Horror/Mystery


Otherworld, 1. Auflage Januar 2011
Originaltitel: The Jigsaw Men
Aus dem Englischen von Michael Krug
Klappbroschur, 350 Seiten
EUR 14,95 (D) | sFr 23,50
ISBN: 978-3-8000-9538-4

Genre: Horror / Mystery


Klappentext:

Was würden Sie für zwei Millionen Dollar tun?

Michael Fox ist bereit, dafür einen Arm zu verkaufen. An einen reichen, brillanten Chirurgen. Was kann dabei schon schief gehen?
Mehr, als er sich in seinen schlimmsten Albträumen ausmalen könnte …

Innerer Klappentext:

Michael Fox ist im Begriff, Selbstmord zu begehen, als ihm ein Fremder zwei Millionen Dollar anbietet. Alles, was er dafür will, ist Fox’ rechter Arm.

Doch das ist erst der Anfang. Die Pläne des geheimnisvollen Chirurgen gehen weit über einen schlichten Arm hinaus. Und Fox ist nicht der einzige »Spender«.

Gefangen hinter den Türen des Operationssaals muss Fox feststellen, dass er einem Wahnsinnigen in die Falle gegangen ist … und es kein Entrinnen gibt.


Rezension:

«Ich wusste es. Ich wusste einfach, dass Sie der Richtige sind, Mike. Darum bin ich heute hier – um Ihnen zurück auf die Beine zu helfen. Auf meine Empfehlung hin ist Dr. Marshall bereit, Ihnen eine stattliche Summe dafür zu bieten, dass Sie ihm bei der Fortführung seiner Forschungen unterstützen. Was er von Ihnen möchte, ist völlig legal, und niemand bekommt Schwierigkeiten. Alles, was Sie verloren haben, können Sie zurückhaben – und mehr. Sie können alles haben, was Sie sich je erträumt oder gewünscht haben. Es ist ganz einfach, Mike. Wenn Sie bereit sind, Dr. Marshall zu geben, was er will, ist er bereit, Sie reich zu machen.»
(Seite 40)

Vor drei Jahren verlor Michael Fox bei einem Autounfall seine Frau und seinen Sohn. Seitdem ist er in den Sumpf der Obdachlosigkeit gerutscht, seine Tochter hat sich von ihm abgewandt und er selbst empfindet nur noch Todessehnsucht. Auf dem Weg in den Freitod wird ihm in nahezu letzter Sekunde ein unglaubliches Angebot unterbreitet: Zwei Millionen Dollar für seinen rechten Arm. Obwohl ihn von Anfang an ein seltsames Gefühl beschleicht, lässt er sich schließlich von der Menge des Geldes überzeugen, das nicht nur sein eigenes Leben wieder auf eine gerade Spur befördern, sondern auch seine Tochter zu ihm zurück bringen könnte.

Doch bei der Ankunft auf Dr. Marshalls Anwesen stellt Mike fest, dass er nicht der Einzige ist, dem eine bestimmte Summe für eine Gliedmaße angeboten wurde. Neben ihm werden drei weitere Männer, die ebenfalls zu der Obdachlosen-Szene der Stadt gehören, in die Privatklinik gebracht und das mulmige Gefühl verstärkt sich immer weiter. Ein erklärender Vortrag des Chirurgen beruhigt Mike ein wenig, aber schon bald muss er feststellen, dass er nicht den Weg in ein neues Leben, sondern in seinen ganz persönlichen Alptraum gefunden hat. Ein Alptraum, den unzählige andere Männer mit ihm teilen.

Gord Rollo greift in seinem Roman Amputiert die bereits wohlbekannte Idee des Frankenstein auf und holt sie in unsere moderne Welt: Die Erschaffung eines künstlichen Menschen, der trotzdem lebensfähig ist. Hierbei bedient er sich nicht nur Grauen erregenden Bildern, die er geschickt an den Leser bringt, sondern auch mitunter unblutigen und gerade dadurch so tiefgehenden Szenen. Obwohl die Idee selbst keine neue ist, stellt der vorliegende Roman keinen billigen Abklatsch dar, sondern verspricht trotz schlichtem Cover überaus spannende und fesselnde Unterhaltung. Dass dabei zwar der Held der Story eher blass rüberkommt und nicht zu hundert Prozent überzeugen kann, wird durch den fiesen und geisteskranken Doktor und seine Schergen mehr als ausgeglichen. In Amputiert glänzen die Bösen mehr als die Guten und gerade das macht das Buch so überaus erfrischend.

