Fantasy


Loewe Verlag, 1. Auflage Juni 2011
Originaltitel: Kissed by an Angel
Aus dem Amerikanischen von Claudia Max
Klappenbroschur, 256 Seiten
€ 12,00 (D) | € 12,40 (A)
ISBN: 978-3-78557-360-0
Leseprobe

Genre: Jugendfantasy


Klappentext:

Die Liebe hat ihr die Freude am Leben,
das Lachen und das Glück wiedergeschenkt.

Der Tod hat ihr diese Liebe genommen,
hat ihr Tristan genommen,
gerade als ihr gemeinsames Leben so richtig beginnen sollte.

Doch wahre Liebe überwindet alles,
sogar den Tod –
sogar die Pläne eines brutalen Mörders …


Rezension:

Im Alter von vier Jahren hatte Ivy ein traumatisches Erlebnis, seit dem sie Angst vor Wasser hat und geradezu in Panik verfällt, wenn es darum geht, hinein zu springen oder weiter als bis zur Hüfte rein zu gehen. Sie ist fest davon überzeugt, dass ihr damals ein Engel zur Seite stand, und glaubt seitdem ebenfalls voller Überzeugung an die Existenz von Engeln. Ihre Sammlung aus Porzellanengeln umfasst fünfzehn kleine Figuren, die sie wie ihren Augapfel hütet. Nur ihr kleiner Bruder darf sie anfassen. Nach einem Schulwechsel lernt sie – erstmal nur von Ferne – das Schwimmtalent Tristan kennen, der klares Interesse an ihr zeigt und sie schließlich zum Schwimmunterricht überreden kann. Und tatsächlich findet Ivy Gefallen am Schwimmen und auch immer mehr an Tristan – eine zarte Liebesgeschichte entsteht. Doch nach einem romantischen Date kommt es zu einem verheerenden Autounfall, bei dem Tristan stirbt, und plötzlich ist in Ivys Leben nichts mehr, wie es sein sollte. Tristans Tod nimmt ihr nicht nur die Lebensfreude, sondern auch den Glauben an ihre Engel – und das ist so ziemlich das Schlimmste, was beiden passieren kann.

Elizabeth Chandler greift wie viele andere AutorInnen ebenfalls das Trendthema Engel auf und verbindet es mit jugendlichen Charakteren zu einem Konzept, das grundsätzlich einfach klappen muss. Und grundsätzlich tut es das auch, denn Kissed by an Angel liefert als Trilogie-Start durchaus interessante Komponenten, die zwar alle irgendwie schon mal da waren und nicht wirklich innovativ sind, jedoch in ihrem Zusammenspiel durch Frische überzeugen können. Dass die Autorin den Leser dabei im ersten Band noch nicht tief in die Geschichte eintauchen lässt, sondern sich viel mit Geplänkel und Zeitschinderei durch Wiederholungen von Szenen aufhält, wirft allerdings ein negatives Licht auf die netten Grundideen. So wird dem Leser zum Beispiel bereits im Klappentext verraten, dass Tristan ums Leben kommen wird, im Buch selbst kommt man jedoch erst nach der Hälfte tatsächlich auch bei diesem Unfall an – vorher gibt es jede Menge Unsicherheit, Geschwafel und derlei Momente, in denen man beide Protagonisten packen und schütteln möchte, da ihre Zuneigung so offensichtlich ist, dass sie fast schon wieder nervt, weil sie nicht zueinander kommen.
Und während die Story selbst locker vor sich hinplätschert, versuchen die Charaktere mitunter durch ihre schlimmen Lebenserfahrungen trotz des jungen Alters, etwas mehr Tiefgang einzubringen. Was nur bedingt funktioniert, denn all die Schicksale und Zufälle auf einem Haufen sind letzten Endes dann doch ein ganz kleines bisschen zu viel. So hat sich die Mutter des einen Charakters umgebracht, der Vater eines anderen ist gestorben und irgendwie finden ausgerechnet diese beiden Familien zueinander – ehrlich, man kann es auch übertreiben. Die geballte Ladung an Negativität lässt Kissed by an Angel sehr viel düsterer wirken, als die Geschichte letztendlich tatsächlich ist und wohl auch sein soll.

Etwas zwiespältig bleibt der Leser auch auf Grund der optischen Gestaltung des Buches. Passend zum Thema sind auf dem Cover die Schatten von Federn zu erkennen, allerdings stören die beiden unterschiedlichen Schriftarten doch sehr: beide für sich sind schön anzuschauen, sodass sie sich durch das Miteinander eher gegenseitig aus- als den Leser bestechen. Und auch der starre Blick des abgebildeten Gesichtes berührt eher unangenehm – nicht nur weil (Frauen-)Gesichter aktuell offenbar Standard in der Jugendliteratur sind. Ein Lob hingegen muss unbedingt für die Kapitelanfänge und den Aufdruck am längsseitigen Schnitt ausgesprochen werden. Letzteres kommt nur selten vor und ist eine wirklich ansehnliche Idee; man kommt tatsächlich ins Grübeln, in welche Richtung zeigend man das Buch ins Regal stellen soll.

Wirft man einen Blick auf das Gesamtpaket, weist der Trilogie-Start von Elizabeth Chandler noch zahlreiche Schwächen auf, die sich mit dem erkennbaren Potential die Waage halten. Es bleibt also abzuwarten, ob die Charaktere und auch die Geschichte sich in beiden Folgebänden weiterentwickeln können und der Leser doch noch mitgerissen wird.


