Science Fiction


PAN-Verlag, 1. Auflage März 2011
Originaltitel: Dark Parties
Aus dem Englischen von Kerstin Winter
HC mit SU, 352 Seiten
EUR (D) 16,99 | EUR 17,50 (A)
ISBN: 978-3-426-28348-6
Leseprobe

Genre: Science Fiction


Klappentext:

Verliebt, verzweifelt, in größter Gefahr.
Und verdammt mutig.

Die 16-jährige Neva hat es satt, keine Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie nicht einmal laut stellen darf: Warum wird ihr Heimatland von einer undurchdringbaren Energiekuppel von der Außenwelt abgeschottet? Warum verschwinden immer wieder Menschen spurlos? Und was ist mit ihrer Großmutter geschehen, die eines Tages nicht mehr nach Hause kam? Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sanna beschließt Neva, Antworten zu verlangen und nicht mehr brav alle Gesetze und Regeln zu befolgen. Doch dabei verliebt sie sich nicht nur in den einen Jungen, der für sie tabu sein muss – sondern gerät auch in tödliche Gefahr …


Rezension:

Es gibt Momente, grell und flüchtig wie das Blitzlicht einer Kamera, da glaube ich, dass ich für Größeres geschaffen bin. Meine Großmutter hat immer gesagt, dass man alles tun kann, wenn man es nur wirklich von ganzem Herzen will. Aber das war, bevor die Regierung uns vorzuschreiben begann, welchen Beruf wir ergreifen müssen. Dennoch hat meine Großmutter mir den Optimismus wie ein winziges Saatkorn eingepflanzt. Und es kommt mir so vor, als würde es jetzt endlich keimen.
(aus dem vierten Kapitel, Seite 36)

Neva ist vor kurzem sechzehn geworden und somit nach dem Gesetz von Heimatland erwachsen. Bei einer Dunkelparty im Haus ihres Vaters, der für die Regierung arbeitet und von dieser Party unter keinen Umständen wissen darf, wollen sie und ihre beste Freundin neue Verbündete für einen ersten Revolte-Versuch gewinnen. Denn Sanna ist von jeher, gesprägt durch ihre Kindheit, eine kleine Revolutionärin mit einfachen, aber guten Ideen. Für sie kommt nichts anderes in Frage, als sich endlich gegen das System aufzulehnen, dass sie alle gefangen hält und ihr Leben vorherbestimmt. Neva geht mit gemischten Gefühlen an diese Party heran, doch als sie in der Finsternis von einem Fremden geküsst wird, regen sich ganz neue Emotionen in ihr und mit einem Mal ist ihr klar, dass es noch mehr geben muss als das, was ihr von den Eltern vorgelebt und von der Regierung vorgeschrieben wird – wie es ihre Großmama, bevor sie spurlos verschwand, ihr schon immer zu sagen versuchte. Gemeinsam mit ihren Freunden und die Erinnerungen an ihre Großmutter immer in den Gedanken dabei, macht Neva sich auf, gegen jeden Widerstand ihr Recht auf Freiheit einzufordern. Sie möchte wissen, was hinter der sogenannten Protektosphäre ist, und scheut dabei keine Risiken. Doch als sie sich schließlich auch noch in den festen Freund ihrer besten Freundin verliebt, muss Neva nicht nur um ihre Freiheit, sondern auch um ihre Freundschaft kämpfen.

