Krimi



Heyne Hardcore, 1. Auflage Januar 2010
Originaltitel: L’oscura immensità della morte
Taschenbuch, 192 Seiten
€ 7,95 [D] | € 8,20 [A] | CHF 14,50
ISBN: 978-3-453-67537-7
Leseprobe

Genre: Krimi



Klappentext:

Ein brutaler Raubmord zerstört die unbeschwerte Familienidylle von Silvio Contin. Seine Frau und sein kleiner Sohn werden kaltblütig ermordet. Contin fällt in ein tiefes Loch. Fünfzehn Jahre später erreicht ihn das Gnadengesuch des Mörders. Contin begreift, dass dies die Chance seines Lebens ist: Die Zeit der Rache ist gekommen.



Rezension:

In jenen Jahren hatte ich verschiedene Formen des Sterbens kennen gelernt. Manch einer stirbt im Schlaf und bemerkt nichts davon. Man anderer geht hellwach, aber rasch und plötzlich hinüber, er bemerkt es gerade nur eben. Doch das gilt nur für Erwachsene. Enrico, mein Sohn, war alt genug gewesen, um zu wissen, was der Tod ist, aber zu erschrocken, um zu begreifen, was mit ihm geschah. Er hatte den Schuss gehört und den glutheißen Strahl des Geschosses quer durch seinen Körper gespürt, dann war sein Leben erloschen, nach wenigen Sekunden. So hatte es mir der Gerichtsmediziner gesagt, und als ich ihn fragte, ob mein Sohn Zeit gehabt hätte, die Dunkelheit des Todes wahrzunehmen, hatte er mir die Hand auf die Schulter gelegt und versucht, mich mit abgegriffenen Worten zu trösten. Aber ich hatte genau gewusst, was ich da fragte. Ich war bei Clara im Krankenhaus gewesen, als sie starb, und sie hatte diese Dunkelheit gesehen.
(Silvano, Seite 17/18)

Bei einem Raubüberfall auf einen Juwelierladen geht die Flucht reichlich schief und bei einem ungeplanten Schusswechsel verliert Raffaello Beggiato den Kopf – er erschießt einen kleinen Jungen und nur wenig später auch dessen Mutter. Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung wird er zu lebenslänglich verurteilt und erhält keinerlei Strafvergünstigung, da er komplett dicht hält und seinen Komplizen nicht verrät.
Fünfzehn Jahre später wird ihm vom Gefängnisarzt Krebs diagnostiziert und sein größter Wunsch ist es, als freier Mann auf Hawaii zu sterben; das Letzte, was er will, ist ein elendiges Zugrundegehen im Gefängniskrankenhaus. In einem persönlichen Brief wendet er sich an den Hinterbliebenen seiner damaligen Opfer, Vater und Ehemann Silvano Contin, und bittet um Vergebung und Gnade. Für Silvano kommt dieses selbstverständlich nicht in Frage, er möchte den Mörder seiner Liebsten im Gefängnis verrecken sehen. Doch der zweite Täter von damals ist noch immer auf freiem Fuß, und nur mit Hilfe von Beggiato besteht die Möglichkeit, auch ihn nach all den Jahren zur Verantwortung zu ziehen. So reift nach und nach ein neuer Plan in Silvanos Kopf heran, der nicht nur weite Kreise zieht, sondern auch die Abgründe offenbart, die der gewaltsame Verlust der wichtigsten Personen in einem Leben reißen kann.

Massimo Carlotto, der selbst zu Unrecht wegen Mordes verurteilt eine sechsjährige Gefängnisstrafe absitzen musste, bevor er begnadigt wurde, beginnt die Geschichte um Silvano und Raffaello sehr leise. Nur langsam findet der Leser Zugang zur Story und zum sich fast heimlich aufbauenden Showdown, der über den gesamten Verlauf des Buches immer spürbar im Hintergrund lauert. In keiner Weise vorhersehbar ist der Leser gezwungen, Seite für Seite aufmerksam zu lesen, um die auf den ersten Blick kaum bestehenden Zusammenhänge zu erkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dass der Autor selbst einige Zeit in Haft verbrachte, macht gerade die Passagen des verurteilten Raffaello umso authentischer, der ausführlich über seine Zeit im Gefängnis berichtet und Einblicke in das Leben hinter Gittern gewährt. Auch die Ängste in Bezug auf seine Krankheit werden anschaulich dargestellt, und obwohl er zwei Menschen auf dem Gewissen hat, werden beim Leser doch Sympathien geweckt.

Neben einigen weiteren Charakteren dreht sich eigentlich alles um Silvano und Raffaello. Diese beiden sind es auch, die als Einzige wirklich zu Wort kommen, Massimo Carlotto versteht es geschickt, den Wechsel zwischen den jeweiligen Ich-Perspektiven so zu gestalten, dass der Leser nicht verwirrt wird. Durch die Gestaltung des Buches weiß man immer ganz genau, wessen Blickwinkel man gerade vor Augen hat, denn zugegebenermaßen fällt die Zuordnung allein durch die Worte manchmal doch schwer.
Silvanos Plan, auch den zweiten Täter nach all den Jahren zur Rechenschaft zu ziehen, ist sehr skurril und nahezu abgedreht – der Verlust von Frau und Sohn hat ihn zu einem völlig neuen, anderen, gefährlichen Menschen gemacht. Was nachvollziehbar ist und vom Autor auch nachvollziehbar beschrieben wird. Erstaunlich, mit welcher Liebe zum Detail Carlotto seine Charaktere gestaltet hat, doch auch hier kommen wahrscheinlich die eigenen Erfahrungen sehr zum Zuge.