Angepasst an die Idee wird auch sprachlich ein wenig experimentiert, ohne zu sehr auf Risiko zu spielen. Leicht verständlich, aber trotzdem tiefgehend schafft Gord Rollo zumindest zeitweise eine Atmosphäre, die düster und beklemmend auf den Leser wirkt und sehr gut zum dunklen Gemäuer von Marshalls Anwesen passt. Der Autor nimmt kaum Rücksicht auf schwache Nerven, sodass zartbesaitete Leser das Buch wohl des Öfteren zur Seite legen müssen, um ihren Magen wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Und auch Hartgesottene dürften das eine oder andere Mal mit ihrem Schluckreflex zu kämpfen haben, denn leicht verdaulich ist Amputiert mit Sicherheit nicht.

Dass der Otherworld-Verlag sich nicht am Originalcover orientiert hat, kann man mit zwiespältiger Meinung betrachten. Denn so wird der Leser zwar durch den Titel, jedoch nicht durch die doch eher schlichte Covergestaltung auf die ihn erwartende Geschichte vorbereitet. Abzuwarten bleibt, was der deutsche Buchmarkt noch von Gord Rollo zu Gesicht bekommen wird – mit diesem Start sichert er sich allerdings auf Anhieb einen festen Platz in dem einen oder anderen Regal von Lesefreunden.


Fazit:

Amputiert mag auf den ersten Blick wie ein Frankenstein-Imitat wirken und tatsächlich sind einige Parallelen erkennbar. In die moderne Welt gezogen bewirkt diese Geschichte beim Leser vor allem eins: Beklemmung, da sie eine erschreckende Realität inne hat und in der heutigen Zeit gar nicht so abwegig erscheint.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


script5, 1. Auflage Januar 2011
Originaltitel: The Replacement
Aus dem Amerikanischen
von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
HC mit Relieflack, SU und LB, 368 Seiten
€ 17,95 (D), € 18,50 (A), CHF 27,50
ISBN 978-3-8390-0127-1
Leseprobe

Genre: Mystery-Jugendroman



Klappentext:

Die Wahrheit lautet schlicht: Man kann eine Stadt verstehen,
man kann sie kennen, lieben und hassen zugleich.
Man kann ihr grollen und es ändert sich nichts.
Letzten Endes ist man doch nur ein Teil von ihr.

Mackie Doyles Geheimnis und das seiner Stadt sind untrennbar miteinander verbunden. Um sein Leben zu schützen, tut er gut daran, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch als ein Kind verschwindet, muss Mackie sich entscheiden: Bricht er das Schweigen oder lässt er das Entsetzliche geschehen?

Innerer Klappentext:

Mackie Doyle lebt in Gentry, einer Kleinstadt in der amerikanischen Provinz. Doch die Welt, aus der er stammt, birgt Tunnel bis tief unter die Erde und bodenlose schwarze Tümpel, sie beherbergt wandelnde Tote und eine Herrscherin, so grausam wie die Nacht. Vor vielen Jahren wurde Mackie ausgetauscht – anstelle eines menschlichen Babys in dessen Wiege zurückgelassen. Er würde alles dafür tun, ein normales Leben zu führen, unbemerkt von neugierigen Augen, doch die andere Seite der Nacht ruft ihn: Als wieder ein Kind verschwindet, die Schwester seiner großen Liebe Tate, weiß Mackie, dass er sich den dunklen Kreaturen tief unter der Stadt stellen und endlich seinen Platz finden muss – in unserer Welt oder ihrer.