Ohne eine große Einleitungsphase wirft Sara Grant den Leser direkt mitten ins Geschehen ihres Debüts. Man taucht praktisch im Dunkeln der Party auf und hängt sozusagen von Anfang an mittendrin, ohne großartige Vorkenntnisse zu sammeln. Doch die sind auch nicht nötig, denn Sara Grant arbeitet mit den Komponenten, die man derzeit bereits in vielen anderen Dystopie-Romanen findet. Ein überausgereiftes System, eine kleine Gruppe Widerständler, Altbekanntes gegen das Fremde und eben dadurch Reizende. Dabei immer im Hintergrund: Die Gedanken, wohin das Leben der heutigen Gesellschaft möglicherweise führen könnte. Und obwohl Neva mit eben diesen bekannten Komponenten daher kommt, fällt es dem Leser schwer, sich wirklich in das Buch fallen zu lassen – nicht weil die Geschichte langweilig wäre, sondern vielmehr weil viele Ungereimtheiten im Verlauf des Romans aufkommen und kaum Fragen bis zum Ende aufgeklärt werden. Was besonders im Hinblick darauf störend ist, dass der vorliegende Roman ein Einzelband und nicht, wie viele andere Dystopien dieser Zeit, in einer Reihe fortgeführt werden soll. Durch den überaus angenehm lesbaren Schreibstil, der sich perfekt für einen Jugendroman eignet, kommt die Geschichte um Neva von allein ins Fließen, bis man schließlich am Ende ankommt und mit Fragezeichen über dem Kopf zurückschaut. Leise kommt der Verdacht auf, dass es sich vielleicht doch um den Auftakt einer mehrteiligen Reihe handeln könnte, da einige ungeklärte Punkte neugierig machen und man mehr erfahren möchte.

In Bezug auf die Charaktere ist in Neva so ziemlich alles vorhanden, was das Leserherz begehrt – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Denn während einige wenige Charaktere vollauf überzeugen können, geht der Rest leider etwas unter.
Besonders hervorstechend ist die beste Freundin der Protagonistin. Sanna ist rebellisch und durchsetzungsfähig, lässt aber auch einiges an Unsicherheit durchblitzen. Ebenfalls sehr charismatisch wirkt Braydon, der nicht nur Sannas fester Freund ist, sondern im Laufe der Geschichte eine nicht unwesentliche Rolle übernimmt. Dabei ist zwar einiges leicht vorhersehbar, jedoch man fühlt sich zu jedem Zeitpunkt recht gut unterhalten. Ein schönes Beispiel für die nicht bzw. nur nach außen hin funktionierende Regierungsweise sind Nevas Eltern: Der Vater als Minister für Altgeschichte steht ganz im Schatten der Regierung, die Mutter hingegen unterstützt Neva in ihrem Denken und Handeln – solange der Vater das nicht mitbekommt. Auch hier läuft einiges den Spekulationen im Kopf des Lesers direkt in die Arme, worüber man allerdings gerne hinwegschaut.

Trotz vieler positiver Eindrücke schafft Neva es nicht, den Leser rundum zu überzeugen. Zuviel bleibt am Ende ungeklärt, und vor allem wirft die Sara Grant in den letzten Kapiteln mit jeder Menge Sprengstoff um sich, der sich sehr gut, wenn nicht sogar sehr viel besser in anderen Ecken der Geschichte gemacht hätte. Beim Leser bleiben dadurch zwiespältige Gefühle zurück, denn einerseits ist dieses Debüt durchaus lesenswert, andererseits aber eben auch nichts wirklich Besonderes – trotz der wunderschönen Aufmachung durch den Verlag und das immer wiederkehrende Zeichen der Schneeflocke.


Fazit:

Mit bekannten Komponenten des aktuellen Dystopien-Marktes, nicht ganz ausgereiften Charakteren und einer zu großen Teilen vorhersehbaren Handlung bringt Neva nicht unbedingt neuen Wind in die Bücherregale. Für kurzweilige Unterhaltung ist jedoch gesorgt, und ob das Debüt von Sara Grant tatsächlich ein Einzelband bleiben wird, ist abzuwarten.


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Fischer Jugendbuch, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: Matched
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
HC mit SU, 464 Seiten
€ 16,95 (D) | € 17,50 (A) | SFR 25,90
ISBN: 978-3-8414-2119-7

Genre: Science Fiction, Jugendliteratur



Klappentext:

Das System sagt, wen du lieben sollst – aber was sagt dein Herz?

Stell dir vor, du lebst in einer Welt, die ein absolut sicheres Leben garantiert. Doch dafür musst du dich den Gesetzen des Systems beugen: den Menschen lieben, der für dich bestimmt wird.

Was würdest du tun?
Für die wahre Liebe dein Leben riskieren?