Für Krimi-Liebhaber, die miträtseln wollen, wer der Täter war, und die Spaß an mühevoller Kleinstarbeitsermittlung haben, ist Die dunkle Unermesslichkeit des Todes sicherlich nicht die richtige Lektüre. Wer jedoch eintauchen will in die Hintergründe eines sich rächen wollenden Menschen, der alles Wichtige im Leben verloren hat, und wer die andere Seite der Medaille kennen lernen möchte, der ist mit diesem Roman, der weitaus länger als knappe zweihundert Seiten wirkt, überaus gut beraten.



Fazit:

Die dunkle Unermesslichkeit des Todes ist anders als normale Krimis. Man weiß von Anfang an, wer Täter war und wer Täter sein wird. Und doch gelingt es Massimo Carlotto durch den Perspektivenwechsel zwischen Silvano und Raffaello, einen grandiosen Spannungsbogen aufzubauen und für immer neue überraschende Wendungen zu sorgen. Nichts für den Alltag, sondern ganz speziell, aber so oder so ein Muss für Krimi-Kenner!



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Ullstein, 1. Auflage Dezember 2010
Kartoniert, 256 Seiten
€ 7,95 [D], € 8,20 [A], sFr 12,90
ISBN: 978-3-54828-287-9

Genre: Münsterland-Krimi



Klappentext:

Schweinerei im Münsterland

Dieter Nannen, notorisch unterbeschäftigter Privatdetektiv, lebt mit Schwein Pedder auf einem kleinen Bauernhof im Münsterland. Der Bürger-
meister des Ortes verspricht ihm ein zusätzliches Einkommen, wenn er dem sechstklassigen FC Dülmen zum Aufstieg verhilft. Doch als einer seiner Mitspieler plötzlich erschossen wird, sind Nannens Qualitäten als Privatdetektiv gefragt. Lässig nimmt Nannen seine Ermittlungen auf und stellt in westfälischen Vereinslokalen seine Fähigkeiten unter Beweis …



Rezension:

Wieder einmal verschlägt es den Leser ins Münsterland, wo er es sich in Dieter Nannens Bauernhaus gemütlich macht und dem ehemaligen Prokuristen aus Essen amüsiert dabei zusieht, wie er ein ums andere Mal sein (und das) Leben (anderer) aufs Spiel setzt, während er einmal mehr in zahlreichen Fällen, die irgendwie zusammen hängen, ermittelt. Dieses Mal geht es um einen Mordfall im dorfeigenen Fußballverein, der hart am Aufstieg arbeitet und Nannen nicht nur als Ermittler, sondern auch als Spieler engagiert. Da es getrennte Gage gibt, sagt Dieter natürlich nicht nein und so gelangt sein Terminplan von Null auf Hundert, Kollisionsgefahr inbegriffen. Doch Nannen wäre nicht Nannen, wenn er nicht trotzdem alles unter einen Hut bringen würde, zur Not eben mit Hilfe von Delegation an andere.

So kommt man in den Genuss, alte Bekannte begrüßen und neuen Gesichtern eine Chance geben zu dürfen. Nannen legt sich – eher unfreiwillig, denn eines Tages steht er einfach vor der Tür – einen Praktikanten zu, der allerdings zweckentfremdet auf dem Bauernhof eingesetzt wird und nicht einmal annähernd in Kontakt mit den laufenden Ermittlungen kommt. Karin, die Nachbarsbäuerin, hat inzwischen einen kleinen Laden und übernimmt im aktuellen Buch hauptsächlich die Rolle der Babysitterin – schließlich können weder Nannen noch Grabowski, der Vater des kleinen Kevin, auf den Jungen aufpassen, während sie ermitteln und observieren. Und da die Leute wieder einmal während Nannens Ermittlungen wie die Fliegen der Reihe nach sterben, muss viel ermittelt und observiert werden.

Wie auch schon beim Vorgänger Die Sau und der Mörder spielen Schweine eher eine Nebenrolle und auch die aufzuklärenden Mordfälle sind nicht das, worum es sich beim vierten Nannen-Fall hauptsächlich dreht. Mein Schwein pfeift fällt ebenfalls in die Kategorie Bücher, die einfach zur Unterhaltung da sind und nicht unbedingt in allen Punkten ernst genommen werden sollten. Wenn man sich drauf einlässt, kann man eine Menge Spaß mit Dieter und seinem Umfeld haben, obwohl oder gerade weil eben dieses Umfeld offenbar Freude am Sterben hat. Konstanten werden wohl auch in folgenden Romanen Karin und Grabowski bleiben, wobei die Spekulationen ihrer weiteren Rollen sehr breit gefächert vertreten sind.

Bresser und Springenberg verstehen vielleicht nicht unbedingt viel davon, einen Krimi tatsächlich spannend zu gestalten, große Spannungsbögen zu ziehen und mit lautem Getöse für Aufklärung zu sorgen, doch locker geschrieben versprechen ihre Romane auch nicht zwingend Hochspannung, sondern schlichtweg unterhaltsame Stunden, die nicht nachträglich schwer im Magen liegen. Dieter Nannen wird der Leserwelt hoffentlich noch lange erhalten bleiben, um für wohl portionierte leichte Kost als kleine Zwischenmahlzeiten zu sorgen.



