Thriller


Knaur, 1. Auflage Mai 2011
Originaltitel: I Can See You
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
Klappenbroschur, 656 Seiten
EUR (D) 14,99 | (A) 15,50 €
ISBN: 978-3-426-66357-8
Leseprobe

Genre: Lady-Thriller


Klappentext:

Die Angst der Frauen ist sein Aphrodisiakum.
Ihre Qualen seine Ekstase.
Ein berauschender Moment!
Jetzt endlich ist die Zeit gekommen für sein Meisterstück.

Eve Wilson hat die Hölle auf Erden erlebt. Nach einem Mordanschlag ist sie für immer gezeichnet. Dennoch versucht sie sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie studiert Psychologie und leitet ein Forschungsprojekt. Als jedoch sechs ihrer Testpersonen auf grausame Weise ums Leben kommen, hat Eve ein schockierendes Déjà-vu. Steht sie erneut auf der Liste eines psychopathischen Killers? Ein Fall für Detective Noah Webster, der die schöne und verletzliche Eve um jeden Preis schützen will …


Rezension:

Die Arbeit im Sal’s ist für Eve Wilson eigentlich nur ein Nebenjob, mit dem sie sich ihr Studium finanziert. Dass diese Bar die Stammkneipe nahezu aller Polizisten aus dem städtischen Hat Squad darstellt, gibt ihr zusätzliche Sicherheit – denn in ihrer Vergangenheit hat sie schon einiges durchgemacht, sodass ihr der normale Umgang mit anderen Menschen nicht gerade leicht fällt. Trotz mehrerer Operationen wird sie für immer gut sichtbare Narben im Gesicht und am Hals tragen und so bei jedem Blick in den Spiegel an ihren persönlichen Alptraum erinnert werden. Aus ihrer Erfahrung rührt auch die Skepsis Männern gegenüber her, denn neben den sichtbaren Hinterlassenschaften ihres damaligen Peinigers tragen ihr Körper und ihre Seele auch nicht mit dem bloßen Auge erkennbare Narben – Wunden, die auch nach drei Jahren noch nicht ansatzweise verheilt sind und immer wieder aufzubrechen drohen. Dass nun ausgerechnet suchtgefährdete Frauen aus ihrem Forschungsprojekt um das Online-Universum „Shadowland“ grausam ermordet aufgefunden werden, hilft bei der Regenerierung nicht unbedingt weiter. Und der Killer scheint kein Ende zu kennen, gegenteilig werden die grausamen Rituale, die er in der Realität auslebt, auch ins Virtuelle übertragen – Grund genug für Eve, gegen sämtliche Regeln zu verstoßen und sich auf die Suche nach den persönlichen Daten ihrer Studienteilnehmerinnen zu machen, um die polizeilichen Ermittlungen zu unterstützen. Natürlich (nicht) ganz ohne Hintergedanken den gutaussehenden Detective Noah Webster betreffend, der zwar offensichtliches Interesse an Eve hegt, jedoch auch ganz eigene Vergangenheitsprobleme mit sich herumschleppt.