Innerer Klappentext:

Für die 17-jährige Cassia ist es der wichtigste Tag ihres Lebens: Heute erfährt sie, wen sie mit 21 heiraten wird – wen das System für sie ausgewählt hat. Es könnte jeder Junge aus Bria sein, doch zur großen Überraschung aller wird ihr bester Freund Xander als ihr Partner bekannt gegeben.

Als Cassia sich später auf dem feierlich überreichten Mikrochip Informationen über Xander ansehen will, passiert etwas schier Unmögliches: Es erscheint das Gesicht eines anderen Jungen – das von Ky. Cassia ist schockiert und verängstigt. Das System macht keine Fehler! Und tatsächlich wird ihr von offizieller Seite versichert, dass es sich um ein einmaliges Versehen handelt. Aber Cassia geht Kys Anblick nicht mehr aus dem Kopf. Gibt es doch die Möglichkeit zu wählen?



Rezension:

Die Paarung verfolgt zwei Ziele: Unserer Gesellschaft möglichst gesunde Bürger zu garantieren und den interessierten Bürgern die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Familienleben zu bieten. Für die Gesellschaft ist es von größter Wichtigkeit, dass die Partner so optimal zusammenpassen wie möglich.
(aus den offiziellen Paarungsunterlagen, Seite 56)

Cassia ist siebzehn Jahre alt und steht kurz vor einem der wichtigsten Wendepunkte ihres Lebens: Dem Paarungsbankett, auf dem ihr der Junge vorgestellt wird, den sie in vier Jahren heiraten wird. Dieser Junge wurde vom System als ihr perfekter Partner ermittelt und als ein Mädchen, das bisher nie eigene Entscheidungen getroffen hat, ist Cassia sich sicher, dass diese Entscheidung die einzig richtige ist. Große Freude löst der schwarzbleibende Bildschirm auf besagtem Paarungsbankett aus, auf dem normalerweise aus anderen Bezirken derjenige zugeschaltet wird, der ihr zugewiesen wurde – dass kein Bild auftaucht, kann nur bedeuten, dass ihr perfekter Partner sich im selben Raum befindet. Und tatsächlich: Als der Name ihres besten Freundes fällt, kann Cassia ihr Glück kaum fassen. Schließlich kennt sie den Jungen, mit dem sie nun den Rest ihres Lebens verbringen und eine Familie gründen wird, schon ihr ganzes bisheriges Leben, weiß so gut wie alles über ihn und umgekehrt. Er ist in jeder Hinsicht tatsächlich ihr perfektes Gegenstück.

Trotz ihres bereits umfangreichen Wissens über Xander ist Cassia neugierig auf den Inhalt des ausgehändigten Mikrochips und so möchte sie sich eines Abends vor dem Schlafengehen noch einmal sein Gesicht auf den Monitor rufen. Doch das Gesicht, das sie dort zu sehen bekommt, ist nicht Xanders, auch wenn ihr der Junge ebenfalls seit Jahren bekannt ist – Ky Markham, der nach dem Tod seiner Eltern und dem Verschwinden des leiblichen Sohns seines Onkels und seiner Tante in der Ahorn-Siedlung aufwächst. An sich wäre das kein Problem, doch Ky ist nicht nur nicht Cassias ausgewählter Partner, sondern darüber hinaus auch noch eine Aberation – also jemand, dessen Daten nicht einmal im Paarungspool hinterlegt sein dürften.
Cassia ist durcheinander, doch schon am nächsten Tag kommt eine Funktionärin auf sie zu und beruhigt sie, außerdem bekommt sie einen neuen Mikrochip mit den korrekten Daten, nämlich denen Xanders, ausgehändigt. Doch für Cassia ist die Sache damit nicht so einfach erledigt – es kam noch nie vor, dass dem System ein Fehler unterlaufen ist. Sie beginnt, die Gesellschaft und deren Machenschaften in Frage zu stellen, und kann sich nicht dagegen wehren, dass Ky sich immer und immer wieder in ihren Kopf schleicht. Sie steht vor einer schweren Entscheidung: Soll sie sich dem System beugen und der Sicherheit hingeben? Oder bricht eine Zeit der Auflehnung an, in der es so viel Neues zu entdecken gibt?