Rezension:

Das Baby liegt in der Wiege; es weint, ängstlich und verstört. Sein Gesicht leuchtet hell zwischen den Gitterstäben auf. Der Mann kommt durchs Fenster – hager, schwarzer Mantel – und greift sich das Baby. Dann lässt er sich wieder über die Fensterbank nach draußen gleiten, schiebt die Scheibe runter, setzt das Fliegengitter wieder ein. Und ist verschwunden. In der Wiege liegt etwas anderes.
In dieser Geschichte ist Emma noch ein kleines Kind. Sie klettert aus dem Bett und tapst in ihrem Schlafanzug durchs Zimmer. Als sie die Hand zwischen die Gitterstäbe steckt, kriecht das Ding in der Wiege näher. Es versucht, sie zu beißen, und sie zieht die Hand zurück, aber sie läuft nicht weg. Die ganze Nacht sehen sie einander in der Dunkelheit an. Am nächsten Morgen liegt das Ding immer noch zusammengekrümmt auf der mit Lämmern und Entchen bedruckten Matratze und starrt sie an. Das ist nicht ihr Bruder.
Das bin ich.
(Seite 19)

Es hört einfach nicht auf zu regnen in Gentry, der kleinen Stadt mit dem hohen Eisenvorkommen in der Erde. Die Tage sind trüb und wolkenverhangen, der Regen gehört bereits zum Alltag und fällt den Menschen gar nicht mehr auf. Er ist eben einfach immer da, und mitten drin lebt Mackie Doyle. Mackie, der zu dieser Stadt ein besonderes Verhältnis hat, denn er stammt nicht aus der Stadt selbst, sondern aus der Welt, die darunter verborgen liegt. Denn Mackie ist nicht wie die anderen Jugendlichen in seiner Umgebung – er ist ein Wechselbalg. Als Säugling wurde er gegen ein echtes Menschenbaby ausgetauscht und wuchs an seiner Stelle in der Familie Doyle auf. Normalerweise bemerkt die Familie diesen Austausch nicht, die einzige Veränderung ist die, dass das Kind krank wird und früh stirbt, nur selten erreichen Wechselbälger das Jugendalter. Nicht so bei den Doyles, denn aus Gründen, die in der Vergangenheit von Mackies Mutter liegen, wissen sie um den Austausch ihres Sohnes gegen Mackie. Es bleibt ein Geheimnis der Familie und Mackie wird wie ein echtes Kind geliebt, obwohl man wahrscheinlich anderes erwarten würde.

Mackie versucht sein Bestes, um nicht in der großen Masse aufzufallen. Verborgenheit ist sein wichtigstes Werkzeug, daher ist er eher zurückgezogen und lässt nur wenige Menschen an sich heran. Eine sehr enge Beziehung pflegt er zu seiner Schwester und auch wirkliche Freundschaft verbindet ihn nur mit einer Handvoll Mitschülern. Bis die Schwester einer Mitschülerin krank wird und stirbt. Dies ist der Moment, in dem Mackie klar wird, dass er nicht länger verleugnen kann, woher er kommt und wohin die Kinder, die so früh sterben müssen, gebracht werden. Er fasst einen Entschluss und tut alles dafür, die Tates Tränen und ihre Verzweiflung um den Verlust ihrer Schwester ins Gegenteil zu kehren. Mit Hilfe unerwarteter Verbündeter und seiner wenigen Freunde nimmt er den Kampf gegen seine Herkunft und die verborgene Welt im Untergrund der Stadt auf – doch wird das reichen, um eine wirkliche Veränderung geschehen zu lassen?

Brenna Yovanoffs Schweigt still die Nacht ist eines der Highlights im diesjährigen Programm des script5-Verlages. Und das zu Recht, denn mit der Geschichte um Mackie Doyle begibt sich die Autorin auf einen Weg, der in der Unterhaltungsliteratur – gerade im Bereich für Jugendliche – ein eher selten eingeschlagener ist. Diese Lücke, dieses Schlupfloch nutzt sie geschickt, um ihr Talent zum Geschichtenerzählen zum Ausdruck zu bringen und den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Mit unglaublichem Detailreichtum erweckt sie eine Welt mit zauberhaften, aber auch erschreckenden Wesen – Wesen, die beängstigend und beeindruckend zugleich sind, zu denen man auf Anhieb Zugang findet, obwohl die Storyline selbst gar nicht so viel Handlungsspielraum hergibt. Das Geheimnis liegt in der Faszination des Unbekannten, des Mystischen und in der Fähigkeit der Autorin, all das zu verbinden und dem Leser in einer Art vorzulegen, die ihn förmlich dazu zwingt, das Geschriebene in sich aufzusaugen.