Fazit:

Der erste Teil der Trilogie um Ivy und Tristan Kissed by an Angel bietet noch nicht besonders viel, um den Leser von sich zu überzeugen. Langes Vorhergeplänkel und das durch den Klappentext vorweg genommene „Geheimnis“ lassen die Geschichte nur langsam anlaufen, aber auch darauf hoffen, dass die beiden Folgebände mehr zu bieten haben. Ein flüssiger Sprachstil macht das Debüt von Elizabeth Chandler zu einem kurzweiligen Lesevergnügen, von dem zwar nicht unbedingt viel hängen bleibt, das jedoch auch Lust auf die Folgeromane macht.


Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3/5

Fischer Jugendbuch, 1. Auflage Juni 2011
Originaltitel: The Poison Diaries
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Nach einer Idee der Herzogin von Northumberland
HC mit SU, 272 Seiten
€ (D) 14,95 | € (A) 15,40 | SFR 26,90
ISBN: 978-3-8414-2124-1

Genre: Jugendbelletristik mit historischem Hintergrund und phantastischen Elementen


Über das Buch:

Die Poison Diaries – der Beginn einer lebensgefährlichen Liebe

Um 1800: Jessamine lebt mit ihrem Vater in einer verlassenen Kapelle im Norden Englands. Sie führen ein stilles, von Jahreszeiten geprägtes Leben. Jessamines Vater ist Botaniker, seine Leidenschaft sind Heil- und Giftpflanzen. In einem verborgenen Giftgarten züchtet er mächtige tödliche Gewächse, sorgsam darauf bedacht, seine Tochter von der Gefahr fernzuhalten. Als eines Tages Weed auftaucht, ein rätselhafter Fremder mit absinthgrünen Augen, verfällt Jessmine ihm sofort. Doch kaum haben die beiden zueinander gefunden, wird das Mädchen sterbenskrank. Was ist Weeds dunkles Geheimnis? Ist er ihre Rettung oder bringt er den Tod?

Eine Geschichte, so geheimnisvoll wie die unergründliche Welt der Pflanzen. Denn ob Belladonna heilt oder tötet, darüber entscheidet am Ende die Liebe …


Rezension:

Jessamine und ihr Vater leben weitab anderer Siedlungen. Seit dem Tod der Mutter ist das junge Mädchen diejenige, die sich um den Haushalt kümmert, während der Vater mit Hilfe der Kräuter und Pflanzen seines Gartens des Öfteren als eine Art Heiler unterwegs ist und bei den meisten Menschen nur als der Apotheker bekannt war. Die Tage sind recht eintönig, da das Leben auf dem alten Gelände eines ehemaligen Mönchklosters nicht viel Abwechslung zu bieten hat. Einzig der geheime Giftgarten ihres Vaters, in dem er Giftpflanzen aus aller Welt anbaut, übt eine gewisse Anziehungskraft auf Jessamine aus, doch das Betreten desselben ist ihr strengstens verboten. Obwohl nicht zufrieden mit dieser Einschränkung, ist Jessamine wohlerzogen genug, um ihrem Vater zu gehorchen und sich nur um die Dinge zu kümmern, die ihr aufgetragen werden. Als eines Tages der Inhaber einer Irrenanstalt vorbei reitet und ihnen den Jungen Weed quasi vor die Füße wirft, kommt endlich etwas Bewegung in den trägen und einsamen Alltag, der Jessamines Leben beherrscht. Denn Weed umgibt ein Geheimnis und seine nicht zu übersehende Angst vor dem Giftgarten stellt Jessamine vor ein zusätzliches Rätsel. Doch nicht nur diese beiden Punkte gilt es zu entschlüsseln – auch die erwachenden Gefühle, die sie für Weed entwickelt, sind neu und unbekannt. Das Glück soll nicht lange anhalten und schließlich steht Weed vor einer schweren Entscheidung und einer harten Probe.

Ein sofort ins Auge stechendes Cover und ein vielversprechender Klappentext laden sofort dazu ein, zum ersten Band der Poison Diaries zu greifen. Und auch die ersten Seiten der Geschichte verschaffen dem Leser das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und ein Mal mehr gute Unterhaltung im Bücherregal gefunden zu haben. Leider lässt dieses Hochgefühl recht schnell nach, denn obwohl Maryrose Wood tatsächlich erzählerisches Talent aufweist, wird das detailreiche Beschreiben von Hausarbeit und Pflanzenwachstum schnell langweilig und eintönig – ganz so wie das Leben, das Jessamine vor Weeds Auftauchen führt. Botaniker finden in den langen Ausschweifungen in die Pflanzenwelt sicher ihren Reiz, doch für Leser, die nicht viel für die Ausführlichkeit von Anbau übrig haben, sind diese Passagen eher lästig und sehr zäh. Dabei hat sich die Autorin wirklich Mühe bei der Ausarbeitung dieser Details gegeben, es jedoch doch ein wenig übertrieben – in diesem Fall wäre weniger definitiv mehr gewesen. Während die Geschichte daher größtenteils eher dahinplätschert und kaum mit Höhepunkten aufwarten kann, bündelt sich die meiste Spannung am Ende des Buches, als Jessamine erkrankt und Weed scheinbar die einzige Rettung für sie darstellt. Leider ist auch hier der eine oder andere Schwachpunkt zu erkennen, denn Maryrose Wood lässt sehr plötzlich Fantasy-Elemente in die Geschichte einfließen, die bis hierhin auch wunderbar ohne funktioniert hat.

Die Atmosphäre betreffend schafft die Autorin es mit den Poison Diaries recht gut, den Leser in die Zeit um 1800 zu entführen. Die Abgeschiedenheit und auch die Art des Umgangs miteinander lässt die historischen Grundgedanken aufleben und auch Menschen, die mit historischer Literatur eher wenig anfangen können, gewinnen einen leichten Eindruck der damaligen Zeit, ohne dass es überladen ist. Ebenfalls angepasst ist die Sprache, die Maryrose Wood für ihre Geschichte verwendet. Zusammen mit der wunderschönen optischen Aufmachung gewinnt das Buch dadurch einige Pluspunkte, die den mangelnden Inhalt zumindest ein stück weit ausgleichen können. Trotzdem wird den folgenden Poison Diaries, die ohne Zweifel kommen werden, wahrscheinlich eher mit Skepsis entgegen geblickt werden – das offene Ende bietet einen nicht unbedingt zwangsläufigen Cliffhanger, aber die Möglichkeit, dass die Geschichte sich weiterentwickelt und Schwachstellen in Angriff nimmt und ausmerzt.