Fazit:

Je mehr man von Dieter Nannen liest, desto mehr wächst er einem ans Herz. Mit seinem vierten Fall hat der vieltalentierte Privatdetektiv alle Hände voll zu tun und der Leser einigen Spaß. Unter einem guten Krimi versteht man zwar etwas anderes, doch für Unterhaltung ist in jedem Fall gesorgt.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5



Interview mit Michael Bresser (10.03.2011)
Bresser, Michael & Springenberg, Martin: Die Sau und der Mörder
Bresser, Michael: Bestseller


Ullstein, 1. Auflage Mai 2009
Kartoniert, 240 Seiten
€ 7,95 [D], € 8,20 [A], sFr 14,90
ISBN: 978-3-54828-028-8

Genre: Münsterland-Krimi



Klappentext:

Ein kleines Dorf im Münsterland:
Doch mit den Einwohnern ist nicht zu spaßen. Vollblutprivatdetektiv Dieter Nannen wird beauftragt, den Mord am lokalen Dichterfürsten aufzuklären. Aber Nannen interessiert sich eher für die attraktive Geliebte des Poeten. Als diese junge Dame aber plötzlich tot in der Badewanne liegt, weiß Nannen, dass er es mit üblen Burschen zu tun hat …



Rezension:

Das Münsterland. Unendliche Weiten, begrenzte Möglichkeiten. Ein kleines Dorf lebt tagtäglich vor sich hin, ohne besondere Vorkommnisse, ohne Trubel, ohne Ärger. Mittendrin befindet sich Dieter Nannen, seines Zeichens Prokurist der Firma seines Schwiegervaters in Spe , den es nach der Trennung von seiner Verlobten Bettina von Essen ins beschauliche Buldern verschlagen hat. Auf einem kleinen Bauernhof lebt er mit Kaninchen und einem Schwein ein ruhiges Leben, in dem nicht viel passiert. Doch mit der Ruhe ist es schlagartig vorbei, als ein Dichterkreis Dieter Nannen, der sich im neuen Wirkungskreis für ein Berufsleben als Privatdetektiv entschieden hat, mit der Aufklärung des Mordes an ihrem vielversprechendsten Mitglied, das ein tiefes Loch in ihrer erlauchten Gruppe hinterlassen hat, beauftragt. Nannen ist dankbar für diesen Fall, da es bei ihm in letzter Zeit recht mau aussieht, was das Auftragswesen angeht und er sich daher bereits anderweitig nach unbefriedigenden Jobs umschauen musste, um seine Brötchen (und Möhren für die Karnickel) zu verdienen. Der Fall bringt einige Wirrungen und Irrungen mit sich, Nannen erhält aus erwarteten und unerwarteten Kreisen Unterstützung, ein Prügelkommando erwartet ihn in den eigenen vier Wänden, Bettina taucht wieder auf, weitere Morde geschehen – kurz gesagt geht es endlich einmal heiß her in der mehrere Dörfer umfassenden Gemeinschaft mitten im Münsterland und Dieter Nannen hat bald alle Hände voll zu tun.

2002 veröffentlichten Michael Bresser und Martin Springenberg ihren ersten Münsterland-Krimi um Dieter Nannen auf eigene Kosten und eigenes Risiko. Fünf Jahre später erschien der Roman erneut, dieses Mal allerdings unter anderem Titel, mit anderem Cover und beim Ullstein-Verlag. Damit bekam Dieter Nannens Karriere einen Aufwind, der sich bis heute hielt – mit Die Sau und der Mörder erscheint bereits der dritte Fall, in dem Privatdetektiv Dieter Nannen das Ruder der Ermittlungen in den Händen hält. Dass er neben den Ermittlungen aber noch viele andere Dinge zu tun hat, wirft ihn zeitweise ein wenig aus der Bahn – da wären die Tiere, die sein Erbe beinhaltet und die versorgt werden müssen, außerdem findet Bettina einiges am Lebenswandel ihres Ex-Verlobten auszusetzen und schließlich gilt es die zarten Bande der entstehenden Liebesbeziehung zur Nachbarbäuerin Karin behutsam zu pflegen. Zwischen all diesen Verpflichtungen kommt Nannen kaum dazu, seinen eigentlichen Ermittlungsaufgaben zur Genüge nachzukommen, und das merkt man leider auch der Story an.
Zu viele unwichtige Nebenhandlungen verzerren die Aufklärungsarbeit, dazu kommen die eine oder andere Affäre mit plötzlich auftauchenden Frauen, die Dieter Nannen allesamt unglaublich anziehend finden. Was zumindest für weibliche Leser kaum nachzuvollziehen ist, denn der von sich selbst sehr überzeugte Privatdetektiv kann mit nichts aufwarten, was einen sofort in den Bann schlägt. Übertrieben selbstironisch und mit nur selten schlagfertigen Sprüchen, sich dafür aber des Öfteren in Widersprüchen verstrickend gehört Dieter Nannen zu den Protagonisten, die man eigentlich gar nicht mögen möchte, deren sympathisches Auftreten aber trotzdem nicht zu umgehen ist. Man kommt einfach nicht an der trotteligen, wenn auch manchmal etwas aufdringlichen Liebeswürdigkeit dieses vom Leben bereits oft gebeutelten Mannes vorbei. Als Stehaufmännchen nach mehrmaliger Bewusstlosigkeit hat er etwas an sich, was zwar nicht zu erklären, aber durchaus da ist und überzeugt.

