Interviews


Schattenkämpferin: Hallo Nora! Schön, dass Du Zeit findest und Dich meinen neugierigen Fragen stellen möchtest. Erzähl meinen Lesern doch bitte kurz, wer Du bist und was Du machst.

Nora Melling: Mein Name ist Nora Melling, ich lebe mit meinem Mann und meinen vier Kindern in Zehlendorf, einem der grünen Bezirke Berlins. Ich schreibe, was ich auch am liebsten lese, nämlich Fantasy. Mehr über mich und meine Geschichten findet man auf meiner Website www.noramelling.de.

Schattenkämpferin: Im November 2010 hast Du mit „Schattenblüte: Die Verborgenen“ den ersten Band Deiner Jugend-Fantasy-Reihe um Thursen und Luisa auf den Markt gebracht. Ging damit für Dich ein langjähriger Traum in Erfüllung und wie lange musstest Du dafür arbeiten? Worum geht es in dem Buch?

Nora: In dem Buch „Schattenblüte. Die Verborgenen“ geht es um Luisa, die vor Schmerz um den Tod ihres Bruders in Trauer versinkt. Ein Junge, der sich Thursen nennt, rettet sie aus ihrem Seelentief und muss ihr dann gestehen, dass er kein Mensch, sondern ein Werwolf ist. Mit allen Überarbeitungen hat es ungefähr zwei Jahre gedauert, Luisas und Thursens Geschichte in den Computer zu tippen.

Und: Ja, natürlich ging mit der Veröffentlichung für mich ein Traum in Erfüllung! Ich habe schon als Schülerin davon geträumt, dass meine Geschichten einmal ihren Weg zwischen zwei Buchdeckel finden würden. Weil ich aber meine damaligen Fähigkeiten als Autorin ziemlich realistisch eingeschätzt habe, habe ich die Buchdeckel für meine handgeschriebenen Geschichten lieber selbst gebastelt.

Schattenkämpferin: Wann und mit welchem Ziel hast Du begonnen, „Schattenblüte“ zu schreiben? Und hattest Du von Anfang an klare Vorstellungen, in welche Richtung der Roman führen soll, oder hast Du Dich einfach von der Geschichte und Deinen Charakteren leiten lassen?

Nora: Ich hatte mir zwar einen Anfang und ein Ende überlegt, mich ansonsten aber ganz von den Figuren leiten lassen. Mein Ziel war es für mich, herauszufinden, wie nah man an eine fiktive Figur kommen kann. Film und Fernsehen können ein Geschehen nur von außen zeigen, in einem Roman kann man ganz in das Innenleben der Protagonisten hineinkriechen. Manchmal war das allerdings sehr anstrengend, da ich die Trauer und Verzweiflung meiner Luisa ja bis zu einem gewissen Grad selbst nacherleben musste, um sie realistisch schildern zu können.

Schattenkämpferin: Nun ist es ja nicht einfach, auf dem Literatur-Markt Fuß zu fassen. Wie schwierig gestaltete sich Deine Suche nach einem passenden Verlag? Musstest Du viele Absagen hinnehmen, bevor der Rowohlt-Verlag Dein Potential erkannte und Dich unter Vertrag nahm?

Nora: Glücklicherweise habe ich für „Schattenblüte“ keine Absagen bekommen. Ich hatte das große Glück, bei meiner Wunschagentin angenommen zu werden, die dann für mich die Vertragsverhandlungen geführt und für „Schattenblüte“ den besten Verlag – Rowohlt Polaris – gefunden hat.

Schattenkämpferin: Das Hintergrundwissen, dass du – wie Luisa – von Hamburg nach Berlin gezogen bist, legt natürlich die Frage nahe, wie viel Nora Melling in der Protagonistin steckt. Wie weit identifizierst Du Dich mit Luisa, welche Charakterzüge könnten glatt Deine eigenen sein und wie viel Einfluss haben andere Menschen aus Deinem Umfeld auf die Gestaltung der Charaktere genommen?

Nora: Ich glaube nicht, dass so sehr viel Luisa in mir steckt. Luisa, die sich immer durchboxt, das bin ich nicht. Dass Luisa wie ich aus Hamburg kommen sollte, hat einen einfachen Grund: Wenn Luisa kein Stadtmensch gewesen wäre, wäre sie sicher erst einmal von Berlins Größe überwältigt gewesen und hätte sich auch nicht so schnell mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurecht gefunden. Tja, und dann ist da noch die Sprache. Ich selber verwende in meiner Sprache, so versichert man mir jedenfalls, ein Mischmasch von Berliner und Hamburger Ausdrücken. Da ich das aber selbst nicht merke, kann ich das wohl auch kaum abstellen. Wenn Luisa also jetzt den gleichen Background mitbringt wie ich, darf sie einmal: „Lass das nach!“ rufen, wie man das in Hamburg sagt, und auf der anderen Seite ganz berlinerisch zum Schrippen holen laufen.

In ein paar meiner Figuren steckt etwas von Menschen, die ich mal irgendwo getroffen habe, oft nur ein Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist. Da das, was ich mir für meine Figuren ausgeborgt habe, ziemlich tragische und verzweifelte Momente im Leben der jeweiligen Personen waren, kann nicht natürlich hier nicht erzählen, was von wem stammt.

Schattenkämpferin: Sehr speziell, besonders für einen deutschen Roman, sind die Namen Deiner Protagonisten. Alle kann man recht eindeutig in den nordeuropäischen Bereich ordnen. Verbindet Dich etwas mit den skandinavischen Ländern oder faszinieren Dich einfach die fremdländischen Namen?

Nora: „Lars Lund“ ist natürlich nordisch, das ist richtig. Ich mochte den Namen einfach, vielleicht habe ich als Kind zu viel „Bullerbü“ gelesen, wo Lasse immer den Ton angab. Bei den Werwölfen verhält es sich anders. Die sollten so eine Art „Bezeichnung“ tragen, die eben kein Name ist. Somit schied alles aus, was zum Beispiel auf „a“, „o“ oder „us“ endet. Wenn sich das, was dann bei meinen Wortfindungsversuchen herauskam, für Dich nordisch anhört, ist das Zufall.

Schattenkämpferin: Werwölfe sind derzeit, neben Vampiren, ein sehr beliebtes Thema in der Literatur. Welchen Reiz üben diese Wesen auf Dich aus, sodass Du Dich entschieden hast, ihnen einen Platz in Deinem Roman zu bieten?

Nora: Ich war schon als kleines Kind von Wölfen fasziniert. Einerseits hatte ich nachts Albträume von bösen Wölfen, andererseits wollte ich im Zoo immer die Wölfe sehen. Als Schülerin durfte ich sogar mal einen Wolf anfassen. Die Ausrottung der Wölfe in der freien Wildbahn war für mich immer ein Sinnbild dafür, wie stark der Mensch die Natur unterworfen hatte, aus Angst vor ihren vermeintlichen Gefahren. Werwölfe vereinigen in sich beides, die zivilisierte Menschenseite und die ungezähmte, bedrohliche Natur, die jederzeit hervorbrechen kann – faszinierende Geschöpfe.

Schattenkämpferin: „Schattenblüte“ ist dem Fantasy-Genre zuzuordnen. Würdest Du Dich gern auch an anderen Genres versuchen, zum Beispiel mal einen richtig blutigen und unter die Haut gehenden Thriller schreiben? Was befindet sich hauptsächlich in Deinem privaten Bücherregal? Und welche Autoren würdest Du immer wieder lesen?

Nora: Ich liebe Fantasy und mein Bücherregal biegt sich zum Leidwesen meiner Familie unter fast sämtlichen Fantasy-Neuerscheinungen. Daher weiß ich auch mittlerweile ziemlich gut, wie Fantasy funktioniert. Von zum Beispiel Thrillern weiß ich das nicht so gut, ich müsste sicher noch eine ganze Menge lernen, um einen richtig spannenden Thriller hinzubekommen, aber reizen würde es mich schon.

Schattenkämpferin: So vielseitig wie die Regale sind auch die Schreibgewohnheiten von Autoren. Wie sieht Dein Schreibtisch aus? Oder schreibst Du an völlig anderen Orten und sitzt nur selten an einem festen Arbeitsplatz? Wie gehst Du beim Schreiben vor – einfach fließen lassen oder kontinuierliches Abarbeiten von vorher festgelegten Punkten?

Nora: Zum Glück habe ich ein eigenes Arbeitszimmer, so dass ich die Tür hinter mir schließen kann, denn ich brauche Ruhe zum Arbeiten. Wenn das Haus leer ist, weil alle Kinder in der Schule sind, kann ich mich ganz in meine Geschichten hinein fallen lassen. Daher kann ich auch am besten an meinem Schreibtisch arbeiten. Wenn es um Ideenfindung geht, funktioniert bei mir allerdings auch ein Spaziergang oder eine ausgiebige Dusche ziemlich gut. Da fällt mir gerade doch eine Gemeinsamkeit zwischen mir und Luisa auf: Tee trinken und unter der Dusche nachdenken.
Ich versuche meine Geschichten zu planen, bin allerdings nicht besonders gut darin, so dass ich doch immer wieder auf das „fließen lassen“ zurückgeworfen werde. Manchmal habe ich beim Schreiben das Gefühl, mein Bauchgefühl bekommt das besser hin als mein Kopf.

Schattenkämpferin: Ursprünglich hast Du eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Wie bist Du generell zum Schreiben gekommen und was hat Dich letztendlich dazu bewegt, Deinen alten Job niederzulegen und Dich ausschließlich dem Schreiben zu widmen?

Nora: Nach der Geburt meines vierten Kindes kam für mich die Erkenntnis: Auf dem regulären Arbeitsmarkt würde ich es in meinem erlernten Beruf mit vier Kindern und ohne nennenswerte Berufserfahrung mehr als schwer haben. Im Umkehrschluss: Wenn ich das, wofür ich ausgebildet bin, nicht mehr tun kann, dann bin ich frei, alles zu machen – auch meinen Traum aus Kindertagen vom Bücherschreiben zu verwirklichen. Vor ungefähr acht Jahren habe ich also mit „konsequenter Traumverwirklichung“ begonnen und das Handwerk des Schreibens aus Büchern und in Internetgruppen gelernt und an längeren und kürzeren Texten geübt, bis am Ende „Schattenblüte“ entstand.

Schattenkämpferin: Mit Deinem Mann und Deinen vier Kindern lebst Du heute in Berlin. Wie bekommt man eine so große Familie und das Schreiben unter einen Hut, ohne dass ein Teil darunter leiden muss? Welche Auswirkungen hat Dein Beruf, speziell in Bezug auf mehrtägige Lesereisen, späte Lesungstermine und vielleicht sogar Fans, die Dich auf der Straße oder beim Einkaufen erkennen, auf das Familienleben?

Nora: Es gibt so viele Autoren, die es neben einer Vollzeittätigkeit schaffen, Bücher zu veröffentlichen, dass ich eigentlich die Anforderungen, die eine Familie mit Kindern stellt, als recht harmlos empfinde. Problematisch ist höchstens die weniger starke Planbarkeit, zum Beispiel kündigen Kinder fiebrige Erkrankungen ja nicht im Voraus an. Bisher waren auch alle Termine mit der Familie zu koordinieren, und falls ich demnächst wirklich mehrtägige Lesereisen machen sollte, können wir ja noch einmal sprechen…

Schattenkämpferin: Neben der direkten Familie gibt es sicher auch viele andere Menschen in Deinem Leben. Welche Reaktionen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis hast Du auf die Veröffentlichung von „Schattenblüte“ erhalten? Gibt es spürbar andere Meinungen als zum Beispiel aus der Welt der „professionellen“ Kritiken? Wie gehst Du generell mit Kritik um, ob positiver oder negativer Natur?

Nora: Auch wenn das jetzt vielleicht ein bisschen enttäuschend ist: Für meine Familie und meinen Bekanntenkreis ist diese Veröffentlichung eigentlich keine so große Sache. Natürlich freuen sie sich für mich, aber mal ehrlich: Ich habe vor der Veröffentlichung am meinem Computer gesessen und geschrieben und jetzt schreibe ich auch, eigentlich ändert sich da ja nichts.
Zu den Kritiken: Zum Glück gibt es bisher deutlich mehr positive als negative Kritiken, das macht es etwas leichter, die negativen zu ertragen. Ich weiß nicht, ob das mit zunehmender Routine noch kommt, bis jetzt jedenfalls habe ich den Punkt, an dem negative Kritiken einfach an einem abperlen, noch nicht erreicht. Dafür kann ich mich über positive Kritiken umso mehr freuen.

Schattenkämpferin: Auf Deiner Webseite besteht neben der Kommentarfunktion auch die Möglichkeit, Dir eine Mail zu senden. Außerdem bist Du ebenfalls im SocialNetwork zu finden. Wie wichtig ist für Dich der direkte und indirekte Kontakt zu Deinen Lesern? Gab es bisher nur schöne oder auch schon unschöne Begegnungen mit Fans?