Fazit:

Die wunderschöne Optik der Poison Diaries kann leider nicht über den nur mittelmäßigen und nur wenig anspruchsvollen Inhalt hinwegtrösten. Den Folgebänden steht ein hartes Stück Arbeit bevor, wenn sie den Leser überzeugen und mitreißen wollen.


Wertung:

Handlung: 2,5/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 2,5/5
Optische Aufmachung: 5/5
Preis/Leistung: 3/5

cbt, 1. Auflage Mai 2011
Originaltitel: Captivate
Aus dem Amerikanischen von Ute Mihr
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 24,90
ISBN: 978-3-570-16112-8
Leseprobe

Genre: Jugendfantasy


Klappentext:

Unsere Blicke begegnen sich. Seine Augen sind unergründlich, fast hypnotisierend.
«Was mit dir los ist?», fragt er. «Ich glaube, etwas in meinem Blut fodert etwas in dir heraus. Wir ziehen einander an.»
Ich schüttele den Kopf. «Ich fühle mich nicht zu dir hingezogen. Ich liebe Nick.»
Sein Mund verzieht sich wieder zu diesem Lächeln und sein Gesicht sieht fast glücklich aus, wenigstens nicht mehr so traurig. «Ich verspreche dir, dass ich dich nur küsse, wenn du es selbst willst.»

Zara begegnet Astley mit gesundem Misstrauen. Schließlich haben er und seinesgleichen viel Unheil nach Maine gebracht. Doch als Zaras Freund Nick in tödliche Gefahr gerät, muss sie neue Bündnisse schließen und sich einer ungeahnten Herausforderung stellen …


Rezension:

Nach den turbulenten Ereignissen in Flüsterndes Gold kommen Zara und ihre Freunde auch im Nachfolgeband nicht zur Ruhe. Immer wieder gehen sie auf Patrouille und fangen Elfen, um sie im mit Eisen jeder Art präparierten Haus einzusperren. Doch nicht nur die Elfen ihres Vaters machen Zara das Leben weiterhin schwer, sondern auch von der Führerlosigkeit des Territoriums angelockte, mitunter sehr viel gefährlichere Elfen treten ins Bild und wollen die Macht an sich reißen. Als die eingesperrten Elfen befreit und auf die Stadt losgelassen werden, kommt es zu schlimmen Überfällen auf die normalen Bewohner, und bei dem Versuch, ihnen Einhalt zu gebieten, wird Nick – Zaras große Liebe – tödlich verwundet und von einer Walküre ins Walhalla gebracht. Um ihn möglicherweise retten zu können, muss Zara sich endlich ihrem Elfenblut stellen und der Wahrheit ins Gesicht sehen: Sie ist dazu bestimmt, die Braut eines Elfenkönigs zu werden. Blöd nur, dass nun gleich zwei dieser Art um ihre Aufmerksamkeit und die damit verbundene Macht buhlen – doch wem kann Zara noch trauen, wenn sie schon sich selbst und ihrer wahren Natur gegenüber kaum noch Vertrauen hat? Und was hat es mit dieser unerklärlichen Anziehungskraft auf sich, die der junge Elfenkönig Astley auf sie hat?

Auch der zweite Band um die junge Halbelfe Zara und ihre Freunde verspricht eine interessante Geschichte. Doch auch in Finsteres Gold wird dieses Versprechen erneut gebrochen, denn obwohl die Handlung ein wenig mehr Inhalt und mehr Abwechslung hat, schafft die offenbar überaus cholerische Protagonistin es auf erstaunliche Weise, jede leicht an der Oberfläche brodelne Begeisterung nahezu im Keim zu ersticken. Während man bei Flüsterndes Gold noch die Debüt-Ausrede vorhalten konnte, gehen beim vorliegenden Nachfolger langsam, aber sicher die Argumente aus, warum man die Serie weiter verfolgen sollte. Selbst die in Band 1 sympathischen Charaktere verkommen im zweiten Teil zu immer unangenehmeren Zeitgenossen. Während Iz und Dev anfangs zumindest erwachsene Züge vorweisen konnten, stoßen sie mit fortschreitender Seitenzahl auf immer mehr Unverständnis beim Leser. Und auch die zarten Bande zwischen Zara und Nick werden durch überzogene Beschreibungen und ständiges „Baby“-Genenne eher durch den Kakao gezogen, als dass man sie als angenehme Nebenstory ansehen könnte.
Sehr überzeugend ist jedoch der neue Protagonist Astley, der entgegen aller bisherigen Darstellungen endlich einmal ein eher positives Bild von den Elfen vermittelt – er ist zuvorkommend und zurückhaltend und macht sich mehrfach Sorgen um Zara, auch wenn er natürlich ganz eigene Absichten verfolgt. Als Leser hat man jedoch nie den Eindruck, dass die Ziele für ihn im Vordergrund stehen, vielmehr scheint da echtes Interesse an Zara selbst zu bestehen. Und auch die Walküre, die zwar nur kleine Nebenauftritte vorweisen kann, ist auf ihre ganz spezielle, nicht hundertprozentig ins Buch passende Art eine willkommene und erfrischende Abwechslung im eher mittelmäßigen und langweiligen Schwarz-Weiß-Gezeichne der Autorin. Weitere neu ins Geschehen eintretende Charaktere verschaffen vielleicht keinen tatsächlich verbessernden Einschnitt, liefern aber wenigstens etwas Abwechslung und durchaus auch amüsante Szenen – ein bisschen gesunde Eifersucht schadet nie, und wenn die Damen und Herren das kindliche Gehabe ablegen würden, hätte es sicherlich zu interessanten Disputen kommen können.