Obwohl als Münsterlandkrimi vermarktet und verkauft, kommt das Münsterland selbst im Roman reichlich zu kurz. Zwar liest man hier und da die Namen der Lokalpresse und des einen oder anderen Ortes, doch ansonsten bekommt man keine Chance, das Münsterland kennen zu lernen. Was schade ist, da andere deutsche Regionalkrimis es durchaus verstehen, die Gegend ihrer Handlung ansprechend einzubinden. Hieran müssen Bresser und Springenberg in zukünftigen Romanen definitiv arbeiten.
Und auch die sprachliche Ausarbeitung ist sehr gewöhnungsbedürftig, allerdings darf man hier hoch anrechnen, dass nicht typische Ein- und Ausleitungssätze bei der wörtlichen Rede verwendet werden. Einfallsreich und stellenweise noch etwas holprig bindet das Autorenduo die Dialoge gut in den laufenden Text ein, wodurch die Geschichte ein wenig lebendiger gestaltet wird.

Alles in allem ist Die Sau und der Mörder, in dem es weniger um Schweine geht, als Klappentext und Titel glauben machen möchten, eine nette Lektüre für zwischendurch ohne hohen Anspruch. Lockerheit wird hier großgeschrieben, denn sowohl die Sprache als auch die Ermittlungen sind nur selten mit Ernsthaftigkeit zu betrachten – der Roman macht auf jeden Fall Spaß, umso mehr, wenn man die Erwartungen nicht zu hoch ansiedelt und sich einfach auf den besonderen Stil der Autoren einlässt.



Fazit:

Der dritte Fall von Dieter Nannen bietet kurzweilige Unterhaltung für Leser, die einmal mehr schmunzeln wollen, aber keinen hohen Anspruch an den Krimi-Plot stellen. Echte Krimi-Fans sollten zu anderem Lesestoff greifen oder ihre Erwartungen an die Ermittlungsarbeiten runterschrauben.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3,5/5



Interview mit Michael Bresser (10.03.2011)Bresser, Michael & Springenberg, Martin: Mein Schwein pfeift

Bresser, Michael: Bestseller


Rowohlt Verlag, 1. Auflage Juni 2007
Originaltitel: The Sudoku Murder
Aus dem Amerikanischen von Tamara Willmann
Taschenbuch, 352 Seiten
Mit 29 Sudokus inkl. Lösungen
€ 7,95 (D)
ISBN: 978-3-49924-608-1

Genre: Krimi



Klappentext:

Das Rätsel eines Mordes

Eigentlich hatte Kate nicht vorgehabt, je wieder in ihre Heimatstadt Granville zurückzukehren. Nur an das Rätsel-Museum hat sie gute Erinnerungen. Und an ihren früheren Mentor, Prof. Avondale, mit dem sie die Begeisterung für Sudokus und andere mathematische Knobeleien teilt. Nun bittet der Professor die junge Frau um Hilfe, weil Unbekannte versuchen ihn zu erpressen. Doch auch Kate kann nicht verhindern, dass Avondale ermordet wird. Bei ihren eigenen Nachforschungen stößt sie schließlich auf ein Detail, das der Polizei bisher entgangen ist: Neben der Leiche lag ein angefangenes Sudoku …



Rezension:

Für Kate grenzt es nahezu an einen Alptraum, wieder in die Stadt zurückzukehren, in der sie aufgewachsen ist. Als sie das Städtchen Granville vor Jahren verlassen hatte, um ihrem Leben anderswo einen Sinn und mehr Inhalt zu geben, schwor sie sich, niemals wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen. Wofür es auch keinerlei Grund gab, bis ihr ehemaliger Mentor Prof. Avondale Kontakt zu ihr aufnimmt und sie um Hilfe bittet. Zurück in Granville stellt sie umgehend fest, dass sich nichts geändert hat, und würde am liebsten auf der Stelle wieder umdrehen und die Stadt erneut, dieses Mal endgültig zu verlassen. Wäre da nicht der Mord am Professor, wegen dem sie überhaupt da ist, und wäre da nicht die mit dem Tod Avondales verbundene, auf dem Spiel stehende Existenz des Rätselmuseums, das Kate in Kinder- und Jugendzeiten durch die Tage verhalf. Kate ist festentschlossen, den Mord aufzuklären und das Rätselmuseum zu retten – zur Hilfe steht ihr dazu anfänglich nur ein ungelöstes Sudoku mit Blutspritzern, das nebem Avondale lag, als er aufgefunden wurde.

Ein interessant klingender Plot auf dem Klappentext und 29 Sudokus, die es vor jedem neuen Kapitel zu lösen gilt, sind der Grund, warum man im Buchladen nach Tödliches Sudoku würde. Mit Begeisterung stürzt man sich auf die ersten Rätsel und stellt sich selbst vor die Aufgabe, vor dem Lesen des nächsten Kapitels zuerst das vorliegende Sudoku zu lösen. Während die ersten Zahlenfolgen leicht zu kombinieren sind, führt Shelley Freydont langsam in die Krimi-Handlung ihres Romans. Die Zusammenstellung scheint perfekt zu sein – mathematisch-logisches Denken und spannende Ermittlungsarbeit, beides Dinge, die den anspruchsvollen Leser vor eine Herausforderung stellen sollten.
„Sollten“ deshalb, weil die Begeisterung leider schnell eine Abkühlung erfährt. Zwar werden die Zahlenrätsel mit jedem Kapitel ein wenig schwieriger, bleiben aber dafür auch die einzige wirkliche Herausforderung – zumindest für ungeübte Sudoku-Anfänger. Leser, die sich schon länger mit dem japanischen Rätsel beschäftigen, werden sämtliche Neuner-Kombinationen ohne Probleme lösen können. Dass der durchaus interesse Krimi-Plot zusätzlich aber auch keinen Spannungsaufbau erfährt und eher durch Klischees bedient wird, macht den Roman bereits nach durchschnittlich wenigen Kapiteln zäh.