In einer Welt, die nicht lange nach unserer heutigen Zeit spielt und mit gar nicht so abwegigen, nicht nur technischen Fortschritten auffährt, begegnet der Leser einem Mädchen, das nie irgendwas hinterfragt hat und nur durch einen lästigen Fehler mit der Nase darauf gestoßen wird, dass das Leben eigentlich auch anders aussehen könnte. Dass die Menschen, die früher gelebt haben, eigene Entscheidungen treffen konnten und mit diesem Leben glücklich waren. Die Zeit, in der Cassia aufwächst, ist durchzogen von strikten Zeitplänen, eingeschränkten Freizeitaktivitäten, festgelegten Abläufen und seltsam anmutenden Richtlinien. Da sie nie etwas anderes kennen gelernt hat, überrascht der doch gravierende Fehler auf dem Mikrochip umso mehr, vor allem weil die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zufalls nahezu nicht vorhanden ist: Zwei perfekte Partner für ein Mädchen, noch dazu beide bereits fest in das Leben dieses Mädchens eingebunden.
Ally Condie schafft eine Welt, die der unseren ähnlich und doch so gänzlich anders ist. Die Vorstellung, dass einem sämtliche wichtigen Entscheidungen von der Regierung abgenommen werden, hat ihren Reiz – macht aber gleichzeitig Angst. Nicht selbst entscheiden zu dürfen, wann und in wen man sich verliebt, was und wie viel man isst, wo man zur Schule geht oder welchen Arbeitsplatz man später annimmt, wann und wie viele Kinder man in die Welt setzt, in welchem Alter man aus dem Leben scheidet – all das sind Dinge, die die Menschen in Cassia & Ky 01: Die Auswahl nicht selbst entscheiden dürfen. Verlieben mit 17, heiraten mit 21, Kinder kriegen bis maximal 31 und sterben mit 80, das ist der Lebensplan, den das System vorherbestimmt – geringste Abweichungen werden mit hohen Strafen geahndet. Wie weit sind wir heute noch entfernt von einer derartigen Überwachung und Kontrolle?

Neben dieser irgendwie absurden, aber doch auch vorstellbaren Idee, mit der die Autorin eine wundervolle Abwechslung auf den Literaturmarkt bringt, versteht Ally Condie offenbar eine Menge von der Gestaltung ihrer Charaktere. Ruhig, aber doch rebellisch werden sämtliche Protagonisten dargestellt, hierbei sticht jedoch keine einzelne Person derart hervor, dass alle anderen in den Hintergrund gestellt werden. Gegenteilig ist es, wie die in der Geschichte dargstellte Gesellschaft, ein großes Miteinander, das erst dann funktioniert, wenn alle vor Ort sind. Und doch entdeckt man bei jedem Charakter kleine liebevolle Details, die jeden einzelnen einzigartig machen.
Auch sprachlich findet der Leser in diesem Trilogie-Auftakt eine angenehme Mischung aus jugendgemäßer Sprache und erwachsenen Einflüssen – durch die angenehme Schriftgröße und den flüssigen Sprachstil lässt sich der Roman leicht lesen und bietet gleichzeitig immer wieder Erholpausen. Obwohl sich viel Zeit gelassen wird beim Storyaufbau und der Spannungsbogen in der ersten Hälfte des Buches in der Talsohle vor sich hin dümpelt, fesselt Die Auswahl auf eine Art, die den Leser in solchen Lesepausen trotzdem an das Buch denken lässt. Einen wirklichen Aufschwung bekommt das Buch jedoch erst im letzten Drittel, allerdings zu einem sehr passenden Zeitpunkt – man fragt sich nämlich inzwischen doch immer wieder klammheimlich, wie lange es denn nun noch so weitergehen soll. Ob von der Autorin beabsichtigt oder nicht, dieser Punkt zeigt einmal mehr auf, dass man einem Buch nicht allzu schnell die Chance versagen sollte.