Was am Ende übrig bleibt, ist erneut ein fader Nachgeschmack, denn man fragt sich schon, ob Carrie Jones diese Chance verdient hat oder man sich die Zeit nicht besser für ein gutes Buch hätte aufsparen sollen. Leider weiß man solche Dinge immer erst nach dem Lesen. Finsteres Gold hat sicherlich einen schweren Start, denn die Enttäuschung nach dem Lesen des Vorbandes macht es dem Leser schwer, sich ohne Vorurteil an den zweiten Band um Zara und Co. zu wagen. Vorbehalte werden leider ziemlich schnell bestätigt und Fehler sowie Übertreibungen fallen besonders negativ auf. Ob die Autorin in der Lage ist, das Ruder im Laufe der weiterführenden Bände tatsächlich rumzureißen, ist zweifelhaft – gute Fantasy sieht leider anders aus, und Carrie Jones wird weiterhin hart an sich und ihrer Story arbeiten müssen.


Fazit:

Nur minimal mehr als sein Vorgänger kann Finsteres Gold überzeugen. Noch immer ist Zara unsympathisch und völlig überzogen, während die meisten der übrigen Charaktere leider nachziehen, noch immer lässt der Handlungsrahmen zu viel Luft zum Abschweifen, noch immer bleibt der Leser unzufrieden zurück. Eine leichte Steigerung ist zwar erkennbar, doch eine wirkliche Verbesserung ist leider nur in wenigen Punkten vorhanden.


Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 2,5/5
Preis/Leistung: 2,5/5


Jones, Carrie: Flüsterndes Gold

PAN, 1. Auflage Februar 2010
Originaltitel: The Child Thief
Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt
Mit Illustrationen von Brom
HC mit SU, 654 Seiten, 16,95 € (D)
ISBN: 978-3-426-28329-5
Leseprobe

Genre: Fantasy


Klappentext:

Vergiss das Märchen – erlebe das Abenteuer!

Leise wie ein Schatten streift ein merkwürdiger Junge durch die dunklen Straßen von New York. Er nennt sich Peter und ist auf der Suche nach Kindern und Teenagern, die in einer aussichtslosen Situation nicht mehr weiterwissen. Peter rettet sie … und bietet ihnen an, sie in sein magisches Reich zu führen, in dem niemand je erwachsen werden muss. Doch Peter verrät ihnen nicht, dass dort nicht nur magische Geschöpfe und das Abenteuer ihres Lebens auf sie warten, sondern auch größte Gefahr …


Rezension:

Ein Junge, der kaum größer war als Nick, stand auf dem Gehweg. Er hatte eine handgearbeitete Lederhose mit direkt daran genähten, spitzen Stiefeln an. Dazu trug er eine zerlumpte Anzugjacke, eine von der altmodischen Sorte mit Troddeln, und darunter einen schwarzen Kapuzenpulli und einen Wildlederbeutel, fast wie eine Geldbörse, der mit einem Schultergurt befestigt war. Der Junge schlug die Kapuze zurück. Zweige und Blätter steckten in dem zerzausten, schulterlangen roten Haar, das darunter zum Vorschein kam. Seine Wangen und seine Nase waren von Sommersprossen übersät. Die Ohren des Jungen waren, nun ja, irgendwie spitz, wie die von Mr. Spock oder von einem kleinen Weihnachtswicht. Doch das Seltsamste an ihm waren seine goldenen glänzenden Augen.
(Seite 32)

Nick ist auf der Flucht, denn er hat einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler, der ihn entweder das Leben zur Hölle machen oder ihn selbiges kosten wird, wenn derjenige in ihn die Finger bekommt, den er um eine Menge Drogen und Geld gebracht hat. Als die Handlager des betrogenen Dealers Nick erwischen, kommt ihm überraschend ein Junge zur Hilfe. Und nicht nur das, dieser Junge bietet ihm schließlich auch die Möglichkeit auf ein neues Zuhause, weit weg von seiner Mutter und ihrem zwielichtigen Untermieter, der Nick mit dem größten Vergnügen und recht ausgefallenen Ideen quält. Doch es ist kein Zufall, dass Peter im richtigen Moment am richtigen Ort auftaucht, denn er befindet sich wieder einmal auf der Suche nach verlorenen Kindern. Nach denen, die vom Schicksal und vom Leben gebeutelt sind. Nach denen, die in der eigenen Familie keine Liebe, keine Anerkennung und keinen Respekt erfahren. Nach denen, die nie kennen gelernt oder inzwischen vergessen haben, dass das Leben auch schön sein kann. Diesen Kindern bietet er einen neuen Weg in eine Gruppe anderer Kinder, wo Akzeptanz und Miteinander großgeschrieben werden. Aber Peter erzählt den verlorenen Kinder nicht die ganze Wahrheit über Avalon, seine Bewohner und den Zweck, den die Geköderten letztendlich wirklich erfüllen sollen.

Die Figur des Peter Pan übt seit jeher eine unerklärliche Faszination auf Jung und Alt aus – ein Junge, der nicht älter werden will und in einem Land der Phantasie auch einen Weg gefunden hat, immer ein Jugendlicher zu bleiben. Der Kinderdieb verleiht diesem Charakter ein neues Gesicht und vor allem einen neuen Hintergrund: Aus dem kinderlieben Befreier wird ein durchtriebener Planer, der vor allem Angst um seine Welt hat. So gesehen sind die Gründe, aus denen er tut, was er eben tut, zwar durchaus edel und verständlich, seine Handlungen und Tricks jedoch gerade in Bezug auf die unschuldigen und unwissenden Kinder nicht immer einwandfrei. Und doch versteht Brom es, ein mitreißendes und auch nachdenklich machendes Abenteuer zu erschaffen, das alle Seiten der Medaille beleuchtet und trotzdem oder gerade deshalb zu überzeugen weiß.