Auch die Charaktere können den Leser nicht unbedingt überzeugen. Vieles wird angerissen, zum Keispiel Kates Abneigung gegen Granville, aber man erfährt im Grunde nicht wirklich etwas über die Hintergründe. Schön gestaltet hingegen ist das Rätselmuseum, bei welchem sich die Autorin besonders Mühe mit liebevollem Detailreichtum gegeben hat. Sowohl das Gebäude an sich als auch die Pläne, die Kate damit hat und umsetzt, wecken im Leser den Wunsch, diesem Museum selbst einmal einen Besuch abzustatten und vielleicht sogar Unterstützung, in welcher Art auch immer, anzubieten. Allein der Punkt, dass Kate wegen des Musuems in Granville zu bleiben gedenkt, ist eine Besonderheit – denn es wird deutlich, dass die Protagonistin diese Stadt hasst, wenn nicht gar verachtet, auch wenn man nicht viel aus ihrer Vergangenheit zu lesen bekommt.

Als Gesamtpaket darf man von Freydonts Debüt nicht viel mehr erwarten als angenehme Unterhaltung und ein wenig Rätselspaß. Obwohl man weder den Plot noch die Charaktere nach dem Lesen wirklich in Erinnerung behält und sich auf den letzten fünfzig bis hundert Seiten nicht einmal mehr bemüht, die Rätsel zu lösen, um einfach fertig zu werden und das nächste (gute) Buch anfangen zu können, vermag Tödliches Sudoku vor allem für Anfänger in beiden Bereichen – Krimi und Sudoku – einen gefundener Start und vielleicht tatsächlich einen Grund darstellen, an eine oder sogar beiden Bereichen festzuhalten.



Fazit:

Bei Krimifans, die zwischendurch ein bisschen mit Zahlen jonglieren wollen, oder Sudoku-Anhängern, die Lust auf etwas Abwechslung beim Lösen der Zahlenrätsel haben, wird Tödliches Sudoku für angenehme Unterhaltung sorgen. Eingefleischte Krimileser und Sudoku-im-Akkord-Löser sollten jedoch zu anderen Büchern greifen.



Wertung:

Handlung: 2,5/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Scherz Verlag, 1. Auflage September 2009
Originaltitel: The Likeness
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
HC mit SU, 784 Seiten
Preis € (D) 16,95 | € (A) 17,50 | SFR 28,50
ISBN 978-3-502-10192-5
Leseprobe

Genre: Krimi



Klappentext:

Dem Tod wie aus dem Gesicht geschnitten

Als die junge Polizistin Cassie Maddox in ein verfallenes Cottage außerhalb von Dublin gerufen wird, schaut sie ins Gesicht des Todes wie in einen Spiegel: Die Ermordete gleicht ihr bis aufs Haar. Wer ist diese Frau? Wer hat sie niedergestochen? Und hätte eigentlich Cassie selbst sterben sollen? Keine Spuren und Hinweise sind zu finden, und bald bleibt nur eine Möglichkeit: Cassie Maddox muss in die Haut der Toten schlüpfen, um den Mörder zu finden. Ein ungeheuerliches Spiel beginnt.

Innerer Klappentext:

»Ich kannte sie von irgendwoher, hatte das Gesicht schon tausendmal gesehen. Dann trat ich einen Schritt vor, um genauer hinzuschauen, und die ganze Welt verstummte, gefror, während Dunkelheit von allen Seiten herantobte und in der Mitte gleißend weiß nur das Gesicht der jungen Frau blieb, denn das war ich.«

In einem verfallenen Cottage außerhalb von Dublin wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ermittlerin Cassie Maddox kann kaum fassen, was sie zu sehen bekommt: Die Tote gleicht ihr bis aufs Haar. Sie wohnte mit vier anderen Studenten in einem abgelegenen alten Herrenhaus, wo sich die Freunde ein verschworenes Universum geschaffen haben, misstrauisch beäugt von den Dorfbewohnern. Eine unheimliche Idee nimmt Gestalt an: Kann Cassie Maddox in der Rolle der Toten in deren abgeschlossene Welt eindringen, um den Mörder ihrer Doppelgängerin zu finden?



Rezension:

Nur wenige Wochen nach dem Knocknarree-Fall – Cassandra Maddox hat sich inzwischen in das Dezernat für häusliche Gewalt versetzen lassen – findet ein Bauer auf einem Spaziergang mit seinem Hund in einem versteckt liegenden Cottage die Leiche von Alexandra Madison. An sich ist eine Frauenleiche nichts, was die Ermittler vom Morddezernat aus den Schuhen holt, doch die Ähnlichkeit zu einer ehemaligen Kollegin erschreckt im ersten Moment und lässt die Männer den Atem anhalten – Sam O’Neill, dem Leser bereits als dritter Ermittler aus Grabesgrün bekannt und Leiter der bevorstehenden SOKO Spiegel, ruft Cassie zum Fundort, wo sie auch auf einen ehemaligen Vorgesetzten aus ihrer Zeit als Undercoverermittlerin stößt. Viele Möglichkeiten schwirren ihr durch den Kopf, doch die letztendliche Variante trifft sie schließlich unerwartet: Die Tote ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Und damit nicht genug, sie benutzte auch die Identität, die Cassie in mühevoller Kleinstarbeit vor einigen Jahren für eine langwierige Undercoveraktion erschaffen hat. Wer war die Tote wirklich und wer ermordete sie aus welchen Gründen? Maddox schlüpft schließlich nach einigem Hin und Her, langen Diskussionen und vielen Lernstunden in die Rolle der Toten, um im engsten Kreis ihrer Freunde Details für die Lösung des Falls herauszufinden.