Nora: Über Leserkontakte freue ich mich sehr. Wenn jemand in einem großen Büro mit vielen Kollegen arbeitet, kann derjenige z.B. am Kopierer oder am Kaffeautomat Kollegen treffen und ein paar Sätze plaudern. Als Autorin, alleine am Schreibtisch, geht das nicht. Durch die sozialen Netzwerke habe ich diese Möglichkeit wenigstens virtuell: Meist finde ich, wenn ich eine kleine Pause machen möchte, irgendeine nette Nachricht auf meiner facebook-Pinnwand oder in meiner Mailbox. Hinzu kommt, dass ich selbst lese, und die Menschen, die mit mir Kontakt aufnehmen, sind ja Leser wie ich. Wirklich unschöne Begegnungen hatte ich noch nicht.

Schattenkämpferin: Auch in diesem Jahr stehen wieder einige Buchmessen ins Land. Wo wird man Dich treffen und live erleben können? Wird es neben den Messe-Terminen auch Lesungstermine in einigen Städten geben?

Nora: Ich denke, man wird nach „Schattenblüte. Die Verborgenen“ auch „Schattenblüte. Die Wächter“ wieder auf der Buchmesse sehen können. Lesungen sind in Planung, die aktuellen Termine stelle ich auf meine Website www.noramelling.de, wenn sie konkret werden.

Schattenkämpferin: Zum Abschluss natürlich die Frage, die vor allem Deinen Fans unter den Nägeln brennt: Wie wird es mit Luisa und Thursen weitergehen? Mit wie vielen weiteren Bänden darf gerechnet werden? Und muss bis zum nächsten Band „Schattenblüte: Die Wächter“ tatsächlich noch bis November 2011 ausgeharrt werden?

Nora: „Schattenblüte“ wird eine Trilogie werden, der zweite Band, „Schattenblüte. Die Wächter“ kommt im November heraus. Von Verlagsseite wird lange im Voraus geplant, wann welches Buch erscheint, daher wird man wohl wirklich bis November warten müssen. Dafür habe ich das Titelbild schon gesehen: Es ist wieder richtig toll geworden!
Wie es weitergeht, kann ich hier nicht verraten. Schließlich müssen Thursen und Luisa auch mit dem unbekannten Toten, der in der Silvesternacht plötzlich im Wald liegt, ganz allein fertig werden. Aber im Ernst: Es geht natürlich darum, wie Luisa und auch Thursen ihre Trauer verarbeiten und ins Alltagsleben zurück zu kehren versuchen.

Schattenkämpferin: Nora, ganz herzlichen Dank für Deine Zeit und die ausführlichen Antworten! Meine Leser blicken dem zweiten Band um Luisa und Thursen mit Spannung entgegen. Und ich wünsche viel Erfolg beim Weiterschreiben.

Nora: Vielen Dank für die vielen interessanten Fragen!


Alle Rechte vorbehalten.


Melling, Nora: Schattenblüte – Die Verborgenen

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Schattenkämpferin: Moin Dirk! Schön, dass Du erneut etwas Zeit für meine Fragen hast. Seit dem letzten Interview ist eine Menge Zeit vergangen und bei Dir hat sich viel getan – gib meinen Lesern doch einen kurzen Überblick, was genau bei Dir so passiert ist.

Dirk Bernemann: Literarisch ist einiges passiert. Es gibt zwei neue Veröffentlichungen, im Oktober 2010 erschienen mein misantrophischer Roman „Vogelstimmen“ und gerade Mitte Februar ist „Ich hab die Unschuld kotzen sehen Teil 3“ erschienen. Zwei durchaus verschiedene, dennoch aber typische Bernemann-Bücher.

Schattenkämpferin: Wie bereits die ersten beiden Teile ist auch „Ich hab die Unschuld kotzen sehen Teil 3“ am 14. Februar erschienen. Abgesehen vom Valentinstag: Was hat es mit diesem Datum auf sich? Willst Du eine bestimmte Botschaft an Deine Leser vermitteln?

Dirk: Ja, natürlich, obwohl Botschaften bei mir manchmal unbeabsichtigt sind und sich einfach direkt durch mein Denken in meine Texte schleichen. Aber es gibt wichtigeres als einen Valentinstag und seine mediale und ökonomische Ausschlachtung, z. B. meine Bücher. Diese sind nämlich so vollgepackt mit Liebe, dass Blumen und Pralinen überflüssig werden. Bernemann-Reading is the new Blumenstrauß.

Schattenkämpferin: Zwischen dem zweiten und dem dritten Teil sind nun eine weitere Kurzgeschichtensammlung sowie zwei Romane erschienen. Warum liegt so viel Zeit zwischen den Unschuld-Bänden? Hast Du Dich derart weiterentwickelt, dass es spürbare Unterschiede zwischen den ersten beiden und dem dritten Band gibt?

Dirk: Der aufmerksame Leser merkt das sofort, dass ich mit Abschluss der Trilogie auch mehr an Tiefe in die Texte lasse. Das ist ja keine Fast Food Literatur, sondern eine Delikatesse aus Wörtern und Satzzeichen. Die Zeit zwischen Teil 2 und 3 ist deswegen so lang, weil die Texte erst noch reifen mussten, teilweise sind sie schon ein wenig älter.

Schattenkämpferin: „Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3“ wird Dein letztes Buch beim UBooks-Verlag sein. Schon Dein nächster Roman soll voraussichtlich im Herbst 2011 beim neuen Unsichtbar-Verlag erscheinen. Wie kam es zum Wechsel und wie wichtig ist Dir der „Unschuld“-Abschluss beim Ursprungsverlag?

Dirk: Damit klappe ich schon ein Kapitel in meiner Schriftstellerlaufbahn zu und gleichzeitig fange ich ein neues an. Die Zeit ist reif für einen Umbruch, auch meinerseits. Neuer Verlag, neue Möglichkeiten. Der Wechsel kam zustande, da der für mich zuständige Verleger bei UBooks den Unsichtbar-Verlag ins Leben gerufen hat und ich das Konzept und die Aufstellung, sowie auch die Präsentation dieses Verlages für mich passend fand.

Schattenkämpferin: In Deinen beiden bisher erschienenen Romanen hast Du Dich mit Themen auseinandergesetzt, derer sich nur wenige Autoren annehmen. Was fasziniert Dich so an diesen „Schlupflöchern“ und worauf dürfen sich Deine Fans im nächsten Roman freuen? Und gibt es schon einen Titel oder eine Covergestaltung?

Dirk: Der neue Roman ist so gut wie fertig und natürlich ist er richtig gut geworden. Stell dir drei Personen ganz unterschiedlichen Backgrounds vor, die sich verhalten wie Regentropfen auf einer Fensterscheibe. Zunächst laufen sie in verschiedene Richtungen und schlussendlich zu etwas größerem zusammen. Es ist ein Schicksalsbuch, eine Geschichte dreier Personen, denen Dinge widerfahren, die ganz verschiedenen Auswirkungen auf sie haben. Und ein Typ namens Gott spielt auch eine gewisse Rolle. Das Buch wird „Jeder für sich und Gott gegen alle“ heißen.

Schattenkämpferin: Im Oktober 2010 erschien Dein zweiter Roman „Vogelstimmen“, der sich mit dem schwierigen und erstaunlich vielseitigen Thema der Vergänglichkeit befasst. Manche Leser und Kritiker dichten Dir hier viele autobiografische Komponenten an. Hand aufs Herz: Wie viel Dirk steckt wirklich in diesem Protagonisten?

Dirk: Der anonyme Protagonist ist eine rein fiktive Figur.

Schattenkämpferin: Bleiben wir doch direkt bei besagtem Protagonisten. In „Vogelstimmen“ verbindet die Hauptperson mehrere Handlungsstränge zu einem Wirrwarr aus Emotionen und Gedanken. Hinzu kommen persönliche Schicksalsschläge und Rückblenden. Wie ist die Geschichte so komplex geworden? Hast Du dem Protagonisten irgendwann einfach machen lassen?

Dirk: Ja, der Mann hat sich beim Schreiben quasi selbst erfunden. Irgendwann hat er sich in meinem Kopf verselbstständigt und sein depressives Leben an sich gerissen, wodurch er sich am Ende des Buchs sogar befreien konnte. Teilweise ist da ja sehr viel innerer Monolog zu lesen, was darauf basiert, dass der Charakter, den ich erfunden habe maximal introvertiert ist.

Schattenkämpferin: Schon die bisherigen Covers waren vielseitig, aber immer provozierend. Das Zusammenspiel von Frühling und Tod auf „Vogelstimmen“ hat viele begeisterte Stimmen laut werden lassen. Gab es eigentlich auch mal negative Reaktionen auf die Covergestaltung? Wie gehst Du mit solchen um? Oder gehen die gänzlich an Dir vorbei, weil Du schließlich „nur“ den Inhalt lieferst?

Dirk: Natürlich ist das Cover wichtig für das Gesamterscheinungsbild des Buches. Ich selbst habe nur zu dem Schizophren-Buch negative Stimmen gehört, aber das ist ja auch klar, weil da ich selbst auf dem Buchdeckel in dreifacher Form zu sehen bin. Quasi eine Überdosis Egofresse. Sonst habe ich ausschließlich positive Rückmeldungen zu den Covern bekommen.

Schattenkämpferin: In jedem Deiner Bücher geht es auf irgendeine Art auch immer um zwischenmenschliche Beziehungen wie Liebe, Familie und Freundschaft – ganz besonders im verwischenden Zusammenspiel und in gnadenlosem Bezug auf die heutige Gesellschaft. Welchen Stellenwert haben diese Dinge für Dich und wie würdest Du die Entwicklung in den letzten Jahren beurteilen? Droht der Welt ein moralischer Verfall und Werteverlust?

Dirk: Ich glaube, wir stehen schon knietief in der Werteverlustscheiße, bzw. in der Werteverschiebungsscheiße. Dadurch, dass die Selbstverwirklichung immer wichtiger wird und Egos aufblasbar wie Luftballons sind werden traditionelle Werte wie Famlie gründen oder Drogenverweigerung in den Hintergrund der Betrachtung gestellt. Wie man sich dem Werteverfall gegenüber positioniert, muß jeder selbst wissen.

Schattenkämpferin: Bei Deinen regelmäßigen Lesungen lernst Du ganz verschiedene Menschen kennen, die die Begeisterung für Deine Literatur verbindet. Wie nimmst Du diese Verbindung verschiedenster Charaktere wahr? Macht es Dich eher stolz, als Bindeglied zwischen mitunter völlig gegensätzlichen Lebenseinstellungen zu stehen, wundert es Dich bisweilen oder denkst Du darüber schon gar nicht mehr nach?

Dirk: Darüber denke ich in der Tat nicht nach. Ich finde es aber gut und schön, dass meine Gedanken die Leute immer noch zu interessieren scheinen, das motiviert mich ungemein. Daher liebe Leserinnen und Leser, ich habe euch zu danken.

Schattenkämpferin: Welche Lesungsereignisse – vor, auf und hinter der Bühne – sind Dir besonders im Gedächtnis geblieben? Welche Städte und Lokalitäten würdest Du jederzeit wieder besuchen und warum reizen Dich genau diese so besonders? Wie viel Inspiration und Kraft ziehst Du aus den Gesprächen mit Deinen Fans?

Dirk: Ich habe 2008 auf dem Wacken Open Air gelesen, was sehr, sehr lustig war. Da bin ich aufgetreten zwischen einer Stripshow, wo sich ledergesichtige Rentnerprostituierte auf der Bühne mit Kerzenwachs übergossen haben und einem Drumworkshop von irgendeinem total hibbeligen Schlagzeuger. Das war schön, weil echt mal außergewöhnlich. In vielen Städten hatte ich viel Spaß mit den Leuten, da will ich jetzt keine hervorheben. Meine Fans sind mir sehr wichtig. Ohne meine Leser wäre ich irgendein alkoholabhängiger Hobbydichter, der seinen Sauffreunden zwischen zwei Doppelkorn Gedichte vorliest.

Schattenkämpferin: In Bezug auf das Thema „Lesungen“ möchte ich gerne nochmals auf den abschließenden Band der „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“-Trilogie zu sprechen kommen. Oft stolpert man in den Weiten des Internets über Stimmen, die es schade finden, dass die in den Kurzgeschichtensammlungen gedruckten Texte bereits auf Deinem Blog gelesen oder eben auf einer Lesung gehört wurden. Wonach suchst Du Deine Lesungstexte aus – ist das stimmungs- oder themenabhängig oder schaust Du einfach, worauf das Publikum Deiner Ansicht nach Lust hat?

Dirk: Das unterliegt ganz meiner eigenen Stimmung und Befindlichkeit. Ich versuche schon in Städten, wo ich mehrfach lese, verschiedene Programme anzubieten, was auch funktioniert.