Sehr überzeugend ist auch die Liebe, mit der Brom sich seinen Charakteren gewidmet hat. Die genau passenden Nischen der Gesellschaft nutzend, stellt er Kinder und junge Erwachsene dar, die nichts zu verlieren haben und deshalb eigentlich leicht zu fangen sind. Die Lebendigkeit, die aus den Protagonisten spricht, lässt den Leser auch beim Beiseitelegen des Buches nicht zur Ruhe kommen und, kaum dass sich etwas Zeit findet, sofort wieder danach greifen. Als wäre man Teil der Gruppe, wird man den Kindern zur Seite gestellt und befindet sich auf Grund den lebendigen Darstellungen mittendrin. Dabei ruht sich der Autor keineswegs auf einem oder zwei Charakteren aus, sondern verhilft jeder einzelnen Person, so klein ihr Auftritt auch sein mag, zu einer besonderen Stellung und einem Platz im Gedächtnis des Lesers. Sicherlich bleiben die Hauptpersonen jederzeit präsent, doch auch Nebencharaktere kommen zu einem Einsatz, von dem ihre „Artgenossen“ in anderen Büchern nur träumen können.

Neben einer sehr derben Sprache und öfter auftauchenden, mitunter die Schwelle zum Ausfallenden übertretenden Ausdrücken seiner Charaktere liefert der Autor auch wundervolle Bilder für das innere Auge. Landschaftsbeschreibungen von Avalon und die Darstellung seiner Charaktere sind so gestaltet, dass dem Leser nahezu sofort ein konkretes Bild vor Augen steht – auch bevor man tatsächlich einen Blick auf die grandiosen Zeichnungen wirft, die ebenfalls vom Autor gezeichnet wurden und die Gestaltung des Buches perfekt abrunden. Detailreich sind demnach nicht nur die Beschreibungen, sondern auch die dazugehörigen Zeichnungen, die zusammen mit der edlen Umschlagsgestaltung eine Augenweide für jedes Bücherregal darstellen, während sich inhaltlich – rein auf dem Niveau der Ausdrucksstärke seiner Protagonisten – die Geister möglicherweise scheiden dürften.

Wem also derbe Sprache und unverblümtes Darstellen von Gewalt nichts ausmacht, aber auch die Bedeutung von Freundschaft und Heimat klar ist, der wird mit Der Kinderdieb definitiv eine Bereicherung erfahren. Ein uneingeschränkt zu empfehlendes Kinder- oder Jugendbuch ist diese Version von Peter Pan mit Sicherheit nicht, doch die knapp 650 Seiten laden auch erwachsene Leser wieder zum Träumen und Erinnern ein.


Fazit:

Der Kinderdieb ist im Grunde nichts niemand Geringeres als Peter Pan für Erwachsene. Erfrischend ausdrucksstarke (im wahrsten Sinne des Wortes) Sprache vermengt sich mit lebendigen Charakteren und schafft so Unterhaltung für Jung und Alt – wobei Eltern wohl auf den Jugendschutz achten sollten, wenn sie ihre Kinder nicht bereits frühzeitig verderben wollen. Allein die Zeichnungen des Autors sind den Kauf des Buches bereits wert – ein Rundum-Paket der guten Unterhaltung für Auge, Geist und Zwerchfell!


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Zeichnungen: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

EgmontLyx, 1. Auflage April 2011
Originaltitel: An Artificial Night
Aus dem Amerikanischen von Rene Satzer
Klappenbroschur, 384 Seiten
12,99 EUR (D) | 13,40 EUR (A)
ISBN: 978-3-8025-8290-5
Leseprobe

Genre: Urban Fantasy


Klappentext:

Unter den Feen von San Francisco ist er ein vertrauter Schrecken: Blind Michael, der Kinderdieb, der mit seiner grausamen Schar in Vollmondnächten über die Hügel von Berkley jagt. Bisher hatte October Daye keinen Gedanken an ihn verschwendet, plagen sie doch ganz andere Sorgen. Aber als die Kinder ihrer Freundin Stacy plötzlich unter mysteriösen Umständen verschwinden, muss sich Toby diesem schlimmsten Albtraum von Faerie stellen …


Rezension:

Ich bin keine Wunderwerkerin, ich bin nur ein Halbblut mit dem Talent, sich nicht umbringen zu lassen.
(Seite 45)

October Daye kommt einfach nicht zum Durchatmen. Kaum das letzte Abenteuer verarbeitet und noch nicht mal annähernd von den Strapazen ebendieses erholt, steht die nächste Überraschung vor ihrer Tür: Ein perfektes Abbild ihrer selbst. Die sogenannten Holinge sind eigentliche Todesbotschafter, denn sie werden geschickt, um die betreffende Person auf ihren bevorstehenden Tod vorzubereiten. Für Toby, die bei ihren waghalsigen Abenteuern sowieso jedes Mal mit dem Ableben rechnen muss, ist das Auftauchen von May Daye – was übrigens eine tolle Metapher darstellt – zwar nicht besonders überraschend, hat aber doch auch seinen ganz eigenen Schrecken. Denn Toby hat keine Zeit zum Sterben: Erst kürzlich wurden mehrere Kinder von Blind Michael entführt, darunter nicht nur die beiden jüngsten ihrer besten Freunde, sondern auch normalsterbliche wie Quentins Freundin und Kinder vom Hof der Katzen. Letztere zu retten ist der Auftrag, den Tybalt, seines Zeichens König der Cat-Sidhe, October gibt – mit der Auflage, heil aus diesem Schlamassel wiederzukommen. Und auch Tobys Lehnherr Sylvester schickt ihr einen jungen Freund an die Seite, der den Auftrag hat, nicht ohne Toby zurück zu kehren.