Bei der Gestaltung ihrer wichtigen Charaktere hat Brenna Yovanoff viel Liebe zum Detail bewiesen. Beim Lesen entstehen Figuren vor dem inneren Auge und werden lebendig – fast scheint es, als könnten diese Wesen jeden Moment aus dem Buch springen und sich neben den Leser setzen, ihm beim Weiterlesen über die Schulter schauen und mit einem Grinsen im gezeichneten Gesicht immer wieder nicken, wenn eine Stelle über sie an der Reihe ist. Diese Lebendigkeit ist einer der großen Pluspunkte, die Schweigt still die Nacht verzeichnen kann, hinzu kommt die passende Düsternis der unheimlich dichten Atmosphäre – wenn es eine perfekte Umgebung für dieses Buch gibt, ist es eine schummrige Ecke, während der Regen gegen die Fenster peitscht. Denn dann fühlt man sich fast in die Kleinstadt Gentry versetzt, sitzt neben Mackie und seiner Schwester auf dem Dach vor seinem Zimmerfenster und lauscht den beiden bei ihren Gesprächen.

Ich träume von Feldern, düsteren Tunneln, aber nichts ist deutlich zu erkennen. Ich träume von einer dunklen Gestalt, die mich in die Wiege legt, die hand auf meinen Mund legt und mit etwas ins Ohr flüstert. Psst, sagt sie. Warte. Dann ist niemand mehr da, niemand berührt mich, und als der Wind durch den Fensterspalt hereinweht, wird meine Haut ganz kalt. Ich wache auf und fühle mich einsam und die Welt kommt mir groß und eisig und unheimlich vor. Als würde mich nie wieder jemand berühren.
(Seite 9)

Für Mystery-Fans ist dieses Autorendebüt eine wundervolle Möglichkeit, weitere Mythen zu entdecken oder tiefer in bereits bekannte Mysterien einzutauchen. Neben dem überzeugenden Inhalt, der durchaus Potential für Fortsetzungen birgt, darf man dem Verlag für die Gestaltung ein großes Lob aussprechen. Bereits das Cover und die Aufmachung des Inneren verspricht einen großen Genuss – zum Lesen und zum Gucken.



Fazit:

Der Mythos um die Wechselbälger ist ein nur wenig in der Unterhaltungsliteratur auftauchendes Thema. Brenna Yovanoff greift dieses Thema in Schweigt still die Nacht geschickt auf und verpackt es in eine spannende und nachvollziehbare Geschichte, die nicht nur für Jugendliche geeignet ist, sondern auch Erwachsene mitreißen kann. Mit der genau richtigen Mischung aus leichtem Lesestil, düsterer Atmosphäre und mystischer Thematik gelingt hier ein Debüt, das auf weitere Bücher der Autorin hoffen lässt.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5


Dresdener Buchverlag, 1. Auflage November 2009
Hardcover, 236 Seiten
17,90 Euro (D)
ISBN: 978-3-941757-09-7
Leseprobe

Genre: Mystery-Jugendroman



Klappentext:

Niemand hat dem langweiligen Eduart angesehen,
was er wirklich war – bis ein Autounfall eine Lawine
von Ereignissen ins Rollen bringt, mit denen keiner gerechnet hätte.
Mit sehr viel Mut retten der dicke Hugo und sein flippiger Freund Felix Eduart vor einem sehr seltsamen Doktor.
Dabei lernen sie eine andere Galaxis kennen und helfen Eduart sogar bei seinem Kampf gegen außerirdische Verräter.
Währenddessen haben die Jungs auch immer einen frechen Sprung auf den Lippen und werden zu Freunden, die sich bedingungslos aufeinander verlassen können.