Schattenkämpferin: Abgesehen von Deinem kommenden Roman – was planst Du noch für die Zukunft? Gibt es vielleicht Projekte mit anderen Autoren, möglicherweise mit Kollegen des neuen Verlages?

Dirk: Noch ist nichts wirklich konkret festgelegt, aber es gibt verschiedene Ideen für neue Projekte und Kooperationen. Z. B. arbeite ich mit einer Designerin an einer Graphic Novel und schreibe an einem Kinderbuch herum.

Schattenkämpferin: Dann darf man also weiterhin gespannt sein und muss sich irgendwie die Zeit bis zum Herbst vertreiben. Für Deine Pläne auf jeden Fall viel Erfolg und Durchhaltevermögen! Danke für Deine erneute Zeit.


Alle Rechte vorbehalten.


Interview mit Dirk Bernemann (02.09.2009)
Bernemann, Dirk: Ich bin schizophren und es geht mir allen gut
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1 + 2
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3
Bernemann, Dirk: Satt. Sauber. Sicher.
Bernemann, Dirk: Vogelstimmen

Schattenkämpferin: Hallo Michael! Danke, dass Du Zeit findest, um meinen Lesern und mir ein paar Fragen zu beantworten. Stell Dich doch am besten kurz vor – Michael Bresser in drei Worten?

Michael Bresser: Ich bin Autor und schreibe Krimis und satirische Texte.

Schattenkämpferin: Und etwas ausführlicher? Wer bist Du und was machst Du?

Michael: Ich bin 39 Jahre jung, stamme aus dem Ruhrgebiet und lebe seit einigen Jahren mit meiner Familie in Hannover. Mit Anfang zwanzig habe ich begonnen zusammen mit Martin Springenberg Krimis zu schreiben. 2005 wurde dann unser erster Roman „Schwein gehabt“ vom Ullstein-Verlag veröffentlicht. Ich habe vor kurzem einen Comedyroman über einen schüchternen 28-jährigen Mann geschrieben, der mit Hilfe eines Flirttrainers seine erste Freundin erobern will. Dafür suche ich zurzeit einen Verlag oder eine Agentur.
Weitere Projekte sind in der Pipeline.

Schattenkämpferin: Zusammen mit Martin Springenberg schreibst Du seit einigen Jahren an den Münsterland-Abenteuern des Privatdetektives Dieter Nannen. Wie habt ihr zusammen gefunden und wie ist die Idee entstanden, gemeinsam eine Krimi-Reihe zu schreiben? Gestaltet sich die Zusammenarbeit eher schwierig oder passt es einfach?

Michael: Martin und ich stammen beide aus Feldhausen, einem kleinen Dorf im nördlichen Ruhrgebiet. Ich bin mit seinem Bruder zur Schule gegangen, da sind wir uns eines Tages über den Weg gelaufen. Er spielte Schlagzeug, ich Gitarre und Keyboards, da haben wir beschlossen zusammen Musik zu machen. Wir haben einige Jahre zusammen in einer Hard-Rock-Band gespielt. Leider waren unsere Mitmusiker nicht besonders zuverlässig, so dass wir oft alleine vor dem Proberaum standen. Auch die Miete wurde oft nur von uns beiden bezahlt. Wir haben uns dann überlegt, etwas auf künstlerischem Gebiet zu starten, woran nur wir beide beteiligt sind. Da wir gerne Krimis lasen, lag es nah, uns auf diesem Gebiet zu versuchen. Das verlief und verläuft bis heute sehr harmonisch.

Schattenkämpferin: Wie genau funktioniert die Zusammenarbeit zwischen euch? Schreibt jeder ein Kapitel und das nächste wird dann der jeweils andere verfasst oder schickt ihr euch gegenseitig eure Ideen und Entwürfe, um sie vom anderen Korrektur lesen und/oder einarbeiten zu lassen? Oder trefft ihr euch auf einen Kaffee bzw. alternative Getränke, um gemeinsam an den Ideen zu feilen?

Michael: Wir planen gemeinsam den Plot. Einer hat eine Idee, der andere ergänzt. Wir schreiben dann nach Zeit und Lust abwechselnd. Früher haben wir uns für Korrekturen in der Kneipe zu Cappuccino-Schlachten getroffen. Durch die heute räumliche Entfernung, sind diese Gelegenheiten eher selten geworden. Meistens kommunizieren wir per Mail.

Schattenkämpferin: Dieter Nannen ist ein ziemlich spezieller Charakter, der mit für sich inzwischen typischen Eigenschaften jeden noch so kniffligen Fall zu lösen scheint. Welche Einflüsse haben bei der Entstehung dieses Protagonisten eine Rolle gespielt? Gibt es Parallelen zum wahren Leben, vielleicht sogar zu einem der beiden Autoren?

Michael: Es gibt sicherlich Details bei Dieter Nannen, die zu unseren eigenen Biographien Parallelen aufweisen, z.B. Nannens Liebe zur Musik. Ich selber habe mir früher als Kirchenorganist Geld während des Studiums verdient. Vom Charakter her ist Dieter doch ein wenig draufgängerischer als wir.

Schattenkämpferin: Im Dezember erschien der letzte Münsterland-Krimi „Mein Schwein pfeift“ bei Ullstein – gibt es schon Pläne für weitere Teile um den Ermittler Dieter Nannen? Für wie viele Bücher habt ihr noch Ideen im Kopf?

Michael: Zwei weitere Bände sind so gut wie fertig. Den siebten Teil gehen wir momentan an. Ich denke, an Ideen wird es uns nie mangeln. So spielt unser neuster Fall in der Vorweihnachtszeit. Das ergibt neue Facetten und ein ganz eigene Atmosphäre und bietet genügend Raum, sich über Klischees lustig zu machen.

Schattenkämpferin: Im Juli 2009 erschien Dein erstes eigenständiges Buch „Bestseller“, das Du über BoD veröffentlicht hast. Wie kam es dazu, dass der Ullstein-Verlag, bei dem ja die Nannen-Krimis erscheinen, nicht auch dieses Buch im Programm aufgenommen hat? War das Dein eigener Wunsch, hast Du diese Möglichkeit vielleicht gar nicht in Betracht gezogen?

Michael: Ich hatte es in einem Gespräch mit unserer Lektorin kurz vorgestellt. Aber die meinte, dass sich Bücher über Autoren schlecht verkaufen würden. Da habe ich es anderen Verlagen bzw. Agenturen vorgestellt, die aber eher reserviert reagierten. Das hat mich etwas frustriert, so dass ich es selber als BoD herausgebracht habe. Vielleicht hätte ich da mehr Geduld haben müssen.

Schattenkämpferin: BoD hat einen sehr durchwachsenen Ruf. Würdest Du Anfängern und Erstveröffentlichern diesen Schritt empfehlen oder rätst Du eher davon ab? Welche positiven Aspekte gibt es und worauf sollte man als Anfänger ganz besonders achten?

Michael: BoD war unser Türöffner zum ersten Buchmarkt. Wir haben in den Neunzigern unsere Manuskripte an alle großen Publikumsverlage geschickt und nur Absagen erhalten. Mit der wachsenden Popularität des Internets wurden wir auf BoD aufmerksam und brachten 2002 unseren ersten Nannen-Krimi in Eigenregie heraus. Der verkaufte sich überraschend gut. Da wurde Ullstein auf uns aufmerksam und bot uns an, die Serie zu veröffentlichen. Daher kann ich BoD nur empfehlen. Natürlich ist dort der Autor in Bezug auf Marketing völlig auf sich allein gestellt. Ein weiterer Nachteil liegt darin, dass sich Buchhandlungen nur selten BoDs ins Regal stellen. Aber auch Freunde von mir sind mit einem Sachbuch nach nur einem halben Jahr bei einem großen Verlag gelandet. Wenn die Qualität und Marketing stimmen, kann dieser Weg also durchaus zum Erfolg führen.

Schattenkämpferin: Wenn Du beides vergleichst – die Dieter-Nannen-Romane und „Bestseller“ – welche Variante des Schreibens gefällt Dir besser? Liegt Dir eher die Partnerarbeit oder bist du beim Schreiben lieber so selbstständig und lässt Dir so wenig reinreden wie möglich? Liegt deine schriftstellerische Zukunft eher bei den Nannen- oder bei eigenständigen Projekten?

Michael: Das ist schwer zu beantworten. Ich mag beides. Es ist übrigens durchaus von Vorteil, wenn der Autor bei der Arbeit mit einem Partner permanentes Feedback bekommt. Beim Schreibvorgang selber schalte ich den inneren Kritiker aus und lasse die Worte fließen. Da kommt es schon vor, dass ich von einer Idee begeistert bin, die Martin nicht gut findet; bzw. umgekehrt. Letztendlich hat man immer eine Kontrollinstanz, die schaut, was am Ende für das Buch am besten ist. Oft finde ich mit etwas zeitlichem Abstand meine ursprüngliche Idee auch nicht mehr gut. Außerdem inspirieren wir uns gegenseitig. Die Freiheit bei eigenen Projekten ist natürlich auch schön. Ich denke, dass ich beides gut miteinander verbinden kann.

Schattenkämpferin: Gibt es Autoren, die Du bewunderst und mit denen Du gerne mal ein Projekt machen würdest? Für welche (deutschen) Kollegen kannst Du Dich besonders begeistern, wen würdest Du ohne zu zögern weiterempfehlen?

Michael: Ich schätze viele Kollegen. Jo Nesbo liebe ich, von dem habe ich in den letzten Monaten alle Bücher verschlungen. An deutschen Krimis mag ich Jörg Fauser und Jörg Juretzka. Momentan lese ich gerade „Deutsche Meisterschaft“ von meinem Hannoveraner Kollegen Richard Birkefeld. Ein grandios geschriebener Roman, der in der Weimarer Republik spielt. Hans Fallada bewundere ich. Er versteht es wie kein Zweiter, Zeitgeschichte, Humor und Spannung miteinander zu verweben. Mein persönliches Buch des letzten Jahres war „Zwischen allen Wolken“ von Michael Gantenberg. Dieser Roman bewegt sich mitreißend zwischen skurriler Komik und abgrundtiefer Tragik. Im Text werden sehr unterhaltsam, fundamentale Lebenswahrheiten abgebildet. Das hat mich tief beeindruckt.

Schattenkämpferin: Die Dieter-Nannen-Romane fallen in den Bereich der Lokalkrimis, „Bestseller“ würde man eher unter Belletristik und Gegenwartsliteratur einordnen. Wo liegen Deine privaten Vorlieben in Sachen Literatur? Besteht auch dein privates Bücherregal eher aus Kriminalliteratur oder findet man dort auch Stücke aus anderen Genres? Welches Gebiet liegt Dir gar nicht?

Michael: Ich lese selber gerne Krimis und Thriller, klar, belletristische Literatur von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Jetztzeit, witzige Romane, etc., manchmal Klassiker. Da bin ich nicht festgelegt. Fantasy- und Vampirromane liegen mir eher nicht.

Schattenkämpferin: Bleiben wir einen Moment im privaten Bereich. Wie jeder Mensch hast auch Du ein Umfeld aus Bekannten, Freunden und Familie. Welche Reaktionen werden an Dich herangetragen, wie geht Dein Umfeld mit Deinem Autoren-Dasein um? Hat sich nach der ersten erfolgreichen Veröffentlichung viel verändert? Oder bist Du für „Deine Leute“ immer noch der, der Du immer warst?

Michael: Da hat sich eigentlich nichts für mich geändert. Für die meisten meiner Freunde spielt Literatur keine so große Rolle. Da wird das nebenher zur Kenntnis genommen, mehr nicht. Vereinzelt gab es Neider, die meinten, man würde bei Veröffentlichung bei einem großen Verlag seine Seele verkaufen. Aber solche Aussagen können wir nicht ernst nehmen. Die Mehrzahl meiner Freunde hat sich mit uns gefreut, aber das war es dann auch schon. Die Erde dreht sich genauso weiter wie vorher.

Schattenkämpferin: Rückmeldungen gibt es auch zahlreiche auf diversen Internetplattformen und natürlich auch von Seiten eurer Fans. Wie wichtig ist Dir der Kontakt zu den Lesern? Beantwortest Du Fan-Mails selbst und regelmäßig? Und wie ist das, wenn Du auf der Straße unterwegs bist? Wirst Du erkannt und angesprochen?

Michael: Mails beantworte ich selber, aber das hält sich alles im Rahmen. Der Kontakt zu Lesern, z.B. bei Lesungen, ist uns sehr wichtig. Auf der Straße wurde ich noch nie angesprochen. Als Autor genießt du nicht die mediale Öffentlichkeit wie z.B. Schauspieler. Obwohl Werbung auch via TV natürlich immer gut ist, kann ich aber auch darauf verzichten, nicht mehr in Ruhe einkaufen gehen zu können. Aber das sehe ich in der nächsten Zeit auch noch gewährleistet :)

Schattenkämpferin: Oft hat man als Kind ganz andere Vorstellungen von dem, was man später als „Großer“ machen möchte. Welche Berufswünsche hattest Du als kleiner Junge und woran sind diese letztlich gescheitert? Wie bist Du schließlich zum Schriftstellertum gekommen? Bist Du zufrieden mit dieser Entwicklung oder gibt es noch immer einen anderen Beruf, den Du gern ausüben würdest?