So steht Toby in ihrem dritten Abenteuer nicht nur dem eigenen Tod gegenüber, sondern trägt auch noch die Verantwortung für die Rettung von etwa zwanzig verschwundenen Kindern. Irgendwie klar, dass Blind Michael seinen Ritt, der nur alle hundert Jahre stattfindet, genau in die Zeit legen muss, in der Toby für solche Aufträge zuständig ist. Als Leser darf man mit Erstaunen feststellen, wie gelassen die liebgewonnene Protagonistin mit der Situation umgeht und doch zum ersten Mal tatsächlich Angst zu haben scheint – nicht nur um die zu rettenden Charaktere, sondern auch um sich selbst. Das Auftauchen ihres Holings wirft sie einerseits aus der Bahn, stellt sich aber andererseits als sehr nützlich heraus. Besonders als October mit Hilfe der Luidaeg, die schon einmal Octobers Schuld durch Hilfestellung erlangte, auf verschiedenen Wegen ins Territorium des Blinden Michaels – der wie die Luidaeg einer der Erstgeborenen und daher sehr machtvoll ist – gelangt und dort nicht nur auf Feinde, sondern auch auf Verbündete und so einige, nicht nur angenehme Überraschungen trifft. Mays Anwesenheit geht im Trubel gerne mal ein wenig unter und wird „missbraucht“, doch sie gibt ihr Bestes, um ihren Zweck zu erfüllen. Nur hat sie ihre Berechnungen ohne Toby und deren Freunde gemacht.

So erwartet den Leser einmal mehr ein rasantes Abenteuer mit erstaunlichen Elementen aus den verschiedenen Genres der Literaturwelt. Phantastisches wird großartig mit Mystischem verbunden, auch Krimifans kommen erneut auf ihre Kosten und für die Sprachliebhaber hat die Autorin wieder wundervolle Sätze, Sprichwörter und Metaphern in ihre Geschichte fließen lassen. Nachtmahr ist ein Unterhaltungsbuch auf der ganzen Linie und kann sich nach den ersten beiden Teilen definitiv als gelungen einreihen. Das Wiedersehen mit alten Bekannten und überraschende Informationen über einige Charaktere runden den optisch ebenfalls wieder einen Blickfang darstellenden und zum Inhalt passenden dritten Band um die Halbfee October Daye perfekt ab. Nun bleibt abzuwarten, was an den Gerüchten dran ist, dass die Serie in Deutschland nicht länger fortgesetzt werden soll – denn eines ist sicher: Dies wäre ein herber Verlust für alle Fans der Urban Fantasy und solche, die es werden wollen.


Fazit:

Auch der dritte Band um Privatdetektiven October „Toby“ Daye kann in vollen Zügen überzeugen. Mit jeder weiteren Geschichte steigt die Begeisterung, mit jedem neuen Abenteuer versinkt der Leser tiefer in der Parallelwelt San Franciscos und erfreut sich immer mehr an den längst liebgewonnenen Charakteren. Nun wird mit Hoffnung und Spannung der Fortsetzung entgegen geblickt.


Wertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


McGuire, Seanan: October Daye I – Winterfluch
McGuire, Seanan: October Daye II – Nebelbann

cbj Fantasy, 1. Auflage April 2011
Originaltitel: Ingo
Aus dem Englischen von Knut Krüger
Taschenbuch, 320 Seiten
€ 7,99 [D] | € 8,30 [A] | CHF 13,90
ISBN: 978-3-570-40036-4

Genre: Jugendfantasy


Klappentext:

Als die dreizehnjährige Sapphy an der Küste Cornwalls auf den Meerjungen Faro trifft, der sie in die Tiefen des Meeres mitnimmt, spürt sie: Derselbe Sog, der ihren Vater ein Jahr zuvor in die Welt der Nixen und Wassermagier gelockt hat, zieht auch sie dorthin. Denn in ihr fließt das Blut der Nixen – sie gehört der Welt der Meerwesen ebenso an wie der der Menschen.
Als eine Gruppe von Tauchern die heiligen Gefilde der Meermenschen zu zerstören droht, muss Sapphy sich entscheiden, zu welcher Welt sie gehören will …


Rezension:

Als Sapphires Vater vor knapp einem Jahr eines Nachts mit dem Boot aufs Meer raus fährt und nicht zurückkehrt, geht die ganze Stadt davon aus, dass er entweder ertrunken oder mit einer anderen Frau abgehauen ist. Für Sapphy und ihren Bruder Connor steht jedoch fest, dass beides nicht zutrifft: Ihr Vater fuhr aufs Meer, seit er ein kleiner Junge war, und oft nahm er seine Kinder mit, um ihnen ebenfalls den reibungslosen Umgang mit seinem Boot beizubringen. Und die bedingungslose Liebe des Familienvaters macht die Annahme, er könnte seine Familie bei Nacht und Nebel für eine andere Frau verlassen haben, ziemlich unwahrscheinlich. Während Sapphys Mutter ihr Leben wieder in Angriff nimmt und weiterlebt, einen Job findet und das Beste aus der Situation zu machen versucht, ist Sapphy auch ein Jahr nach dem Verschwinden überzeugt, dass ihr Vater am Leben ist.