Mit Totengleich knüpft Tana French fast nahtlos an die Geschehnisse aus Grabesgrün an, zeitlich liegen vielleicht knappe zwei Monate zwischen den beiden Fällen. Obwohl dies für den Leser keine Rolle spielt, werden viele Verbindungen zum Knocknarree-Fall hergestellt, vor allem aus dem Grund, weil dieser Fall und seine Auswirkungen nicht spurlos an Cassandra Maddox vorbeigegangen sind. Für Cassie ist die Arbeit als Undercoverermittlerin direkt vor Ort die Chance, wieder zu sich selbst und in ihr altes (Arbeits-)Leben zu finden – ganz klar, dass sie hier nicht nur Fürsprecher hat. Viele dieser kleinen Details aus Grabesgrün hätte die Autorin sich allerdings sparen können – Erinnerungssequenzen an Rob Ryan, Cassies ehemaligen Partner, und die gemeinsamen Zeiten im Großraumbüro des Morddezernats oder an die Nacht, in der die scheinbar unverwüstliche Freundschaft und Zusammenarbeit der beiden für immer zu Bruch gegangen ist – diese Dinge spielen für den Fall, der in Totengleich aufgeklärt werden soll, keine Rolle und sind an den meisten Stellen überflüssig.

Trotz der teilweise künstlich wirkenden Streckung des Romans, der aus Cassandras Sicht geschrieben ist, und die daraus entstandenen knapp 780 Seiten schafft Tana French es mit ihrem zweiten Roman, den Leser wirklich zu fesseln. Zwar sind langatmige, nichtssagende Passagen enthalten, doch der Leser bekommt nie wirklich den Eindruck, absichtlich hingehalten zu werden. Die Autorin versteht es, das Studentenleben und vor allem die enge Verbundenheit der fünf Freunde so darzustellen, dass man sich fast wünscht, ein Teil dieser Wohngemeinschaft zu sein. Dass die Lösung des Falles letzten Endes eher unspektakulär ist, verzeiht man schnell, weil man nach der letzten Seite trotzdem das Gefühl hat, gut unterhalten worden zu sein und einen durchschnittlich guten Krimi vorgelegt bekommen zu haben.

Das relativ offene Ende, was Cassie Maddox’ weitergehende Karriere bei der Polizei angeht, lässt einiges vermuten und der Autorin viele Möglichkeiten, die Reihe fortzuführen. Als Protagonist für den nächsten Roman Sterbenskalt, der Mitte Dezember 2010 im Scherzverlag erscheinen soll, hat sich Tana French Cassies ehemaligen Undercovervorgesetzten Frank Mackey ausgesucht. Mit geplanten etwa 560 Seiten wird der dritte Band also der bisher kürzeste sein – man darf gespannt sein, ob sich Frau Frenchs lange und ausschweifende Schreibart ein wenig gelegt und sie sich endlich auf das Wesentliche konzentriert hat.



Fazit:

Der zweite Roman um Cassie Maddox ist Tana French um einiges besser gelungen als sein Vorgänger Grabesgrün. Überzeugende Charaktere, verschlungene Ermittlungsarbeiten, unterschiedliche Herangehensweisen und eine zwar unspektakuläre, aber überzeugende Lösung des Falles machen Totengleich zu einem unterhaltsamen und soliden Kriminalroman.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5



French, Tana: Grabesgrün


Scherz Verlag, 1. Auflage Juli 2008
Originaltitel: In the Woods
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
HC mit SU, 674 Seiten
Preis € (D) 16,95 | € (A) 17,50 | SFR 28,50
ISBN: 978-3502101918
Leseprobe der TB-Ausgabe

Genre: Krimi



Klappentext:

Verdrängen ist Silber, Vertrauen der Tod

Wer bringt ein kleines Mädchen um und bahrt es auf dem Opferaltar einer Ausgrabungsstätte auf? Jede Spur, die die beiden jungen Dubliner Ermittler Rob und Cassie verfolgen, führt sie nur tiefer in ein Dickicht, in dem sich alle Gewissheiten in ihr Gegenteil verkehren. Und keiner darf erfahren, dass Rob vor vielen Jahren selbst etwas Furchtbares erlebt hat – im Wald bei ebenjener Ausgrabungsstätte …

Innerer Klappentext:

»Sie dürfen nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlich, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufes, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, doch wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengestezt sind. Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach der Wahrheit. Und ich lüge.«



Rezension:

Man kommt nichtsahnend zur Arbeit, macht sich mit frischen Eifer an seine Aufgabe und wird jäh von den Füßen gerissen, als man ein zwölfjähriges Mädchen tot vor sich liegen sieht – aufgebahrt und hergerichtet wie eine Opfergabe; auf den ersten Blick könnte man denken, das die Kleine einfach schläft, wäre da nicht das viele Blut an ihrem Kopf.
So beginnt der Arbeitstag für ein Archäologenteam an einem Dienstag und keiner ahnt, dass das Kind schon einen Tag tot ist. Die alamierte Polizei schickt ein junges Ermittlerteam an den Fundort, das eher duch Zufall an den Fall kommt: Es war schlichtweg niemand anderes aus dem Dezernat greifbar, denn alle befanden sich in der Mittagspause. So bleibt dem Chef O’Kelly nichts weiter übrig, als die „Frischlinge“, die sowieso einen durchwachsenen Ruf in der Abteilung haben, auf den Fall anzusetzen. Jedoch wird dem Duo, das ein komplettes SOKO-Team zur Verfügung gestellt bekommt, schnell klar, dass es sich bei diesem Fall um keine einfache Sache handelt – zumal ein alter Fall, in den Rob Ryan persönlich verwickelt ist, in Verbindung mit dem aktuellen Geschehen zu stehen scheint.

Was als Grundidee geradezu ein Garant für einen erfolgreichen Krimiplot ist, wird von Tana French nur sehr ungenügend umgesetzt. Wobei man hier eindeutig sagen muss, dass es schlicht und ergreifend zu sehr um die Aufarbeitung der Vergangenheit von Detective Ryan – und somit des ungelösten Falls – geht. Viele Dinge, die nur wenig oder sogar nichts mit dem Mord an Katy Devlin zu tun haben, werden genannt und bauschen das Buch unnötig auf. Die vorliegenden 670 Seiten hätten um die Hälfte reduziert werden können, wenn man sich auf die wichtigen Aspekte konzentriert hätte – was auch dem Leser zugute gekommen wäre, denn die ständigen Rückblenden, die urplötzlich und mitten während einer anderen, davon völlig unabhängigen Szene kommen, sind beim ersten und zweiten Mal ganz interessant und spannend, reißen aber auf Dauer an den Nerven des Lesers. Vor allem weil sie nicht zur Lösung beitragen, weder beim alten noch beim aktuellen Fall. Es scheint sogar fast ein wenig so, als sei die Geschichte von Adam Rob Ryan der eigentliche Hauptplot – was durch die Ich-Erzählperspektive desselben nur unterstützt wird. Ob es wirklich Zusammenhänge gibt und wie weit diese eine Rolle spielen, wäre hier zu viel Spoiler, weshalb die Rezensentin darauf verzichtet.

Die teilweise Langatmigkeit des Inhaltes kann die Autorin allerdings durch ihre Sprache wettmachen – Grabesgrün ist leicht und flüssig zu lesen, und obwohl man nie in Irland war, kann man sich gut vorstellen, in welcher Umgebung das Team ermittelt. French versteht es, die Gegend bildlich darzustellen und auch ihre Charaktere bis zu einem gewissen Grad interessant zu gestalten. Dass man über die eigentliche Hauptperson der Reihe, nämlich Cassie Maddox, eher wenig erfährt, ist wahrscheinlich nicht nur der Erzählperspektive aus Sicht von Rob Ryan zuzuschreiben; auch andere Charaktere erhalten teilweise zu viel Aufmerksamkeit.
Geschickt gestaltet sind auch die Gegenspieler des Ermittlungsteam, wobei man nicht wirklich von „Gegenspielern“ sprechen kann, denn alle Beteiligten versuchen auf ihre Art, die Ermittlungen nach bestem Wissen (aber nicht Gewissen) zu unterstützen. Hauptverdächtige und Motive geben interessante Einblicke in die menschliche Psyche, und auch die Vorgehens- und Denkweise der Detectives wird sehr anschaulich dargestellt.

Im Großen und Ganzen kann man Grabesgrün weder wirklich empfehlen noch vom Lesen abraten – es gibt einige Schwachstellen, aber auch große Pluspunkte. Wahrscheinlich gibt man der Autorin noch eine Chance und wird sich auch den Nachfolger „Totengleich“ zu Gemüte führen, in der Hoffnung, dass auf dessen knapp 780 Seiten weniger Drumherum und mehr echte Ermittlungsarbeit zu finden ist.



Fazit:

Mit dem Auftakt zur Cassie-Maddox-Reihe legt Tana French einen soliden, aber teilweise zu langatmigen Kriminalroman vor, der mit weniger unwichtigen Details wahrscheinlich für mehr Spannung hätte sorgen können. Größtenteils unterhaltend, aber auch mitunter zähfließend weckt Grabesgrün beim Leser zwiespältige Gefühle – und macht trotzdem oder gerade deswegen neugierig auf seine Nachfolger.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5



French, Tana: Totengleich


Al!ve AG, 1. Auflage Mai 2010
Kartoniert, 180 Seiten
mit Hörbuch-CD
(Spieldauer 4:53:04 Std.)
19,90 € (D)
ISBN: 404-2-56412-261-9

Genre: Kriminalroman



Klappentext:

Diese Liebe ist nicht teilbar

Die 35-jährige Sabrina lebt eine aufrichtige, eine wahre Liebe.
Objektiv betrachtet hat dieses Glück allerdings zwei Schönheitsfehler:
Erstens, ihr Geliebter ist ihr Vater.
Und zweitens, ist er seit achtzehn Jahren tot …

Zum Inhalt:
Die 35-jährige Sabrina, die ihren Lebensunterhalt als Taxifahrerin bestreitet, hat keine Beziehung zu sich selbst und kann auch keine Beziehung zu anderen Menschen eingehen. Ihre vitalen Kräfte erstickt sie mit Selbstbestrafungsritualen, die ihr Schuldgefühl zum Schweigen bringen sollen, denn den Umstand, dass ihr Vater vor Jahren die Familie verließ, schreibt Sabrina sich und ihrem Verhalten zu. Sie idealisiert den Mann, an den sie nur rudimentäre Erinnerungen hat. Nach dem Tod ihrer Mutter macht Sabrina eine Entdeckung, die ihr Leben verändert. Sie ist bereit, ihr neugefundenes Glück mit allen Mitteln zu schützen. Denn: Diese Liebe ist nicht teilbar. Und sie ist für immer und ewig.