Michael: Als Grundschulkind wollte ich Automechaniker werden, das wollte jeder Junge. Die Mädchen bevorzugten Tierärztin. Da ich mich später nie besonders für Technik interessierte, verblasste dieser Wunsch. Später wollte ich aussteigen, Asien und den Rest der Welt bereisen und mich dann als Schafzüchter in Ostfriesland zur Ruhe setzen. Ist auch so nicht gekommen. Eine Rockstarkarriere ist mangels Begabung geplatzt. Da blieb nichts anderes als Schreiben übrig. Es scheint meine karmische Bestimmung zu sein.

Schattenkämpferin: Stichwort Schreiben: Wo schreibst Du im Allgemeinen? Hast Du einen festen Arbeitsplatz oder gehörst Du zu den Menschen, die dort arbeiten, wo es gerade passt? Und wie arbeitest Du – personifiziertes Chaos mit vielen losen Zetteln oder strukturiertes Vorgehen mit einem genauen Plan? Welche Atmosphäre brauchst Du beim Schreiben? Was inspiriert dich?

Michael: Ich schreibe am liebsten an meinem Schreibtisch. Der sieht ziemlich chaotisch aus, allerdings schreibe ich erstaunlicherweise ziemlich strukturiert. Ich lege mir vorher –auch für kurze Texte– einen Ablauf- und Personalplan fest, an den ich mich halte. Beim Schreiben trinke ich vormittags Kaffee, nachmittags grünen Tee. Gerne höre ich dabei Musik, Klassik oder relativ entspannten Rock wie z.B. Chris Rea oder Radiohead. Normalerweise höre ich bevorzugt härtere Musik aus der Punk und Hard-Rock-Ecke, aber das lenkt mich beim Schreiben zu sehr ab.

Schattenkämpferin: Nachdem Du nun zwei verschiedene Wege ausprobiert hast, wohin werden Dich zukünftige Projekte führen? Welche Pläne gibt es in Bezug auf Dieter Nannen und werden die Leser vielleicht den einen oder anderen Protagonisten aus „Bestseller“ noch mal zu Gesicht bekommen? Worauf dürfen sich Deine Fans in Zukunft freuen?

Michael: Da bin ich ziemlich offen. Momentan schreiben wir an den Nannen-Romanen 5 und 6. Ich werde in naher Zukunft einen Thriller beginnen. Aber welche Ideen die Zukunft mit sich bringt? Mal schauen.

Schattenkämpferin: Zum Abschluss natürlich noch die Frage, die speziell für die User im Literatopia-Forum von großer Bedeutung ist: Was gibst Du denen mit auf den Weg, die ebenfalls den Weg als Autor einschlagen möchten?

Michael: Wenn ihr Freude am Schreiben habt, bleibt am Ball und glaubt an euch. Es ist nicht einfach, bei einem guten Verlag unterzukommen. Seht Absagen nicht als Qualitätskriterium und behaltet euren Elan und Eifer. Es sind oft nicht die besten Autoren, die verlegt werden, sondern die, die am meisten an sich selbst geglaubt haben.

Schattenkämpferin: Herzlichen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten, Michael! Für Deine kommenden Pläne wünsche ich Dir viel Erfolg.

Michael: Ich danke auch für das nette Gespräch und wünsche dem Forum alles Gute für die Zukunft.


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Bresser, Michael: Bestseller
Bresser, Michael & Springenberg, Martin: Die Sau und der Mörder
Bresser, Michael & Springenberg, Martin: Mein Schwein pfeift

Schattenkämpferin: Hallo Sebastian! Wir freuen uns, dass Du Zeit für ein Interview hast und Dich unseren neugierigen Fragen stellst. Für die Leser, die Dich noch nicht kennen: Wer bist Du und was machst Du?

Sebastian: Ich bin Autor und schreibe Psychothriller.

Schattenkämpferin: Mit „Splitter“ hast Du im Sommer 2009 Deinen fünften Roman veröffentlicht. Warum schreibst Du Psychothriller? Kommt für Dich auch ein Ausflug in ein anderes Genre in Frage? Wenn ja, welches Genre reizt Dich besonders und warum?

Sebastian: Ich bin überzeugt: Die größten Mysterien liegen tief im Innersten unserer menschlichen Psyche verborgen. Unser Gehirn ist wie die Tiefsee. Vielleicht das letzte unerforschte Terrain auf Erden, voll von Geheimnissen, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ein Beispiel: erst letztens ging ein Fall einer blinden, multiplen Persönlichkeit durch die Presse, die auf einmal wieder sehen konnte. Denn nur eines ihrer „Ichs“ war blind. Ein anderes, das tief in ihr schlummerte, konnte sehen, nachdem es „aufwachte“ und die Kontrolle übernahm.
Es sind genau diese Phänomene, die mich dazu inspirieren, Psychothriller zu schreiben. Wie tief das gehen darf, bestimmt nur die Phantasie und der sind ja bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Schattenkämpferin: Bereits nach „Die Therapie“ wurdest Du als neuer Star am Psychothriller-Himmel und als DER deutsche Autor dieses Genres gefeiert. Wie hat sich dieser Titel auf Deine weitere Arbeit ausgewirkt? Wuchs damit auch der Druck, Deine Bücher mit dem jeweiligen Nachfolger noch übertreffen zu müssen?

Sebastian: Nein, ehrlich gesagt habe ich den Hype um meine Person gar nicht so wahrgenommen, da ich die Berichterstattung über mich selten lese. Die einzigen Reaktionen, mit denen ich mich wirklich täglich auseinandersetze, sind die meiner Leser, die mich persönlichen anschreiben – und von denen werde ich glücklicherweise nicht zum Star hochgejubelt. Hin und wieder spüre ich natürlich den Druck und frage mich, ob das Buch dem Leser gefallen wird. Doch dann erinnere ich mich daran, wie mit „Die Therapie“ alles angefangen hat, nämlich mit dem Versuch ein Buch zu schreiben, das ich selbst gerne lesen würde. Und so denke ich beim Schreiben (das muss ich ehrlich gestehen) nicht mehr an den Leser und irgendwelche Erwartungshaltungen, sondern nur noch an mich ;)

Schattenkämpferin: Du lebst in einer festen Partnerschaft. Wie wirkt sich das Schreiben auf Dein Privatleben aus? Siehst Du Deinen Beruf als einen ganz normalen an, also hast Du „feste“ Arbeitszeiten, oder ist es so, dass Dich die Muse packt und Du tagelang nicht vom PC wegzubekommen bist?

Sebastian: Ich glaube, eine Partnerschaft mit mir zu führen ist nicht sehr einfach. Gerade wenn ich in meiner akuten Schreibphase stecke, habe ich große Ähnlichkeit mit Professor Hastig – selbst wenn ich nicht vor dem Computer sitze, denke ich ständig nach; beginne Sätze, die ich nicht zu Ende führe, weil mir beim Reden etwas für den Roman einfällt, und höre kaum zu. Also so ganz normal ist das wohl eher nicht – aber zum Glück hat Sandra auch eine kleine Klatsche; wir ergänzen uns also sehr gut ;)

Schattenkämpferin: In welcher Umgebung schreibst Du? Hast Du einen festen Arbeitsplatz oder schreibst Du, wo Du gerade bist? Brauchst Du zum Schreiben eine besondere Atmosphäre, bestimmte Musik oder andere Komponenten, die Dich während des Schreibens positiv beeinflussen?

Sebastian: Mittlerweile habe ich tatsächlich einen festen Arbeitsplatz, einen kleinen Schreibtisch im Wintergarten mit Blick in den Garten. Es ist schon erstaunlich – je schrecklicher die Szenen sind, die ich schreibe, umso schöner muss meine Umgebung sein. Mit Musik beim Schreiben kann ich gar nichts anfangen, das lenkt mich zu sehr ab.

Schattenkämpferin: Gehörst Du zu den kreativen Menschen, die immer ein kleines Notizbuch bei sich haben, um gegebenenfalls spontane Ideen schnell aufschreiben zu können? Wovon lässt Du Dich generell inspirieren?

Sebastian: Ich werde von den verrückten Menschen in meinem Bekanntenkreis inspiriert, schreibe mir aber nichts auf. Wenn ich alles notieren würde, was ich beobachte, käme ich aus dem Schreiben gar nicht mehr heraus. Wenn ich mich aber noch ein halbes Jahr später an eine bestimmte Situation erinnere, dann ist sie es vermutlich wert, in einem Buch festgehalten zu werden.

Schattenkämpferin: In Deinen Büchern glänzt Du mit fundiertem Wissen. Wie lange dauert die Recherche für eine Geschichte im Durchschnitt? Greifst Du hierbei immer auf die gleichen Quellen zurück, arbeitest Du mit einem festen Team zusammen?

Sebastian: Sowohl als auch. Ich habe ein festes Team im Verlag und unter Freunden und Verwandten (mein Bruder ist Neuroradiologe, seine Frau Neurologin!). Aber je nach Thema ziehe ich weitere Experten zu Rate. Und aktuell stehe ich in Kontakt mit ca. 30 Blinden, die mich für den Roman „Der Augensammler“ beraten, denn hier spielt eine blinde Physiotherapeutin eine Hauptrolle.

Schattenkämpferin: Eine Frage, die natürlich in keinem Autoren-Interview fehlen darf: Wie bist Du überhaupt zum Schreiben gekommen? War Autor schon immer Dein Berufswunsch oder hattest Du ganz andere Zukunftsvorstellungen? Womit hast Du vor Deinem Erfolg als Schriftsteller Deine Brötchen verdient?

Sebastian: Ich wollte früher alles Mögliche werden: Tennisspieler, Schlagzeuger, Tierarzt und eine Zeit lang soll an meiner Zimmertür ein Schild mit der Aufschrift „Sebastian Fitzek, Autor“ gehangen haben. Sagt jedenfalls mein Vater. Ich kann mich nicht so genau erinnern, damals war ich sieben ;)
Während meiner Studienzeit (Jura) hab ich dann beim Radio gearbeitet. Kurz nach meinem ersten Staatsexamen bot man mir in Berlin die Chefredaktion für einen großen Radiosender an, und da hab ich natürlich zugeschlagen, obwohl ich Jura (hier vor allen Dingen das Strafrecht) auch extrem spannend fand. So gesehen bin ich der Rechtswissenschaft ja am Ende doch treu geblieben, auch wenn ich die Psychopathen jetzt nicht verteidige, sondern „nur“ über sie schreibe.

Schattenkämpferin: Wie lange hast Du an Deinem ersten Psychothriller geschrieben, bis er in Deinen Augen gut genug war, ihn einem Verlag zu präsentieren? Kommt von Buch zu Buch eine Routine ins Schreiben, die die Fertigstellung beschleunigt? Oder ist es jedes Mal eine neue Herausforderung mit ganz anderen Schwierigkeiten? Wie lange dauert es von der Grundidee bis zum fertigen Buch?

Sebastian: Etwa drei Jahre. Und ja, man bekommt etwas Routine. Aktuell benötige ich im Schnitt mindestens ein Jahr pro Buch; schneller wird es aber auf gar keinen Fall, denn es gibt keine Schreibformel, an die man sich halten kann. Jeder Thriller ist anders und wirft Probleme an völlig unterschiedlichen Stellen auf.

Schattenkämpferin: Stichwort Schreibblockade: Kennst Du das Gefühl, wenn einfach gar nichts mehr geht? Wie gehst Du damit um, welche Tipps hast Du für unsere Forenuser? Gibt es ein Patentrezept, der Schreibblockade aus dem Weg zu gehen?

Sebastian: Ich hatte zum Glück noch nie eine Schreibblockade, habe aber gehört, dass man einen solchen Krampf lösen kann, indem man einfach weitermacht. Schreiben, schreiben, schreiben – egal was, selbst wenn man weiß, dass man am Ende des Tages das meiste davon in die Tonne treten wird. Irgendwann löst sich die Verspannung und es geht flüssig weiter.

Schattenkämpferin: Bleibt neben der eigenen Schreiberei noch Zeit, selbst auch Bücher zu lesen? Wenn ja, was liest Du dann am liebsten? Romane der „Konkurrenz“ oder gehen Deine Leseausflüge in ein ganz anderes Genre? Gibt es Lieblingsautoren oder sogar ein absolutes Lieblingsbuch?

Sebastian: Ich lese jede Woche mindestens ein Buch. Aktuell habe ich mit größtem Vergnügen „Die Arena“ von Stephen King aus der Hand gelegt. Meistens bleibe ich tatsächlich dem Thriller-Genre treu, liebe alles von Harlan Coben. Aber auch historische Romane mag ich sehr.