Schon immer übte das Meer eine gewisse Anziehungskraft auf das Geschwisterpaar aus, doch erst seit dem Verschwinden des Vaters spüren sie auch die Gefahr, die von der Urkraft ausgeht. Als Sapphy eines Tages auf der Suche nach ihrem Bruder den Meerjungen Faro kennen lernt, der sie schließlich mit in die Unterwasserwelt Indigo nimmt, stellt sie fest, dass sie in beiden Welten Zuhause sein kann. Faro zeigt ihr nicht nur die Faszination des Lebens unter Wasser, sondern macht Sapphy auch klar, was die Menschen dieser wundervollen Welt antun. Und als schließlich die Kunde laut wird, Taucher würden ein bestimmtes Gebiet vor der Küste Cornwalls genauer untersuchen wollen, wird Sapphire klar, dass sowohl Indigo als auch die Taucher auf ihre Hilfe angewiesen sind, denn für beide Parteien besteht Lebensgefahr.

Aus der Sicht Sapphires entführt Helen Dunmore den Leser in eine Welt, die sich unterhalb des Meeresspiegels abspielt, und arbeitet hierbei nicht nur mit wundervollen Bildern, sondern auch mit versteckten moralischen Denkanstößen, die geschickt eingeflochten sind und niemals als belehrender Zeigefinger verstanden werden. Durch die jungen Protagonisten ist auch die Sprache und der inhaltliche Aufbau eher einfach gehalten, was den Lesegenuss jedoch nicht schmälert. Gegenteilig scheint sich die Autorin hier ganz klar ihrer Ziellesegruppe anzupassen und bietet ein sprachlich leicht verständliches Niveau, bei dem man trotzdem das eine oder andere raffinierte Spiel vorfinden kann. In realem Hintergrund gehalten erfährt man als Leser vieles über die Landschaft und einiges über die Geschichte und Sagenwelt Cornwalls. Ob Liebhaber dieser Gegend vom Buch überzeugt sein können, ist fraglich, unbedarfte Leser dürfen sich jedoch an bildhaften Landschaftsbeschreibungen, vor allem der Küstenregion, erfreuen und davon ihre Reiselust anstacheln lassen.

Sapphire ist eine aufgeweckte Protagonistin, die manches Mal ein bisschen erwachsener wirkt als sie laut angegebenem Alter sein müsste, doch der Verlust des Vaters und der Kampf der übrigen Familie um Haus und Hof lassen einen Menschen sicherlich früher reifen. Überhaupt sind die zwischenmenschlichen Beziehungen im Buch sehr vielseitig gestaltet – einige Male wird man als Leser doch überrascht, wie die Protagonisten agieren und reagieren, andere Male sind eben diese Handlungen wunderbar nachvollziehbar, was eine Identifikation zumindest jüngeren Lesern leicht machen dürfte.
Ebenfalls interessant gestaltet sind die Unterwasserlebewesen, von denen man im ersten Band der Nixen-Trilogie zwar nur Faro wirklich kennen lernt, jedoch durch Erzählungen seinerseits auch von anderen Meermenschen erfährt. Obwohl Faro in seinen Denkweisen recht festgefahren und in seinen Äußerungen oftmals unbedacht scheint, ist seine Einstellung doch ebenfalls nachvollziehbar. Man schafft es, sich in seine Gedanken und seine Lage hineinzuversetzen, und wirft sozusagen – mit Hilfe Helen Dunmores – auch einen Blick hinter die Kulissen der Wasserwelten.

Abseits der typischen Vampir- oder Werwolf-Teenager-Romane und der momentan auch sehr angesagten Elfen- und/oder Feen-Geschichten lässt sich Helen Dunmore mit ihrer Nixen-Trilogie auf ein neues Unterkapitel der Jugendfantasy ein, das sicherlich auf seine Anhänger stoßen wird. Wahrscheinlich anfänglich noch als Geheimtipp gehandelt, dürften sich diese Bücher jedoch schon bald etablieren und hoffentlich nicht nur für gute Unterhaltung sorgen, sondern auch einiges in den Köpfen der überwiegend jungen Leser wachrütteln und anstoßen.


Fazit:

Für Leseanfänger und jugendliche Leser stellt Nixenblut nicht nur den Auftakt einer Fantasy-Trilogie abseits von Vampiren und Werwölfen dar, sondern verspricht auch kurzweilige Unterhaltung mit versteckten moralischen Denkanstößen. Erwachsene Leser können der Geschichte vor allem geweckte Erinnerungen an Kindheitsträume abgewinnen.


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

cbt, 1. Auflage März 2011
HC mit SU, 448 Seiten
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 26,90
ISBN: 978-3-570-16068-8
Leseprobe

Genre: romantische Jugendfantasy


Klappentext:

»Ich liebe dich, Sam, aber du bist nun mal eine Schattenschwinge. Du kannst nicht immer wieder hierherkommen und Mensch spielen, wenn du doch eigentlich der Sphäre angehörst. Deshalb ist es besser, wenn du jetzt gehst.«
»Das kannst du nicht wirklich wollen.« Sams Gesicht war eine Handbreit von meinem entfernt, doch ich sah ihn nicht an. Durfte ihn nicht ansehen.
»Ich will es nicht, aber ich tu es trotzdem. Geh bitte.«
Ich blickte ihm nicht nach, als er sich abwandte.
Ich sah in den grauen Himmel und spürte, wie alles leblos in mir wurde.

Für Mila ist es zu schön, um wahr zu sein: Sam ist zu ihr zurückgekehrt! Doch das Leben zwischen den Welten droht Sam zu zerreißen und birgt große Gefahren für die Menschen in seiner Umgebung. Mila fasst einen folgenschweren Entschluss …

Dramatisch – schicksalhaft – romantisch: Die Fortsetzung der Liebesgeschichte von Mila und Sam.