Rezension:

Man kann Staub nicht beseitigen, sondern ihn nur von hier nach dort transportieren. Es bleibt alles erhalten. Für immer. Der Gedanke fasziniert mich. Und macht mir bewusst, dass wir die Dinge, die im Verborgenen ruhen, mit Ehrfurcht betrachten sollten.
(Aus dem Beginn des Buches, Seite 9)

Sabrina hat ein sehr gestörtes Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt. Woran das liegt, kann man als Leser nur erahnen; kurze Anrisse aus ihrer Jugend sind hier nicht hilfreich, sondern füttern eher an und laden ein, sich selbst Gedanken zu machen. Doch Sabrina ist nicht die Einzige, die in Imago zu kämpfen hat.
Obwohl auf dem Klappentext und auch in der Buchbeschreibung allein erwähnt, spielen in Bettina Bormanns Roman-Debüt eine Hand voll weiterer Charaktere eine entscheidene Rolle, unter anderem die Bewohner des Hauses, in dem ihre Mutter die achtzehn Jahre nach dem Verschwinden ihres Mannes bis zu ihrem Tod lebte. Sehr unterschiedliche Personen, die allesamt etwas kauzig wirken, gestalten die Geschichte um Sabrinas Leben abwechslungsreich – teilweise amüsant, teilweise verstörend, aber immer sehr … speziell.

Geschickt baut die Autorin das Buch anfangs in mehreren Perspektiven auf und schafft so zwei Schauorte des Geschehens in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands. Schnell kann man sich denken, in welchem Zusammenhang die beiden Frauen stehen, von denen berichtet wird – bereits erwähnte Sabrina und Lea, die sich auf die Suche nach ihrem Vater macht. Die Vorgeschichte, die Lea letztendlich dazu bewegt, sich nach Hamburg aufzumachen und ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen, ist eine bereits vielfach verwendete Idee, die leider auch in der Umsetzung nicht viel Neues hergibt. Sie scheint allerdings auch nur Mittel zum Zweck, Lea irgendwie sinnvoll in die Geschichte zu bringen, zu sein – denn das Mädchen gehört zu den tragenden Rollen im Buch.

Sprachlich gibt Imago ebenfalls nicht viel Neues her. Bormann bleibt auf der sicheren Seite und wagt keinerlei Experimente mit der Sprache. Dadurch ist der Roman leicht und schnell zu lesen, bleibt aber – rein sprachlich – kaum im Gedächtnis zurück. Allein der Plot und die teilweise überaus kranken Gedanken und Wesen der Charaktere sind dazu in der Lage, dass man auch nach dem Ende der letzten Seite noch eine Weile den Kopf schüttelt. Leider haben sich auch einige Fehler eingeschlichen, die bei der Korrektur übersehen wurden. Vor allem fehlende oder zu viel gesetzte Kommata reißen teilweise aus dem ansonsten sehr konstanten Lesefluss, was das Lesevergnügen ein wenig schmälert.

Die Gestaltung des Buches selbst ist schlicht, fällt aber trotzdem ins Auge. Das verwischte und verzerrte Coverbild gibt einen guten Eindruck vom Inhalt, der den Leser erwartet. Leider ist die Bindung nicht gut zum Lesen, da man sehr vorsichtig sein muss, wenn man das Buch vor hässlichen Knicken schützen möchte.
Das Hörbuch, von der Autorin selbst eingelesen, bietet zum vorliegenden Roman eine tolle Ergänzung. Bormanns Stimme passt, obwohl sie eher ruhig ist, gut zur Geschichte. Dieser Gegensatz gestaltet das Hörbuch, das erst nach dem Lesen zu hören empfohlen wird, mit Gänsehaut-Momenten – stellenweise erinnert man sich sehr gut an das Gelesene und bemerkt bestimmte Hinweise auf den ersten Seiten, die am Ende des Buches einen (neuen) Sinn erhalten.

Als Gesamtwerk betrachtet kann man das Roman-Debüt von Bettina Bormann als gelungen betrachten. Für eine spezielle Zielgruppe ist dieser Roman etwas Neues, das zu unterhalten versteht. Zartbesaitete sollten allerdings eher die Finger davon lassen.



Fazit:

Imago ist ein seltsamer Roman mit kriminalistischen Zügen und sehr kranken Charakteren – wenn man das Buch als Otto-Normal-Verbraucher liest. Schafft man es allerdings, das Bild, das die Gesellschaft als „normal“ bezeichnet, nur ein wenig beiseite zu schieben und sich dem Stoff, aus dem dieses Buch gestrickt ist, ein Stück weit zu öffnen, taucht man in eine Welt, in der die Prioritäten neu angeordnet werden.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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