Schattenkämpferin: Welche Reaktionen erhältst Du aus Deinem Familien- und Freundeskreis? Werden Deine Bücher gelesen oder nimmt Dein privates Umfeld eher Abstand vom berühmten Sebastian?

Sebastian: Die halten mich zum Glück nicht für berühmt, lesen meine Bücher und halten sich auch mit Kritik nicht zurück. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass sich mein Leben durch das Schreiben nicht extrem verändert hätte; aber dadurch dass mein Umfeld so normal ist, vergesse ich manchmal, dass ich – zumindest für einige Mitmenschen – ein Teil des öffentlichen Lebens geworden bin. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn mich jemand um ein Autogramm bittet. Allerdings passiert mir das außer bei Lesungen sehr, sehr selten.

Schattenkämpferin: Liest Du eigentlich auch Rezensionen zu Deinen Büchern? Wie wichtig ist Dir Kritik und wie gehst Du damit um? Kannst Du aus jeder Kritik etwas Positives für Deine weitere Arbeit ziehen?

Sebastian: Ich überfliege einige Rezensionen, wichtig ist mir aber nur die persönliche Kritik von Freunden, Bekannten, Verwandten und den tausenden von Lesern, die sich direkt bei mir melden (meine Mail-Adresse steht hinten in jedem Buch).
Anonyme Kritiken versuche ich zu meiden (obwohl mir das nicht immer gelingt).
Wie jeder kreative Mensch bin auch ich voller Selbstzweifel. Ich wollte ja nie Autor werden, sondern immer nur eine Geschichte aufschreiben, die mir persönlich gefällt. Wenn dann jemand kommt und sagt „das ist aber schlecht, das gefällt mir nicht“, dann denke ich im ersten Impuls: „Der hat Recht.“ Dann brauche ich wieder zwanzig positive Mails und Gästebucheinträge, um die eine negative Stimme wieder auszugleichen. Zum Glück ist das Verhältnis aktuell ungefähr in diesem Bereich ;)

Schattenkämpferin: Wann hast Du das erste Mal bewusst wahrgenommen, dass Du es als Autor geschafft hast, dass Dein Name unter Literaturfreunden ein vielgenannter ist? Wirst Du auf der Straße erkannt und angesprochen? Wie gehst Du generell mit dem Erfolg um, wie sehr hat sich dein Leben insgesamt verändert?

Sebastian: Ich denke (und das ist kein fishing for compliments), dass ich es als Autor noch lange nicht „geschafft“ habe. Denn das bemisst sich nicht nach Auflagezahlen oder Autogrammanfragen, sondern nach der inneren Einstellung. Und hier glaube ich ganz fest, dass ich mein bestes Buch noch lange nicht geschrieben habe.
Und zum Erfolg – mit Erfolg kann man nicht umgehen, man kann nur hoffen, dass die launische Diva etwas länger bei einem zu Gast bleibt, bevor sie sich wieder verabschiedet und auf dem Weg zum Nächsten macht. Denn eines ist sicher: Erfolg ist wie das Leben selbst. Meistens nur vorübergehend.

Schattenkämpferin: Du hast Mitgliederaccounts bei StudiVZ, MySpace und Twitter und wirst so zu einem Star zum Anfassen. Wie wichtig ist Dir der direkte Kontakt zu Deinen Fans?

Sebastian: Noch mal: Ich bin kein Star, sondern Autor; und der auch nicht zum „Anfassen“ (ich bezweifle, dass die meisten Leser das wirklich wollten ;) ), sondern zum Kommunizieren. Der Kontakt zu meinen Lesern ist mir unglaublich wichtig. Wenn ich mich nicht für sie interessieren würde, weshalb sollte ich dann überhaupt schreiben? Hunderttausende Autoren können bestätigen, dass es sicherlich einfachere Wege gibt, sein Geld zu verdienen. Aber keinen schöneren, wenn man Kontakt zu denen hat, die man mit seinen Büchern berührt hat. (Gott, das hört sich jetzt kitschig an. Aber es ist so ;) )

Schattenkämpferin: Für manche Bücher ist die Atmosphäre beim Lesen sehr wichtig. Wann und wo sollte man Deine Romane am besten lesen, um ihre Wirkung voll auszuschöpfen? Welche Zielgruppe möchtest Du erreichen, und wem rätst Du eher vom Lesen Deiner Werke ab?

Sebastian: Es gibt keinen bestimmten Ort, an dem man meine Bücher lesen sollte. Die Atmosphäre stellt sich durch das Buch ein, nicht durch die Umgebung. Und es gibt niemanden über 14, dem ich von meinen Büchern abraten würde. Wäre ja auch schön blöd von mir ;)

Schattenkämpferin: Deine Bücher spielen allesamt in und um Berlin oder haben ihren Ursprung in der Hauptstadt. Für Berlinkenner macht das Deine Geschichten realer. Ziehst Du eine Änderung des Schauplatzes in Erwägung oder bist Du von Herzen Berliner und Deiner Stadt treu? Wenn Ersteres, welche Stadt würde am ehesten als Fitzek-Schauplatz in Frage kommen?

Sebastian: Ich lebe in Berlin und liebe diese Stadt. Als alternative Metropole käme für mich New York in Betracht, allerdings werde ich meine Figuren sicher auch mal nach Rom oder Barcelona schicken, meine europäischen Lieblingsstädte.

Schattenkämpferin: Manche Deiner Protagonisten tauchen in späteren Büchern noch mal auf, sei es in der Danksagung oder als Nebencharakter. Warum? Wachsen Dir Deine Figuren so sehr ans Herz, dass es Dir schwer fällt, Dich von ihnen zu trennen?

Sebastian: Genau so ist es!

Schattenkämpferin: Wie viel von Dir selbst steckt in Deinen Helden? Und wenn Du Dich selbst als Hauptfigur in eine Geschichte schreiben könntest, welche Rolle würdest Du übernehmen und welche Eigenschaften hättest Du?

Sebastian: In jeder Figur schwingt etwas von mir selbst mit. Aber mich selbst als Helden eines spannenden Romans zu sehen – nein, dafür fehlt sogar mir die nötige Phantasie ;)

Schattenkämpferin: Die Aufmachung von Büchern spielt eine wichtige Rolle. Wie viel Mitspracherecht hast Du bei der Gestaltung? Gefallen Dir die Cover, passen sie zum Inhalt Deiner Bücher? Und warum gab es „Das Kind“ und „Splitter“ als Hardcover-Ausgabe, während „Die Therapie“, „Amokspiel“ und „Der Seelenbrecher“ nur als Taschenbuch erhältlich sind?

Sebastian: Ich habe jedes Mitspracherecht, mache aber davon keinen Gebrauch, da ich von diesen Dingen überhaupt gar keine Ahnung habe. Bislang haben mir die Agenturvorschläge immer sehr gut gefallen. Zum Thema „Hardcover versus Taschenbuch“ habe ich hier auf meiner Homepage mal etwas gepostet; das kann man nicht in einem kurzen Satz beantworten: http://www.sebastianfitzek.de/?s=blog&eid=73

Schattenkämpferin: Inzwischen gibt es neben den „normalen“ Büchern auch E-Books und Hörbücher. Wie stehst Du zu diesen? Sind das für Dich Modeerscheinungen oder Trends, die sich auf Dauer durchsetzen? Denkst Du, man muss mit der Zeit und mit dem Fortschritt gehen, oder gehörst Du zu den Verfechtern des „richtigen“ Lesens?

Sebastian: Es gibt kein „falsches“ Lesen. Hauptsache ist doch, jemand schafft es, sich den Zugang zu einer anderen Welt zu verschaffen. Ob er das mit einem Hörbuch, Ebook, Taschenbuch, Hardcover oder gemeißelten Felsplatten tut, soll jeder selbst entscheiden.
Ich persönliche ziehe das gebundene Buch allen anderen Medien vor, sehe aber durchaus Vorteile des Ebook, auf dem ich selbst zum Beispiel alle meine Manuskripte, Drehbücher etc. gespeichert habe und so nicht mehr Tonnen von Papier ausdrucken und rumschleppen muss.

Schattenkämpferin: Unsere letzte Frage: Wie sehen Deine zukünftigen Pläne aus, worauf können sich Deine Fans freuen? Was erwartet uns mit Deinem nächsten Buch?

Sebastian: Natürlich wieder auf einen Psychothriller: „Der Augensammler“

Er spielt das älteste Spiel der Welt: Verstecken. Er spielt es mit deinen Kindern. Er gibt dir 45 Stunden, sie zu finden. Doch deine Suche wird ewig dauern. Erst tötet er die Mutter, dann verschleppt er das Kind und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche. Das ist seine Methode. Nach Ablauf der Frist stirbt das Opfer in seinem Versteck. Doch damit ist das Grauen nicht vorbei: Den aufgefundenen Kinderleichen fehlt jeweils das linke Auge. Bislang hat der Augensammler keine brauchbare Spur hinterlassen. Da meldet sich eine mysteriöse Zeugin: Alina Gregoriev, eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, durch bloße Körperberührungen in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen zu können. Und gestern habe sie womöglich den Augensammler behandelt.