Rezension:

»In der Liebe verbirgt sich auch eine dunkle Seite, das ist ein offenes Geheimnis«, sagte Shirin. »Nicht alles, was die Liebe berührt, verwandelt sich in einen Rosengarten, sie macht uns nicht unbedingt zu einer besseren Person. Wer liebt, ist imstande, Grenzen zu überqueren – selbst wenn man dazu über andere hinwegschreiten muss. Du siehst einzig deine Liebe und es ist dir gleichgültig, dass der Weg zu ihr voller Dornen ist. Dornen, die nicht nur dich, sondern auch andere verletzen. Doch du bist so geblendet von dem Verlangen nach dem einen, dass alle anderen plötzlich völlig bedeutungslos erscheinen.«
(aus dem zehnten Kapitel, Seite 148)

Nachdem Sam sich im ersten Teil der Schattenschwingen-Trilogie gegen Asami behauptet hat, ist es ihm gestattet, zwischen den beiden Welten zu springen. Für ihn bedeutet dies, dass er ohne Abstriche machen zu müssen sowohl seinem Leben als Schattenschwinge nachkommen als auch Zeit mit Mila verbringen kann. Doch in der Sphäre findet ein gravierender Wandel statt, der Sam dazu zwingt, täglich mehrere Stunden Kampftraining über sich ergehen zu lassen. Zusätzlich dazu erfordert natürlich auch der Wechsel zwischen den Welten immer wieder einen hohen Kraftaufwand, sodass die Besuche bei Mila schnell zu einer kräftezehrenden Sache werden. Trotzdem wissen sowohl Mila als auch Sam, dass sie nicht nur zusammen gehören, sondern es wider alle Gegenwehr schaffen können, ein Paar zu sein. Denn noch immer ist die Anziehungskraft, die beide aufeinander haben, ungebrochen und steigert sich im Gegenteil immer mehr.

Als Sam sich gemeinsam mit Kastor, einer befreundeten Schattenschwinge, auf den Weg in das weiße Licht macht, um ein für alle Mal zu klären, dass der Schatten – jener Gegner, der die Sphäre vor langer Zeit seiner Macht unterwerfen wollte – noch immer in seinem Gefängnis eingeschlossen ist, finden sie nicht nur dessen einbalsamierten Leichnam, sondern auch einen alten Freund Kastors. Doch irgendwas an Nikolai ist seltsam, nicht nur seine strahlende Aura und sein nahezu engelsgleiches Aussehen erregen Sams Aufmerksamkeit. Viel Zeit zum Grübeln bleibt ihm jedoch nicht, denn Mila und Rufus bereiten in St. Martin bereits seine menschliche Rückkehr vor. Bis bei einem Ausflug in der Menschenwelt schließlich Kastor und Nikolai vor Lena, Milas bester Freundin, auftauchen und das Mädchen in Gefahr gerät – für Mila ist dies eine Grenze, die sie vor eine schwere Entscheidung stellt.

Bereits mit dem ersten Band um Sam und Mila zeigte Tanja Heitmann, dass sie auch neben dem Vampir- und Werwolf-Hype wundervolle Jugendfantasy schreiben kann und ebendiese Wesen nicht zwingend nötig sind, um ansprechende Geschichten unter die Leser zu bringen. Auch in Band zwei gewinnt die Autorin nahezu auf Anhieb das Leserherz, das lange auf die Fortsetzung warten musste. Realistisch stellt sie die Gefühle und Bedenken der Charaktere wie auch die auftauchenden Probleme des Doppellebens, welches Sam führt, dar und vermag es auf eine behutsame Weise, nicht nur Romantiker, sondern auch skeptische Leser von ihren Protagonisten und deren Geschichte zu überzeugen. Mila und Sam behaupten sich als willensstarke, aber auch besonnene Jugendliche, die neben ihrer großen füreinander empfundenen Liebe und immer stärker werdenden körperlichen Sehnsucht auch einen Blick für das Wesentliche und ihre Mitmenschen bzw. Mitschattenschwingen haben. Beiden steht dieses Verantwortungsbewusstsein unheimlich gut und für den Leser bleibt die ganze Zeit klar, dass dieses Paar es auf irgendeine Art einfach schaffen muss.

Über die wieder zweigeteilte Erzählstruktur bekommt man als Leser erneut Einblick in beide Gefühlswelten: Die des Menschenmädchens und die der Schattenschwinge. Beide plagen sich mit ganz eigenen Gedanken, an denen sie den jeweils anderen nicht immer teilhaben lassen, doch die starke Verbundenheit wird nie unterbrochen. Doch auch in die Erinnerungen von anderen Charakteren, im Speziellen der Schattenschwinge Shirin, erhält der Leser Einsichten, die vieles aus dem ersten Band ins richtige Licht rücken und neugierig auf mehr von der Geschichte der Sphäre machen. Man kann nur hoffen, dass Tanja Heitmann auch im dritten und abschließenden Bann weitere historische Elemente einflechten wird und dem Leser so die Chance gibt, auch Sams Welt etwas besser kennen zu lernen. Denn diese zeigt sich mehr und mehr als eine überaus interessante Parallele zu der Welt, wie die Menschheit sie kennt.

Mit dem ziemlich eindeutigen, aber offenen Ende und dem kurzen, aber intensiven Ausblick auf Band drei verabschiedet sich die Autorin nach knappen 450 Seiten und lässt erneut einen hibbelnden und ungeduldigen Leser zurück, der sich schon jetzt darauf freut, gemeinsam mit Mila und Sam und deren Freunden das große Finale zu erleben.


Fazit:

Auch im zweiten Schattenschwingen-Band beweist Tanja Heitmann, dass sie im Bereich der Jugendfantasy mehr als Zuhause ist. Liebevoll gestaltete Charaktere, atmosphärische Umgebung und eine Liebesgeschichte, die nicht einfach nur allem trotzt, sondern bei der die Protagonisten sich tatsächlich auch Gedanken um andere machen. Mit Spannung wird nun Teil 3 erwartet.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Heitmann, Tanja: Schattenschwingen

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