Gebt also acht: Wenn Nebel über das Land zieht, dann muss es nicht immer nur Wasserdampf sein …



Rezension:

Eduart ist ein ganz normaler Junge. Glaubt er. Ein ganz normaler Außenseiter, der sich für Mathematik, Chemie und Bücher interessiert, immer mit den gleichen grauen Klamotten rumläuft und lediglich zu den beiden anderen Außenseitern der Klasse Hugo und Felix Anschluss findet. Seine Eltern sind ständig unterwegs, einzig seine Betreuerin Frau Schmidt bekommt er täglich zu Gesicht. Ebenfalls engen Kontakt hält er zu dem Apotheker Herrn Rosenberg, der seine Neugier in Sachen Chemie durch die Gabe von Reagenzgläsern und weiteren Dingen unterstützt. Beide Bezugspersonen sind immer von einer seltsamen Duftwolke umgeben, die an die vier Elemente erinnert – Erde, Feuer, Wasser und Luft. Eine Sache, die Eduart schon gar nicht mehr auffällt, genausowenig wie die Tatsache, dass alle von Frau Schmidt zubereiteten Speisen dieselbe graue Farbe haben – ganz ähnlich der seiner Kleidung.

Als bei einem Versuch ein Gefäß mit grauem Pulver zu Bruch geht und er sich in der Apotheke eine neue Ration sowie einige andere Dinge für seinen Versuch besorgen möchte, fallen ihm seltsame Dinge dort auf. Überhaupt fühlt er sich an diesem Tag anders als sonst, irgendwie freier. Dass Herr Rosenberg sich ebenfalls merkwürdig verhält, wundert Eduart zwar noch mehr, aber er lässt die seltsamen Dinge einfach seltsam sein und gibt seine Bestellungen auf. Am Tag der Abholung wird er vor der Apotheke von einem Auto erfasst, durch die Luft geschleudert – und überlebt ohne einen einzigen Kratzer. Klar, dass das Ärzte und Tests auf den Plan ruft, aus deren Fängen Eduart von seinen Freunden Hugo und Felix befreit wird.

Was folgt, muss jeder Leser selbst herausfinden, denn hier mehr zu verraten würde zu sehr spoilern und den möglichen Lesespaß sowie die Spannung nehmen. Nur so viel sei verraten: Die Autorin versteht es, Spannungsbögen aufzubauen und abrupt enden zu lassen, manche Fäden zielen leider ins Leere und doch will man wissen, wie es weitergeht und schließlich endet. Die Mischung aus Mystery, Science Fiction, Fantasy und Jugendliteratur übt einen gewissen Reiz aus, der jedoch nur unzureichend bedient wird. Aus der Idee hätte man sehr viel mehr holen können und mit etwas mehr Liebe zur Sprache und zu den Charakteren wäre Elke Keller vielleicht auch besser gelungen, das Leserherz für sich zu gewinnen.

Die Charaktere sind sehr klischeehaft gestaltet – typische Außenseiter, typische Rudeltiere und Rudelanführer, typische Verräter – fast ist man gelangweilt von dieser stereotypen Gestaltung wichtiger Protagonisten. Dazu kommt, dass die Autorin durch ihre Sprache und unnütze Zwischenbemerkungen diskriminierend wirkt, was insbesondere bei Jugendliteratur eine schwierige Sache darstellt. So manches Mal schüttelt man als (erwachsener) Leser den Kopf, wo Jugendliche möglicherweise Humor und Amüsement entdecken. Das ist schade, denn gerade in der heutigen Zeit sollten Bücher Akzeptanz vermitteln und nicht zusätzlich gegen die gesellschaftlichen „Randgruppen“ aufhetzen. Insbesondere der „dicke“ Hugo bekommt des Öfteren Seitenhiebe zu spüren – auch von seinen eigentlich besten Freunden, wobei man sicherlich manches als freundschaftliches Necken abtun könnte.
Trotzdem hat Nebeljunge auch erzieherischen Wert, denn die Freundschaft ist anfangs sehr einseitig, doch im Laufe der Erzählung wächst Eduart mit seinen neu entdeckten „Fähigkeiten“ und öffnet sich seinen Mitmenschen.