Schattenkämpferin: Vielen Dank für die Zeit, die Du Dir genommen hast, und Deine interessanten Antworten! Das Team von Literatopia wünscht Dir für zukünftige Projekte viel Erfolg!


~~~ Leserfragen von Literatopia ~~~

Leserfrage: Woher stammen die Ideen für Deine Geschichten und haben sie einen familiären Hintergrund?

Sebastian: Zu meinen Ideen werde ich durch Alltagssituationen inspiriert. Die Idee für „Das Kind“ ergab sich aus einem Streit mit meiner besten Freundin.
Sie behauptete nämlich, dass sie sich als kleines Kind bei einem Frankreich-Urlaub mit ihren Eltern beim Besuch eines Marktplatzes daran erinnert habe, dort schon einmal gewesen zu sein. Damals war sie sieben Jahre alt und der Marktplatz war der, auf dem Johanna von Orleans auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Ich sagte: „Na klar, ist doch komisch. Weshalb sind alle Leute, die sich an ihr früheres Leben erinnern können, eigentlich immer so verdammt wichtig gewesen? Und wieso sagt eigentlich kaum einmal jemand etwas Negatives über sich. Wie zum Beispiel: Ich war ein Serienmörder …“ Und damit war die Grundidee geboren.

Leserfrage: Glaubst Du wie in Deinem Roman „Das Kind“ an mehrere Leben?

Sebastian: Ich finde, es ist schon so unglaublich, dass wir überhaupt einmal geboren wurden, dass auch alles andere denkbar ist. Waren wir alle schon einmal hier? Möglich! Aber was, wenn dieses Leben jetzt unser Letztes ist? Ich versuche es genau mit dieser Einstellung zu leben. Und manchmal gelingt es mir sogar …

Leserfrage: Schreibst Du nur Thriller oder auch was anderes? Versteckst Du auf Deinem Rechner vielleicht sogar Gedichte oder ähnliches?

Sebastian: Aktuell habe ich nur Thriller geschrieben (und ein Sachbuch über Namenforschung) – und ich denke, ich werde meinem Lieblingsgenre noch sehr, sehr lange treu bleiben.

Leserfrage: Wie stehst Du, so ganz allgemein und pauschal, zu dem, was Du schreibst?

Sebastian: Ich stehe zu nichts und niemandem pauschal und allgemein. Meine Einstellung ändert sich von Tag zu Tag. Bei allem, was ich tue, bin ich emotional sehr intensiv involviert. Und meine Emotionen ändern sich Tag für Tag. In dieser Sekunde denke ich zum Beispiel, dass „Der Augensammler“ das beste Buch ist, das ich je geschrieben habe. Aber fragt mich morgen mal …

Leserfrage: Was ist bei Dir zuerst da: die Figur (des Helden), das Setting oder ein genereller Plot?

Sebastian: (siehe unten)

Leserfrage: Wie baust Du Deinen Plot auf? Zuerst die Hauptpunkte, dann die Details und immer mehr Details? Oder Szene für Szene und dann schaust Du, wo Du landest? Oder hast Du gar keinen Plot?

Sebastian: (siehe unten)

Leserfrage: Schreibst Du Dir bei den einzelnen Szenen auf, was darin vorkommen soll und was Du erwähnen willst, oder machst Du Dir davon nur eine grobe Vorstellung?

Sebastian: Ich habe mal die drei obenstehenden Fragen zusammengefasst:

Bei mir beginnt alles mit einer „Was-Wäre-Wenn“-Frage.
Zum Beispiel: Was wäre, wenn man negative Erinnerungen für immer aus seinem Gedächtnis löschen könnte. Und was, wenn etwas dabei schief geht?
Das war die Ausgangsfrage zu „Splitter“.
Dann denke ich über die Hauptfigur nach, die diese „Was-Wär-Wenn“-Frage betrifft und von da ab entwickelt alles eine von mir kaum noch zu kontrollierende Eigendynamik.
Bevor ich den ersten Satz schreibe, vergehen dann oft Wochen und Monate mit Nachdenken. Ich setze mich ins Auto, gehe spazieren oder sitze einfach nur auf dem Sofa und führe Selbstgespräche, in denen ich mir immer und immer wieder die Geschichte erzähle, die sich langsam im Kopf entwickelt. Dann erzähle ich die Geschichte Freunden, Bekannten und Verwandten und teste so, ob sie es wert ist, dass ich mindestens vier Monate am Stück an einer ersten Fassung schreibe. Die erste Fassung, die in der Regel dann nicht mehr so viel mit der theoretischen Story gemein hatte, wird dann noch mindestens zweimal überarbeitet. Alles in allem vergehen so mindestens sechs Monate mit Schreiben, der Rest des Jahres geht für Nachdenken, Recherche und Warten drauf. Schließlich muss ich meiner Lektorin ja auch etwas Zeit geben, die Fassungen zu lesen.

Leserfrage: Wie behältst Du all die kleinen Hinweise, die in einem Thriller stecken, im Griff? Hast Du eine Liste, die Du nach und nach abarbeitest und abhakst, oder eine andere Methode?

Sebastian: Ich stecke so in der Geschichte, dass ich beim Schreiben nie auf meine Notizen schauen muss. Das gelingt mir aber nur, indem ich gerade in der Endphase eines Romans nichts anderes nebenher mache. Also auch nicht den Müll raus bringen ;) (Sorry, Sandra!)

Leserfrage: Warum hast Du Deinem Helden in „Der Seelenbrecher“ dieses grauenhafte, verstörende Geheimnis mit auf den Weg gegeben? Hätte es nicht einfach nur Untreue in der Ehe sein können? Und ganz generell gefragt: Muss die Helden- oder auch die Täterfigur in einem Thriller so ein Geheimnis haben? Wonach werden solche Geheimnisse ausgesucht?

Sebastian: Gegenfrage: Wäre es nicht etwas überreagiert, wenn der Seelenbrecher aus seinen Opfern psychische Wracks macht und sie sogar tötet, nur weil er von seinem Lebenspartner verlassen wurde? (Dann hätte ich schon öfter zum Seelenbrecher werden können ;) )
Allerdings suche ich mir die Geheimnisse nicht aus. Sie entwickeln sich beim Schreiben; man kann also sagen, sie suchen mich aus.

Leserfrage: Wie kommst Du am Ende immer auf diese überraschenden, aber dennoch logischen Wendungen und Auflösungen? Weißt Du das schon von Anfang an oder kommen diese Ideen erst beim Schreiben?

Sebastian: Zumindest glaube ich während des Schreibens, das Ende zu kennen. Oftmals bin ich dann aber selbst von meinen eigenen Büchern überrascht. Wie gesagt, die Figuren entwickeln ein Eigenleben. Irgendwann hab ich die verfluchten Biester einfach nicht mehr unter Kontrolle.


Alle Rechte vorbehalten.

Fitzek, Sebastian: Amokspiel
Fitzek, Sebastian: Das Kind
Fitzek, Sebastian: Der Augensammler
Fitzek, Sebastian: Der Seelenbrecher
Fitzek, Sebastian: Die Therapie
Fitzek, Sebastian: Splitter

Schattenkämpferin: Hallo Anna! Klasse, dass Du während der MySpace MusicChallenge etwas Zeit findest und uns ein paar Fragen beantwortest. Stell Deine Band Herbstrock unseren Lesern doch bitte kurz vor: Wer seid ihr und was macht ihr?

Herbstrock: Wir sind eine vierköpfige Band aus Wien, machen Musik seit 8 Jahren, haben in Deutschland unser erstes Album veröffentlicht und befinden uns im Moment auf der MySpace MusicChallenge!

Schattenkämpferin: Zurzeit seid ihr, nur mit einem speziellen Handy ausgerüstet, auf Tour durch Deutschland unterwegs. Start war in München, das Ziel ist Berlin. Was steckt hinter dieser Challenge und warum sollten die Leute ausgerechnet euch auf eurer Reise unterstützen?

Herbstrock: MySpace hat zwei Bands ausgesucht, die sich ohne Geld, ohne Essen und ohne Auto bis nach Berlin durchschlagen müssen. Wir haben einen Kameramann dabei, der genauso wie wir ohne alles auskommen muss :) Es gewinnt die Band, die am Ende mehr Votes hat – abstimmen kann man unter http://www.myspace.com/musicchallenge – da findet man auch täglich neue Videos, und man bekommt Informationen, wo wir uns gerade aufhalten und was wir brauchen! Also bitte vorbeischauen, es ist wirklich wichtig für uns! :)

Schattenkämpferin: Die Erlebnisse, die ihr auf dieser Reise sammelt, sind sicherlich einige Geschichten wert. Wird man die eine oder andere Anekdote vielleicht in einem späteren Song wiederfinden? Wer von eurem Quartett ist normalerweise zuständig und wovon lasst ihr euch inspirieren?

Herbstrock: Also die Musik schreiben wir alle gemeinsam, da sind wir sehr demokratisch, aber bei den Texten lass ich mir nicht dreinreden :) Hm, das kann ich jetzt noch nicht sagen, ob die eine oder andere Geschichte in einem Song wiederzufinden sein wird … mal sehen und überraschen lassen!

Schattenkämpferin: Wenn ihr an euren Songs arbeitet und ein Lied in seiner Entstehungsphase ist, wie ist der normale Werdegang: Baut der Text auf die Melodie auf oder ist die Melodie zuerst da, um dafür die passenden Lyrics zu schneidern? Kann man das überhaupt klar trennen oder vermischt sich das oft?

Herbstrock: Meist ist es so, dass zuerst die Musik da ist, dann die Gesangsmelodie und zu allerletzt dann der Text. Das kann man sogar sehr gut trennen. Ich habe noch nie einen Text ohne Musik geschrieben, ich brauche die Musik, da sie mich zu einem Text inspiriert.

Schattenkämpferin: Manche Menschen behaupten, dass Musik eine besondere Form der Literatur ist. Wie denkt ihr darüber? Welche Rolle spielen eurer Meinung nach die Lyrics von Liedern, und lenkt die Musik dabei eher von den Worten ab oder unterstützt sie in ihrer Aussage? Was ist euch persönlich wichtig bei euren Liedern – die Botschaft, der schöne Klang, der Mitwipptakt oder etwas ganz anderes?

Herbstrock: Also mir sind die Texte sehr wichtig, außerdem sind sie auf Deutsch und da versteht nun wirklich jeder, worum es geht. Am wichtigsten ist mir allerdings die Musik, das steht für mich an erster Stelle.

Schattenkämpferin: Musik selbst kann ebenfalls sehr inspirierend wirken. Habt ihr schon mal Feedback in Form von Geschichten oder auf eure Texte aufbauenden Gedichten erhalten? Falls ja, was war das für ein Gefühl? Und falls nein, wie würdet ihr das finden?

Herbstrock: Ja, uns schreiben ziemlich oft Menschen, was sie mit unserer Musik verbinden. Es ist immer interessant zu lesen, da jeder etwas völlig fühlt, und so soll es ja auch sein. Es gibt nichts Langweiligeres als Texte, die keine Zeile zwischen den Zeilen haben.

Schattenkämpferin: Musiker haben oft andere Musiker, die sie sich zum Vorbild nehmen oder durch die sie erst ihre Liebe zur Musik entdeckt haben. Welche großen Künstler spielen bei euch eine Rolle, und gibt es auch Wortakrobaten außerhalb der Musik, die euch mit ihren Werken beeindrucken?

Herbstrock: Ich kann jetzt nur für mich sprechen … ich hab damals, als wir die Band gegründet haben (da war ich 15), sehr viel Hamburger Schule Musik gehört, Seitenscheitel und Adidas-Schuhe getragen. Wahrscheinlich ein Mitgrund, warum ich mich für die deutsche Sprache entschieden habe.

Schattenkämpferin: Wie sieht euer Alltag eigentlich aus, wenn ihr nicht grad an Challenges teilnehmt oder über neuen Songs brütet? Hat „normale“ Literatur Platz in eurem Leben, und in welche Genres könnt ihr dann am ehesten eintauchen, um dem Alltag zu entfliehen? Gibt es Lieblingsautoren oder -bücher, die in eurer Kindheit wichtig waren und es bis heute sind?

Herbstrock: Ich hab in der Tat ein Lieblingsbuch! :) Und zwar ist das von Juli Zeh „Adler und Engel“. Eine großartige Geschichte, wunderbar geschrieben und wirklich spannend.
Wir sind mittlerweile in der glücklichen Lage, dass wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren können, und nur noch selten Nebenjobs machen zu müssen, um uns das Musik machen überhaupt leisten zu können! Und in meiner Kindheit war Thomas Brezina mein Lieblingsautor (ich weiß nicht, ob euch das in Deutschland etwas sagt :))

Schattenkämpferin: Unsere letzte Frage, dann darfst Du Dich wieder der MusicChallenge widmen: Was passiert, wenn ihr als Gewinner aus diesem Wettkampf geht? Worauf darf das Publikum gespannt sein, nachdem es euch zum Sieg verholfen hat?

Herbstrock: Hm, wir werden wahrscheinlich beim Finale die größte je dagewesene Party feiern :) Leider gibt’s danach nichts so Spannendes, da wir wieder ins Studio gehen werden, um unser neues Album zu produzieren.

Schattenkämpferin: Nochmals danke für Deine Zeit. Ich drücke euch für die weitere Tour die Daumen und wünsche euch viel Erfolg!

Herbstrock: Wir sagen danke! :)


Alle Rechte vorbehalten.

Schattenkämpferin: Hallo Natascha! Wir freuen uns, dass Du Zeit für ein Interview findest und uns ein paar Fragen beantwortest. Stell Dich unseren Lesern doch bitte kurz vor und erzähl uns, wer Du bist und was Du machst.

Natascha: Hm, wer bin ich schon? Ich bin Natascha und das ist nicht mein richtiger Name. Ich bin mittlerweile ein Azubine und habe den ganzen Müll, der in Seelenficker einen Weg nach draußen gefunden hat, hinter mir gelassen.