»Und wie sind sie jetzt?«, fragt er. Er weitet seine Augen noch ein bisschen mehr, beugt sich zu mir und lässt mich in seine Augen schauen – so lange und so tief ich möchte.
Und es ist so viel zu sehen in seinen Augen. Sie sind blau und schwarz und auch noch andersfarbig, und ich weiß manches, was sie gesehen haben, und anderes, wovon ich hoffe, dass es jetzt sehen. Mich. Cassia. Was ich empfinde, wer ich bin.
»Und?«, fragt Ky.
»Alles«, antworte ich ihm. »Sie sind alles.«
(Seite 295)

Durch das Uptempo auf den letzten hundert bis hundertfünfzig Seiten, durch das die Story unheimlich an Fahrt und Überzeugungskraft gewonnen hat, ist die Neugier auf beide Folgebände in schwindelerregende Höhe geschossen. Doch deutsche Fans werden sich sehr in Geduld üben müssen, denn als Erscheinungstermin für den zweiten Original-Band Crossed ist der 01. November 2011 vorgesehen, der abschließende Band soll dann im November 2012 folgen – man kann also nur hoffen, dass die deutsche Veröffentlichung ebenso zeitnah wie bei Band 1 stattfinden wird.



Fazit:

Ein optischer Hingucker aus jedem Blickwinkel und eine Geschichte, die gar nicht so abwegig ist – Cassia & Ky 01: Die Auswahl von Ally Condie braucht zwar einen etwas längeren Anlauf, überzeugt dann aber umso einschlagender. Ein vielversprechender Trilogie-Auftakt – wenn die Autorin am Stil der letzten hundertfünfzig Seiten festhält und weiter darauf aufbaut!



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5


script5, 1. Auflage September 2010
Aus dem Amerikanischen von Claudia Max
HC mit SU und LB, 376 Seiten
16,90 € (D) | 17,40 € (A)
ISBN 978-3-839-00114-1
Leseprobe

Genre: Science Fiction



Klappentext:

Als ich lebte,
träumte ich vom Fliegen.
Oder vielleicht sollte ich sagen:
Als ich lebte, träumte ich.
Maschinen können nicht sterben,
können nicht träumen.
Aber wir können fliegen.

Innerer Klappentext:

Vor dem Unfall war Lia Kahn glücklich.
Vor dem Unfall war Lia Kahn beliebt.
Vorher war Lia vieles:
Normal.
Am Leben.
Ein Mensch.

Jetzt ist Lia eine Mech. Sie hat sich der Gruppe um den charismatischen Jude angeschlossen, der sie gleichermaßen abstößt und fasziniert. Es ist eine wilde, sorglose Existenz, die sie führen, ohne Regeln, ohne Angst. Doch dann wird Lia von der Vergangenheit eingeholt. Auden, der ihr einmal alles bedeutet hat, schwört Rache. Und plötzlich muss Lia sich entscheiden, ob sie um das einzige Gut kämpfen will, das ihr noch geblieben ist: ihre Freiheit.



Rezension:

Ein halbes Jahr ist vergangen, seit Lia zur Mech wurde und ihre Familie ohne ein Wort verließ, um es ihr leichter zu machen. Gemeinsam mit einer Gruppe anderer Mechs lebt sie auf dem Anwesen von Quinn, der Mech, die sie damals im dreizehnten Stockwerk von BioMax kennen gelernt hat. Lia hat ihren Stellenwert in der „Mech-Elite“ gefestigt, zu der auch Jude, Riley und Ani gehören – Quinn wird in dieser Vierergruppe ebenfalls akzeptiert, ist bei wichtigen Entscheidungen aber nicht involviert. In erster Linie ist es aber ihr Bonus, von dem die Mechs in der Gruppe des Anwesens leben, weshalb sie im eigentlichen Sinne nur geduldet wird. Dass es in dieser Konstellation früher oder später zu Konflikten kommen muss, ist nicht nur Lia, sondern auch dem Leser sehr schnell klar.
Auden hat sich zwischenzeitlich von seinem schweren Unfall erholt, so gut es ging. Er lehnt sämtliche OPs ab, um seine Narben zu entfernen – stattdessen setzt er sie im Kampf gegen die Mechs ein, denn er hat sich der Gruppe um Rai Savona angeschlossen. Dieser hat sich mittlerweile zum Ziel gesetzt, die „Produktion“ von weiteren Mechs zu unterbinden und außerdem den bereits existierenden sämtliche Rechte als Menschen zu nehmen. Mit der Bruderschaft zettelt er einen Krieg an, in dem es nur einen Gewinner geben kann – Menschen gegen Mechs. Lia ist fassungslos, als sie erfährt, dass Savona Auden für seine Sache gewinnen konnte, denn immerhin war Auden nach ihrer Wandlung derjenige, der immer wieder bekräftigt hat, dass sie immer noch Lia Kahn ist.

