverdeck und laufendem Motor, und zufällig finden sich drei Mitschüler, die aus den unterschiedlichsten Gründen nichts gegen eine Spritztour haben … So beginnt ein spontaner Roadtrip voller sonderbarer Begegnungen, an dessen Ende Destiny ihren Schutzschild fallen lassen kann. Und plötzlich weiß sie, dass die Wahrheit ganz anders aussieht, als sie immer dachte.

Ein grandioser Roman um Täuschung, Selbsttäuschung und lang gehütete Geheimnisse, um Zufall und Schicksal.



Rezension:

Zufall. Der Zufall zieht sich durch unser Leben wie ein roter Faden. Manchmal verheddert und verknotet sich der Faden oder reißt sogar durch. Die losen Enden hängen herunter, aber das Hin und Her, das Vor und Zurück hört nicht auf, das Weberschiffchen saust immer weiter. Es hält nicht an, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht.
Die Wechselfälle des Lebens treffen zusammen, unversehens wird alles auf den Kopf gestellt. Und man passt sich an, Weil einem nichts anderes übrigbleibt. Aber was tun, wenn der Zufall abermals eingreift und das Gewebe wieder aufribbelt, das man sich geschaffen hat, um zu überleben?
(Seite 270)

Als Destiny sieben Jahre alt ist, müssen ihre Eltern an ihrem Geburtstag wegfliegen, um mit dem kleinen, kranken Bruder zu einem Arzt gehen zu können. Destiny ist eingeschnappt und weigert sich strikt, sich von ihrer Familie zu verabschieden – sie gibt ihrem kleinen Bruder die ganze Schuld daran, dass sie von diesem Zeitpunkt an auf immer wieder neue Internate geschickt wird. Denn Des hält es nie lange an einem Ort aus – sie ist in sich gekehrt und verschlossen, lässt niemanden an sich heran und vermeidet sämtliche tiefergehenden zwischenmenschlichen Beziehungen. Sobald sie merkt, dass sie sich jemandem zu nahe fühlen könnte, stellt sie irgendwas an, wird der jeweiligen Schule verwiesen und in ein neues Internat verfrachtet. Ihr kleiner Bruder hingegen darf die ganze Zeit bei ihren gemeinsamen Eltern bleiben.

Zehn Jahre später trifft Destiny beim Schwänzen der ersten Stunden auf dem Schulgelände einen Aushilfslehrer, der sie fragt, ob er irgendwas für sie tun kann. Da Des eh schon mies gelaunt ist, weil es eben der 19. Oktober ist und an diesem Tag einfach alles blöd werden muss, wie auch ihre Tante ihren Besuch bereits abgesagt hat, flippt sie kurzerhand ziemlich aus und wünscht sich einen Tag, an dem einfach einmal alles so ist, wie es sein muss. Einen Tag, an dem es gerecht zugeht. Herausfordernd dreinblickend stellt sie schließlich fest, dass der Lehrer gar nicht mehr da ist, und auf dem Weg zurück zum Schulgebäude stößt sie auf ein Auto, das mit laufendem Motor mitten im Park steht. Ohne lange nachzudenken macht sie sich auf die Suche nach einem Fahrer – und der Zufall spielt ihr in die Hände, als sie sich schließlich mit drei Mitschülern auf einen schicksalhaften Roadtrip begibt. Denn man sollte immer vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht – es könnte in Erfüllung gehen.

Wer wünscht sich nicht manchmal, das Schicksal nach den eigenen Vorstellungen beeinflussen zu können? Mehr bewirken zu können? Für wen wäre ein Tag, an dem alles genau so ist, wie es sein soll und sein muss, nicht die Erfüllung? Mary E. Pearson greift genau dieses Thema in ihrem Jugendroman geschickt auf und packt es von einer Seite an, die viele Sichtweisen und Einblickswinkel ermöglicht. Dabei geht es jedoch nicht ausschließlich um die Wünsche, die die Protagonistin so hat, sondern auch um die Wahrscheinlichkeit von Zufällen. Anhand von realen und fingierten Beispielen führt die Autorin an, wie viel Zufall im Leben tatsächlich möglich ist oder möglich sein könnte, wenn man konkret darauf achten würde.
Was hierbei besonders auffällt, ist die überaus bildreiche und klare Sprache. Nicht nur Destiny erscheint dem Leser sehr erwachsen in ihren Gedankengängen, auch die anderen Charaktere erhalten durch die Sprachkunst der Autorin einen Tiefgang, den man gerade in der Jugendliteratur nur selten findet. Auch das macht Ein Tag ohne Zufall zu einer Besonderheit, die aus dem aktuellen Einheitsbrei hervorzustechen versteht. Kunstvoll und beinahe magisch flicht Mary E. Pearson mehrere Fäden zusammen, die erst mit fortgeschrittener Seitenzahl zu einer Geschichte werden und den wahren Inhalt des Buches wie auch seine Botschaft offenbaren.

Wie einige andere Titel aus dem aktuellen Programm der Fischer-Verlage lädt auch Ein Tag ohne Zufall auf eine sanfte Weise dazu ein, mehr über das Geschehen in der Welt – auch in der ganz eigenen – nachzudenken und die Augen dem gegenüber zu öffnen. Ohne mit dem Holzhammer zu arbeiten, weckt die Autorin im Leser den Wunsch, sich intensiver mit sich und anderen auseinandersetzen zu können. Gedankenketten und Erinnerungssequenzen bleiben nach dem Lesen zurück – und doch hat man als Leser das Gefühl, losgelöst nach vorn schauen zu können.



Fazit:

Ein Roman, der nicht nur Jugendliche zum Nachdenken anregt, sondern auch erwachsene Leser durch die tiefgehende, fast poetische Sprache von Mary E. Pearson zu bewegen weiß. Noch lange nachhallend lässt Ein Tag ohne Zufall den Leser auch nach Weglegen des Buches über Zufall und Schicksal nachgrübeln – und wie viel Einfluss man wirklich auf sein Leben hat.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

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