Sprachlich und erzählerisch bietet Elke Kellers Debüt nichts, was man als besonders bezeichnen könnte. Einige sehr ins Auge fallende grammatikalische Fehler, die dem Lektorat entgangen sind, stoßen Sprachliebhabern sauer auf und die Autorin muss noch lernen, mit den Worten zu spielen und sie ihre Wirkung selbst entfalten zu lassen. Das Buch ist seicht geschrieben und dementsprechend dümpelt auch die Handlung vor sich hin – bis auf einen starken, aber verhältnismäßig kurzen Mittelteil hinterlässt Nebeljunge ein Gefühl der Gleichgültigkeit – es wäre auch nicht schlimm gewesen, wenn das Buch an einem vorbeigezogen wäre.

Durch das recht offen gehaltene Ende stellt sich natürlich die Frage, ob die Autorin einen weiteren Versuch in der Literatur-Branche wagen wird. Potential ist erkennbar und wenn sie an ihrer guten Idee festhält und an ihrer Umsetzung arbeitet, könnten eventuell folgende Bände um den Nebeljungen Eduart und seine Freunde durchaus lesenswert sein. Es bleibt also abzuwarten, ob und wie man wieder von Elke Keller hören wird.



Fazit:

Für Jugendliche ohne hohen literarischen Anspruch dürfte Nebeljunge eine gewisse Spannung inne haben. Die Grundidee der Geschichte lässt viel erhoffen, die Umsetzung hingegen ruft den Vergleich mit einem Kartenhaus wach. Unpassende und vor allem unnötige, versteckte und auch offensichtliche Diskriminierungen schmälern das ohnehin schon sehr rare Lesevergnügen noch zusätzlich. Für eventuelle zukünftige Bücher sollte die Autorin mehr an sich halten.



Wertung:

Handlung: 2,5/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 1,5/5
Preis/Leistung: 1,5/5


Edition PaperOne, 1. Auflage März 2010
Taschenbuch, 130 Seiten
€ 9,95 (D)
ISBN: 978-3-94113-452-2

Genre: Mystery



Klappentext:

„WENN DU NICHT WEISST,
WOHER DU KOMMST UND
DIE VERGANGENHEIT AN DEINE TÜR KLOPFT,
BIST DU BEREIT, IHR ZU ÖFFNEN?

Mein Name ist Sarah, und dies ist meine Geschichte. Mein Leben begann in einer Zeit, welche für mich immer im Dunkeln geblieben ist. Auch heute noch ist es mir nicht möglich, auch nur etwas Reales aus meiner früheren Kindheit zu erzählen. Was gehört zu meiner Phantasie? Was ist Realität? Wie soll ich diesen feinen Unterschied ergründen, fehlen mir doch jegliche Anhaltspunkte? In meinen Erinnerungen beginnt mein Leben mit zehn Jahren, denn in jener Zeit kam Licht in die Dunkelheit meiner Wesenlosigkeit.

In meinen Träumen höre ich Stimmen, die mich rufen. Wie ein Kind der Rastlosigkeit kommen Gedanken und Bilder aus einer Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, welche es aber durch ihre Stärke immer wieder vollbringen, mich zu beunruhigen. Wer bin ich wirklich?“



Rezension:

“Das Leben kennt keinen Zufall.“
(Seite 67)

Sarah wird von Albträumen geplagt, in denen viele Bilder auf sie einstürzen, die sie nach dem Aufwachen noch immer in ihrem Bann halten und beschäftigen. Ein altes Herrenhaus taucht oft darin auf, zu dem sie eine Verbundenheit fühlt, die sie sich nicht erklären kann. Für sie, die in einem Heim lebt und aufwächst, gibt es niemanden, mit dem sie über diese beängstigenden Träume und die von ihnen ausgelösten Gefühle reden kann. Gegenteilig jagt der Heimleiter ihr und den anderen Mädchen noch zusätzliche Angst ein.
Eines Tages gelingt Sarah die Flucht, bei der sie alles, was sie nicht am Körper trägt, zurücklässt. Als sie unter einer Brücke inmitten von Nebel Schutz sucht, trifft sie auf den Obdachlosen Shabo, der sich ebenfalls zu verstecken scheint. In Shabo findet Sarah eine Bezugsperson, er nimmt bei sich auf und macht sich, als sie erneut fliehen müssen, mit ihr auf die Suche nach dem Haus ihrer Träume. Dabei ist er die ganze Zeit über sicher, dass Sarahs Träume ihr etwas Wichtiges mitteilen möchten, denn Träume erzählen immer etwas über einen selbst.