Als ein Giftgasattentat auf eine Konzernanlage verübt wird und dabei 42 Menschen ums Leben kommen, befinden sich auch Lia und Riley – auf Geheiß von Jude – in dieser Anlage. Sie entkommen und verstecken sich mehrere Tage in einem nahegelegenen Wald, doch bei ihrer Heimkehr aufs Anwesen zeigt Jude ihnen die Videos vom Attentat, auf denen auch die führende Kraft zu sehen ist – es ist Lia. Oder zumindest eine Mech mit dem gleichen Modell. Nun gilt es herauszufinden, wer wirklich hinter dem Attentat steckt. Und auch die Bruderschaft muss von ihren Plänen, die Mechs zu entmündigen und zukünftig als Dinge ansehen zu lassen, abgehalten werden. Keine leichte Aufgabe, wenn nicht nur zwischen Lia und Jude immer wieder Konflikte entstehen, Auden immer wieder Erinnerungen wachruft und es einen neuen Jungen in Lias Leben gibt, der selbiges ganz schön durcheinander bringt.

Wie schon in Skinned kann Robin Wasserman auch in Crashed mit ihrer künstlich erschaffenen Nachwelt der heutigen Zeit überzeugen. Ein Tauschgang, den Lia und Riley gemeinsam vornehmen – obwohl Lia seit Audens Unfall nicht mehr schwimmen war –, zeigt eine Unterwasserumgebung, die sich mit Atlantis vergleichen lässt. Nur mit dem Unterschied, dass die versunkene Stadt eine des heutigen Amerikas ist und nicht einfach versunken ist, sondern von Wassermassen geflutet wurde, wie andere Bereiche der Erde von anderen Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Die Erde hat sich gewehrt und sich das wiedergeholt, was ihr gehört, nur ein Bruchteil der Menschheit konnte sich damals retten und eine neue Welt, neues Leben aufbauen. Durch Lias hängengebliebenes Wissen aus dem Geschichtsunterricht erfährt der Leser hier und da Bruchstücke aus dieser vergangenen Zeit, was die Rahmenhandlung um einiges auflockert. Doch auch insgesamt liest sich Crashed ein wenig lockerer als sein Vorgänger, fast so als hätte die Autorin ihren Platz in der Geschichte gefunden und könne das Schreiben frei genießen.

Passend zum Jugendklientel, für das diese Science-Fiction-Reihe ausgelegt ist, bleiben auch die Charaktere in einem jungen, früherwachsenen Alter. Lia ist an ihrem „Schicksal“ gewachsen und versucht, ihr Bestes aus der Situation zu ziehen. Zu sagen, sie sei glücklich, wäre wohl zu viel des Guten, doch sie hat sich mit dem arrangiert, was sie ist, und lebt ihr Leben nach bestem Wissen und Gewissen. Durch Führungen über das Anwesen, bei denen sie neuen Mechs zeigt, welche Möglichkeiten ihre neuen Körper bieten, bringt sie sich in die Gemeinschaft ein und verdient sich ihren Platz. An ihre Familie denkt sie immer noch regelmäßig, doch sie grämt sich nicht mehr bei dem Gedanken an sie. Man merkt als Leser deutlich, dass sie gereift ist und sich wirklich bemüht, mit der Situation umzugehen und nicht daran zu zerbrechen. Sie öffnet sich sogar für eine neue Beziehung, obwohl die Mechs ja eigentlich nicht zu Gefühlen in der Lage sind. Für viele Jugendliche dürfte diese Stärke Lias eine Vorbildfunktion haben.