Schattenkämpferin: Mit „Seelenficker“ ist Dein ganz persönliches Tagebuch bei UBooks erschienen. Wurde daran viel verändert oder ist es original das, was Du geschrieben hast?

Natascha: Das Buch ist quasi so übernommen worden, wie es in meinem Tagebuch steht. Es ist nur gesäubert worden und natürlich ist es nicht vollständig. Ich glaube, das Hauptproblem war, dass ich halt kein richtiges Buch zum Reinschreiben hatte, sondern mir halt gegriffen hab, was da war. Servietten, Flyer, Werbung etc. Dieser Wust musste erst einmal in eine zeitlich passende Reihenfolge gebracht werden. Das hat der Verlag gemacht.

Schattenkämpferin: Wie verhält es sich mit der Gestaltung allgemein? Die Seiten sind mit Tintenflecken und Kritzeleien verziert – wie viel davon ist echt und was wurde im Nachhinein ergänzt, um das Tagebuch authentischer zu machen?

Natascha: Ich finde das ganz nett. Meine Aufzeichnungen sind tatsächlich ziemlich eingesaut. Ich glaube, das wollte der Layouter irgendwie rüberbringen. Und da das Thema meines Buchs auch nicht sauber und toll ist, darf im Buch also auch ruhig geschmiert werden.

Schattenkämpferin: Was hat Dich zum Schreiben bewogen? Ist es für Dich eine Fluchtmöglichkeit aus der Welt gewesen, eine Rückzugsnische, ein Platz, der nur Dir gehört? Welche Bedeutung hat das Schreiben für Dich?

Natascha: Ich mag schreiben. Hab ich gemocht. Wenn du auf einen Freier wartest oder gerade was eingeworfen hast, oder wenn du runterkommst, dann ist es schon cool, die Erinnerungen und Gefühle festzuhalten. So gesehen hat mir das Schreiben geholfen, mir meine Situation vor Augen zu führen und vielleicht hat es auch einen Tropfen Kraft dazugegeben, aufzuhören.

Schattenkämpferin: Das Ursprungscover – ein nacktes Mädchen mit Riesenschnuller um den Hals und Ritzspuren auf Armen, Oberschenkeln und im Brustbereich – wurde durch ein harmloseres Bild ersetzt. Welches Cover findest Du besser – das alte oder das neue? Wie viel Mitspracherecht hattest Du bei der Wahl des Covers und wie, findest Du, passt es zu Deiner Geschichte?

Natascha: Ich mag das erste lieber. Es hat diese tolle Verletztheit eines Kindes gemischt mit einem Blick, der sagt: Am liebsten würde ich Dich von oben bis unten aufschlitzen, dir den Schwanz abschneiden und den an die Hunde verfüttern. Das gefällt mir. Ich hab das Cover auch mit ausgewählt.
Bevor UBooks die dritte Auflage drucken ließ, haben die mich angerufen und gesagt, wegen eines neuen Gesetzes möchten sie vorsorglich das Cover ändern. Zur Sicherheit … Ich kann die schon verstehen, aber ich finde es schon krank, dass meine Stadt noch immer ein Babystrich mit was weiß ich wie vielen Kindern hat, aber das Cover eines Buches geändert werden muss. Das ist doch bescheuert! Da sollten die Bullen doch lieber die Kinder von der Straße holen!

Schattenkämpferin: Wird „Seelenficker“ Dein einziges Buch bleiben oder hast Du vor, weitere Bücher zu schreiben? Planst Du vielleicht sogar eine Schriftstellerkarriere nach Beendigung Deiner Ausbildung?

Natascha: Oh Gott, keine Schriftstellerkarriere. Ich will was Solides. Etwas, von dem ich mein Leben bestreiten kann. Ich brauche Sicherheit. Ohne die ist die Gefahr eines Rückfalls einfach viel zu groß.

Schattenkämpferin: Ein Tagebuch ist ja normalerweise etwas, das man nicht einfach so der Welt präsentiert. Warum hast Du dich für eine Veröffentlichung Deiner persönlichen Aufzeichnungen entschieden? Wie ist der UBooks-Verlag eigentlich auf Dich aufmerksam geworden?

Natascha: Keine Ahnung. Ehrlich! Ich weiß noch, dass ich am UBooks-Stand abgehangen hab, bei irgendeinem Wave-Gothik-Treffen. Wollte da einen coolen Autor von denen treffen und mir ein Autogramm holen.
Weil es länger gedauert hat, kam ich mit einem der Verleger ins Gespräch und der war nett. Wir haben gequatscht und ich rede schon viel und da hab ich wohl davon erzählt und so kam dann eins zum anderen.

Schattenkämpferin: Bekommst Du Rückmeldungen aus Freundes-, Bekannten- und Familienkreisen zu Deinem Buch? Wenn ja, welcher Art sind diese und wie wichtig sind Dir die Meinungen der Leute?

Natascha: Nein! Ich habe das Buch nicht ohne Grund unter Pseudonym geschrieben. Ich will kein persönliches Feedback! Wenn mir irgendjemand schreibt (seelenficker.net), dann bekomme ich die Sachen vom Verlag zugeschickt. Das finde ich schon cool.
Aber es ist einfach unmöglich, in diesem Land ein normales Leben zu führen, mit einer Vergangenheit, wie ich sie habe. Keiner will jemanden mit Drogen- und Strichervergangenheit einstellen. Deshalb bleibt das alles mal schön … inkognito.

Schattenkämpferin: „Natascha“ ist nicht Dein richtiger Name. Warum hast Du Dich ausgerechnet für dieses Pseudonym entschieden, was verbindest Du damit? Hat er eine spezielle Bedeutung für Dich oder wurde er willkürlich ausgewählt?

Natascha: Natascha ist eines von vielen Pseudonymen. Manche Freier kamen auch zu mir und sagten: „Meine Tochter heißt Susi, also nenn ich Dich Susi. Und DU mich Papa.“ Aber viele standen halt auf diese kleinen Ostblockmädchen. Am besten noch mit bescheuertem Akzent. Das kam an. Wenn also einer zu dir kam und fragte: „Wie ist dein Name?“, sagst Du: „Ich bjien Natascha, draisähn Jahre junk.“ Da ging den Neulingen am Strich gleich einer ab.

Schattenkämpferin: Du achtest sehr darauf, dass Deine wahre Identität geheim bleibt. Fürchtest Du Dich davor, dass sich in „Seelenficker“ genannte Charaktere möglicherweise rächen wollen? Wie groß ist die Gefahr, wieder in dieses Milieu abzurutschen und ganz unten zu landen?

Natascha: Vor meinen Freiern habe ich keine Angst. Mir geht es nur darum, ein halbwegs vernünftiges Leben zu leben. Der Rest ist mir egal. Und klar ist die Angst da, wieder rückfällig zu werden. Die Versuchung ist jeden Tag da. Und jeden Tag muss ich mir sagen: Nein! Das endet in der Scheiße.
Vor allem: So verlockend die Drogen auch manchmal sind, mit den Drogen kommt sofort wieder die Prostitution, weil das Zeug muss ja bezahlt werden. Und als normale kleine Straßennutte bist du einfach nichts wert. Wenn du irgendwann im Straßengraben landest, interessiert es einfach niemanden.

Schattenkämpferin: Zurück zur Literatur. Liest Du selbst auch gern? In welchen Genres bewegst Du Dich am liebsten und welche meidest Du lieber? Gibt es ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsautor? Welches Buch aus Deiner Kindheit ist Dir besonders in Erinnerung geblieben, und warum genau dieses?

Natascha: Ich lese sehr viel. Ich glaube, der einzige Grund, warum mir die kleine Wohnung irgendwann einmal zu klein wird, sind meine Bücher. Und ich lese am liebsten Lesbenliteratur. Da gibt es nicht so viel, deshalb lese ich da fast alles. Aber auch so muss ich für die Berufsschule viel Fachzeug lesen.
Aus der Kindheit sind mir keine Bücher bekannt. Gab’s bei uns nicht wirklich. Es gab einen Fernseher, vor dem hing Mama immer.

Schattenkämpferin: Wenn Du selbst Charakter eines Buches sein könntest, wie würdest Du Dich gestalten? Wärest du eine unbeschwerte Prinzessin, eine mächtige Magierin oder ein einfaches Mädchen, das mit dem zufrieden ist, was das Leben ihr zu bieten hat?

Natascha: Das einfache Mädchen. Ich hätte so gerne ein paar Kinder, eine Familie und das einfach alles normal ist. Das wäre klasse. Prinzessin wird man von den Typen aufm Straßenstrich gerne genannt. „Komm her, kleine Prinzessin, fass an meinen Zauberstab“ und so ’ne Scheiße.

Schattenkämpferin: Beim UBooks-Verlag bist du von vielen AutorenkollegInnen umgeben. Hast Du schon mal ein Buch aus dem Verlagsprogramm in der Hand gehabt und gelesen? Wenn ja, welches und wie hat es Dir gefallen? Und welche Bücher möchtest Du unbedingt noch lesen?

Natascha: Ich hab die Verleger ja kennengelernt, weil ich Bücher von UBooks schon kannte, bevor die mich kannten. Ich hab damals Oliver Dahm und Nicodemus Loure gelesen, aber auch andere. Und natürlich Dirk Bernemann, aber wer hat den nicht gelesen. Ich fand die Bücher toll. UBooks macht schon krassere Sachen und das gefällt mir einfach mehr, als so normaler Mist eben.
Mein Lieblingsbuch ist und bleibt aber Lolita.

Schattenkämpferin: Wenn Du Dich nicht kennen würdest und „Seelenficker“ nicht selbst geschrieben hättest, wie würdest Du darauf reagieren? Würdest Du im Laden daran vorbeigehen oder fiele Dir der Titel sofort ins Auge? Wenn Letzteres, was genau würde Deine Aufmerksamkeit erregen?

Natascha: Da kann ich nichts dazu sagen, denn ich bin nun mal ich. Der Titel ist ja auch vom Verlag so gewählt worden, weil wir kein tränendurchweichtes Buch für Muttis machen wollten, die sich gerne an den Schicksalen kleiner Kinder zu Tränen rühren lassen. Das Buch sollen Mädchen lesen, die so alt waren, wie ich damals! Damit die merken, wie beschissen das Leben auf der Straße ist und wie beschissen Drogen sind.
Da gibt es kein erstes Mal im Kerzenschein!

Schattenkämpferin: Wird es irgendwann die Möglichkeit geben, Dich einmal live auf einer Lesung zu erleben? Wie würde diese ablaufen, was stellst Du Dir darunter vor? Für welche Passagen aus Deinem Buch würdest Du Dich zum Vorlesen entscheiden?

Natascha: Nein! Ich werde das Buch niemals vor Publikum lesen. Es gibt ja ein Hörbuch davon und das ist meiner Meinung nach sehr gelungen.

Schattenkämpferin: Letzte Frage, dann bist Du von unserer Neugier erlöst. Wie sehen Deine weiteren Pläne für die Zukunft aus? Wird man noch öfter von Dir lesen? Welche Ziele hast Du für Dich persönlich gesteckt?

Natascha: Ich will meine Ausbildung schaffen, dann eine Weiterbildung machen und ich hoffe, dass ich trotz Krise meinen Job behalte oder einen besseren bekomme.

Schattenkämpferin: Vielen herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für deine Zukunft!


Alle Rechte vorbehalten.

Natascha: Seelenficker

Schattenkämpferin: Hallo Dirk, schön, dass Du Zeit für ein Interview findest! Deine gesellschaftskritischen Bücher sind in aller Munde (und dank Podcast auch in aller Ohren), trotzdem gibt es sicher noch immer Menschen, die mit Deinem Namen nichts anfangen können. Daher unsere erste, völlig unspektakuläre Frage: Wer ist Dirk Bernemann und was macht dieser Typ eigentlich?

Dirk Bernemann: Der Typ macht ne Menge kulturell relevantes Zeug, es gibt mittlerweile 4 Bücher von ihm und er entweiht regelmäßig Kulturstätten in Deutschland mit Lesungen und Performances. Meistens mag ich ihn sogar.

Schattenkämpferin: Mittlerweile hast Du vier Bücher auf den Markt gebracht und darfst Dich „erfolgreicher Schriftsteller“ nennen. Aber wie bist Du eigentlich zum Schreiben gekommen und in welchem Alter hast Du gemerkt, dass Worte mehr als nur Buchstaben auf dem Papier sind?

Dirk Bernemann: Dass Worte mehr sind als ein Schriftbild, habe ich schon als Grundschüler verstanden. Die intensive Beschäftigung mit der Sprache (und gute Lehrer mit Experimentierfreudigkeit) verstärkten das Interesse noch und dann kamen Gedichte aus mir raus, die zu Kurzgeschichten wurden und damit hab ich heute Erfolg und ich muss sagen: Vielleicht kann ich wenig, aber das hier definitiv.

Schattenkämpferin: Männer haben als Kinder ja oft den Wunsch, später Polizist oder Feuerwehrmann zu werden. Ging es Dir ähnlich oder lag Dein Interessenfeld schon immer mehr in der Kunst? Wann und warum hast Du Dich für das Schreiben als Beruf entschieden?

Dirk Bernemann: Ich wollte immer Privatdetektiv werden und hab meine Nachbarschaft beobachtet und tatsächlich hatten einige Leichen im Keller. Kunst und deren Ausdrucksmöglichkeit war schon sehr früh in meinem speziellen Interesse. Das Schreiben kam aber erst spät dazu, zuvor hab ich schon gemalt (ich hab versucht Picassos zu fälschen) und in diversen lauten Gitarren- und Elektrobands gespielt. Schreiben ist ein sehr autistischer Beruf, aber er passt zu mir.

Schattenkämpferin: Der UBooks-Verlag ist bekannt für sein außergewöhnliches Programm neben dem Mainstream. Wie bist Du zu dem Verlag gestoßen? Hast Du „auf blauen Dunst“ einfach Dein Manuskript eingeschickt oder ist der Verlag auf Dich zugekommen? Was hat Dich bewogen, ausgerechnet dort einen Vertrag zu unterschreiben?

Dirk Bernemann: Ja, es war der Versuch, das erste Buch an einen Verlag zu bekommen, ich hab das Manuskript an Freunde und an zwei oder drei Verlage weitergereicht, wovon UBooks der einzige war, der sich dazu geäußert hat und ich wurde mit offenen Armen empfangen. Es hat sich gelohnt. Für alle Beteiligten.