Traurigkeit umschloss mich wie ein warmer Mantel der Erinnerungen.
(Seite 33)

Bereits im Prolog schafft Jean-Pascal Ansermoz eine düstere Stimmung – Sarah erzählt von ihren Träumen, von ihrer eigenen Wesenlosigkeit in diesen und von der Finsternis, die sie auch nach dem Aufwachen immer noch gefangen hält. Das gesamte Buch über bleibt die Atmosphäre beklemmend, was durch die Schauplätze nur noch verstärkt wird. Der Autor hat mit einer Zeit des Krieges eine gute Wahl für seine Geschichte getroffen, denn die Tristesse und das Grau der Städte passen sehr gut zu den düsteren Träumen Sarahs. Gut gelungen sind Ansermoz auch die fließenden Übergänge zwischen eben diesen Träumen und der realen Welt nach dem Aufwachen – dem Leser wird erst nach einigen Zeilen oder gar Absätzen klar, das Sarah gerade träumt. Eindeutig abgegrenzt sind hingegen die Momente, in denen sie wieder aufwacht, doch auch hier findet man Übergänge, die nicht abgehackt wirken.

Das Schicksal hatte mehrere Flügel in dieser Nacht.
(Seite 52)

Was Ansermoz in Sachen Atmosphäre und Verbindung zwischen Traum- und realer Welt sehr gut hinbekommt, geht bei Handlung und Inhalt leider verloren. Die meiste Zeit sind Sarah und Shabo, die beide alterslos bleiben, unterwegs und auf der Flucht, sie kommen kaum zur Ruhe. Auch als sie das Haus aus Sarahs Träumen finden, wird es nicht ruhiger, denn Shabo ist krank und Sarah wird weiterhin, sogar noch schlimmer von ihren Albträumen gequält. Dabei wird der Leser trotz der fortschreitenden Seitenzahl jedoch mit keinem Wort schlauer – Ansermoz spielt mit dem Geheimnis um Sarahs Vergangenheit und woher ihr Verbundenheitsgefühl stammt. Dabei vergisst er jedoch scheinbar, dass der Leser die Spielregeln und Hintergründe nicht kennt, und lässt ihn bis zum Schluss – und darüber hinaus – im Dunkeln tappen und dort letztendlich auch stehen.
Und auch sprachlich überzeugt Jean-Pascal Ansermoz leider nur bedingt. Einige wunderschöne Sätze und Zeilen bleiben im Gedächtnis hängen, doch mindestens genauso viele sprachliche Holper sowie Schreib- und Zeichensetzungsfehler reißen aus dem ansonsten flüssigen und mühelosen Lesen. Obwohl man sich erst an den Sprachstil, der doch sehr gehoben scheint, gewöhnen muss, findet man sich schnell gut darin zurecht, und einige Eigenheiten darf man getrost dem Schweizer Dialekt zuschreiben.

Sterne standen am Wegrand.
(Seite 51)

Insgesamt fesselt Ansermoz Roman auf eine spezielle Art, die nicht jedem gefallen wird. Doch aufgeschlossene Leser, die sich gerne auf die Düsternis einlassen möchten, werden in diesem kleinen Buch jede Menge davon finden, ohne dass das Gefühl einer Überdosierung derselben stattfindet.



Fazit:

Das Erwachen der Steine überzeugt vor allem durch seine düstere Atmosphäre. Wo es leider an Inhalt und richtiger Handlung fehlt, schafft es Jean-Pascal Ansermoz, die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Traumwelt einzufangen und darzustellen. Ein kurzweiliges Buch für zwischendurch, das nicht nur dunkle Gemüter fesseln dürfte.