Trotz der Zusammenhänge zwischen Band eins und Band zwei kann aber auch Crashed einzeln gelesen und verstanden werden, denn Lias Rückblenden geben genug Einblicke in das Geschehen aus Skinned, um dem Handlungsverlauf ohne Probleme folgen zu können. Im Gegensatz zum ersten fährt der zweite Teil der Reihe jedoch mit einem geradezu offenen Ende auf, sodass auch ohne vorheriges Wissen klar ist, dass es noch einen Nachfolgeband geben wird. Wann dieser in Deutschland erscheinen wird, war beim Erstellen dieser Rezension noch unklar.



Fazit:

Im Vergleich zum ersten Teil ihrer Trilogie um Lia Kahn hat sich Robin Wasserman in Crashed leicht gesteigert. Trotzdem bleibt beim Leser der Eindruck zurück, dass da noch mehr Möglichkeiten versteckt sind, und man blickt mit Spannung und Vorfreude dem dritten, abschließenden Band entgegen.



Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5



Wasserman, Robin: Skinned


script5, 1. Auflage Januar 2010
Aus dem Amerikanischen von Claudia Max
HC mit SU und LB, 376 Seiten
16,90 € (D) | 17,40 € (A)
ISBN 978-3-839-00106-6
Leseprobe

Genre: Science Fiction



Klappentext:

Lia Kahn ist tot.
Ich bin Lia Kahn.
Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein unterbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.
Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

Innerer Klappentext:

Lia Kahn ist reich, schön und beliebt – bis ein Unfall sie beinahe tötet. Im Krankenhaus wacht sie in einem perfekten, künstlichen Körper auf. Lia wird nie wieder Schmerz empfinden, sie wird nicht altern und nicht sterben. Doch der Preis dafür ist hoch: Ihre Freunde misstrauen ihr, ihr Freund betrügt sie und alles, was ihr wichtig war, wandelt sich in einen Albtraum.
Hin- und hergerissen zwischen dem Leben, das sie einmal kannte, und einer neuen, aufregenden Existenz, lernt Lia bald die bitterste Lektion: Niemand kann ihr die Entscheidung abnehmen, die sie treffen muss, um ihre Liebsten zu schützen.



Rezension:

Lia ist 17, als sie bei einem Autounfall beinahe getötet wird. Nur der deutliche Fortschritt im Gegensatz zur heutigen Zeit verschafft ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Leben: Indem ihr Gehirn aus dem toten menschlichen Körper entfernt und auf Datenchips geladen wird, kann ihr Erinnerungsvermögen erhalten und auf einen neuen, künstlichen Körper übertragen werden. Ein Körper, der nach außen hin zwar völlig normal erscheint, innerlich aber rein mechanisch ist – Lia ist nicht länger ein Mensch, sondern eine Maschine. Damit umzugehen muss Lia erst lernen und es ist ein langer Weg, vor allem ohne die Unterstützung ihrer Freunde und Familie, die sich abwenden, weil Lia einfach nicht mehr die Alte ist und sie lange gegen diese Tatsache ankämpft.
Ihre Freunde werden schnell zu Leuten von früher, von „vor dem Unfall“, einzig der ewige Außenseiter Auden steht ihr zur Seite und zeigt ihr, dass sie noch immer liebeswert ist. Außerdem gibt es da noch Quinn, die Lia im Krankenhaus kennen lernt und die sie zu einer Gruppe weiterer Mechs führt, deren Anführer Jude noch eine wichtige Rolle für Lia spielen wird. Gemeinsam mit diesen Charakteren geht Lia die ersten Schritte ihres neuen Lebens, immer in der Trauer um ihr altes Ich. Sie schafft es nicht, die Vergangenheit loszulassen, und bringt damit alle in Gefahr, die ihr etwas bedeuten.