Schattenkämpferin: Auf einer Internetverkaufsplattform findet man von Dir eine Kurzrezension zum Roman „Atmen – Jemand muss atmen!“ Deines Verlagskollegen Stefan Kalbers. Liest Du viele Bücher von den anderen UBooks-Autoren? Für welche Art Bücher interessierst Du Dich generell, für welches Genre kannst Du Dich besonders begeistern? Und womit kannst Du im Gegensatz gar nichts anfangen?

Dirk Bernemann: Stefans Buch „Atmen“ gefällt mir gut, ich mag den Kalbers generell ziemlich gern, also das, was ich von ihm kenne, bin ja auch schon mal mit ihm aufgetreten und auch das hab ich nicht bereut. Ich mag Bücher, die sich in der Realität und in Traumversuchen aufhalten, nicht aber solche, die schon Träume sind, z. B. Fantasy oder die Biographie von Helmut Kohl.

Schattenkämpferin: Zurück zu Deinen Büchern: Warum ausgerechnet Gesellschaftskritik, und warum mit dieser besonderen Prise Sarkasmus und Ironie? Der Buchmarkt boomt derzeit im Fantasy-Genre – warum schreibt Dirk Bernemann nicht auch Geschichten über Vampire und ähnliche Fantasy-Gestalten?

Dirk Bernemann: Weil Vampire mich am Arsch lecken können, ich kenn die nicht und halte die für komische Dinge, die nachts rumlaufen und Leute erschrecken. Meine eigene Romantik finde ich aber eher auf der Müllhalde des Lebens. Außerdem pups ich regelmäßig dem Zeitgeist ins Gesicht. Denn, Zeitgeist, was soll das eigentlich sein, so’n Teil, was rumspukt und Frösche in Prostituierte verzaubert. Ich schweife ab, aber das tut Fantasy ja als Hauptaufgabe.

Schattenkämpferin: Deine Texte sind sehr realitätsnah. Woher beziehst Du Deine Ideen? Sind alle Geschichten aus Deinem privaten Alltag gegriffen, kennst Du einige Deiner Charaktere vielleicht sogar persönlich? Oder entspringt der Großteil der Personen der Fiktion?

Dirk Bernemann: Wenn meine Texte realitätsnah sind, dann hab ich sie wahrscheinlich auch wohl da her, aus der Echtheit des Lebens. Das mag ich, da stürz ich mich rein und bin froh, das erleben zu dürfen, was mich da inspiriert. Natürlich ist auch Fiktion dabei, nicht alle Menschen, die ich beschreibe gibt es auch, aber Teile von denen sind immer ich oder andere, die ich kenne.

Schattenkämpferin: Stichwort Inspiration: Wo bist Du, wenn Du schreibst? Hörst Du Musik während der kreativen Phasen? Wenn ja, welche Musikrichtung und warum genau diese? Hältst Du Deine Ideen stichpunktartig fest, schreibst Du also nach Plan oder einfach wild drauf los, wie es Dir gerade in den Sinn kommt?

Dirk Bernemann: Wenn ich schreibe, ist es still. Davor und danach russische Klassik oder Grindcore aus England. Warum? Weil ich’s gut finde und dabei Gefühle habe. Mittlerweile bin ich disziplinierter Schriftsteller, der sich Pläne macht, die ersten drei Bücher sind aber aus dem Druck entstanden, schreiben zu müssen, das Ventil ging auf, das Buch floss raus. Tralala, fertig …

Schattenkämpferin: Sowohl in „Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1 + 2“ als auch im aktuellen „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ wurden Gedichte veröffentlicht, die auf den Leser sehr persönlich wirken. Warum hast Du Dich entschieden, diese Stücke zu veröffentlichen, und wie wurde die Auswahl getroffen? Welchen Wert hat die Lyrik für Dich persönlich?

Dirk Bernemann: Lyrik ist das, wo ich herkomme, da sind die Wörter am schönsten, die Gefühle am direktesten. Meine Gedichte, bzw. ein Großteil, waren früher Songtexte von Bands, die ich betrieb. Die Auswahl war ein zufälliges Verfahren, ich hab ungefähr 1000 Zettel in die Luft geworfen und hab mich durchs Zimmer gerollt und was an mir hängenblieb, kam ins Buch …

Schattenkämpferin: In der Anthologie „Wahre Märchen“ hast Du die Kindergeschichten „Dornröschen“ und „Hänsel und Gretel“ ein klein wenig umgeschrieben. Welchen Hintergrund hatten Deine Beiträge zu der Kurzgeschichtensammlung und warum hast Du Dich gerade für diese beiden Märchen entschieden?

Dirk Bernemann: Hänsel und Gretel finde ich mehr denn je aktuell. Es geht da ja auch im Originalmärchen um eine sozial verrottete Familie, die nicht mehr imstande ist, ihre Kinder adäquat zu versorgen. Bei Dornröschen mag ich die Romantik, den 100jährigen Schlaf und den Moment des Wachküssens.

Schattenkämpferin: Die Cover Deiner Bücher sind ziemlich unterschiedlich und recht unspektakulär, was gänzlich im Gegensatz zu ihrem Inhalt steht. Bist Du an der Covergestaltung beteiligt oder entscheidet der Verlag allein? Wie gefallen Dir selbst die Cover und wie verbindest Du sie mit dem Inhalt der Bücher?

Dirk Bernemann: Ich find die Covergestaltung gerade in ihrer Unspektakularität sehr gelungen. Die Puppe auf „Unschuld“ hat dieses lolitahafte, schwerst naive. Fast ein „easy to fuck“-Blick, der einen da entgegengeworfen wird. Den Gegensatz nehme ich gar nicht so wahr, ich finde es sehr passend, dass das so ist. Die Gestaltung findet in Kooperation mit dem Verlag statt.

Schattenkämpferin: Mit Ausnahme von „Satt. Sauber. Sicher.“ haben alle Deine Bücher ziemlich lange Titel. Dabei heißt es doch so schön, dass in der Kürze die Würze liegt. Wie kam es zur Titelwahl? Und warum versteckt sich in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ offensichtlich die Falschannahme, dass es sich bei Schizophrenie um eine Persönlichkeitsspaltung handele?

Dirk Bernemann: Oh, ja, das alte Vorurteil, bzw. die falsche medizinische Herangehensweise. Meine Protagonisten und Geschichteninsassen (schönes Wort übrigens für Dirk Bernemann Figuren) haben alle emotionale Über- oder Untersteuerungen, was ja ein Merkmal der Schizophrenie ist und auch wenn ich im Titeltext meinen eigenen Gedankeninhalt verwurste, dann heißt das nicht, dass ich mich als viele sehe, sondern als einer, der viel macht und fühlt.

Dass der Titel so lang ist, ist seinem Schönklang geschuldet. SattSauberSicher ist so kurz, weil ich da sehr sloganartig drauf war und eine Zeit lang auch nur so gesprochen habe. Ich wohn ja aufm Land, da spricht man manchmal Tage lang gar nicht …

Schattenkämpferin: Auch wenn Du wahrscheinlich viel Kritik für Deine Bücher bekommst, hast Du ebenso eine große Fangemeinde. Wie wichtig ist Dir der Kontakt zu Deinen Lesern? Bist Du ein Star zum Anfassen, wirst Du auf der Straße erkannt? Gibt es ein besonderes Erlebnis mit einem Fan, das Dir in Erinnerung geblieben ist?

Dirk Bernemann: Meine Fans sind die geilsten. Von den meisten lass ich mich sogar anfassen, es sei denn, sie haben offensichtlich ansteckende Krankheiten. Auf der Straße hör ich mehr „Geh ausm Weg Du Penner“ oder „Gibts Dein Fahrrad auch in schön?“ als „Guck, mal, n Autor“. Nach Lesungen häng ich gern mit denen rum, die mir zugehört haben und trink Bier mit den Leuten, da kommen häufig gute Gespräche und Begegnungen zustande.

Schattenkämpferin: Jeder Mensch hat ein soziales Umfeld. Was sagen Freunde und Familie zu Deinen Büchern? Lesen sie diese überhaupt und wie wichtig ist Dir ihre Meinung? Glaubst Du, dass der Erfolg Dich in Bezug auf Dein Privatleben verändert hat?

Dirk Bernemann: Meine Freunde lesen nicht Dirk Bernemann, sie leben mit ihm. Da werd ich auch nicht als Künstler gesehen, sondern als Typ, der jeden Sonntag mit aufm Fußballfeld steht und noch genau so besoffen ist, wie die anderen Jungs. Mein Privatleben hat sich, seit ich nur noch schreibe, in sofern geändert, als dass ich einfach meinem Privatleben mehr Zeit geben kann. So viel Privatleben kann aber auch ganz schön anstrengend sein …

Schattenkämpferin: Wenn Du Dich nicht kennen würdest und Deine Bücher nicht geschrieben hättest, wie würdest Du darauf reagieren? Würdest Du im Laden daran vorbeigehen oder fielen Dir die Titel sofort ins Auge? Wenn Letzteres, was genau würde Deine Aufmerksamkeit erregen?

Dirk Bernemann: Ich würde unbedingt und in jedem Falle mit mir schlafen wollen. Egal was für ein Geschlecht ich hätte, wenn ich nicht ich wäre. Ich würde denken, schon wieder einer, der schlicht provoziert und dann würde ich lesen und die Bekanntschaft eines Genies machen und dann würde ich das Genie ficken wollen, um selbst eins zu werden. Typisch Mensch, oder?

Schattenkämpferin: Auf Deiner Homepage ist die Info zu finden, dass Du noch nie im Ausland gelebt hast. Gibt es ein Land, das dich als Ort zum Leben besonders reizen würde? Wenn ja, welches und warum? Kommt Auswandern für Dich überhaupt in Frage oder hast Du Deine Wurzeln im Ruhrpott und wirst dort auch irgendwann begraben sein?

Dirk Bernemann: Ich hab meine Wurzeln im Münsterland und nicht im Pott. Das sind zwar nur 50 km, aber eine komplett andere Kulturregion. Aber ich reise gern. Ich bin einer, der gern wegfährt, aber genau so gerne zurück kommt. My home is where my art ist und die funktioniert überall, wo ich mich entfalten kann. Auswandern? Wüsste nicht wohin, vielleicht ins Ruhrgebiet …

Schattenkämpferin: Ebenfalls auf Deiner Homepage gibt es die Ankündigung zu einer Veranstaltung names „LitCarl“. Was ist das, was kann man sich darunter vorstellen, wie ist die Idee entstanden und warum sollte man dort unbedingt mal hingehen?

Dirk Bernemann: „LitCarl“ ist mega-wichtig. Das ist ein Konzept, bei dem ich neue Autoren einlade, die ihrerseits neue Bücher haben und ich interviewe die Leute und sie haben Gelegenheit ihre Sachen vorzustellen. Natürlich lade ich nur Leute ein, die ich auch selber gut finde. Los geht’s am 05.11. in der Zeche Carl in Essen.

Schattenkämpferin: Du bist nahezu durchgängig auf Lesetour. Warum sollte man auf keinen Fall die Möglichkeit verpassen, Dich live zu erleben? Was erwartet die Besucher Deiner Lesungen und was zeichnet Deine Lesungen aus?

Dirk Bernemann: Meine Lesungen sind intensiv, ich glaube, nicht nur für mich. Ich bin auf der Bühne ein gefühlsbetonter Mensch, ich schreie, wüte, spucke, bin zärtlich zu mir selbst und nebenbei lese ich intensive Sachen vor, von denen ich glaube, dass sie imstande sind, Leute zu berühren. Manchmal singe und tanze ich auch, das liegt dann aber am Wein.

Schattenkämpferin: Kurz vor Schluss noch eine Frage für die Forenmitglieder von Literatopia, die zum Großteil selbst an einer Karriere als Autor arbeiten oder zumindest insgeheim davon träumen: Welche geheimen Tipps kannst Du uns verraten, die zum Erfolg führen? Gibt es überhaupt ein Patentrezept?

Dirk Bernemann: Ich habe sogar drei Tipps: Druck machen, Druck machen, Druck machen ist der erste, damit meine ich das künstlerische Ziel im Auge zu behalten und es immer wieder anzubieten.
Des Weiteren sollte man aber auch auf andere hören, z. B. Verleger und Lektoren, dadurch kann die eigene Arbeit nur reifen, wenn die Leute wissen, was sie da erzählen. Des Weiteren soll man bitte aufgeben, wenn man total scheiße schreibt, um Platz zu machen für die, die es können. Ich krieg auch häufiger Romankonzepte oder Lyrik aus fremder Feder auf meinen Schreibtisch und das ist zu 80 % der Fälle einfach nur peinlich und lustig. Also peinlich für den Autor und lustig für mich. Ich bin keine Bewertungsinstanz für so was, sondern ich habe einen ausgemachten Geschmack, in dem das meiste mir kredenzte Schriftwerk leider keinen Platz findet. Bah.

Schattenkämpferin: Und zu guter Letzt möchten wir natürlich wissen, was uns in Zukunft von Dirk Bernemann erwarten wird. Welche kurz- und auch langfristigen Pläne hast Du, worauf dürfen sich Deine Leser freuen?

Dirk Bernemann: Es wird ein Unschuld kotzen, Teil 3 geben, allerdings zunächst als Ebook, mein neuer Roman wird höchstwahrscheinlich im Oktober 2010 erscheinen. Außerdem arbeite ich an einem Kinderbuch und ich will noch mal fürs Theater schreiben.

Schattenkämpferin: Dirk, ganz herzlichen Dank für Deine Zeit und die interessanten Antworten!

Dirk Bernemann: Herzlich gern.

www.DirkBernemann.de


Alle Rechte vorbehalten.

Interview mit Dirk Bernemann (17.03.2011)
Bernemann, Dirk: Ich bin schizophren und es geht mir allen gut
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1 + 2
Bernemann, Dirk: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3
Bernemann, Dirk: Satt. Sauber. Sicher.
Bernemann, Dirk: Vogelstimmen

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