Wertung:

Handlung: 2,5/5
Atmosphäre: 4/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 2/5


Fischer Schatzinsel, 1. Auflage April 2008
Originaltitel: Bad Blood
Aus dem Englischen von Anna Julia Strüh und Christine Strüh
HC mit SU, 400 Seiten
€ 15,90 [D] | € 16,40 [A] | SFR 28,90 (UVP)
ISBN: 978-3-596-85297-0
Leseprobe

Genre: Horror / Jugendliteratur



Klappentext:

Wenn dir dein Name zum Verhängnis wird …

Ein altes englisches Landhaus. Ein geheimes Spielzimmer. Spuren mysteriöser Opferrituale und dreißig Puppen, denen die Augen herausgeschnitten wurden. Als John, Katherine, Catriona und Roland im Haus ihrer verstorbenen (Stief)Mutter ankommen, machen sie eine entsetzliche Entdeckung nach der anderen.

Umschlagtext:

Eine verborgene Tür führt in ein geheimes Spielzimmer. Dort liegt ein Stapel alter Kinderbücher, aus denen die Namen einzelner Charaktere herausgestrichen sind. Vor vielen Jahren haben sich hier drei Mädchen ein düsteres Spiel ausgedacht. Was sie spielten, wurde real, doch dann geriet das Spiel außer Kontrolle. Die Mädchen verließen den Ort ihrer Kindheit und versuchten, das Spiel zu vergessen.
Doch die aus der Phantasie befreiten Kreaturen blieben am Leben. Tief im Wald warten sie noch immer auf längst fällige Opfergaben, und sie rasen vor Wut. John, Katherine, Catriona und Roland sind die Einzigen, die das Spiel beenden können, und treten das gefährliche Erbe der Mädchen an. Doch sie werden zu hilflosen Spielfiguren …



Rezension:

Der Blick im Buchladen schweift über die Regale und bleibt an einem blutroten, mit schwarzen Dornenranken versehenen Buchrücken haften. Böses Blut lockt bereits mit seiner äußeren Gestaltung und macht neugierig auf den Inhalt. Und auch der Klappentext verspricht ein Gruselvergnügen der ganz besonderen Art.

Zwei Geschwisterpaare, die ungleicher nicht sein könnten, werden durch die Heirat ihrer Eltern zu einem Geschwisterquartett, bei dem vorherzusehen ist, dass es jede Menge Ärger geben würde. Vor allem die beiden Mädchen, Cat und Kat, haben sich ständig in den Haaren – das geht schon beim Namen los. Jeder, der Geschwister hat und sich an seine Jugend erinnert – oder gerade mittendrin steckt –, findet sich selbst ein Stück in diesem Buch wieder und kann sehr gut nachvollziehen, warum die Kids so reagieren, wie sie eben reagieren. Als die Eltern die vier Kinder auf einen Urlaubstrip mitnehmen, ist aber nicht nur Ärger, sondern auch Spannung und Abenteuer vorprogrammiert.

Lassiter hat sich viel Mühe mit ihren Charakteren gegeben, die auf der einen Seite typische Heranwachsende sind, auf der anderen Seite aber auch mystische Züge haben. Besonders schön sind die Bilder, mit denen sie den geheimnisvollen und gefährlichen Wald beschreibt, der eine große Rolle für die erzählte Geschichte spielt. Die Autorin versteht es, bekannte Märchen mit neuen Ideen zu verbinden und schafft eine neue Seite des Jugend-Horrors, der zum Greifen nah scheint.

Böses Blut ist ein netter Jugendroman, der einen Erwachsenen nicht mehr wirklich gruseln kann, doch für Heranwachsende ist diese Mischung aus bekannten Märchenfiguren und unbekanntem, neuem Grauen sehr gut gelungen. Der Schreibstil ist ein wenig unbeholfen, doch da Lassiter laut Umschlagtext bereits in über zehn Sprachen übersetzt wurde, kann dies der Übersetzung geschuldet sein. Inhaltlich ist auf jeden Fall denkbar, dass die Autorin im Jugendbereich sehr erfolgreiche Bücher geschrieben hat.



Fazit:

Für lesebegeisterte Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, die keine Angst mehr im Dunkeln haben, sich aber gern mal ein wenig gruseln, ist Böses Blut eine absolute Empfehlung.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3/5