Der erste Teil einer geplanten Trilogie, die Robin Wassermans Debüt darstellt, spielt in einer Welt, die lange nach unserer Zeit Realität sein könnte. Radioaktiv verseuchte Städte, sämtliches Leben passiert virtuell, das Network ist 24 Stunden am Tag eingeschaltet, reale Veranstaltungen sind uninteressant, Nachwuchs gibt es sozusagen auf Bestellung. Die Welt, in der Lia Kahn aufwächst, ist unwirklich und oberflächlich, solange genügend Bonus auf dem eigenen Konto liegt, ist alles möglich. Als hübsches und intelligentes Mädchen gehört Lia zu den beliebtesten ihrer Schule, ihre Schwester Zo hingegen schert sich nicht um Trends und läuft lieber in Retro-Klamotten rum. Lia und Zo hatten nie eine wirkliche Schwestern-Beziehung, und man sollte meinen, dass der Unfall mit dem computergesteuerten Wagen – in dem eigentlich Zo sitzen sollte – etwas daran ändern würde. Doch weit gefehlt, denn Zo nimmt plötzlich den Platz ihrer Schwester ein. Das ist nur einer der ersten Schritte auf Lias mühsamen Weg bis hin zu der Erkenntnis, dass ihr Leben nie wieder so sein wird wie vor dem Unfall.

In einem Amerika, das nach Atomkrieg und zahllosen Naturkatastrophen eine neue Menschheit hervorgebracht hat, lässt Robin Wasserman ihre Charaktere ein überwiegend virtuelles Leben führen. Network, EgoZones, nahezu von überall mögliches Einlinken – das ist die Welt, in die der Leser entführt wird und die unserer heutigen Zeit zumindest in Teilen nicht so unähnlich zu sein scheint. Die Autorin zeigt dem Leser eine Welt, zu welcher die unsere werden könnte, irgendwann in ferner Zukunft. Fast ein wenig beängstigend, aber auch seltsam anmutend sind die Aussichten, die in Skinned vermittelt werden.
Mit einem nicht wirklich neuen Thema, aber eine jugend- und erwachsenenfreundlichen Umsetzung, teilweise poetischer Sprache, realistischen Schauorten und lebensnahen Charakteren wird der Debütroman der Autorin zu einem sehr speziellen Werk der Science Fiction, das nicht nur während des Lesens erschüttert, sondern auch in den Lesepausen nachdenklich macht. Welche Möglichkeiten wird es in den nächsten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten geben? Was erwartet die Menschheit, wenn sie weiter so mit der Erde umgeht, wie sie es in den letzten Jahren tat? Und der einzelne Leser fragt sich, wie er sich an Lias Stelle fühlen, wie er handeln würde.

Als Einstieg in eine Trilogie eignet sich Skinned sehr gut. Die ersten Schritte im neuen Leben Lias und Einblicke in die Welt, wie sie irgendwann sein könnte, fesseln ausreichend und bieten genug Grundlage, um neugierig nach dem nächsten Band zu greifen und sich bereits jetzt auf das Erscheinen des dritten Teils zu freuen. Selbst für Leser, die dem Sciene Fiction sonst nichts abgewinnen können, bietet der Roman eine Geschichte, die neben der passenden Aufmachung – denn der Schutzumschlag erinnert entfernt an Schlangenhaut – nicht nur unterhält, sondern auch nachdenklich macht.
Robin Wasserman ist auf dem richtigen Weg, zu einem wichtigen Bestandteil der Science Fiction, vor allem im Jugendbereich, zu werden. Bereits mit ihrem Debüt kann sie die Leserschaft überzeugen – man darf gespannt auf weitere Werke sein.



Fazit:

Robin Wasserman bietet mit ihrem Debüt Skinned einen Einblick in eine mögliche Welt der Zukunft und zeigt, dass auch in einer hochentwickelten Gesellschaft nicht alles nach Plan und reibungslos verläuft. Ein Science Fiction-Roman für Jugendliche und Erwachsene, der nicht nur unterhält, sondern auch nachdenklich macht.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5



Wasserman, Robin: Crashed