Karen Rose ist zurück und nach ihrer fulminanten Todes-Trilogie um die Geschwister Vartanian sind die Erwartungen an ihren neuen Roman schrecklich hoch gesteckt. Rein optisch betrachtet reiht Todesstoß sich ohne Wenn und Aber in die Reihe der schlichten, aber wunderschönen Rosencover ein, ebenfalls als Klappbroschur sieht es im Regal passend aus. Doch auch inhaltlich weiß die Autorin mit ihrem inzwischen zehnten Lady-Thriller auf ganzer Linie zu überzeugen. In Sachen Liebesbeziehung ein wenig gelassener und ruhiger als die direkten Vorgänger findet Todesstoß einen sehr ausgeglichenen und gesunden Mittelweg zwischen Spannung und Erotik, wobei Letztere im vorliegenden Roman sogar ein Stück weit zurückstecken muss. Denn anders als in anderen ihrer Bücher fallen hier die Protagonisten nicht augenscheinlich willenlos übereinander her, vielmehr muss sich das zerbrechliche Band der Anziehungskraft erst langsam entwickeln und festigen. Ein schönes Beispiel für zwei Menschen mit zentnerschweren Rucksäcken voller Vergangenheit, voller Angst und Misstrauen gegenüber der Welt, voller Sehnsüchte und dem sich versteckenden Mut, der schließlich gebraucht wird, um den brodelnden Gefühlen doch eine Chance zu geben. Gerade das Ausbleiben von sexuellen Ausschweifungen könnte möglicherweise langjährige Leser enttäuschen, doch die wenigen Szenen sind wohlplatziert und gut durchdacht. Mehr wäre in diesem Fall definitiv zu viel gewesen und so schafft Karen Rose es erneut, trotz minimaler Mängel, die auch dem Lektorat durchgegangen sind, den Leser auf ihre Seite zu ziehen.
Aber nicht nur die Liebesbeziehung ist eine durchweg ineinander passende Geschichte, auch der Thriller-Part besticht. Bis fast zuletzt ist man sich auch als Leser keineswegs sicher, ob der Verdächtigte tatsächlich der Täter ist – zwischendurch schwirrt einem sogar der Gedanke durch den Kopf, dass einem die Verdächtigen ausgehen. Bei der Aufklärung des Falls schließlich kann man es kaum glauben – Karen Rose und ihr Täter haben nicht nur das Ermittlungsteam, sondern auch den Leser auf beeindruckende Weise an der Nase herumgeführt. Wer für Überraschungen zu haben ist, der sollte auf keinen Fall an Todesstoß vorbei gehen.

Eine Übersicht auf den letzten Seiten gibt Aufschluss über die bisherigen Romane der Autorin und ihre Zusammenhänge sowie gemeinsame Charaktere. Denn das Interessante an den Thrillern von Karen Rose ist, dass alle neun bisher in Deutschland erschienenen Romane in irgendeiner Form miteinander zu tun haben, ohne jedoch voneinander abhängig zu sein. Jedes Buch kann eigenständig gelesen werden – abgesehen von der Todes-Trilogie um die Familie Vartanian – und versteht es trotz teilweise einfließender Vorgeschichte, hervorragend zu unterhalten und nicht im Geringsten an Spannung verliert. So ist aufmerksamen Fans wahrscheinlich schnell aufgefallen (vorausgesetzt, man kennt alle Bücher der Autorin), dass die Protagonistin Eve Wilson bereits ihre Geschichte in Eiskalt ist die Zärtlichkeit erzählt hat. Doch auch ohne das Vorwissen aus diesem Buch ist Todesstoß gut zu verstehen, denn Karen Rose lässt die notwendigen Hintergrunddetails nahezu unmerklich in die Geschichte einfließen. Das macht zum Einen neugierig auf die früheren Bücher, sofern noch nicht gelesen, und rundet die Sache zum Anderen perfekt ab – am Ende bleiben keine Fragen offen, der Leser ist rundum zufrieden und blickt mit Heißhunger dem nächsten Roman entgegen – es soll wohl nicht der letzte „Had Squad“ gewesen sein. Und wenn man dem intuitiven Gespür während des Lesens vertrauen darf, ist auch schon fast ersichtlich, welche beiden Charaktere die nächsten Hauptrollen übernehmen könnten …

Man kann nur hoffen, dass die Autorin niemals ihrer Schreibart oder ihrem Genre untreu wird, denn der Lady-Thriller erhält durch sie ein ganz eigenes Gesicht – Todesstoß ist nur ein weiteres Beispiel für das Können dieser Schriftstellerin.


Fazit:

Im Grunde könnte man nach jedem neuen Lady-Thriller von Karen Rose das Gleiche sagen: Unterhaltung mit der richtigen Mischung aus Liebe und Spannung, sympathische Charaktere, trotz teilweiser Vorhersehbarkeit ansprechender Plot. Auch Todesstoß ist wieder einmal ein Rundum-Paket mit allem, was dieses Genre braucht. Bitte schnellstmöglich für Nachschub sorgen, Frau Rose!


Wertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


Rose, Karen: Das Lächeln deines Mörders
Rose, Karen: Todesbräute
Rose, Karen: Todesschrei
Rose, Karen: Todesspiele

Blanvalet, 1. Auflage April 2011
Klappenbroschur, 352 Seiten
€ 8,99 [D] | € 9,30 [A] | CHF 15,50
ISBN: 978-3-442-37493-9
Leseprobe

Genre: Thriller


Klappentext:

Sie suchten den Mann fürs Leben – und fanden einen Mann zum Sterben …

Eine verstümmelte Frauenleiche wird ans Havelufer geschwemmt, und Hauptkommissar Julius Kern steht vor einer neuen Herausforderung: Siebzehn Frauen hat der so genannte Schläfenmörder bereits getötet, und die Opfer haben nur eines gemeinsam – eine Schlagwunde an der rechten Schläfe. Inmitten der schwierigen Ermittlungen erhält Kern einen anonymen Brief von einem alten Bekannten: Tassilo Michaelis, freigesprochener Massenmörder und Kerns Erzfeind, scheint Informationen zu besitzen, die Kern auf die Fährte des Schläfenmörders führen könnten. Doch er verlangt dafür einen hohen Preis …

Ein psychopathischer Serienmörder, eine neue Frau an Kerns Seite und ein Rivale, der sein ganz eigenes, eiskaltes Spiel treibt – Julius Kern und sein Gegenspieler Tassilo sind mit einem neuen Fall zurück!


Rezension:

Ganz Deutschland wird seit mehreren Jahren von einem Serienmörder in Atem gehalten, der bisher nicht die geringste nützliche Spur hinterlassen zu haben. Deutschlans Polizei steht vor einem Rätsel – und nun hat es den sogenannten Schläfenmörder nach Berlin verschlagen. Für Hauptkommissar Julius Kern steht fest, dass Berlin die letzte mörderische Station auf dem Weg des Schläfenmörders sein wird – er will den Kerl fassen und den Fall lösen, um jeden Preis. Doch der Preis steigt ins Unermessliche, als sich sein erbitterter Gegenspieler Tassilo Michaelis einschaltet. Dessen Leben hat sich trotz des damaligen Freispruchs nicht beruhigt, denn Name und Gesicht sind selbstverständlich überall bekannt – mit Ruhe ist es für Tassilo definitiv vorbei. Aber er wäre nicht er, hätte er nicht längst einen Plan gefasst, und der Schläfenmörder spielt hierbei keine unwesentliche Rolle.
Zur Seite gestellt wird Kern bei den Ermittlungen seine bayrische Kollegin Eva Fuchs, die von Anfang an mit dem Schläfenmörder-Fall vertraut ist. Es stellt sich heraus, dass sie nicht nur als Ermittlungsteam gut funktionieren, sondern auch eine gewisse persönliche Anziehungskraft nicht abzusprechen ist. Für Kern, dessen Familie sich gerade wieder zusammengerauft hat, steht also auch im zweiten Kliesch-Roman wieder einiges auf dem Spiel – und Tassilo versteht es erneut hervorragend, seine Einsätze voll auszuschöpfen.

Nach dem überzeugenden Debüt Die Reinheit des Todes von Vincent Kliesch war die Erwartungshaltung seinem zweiten Roman gegenüber verhältnismäßig groß – man freute sich auf ein Wiedersehen mit Julius Kern und Tassilo Michaelis, wunderte sich über den Klappentext-Teilsatz „eine neue Frau an Kerns Seite“ und versprach sich viel von dem offenbar talentierten Serienkiller, der bundesweit siebzehn Frauen töten konnte, ohne bisher auch nur ansatzweise aufgeflogen zu sein. Klieschs Grundrezept geht auf: Obwohl man auch hier wieder von nahezu Anfang an wusste, wer der Täter ist – denn wieder hat dieser einen eigenen Erzählstrang erhalten – , wissen die Protagonisten einmal mehr grandios zu agieren. Hervorstechend dieses Mal ist die Entstehungsgeschichte des Schläfenmörders mitsamt der Hintergründe, die nicht nur eine Art Verständnis wachrufen, sondern auch wie ein Fingerzeig darauf hinweisen, wie die Gesellschaft ihre Mitmenschen zu formen versteht – bewusst und unbewusst. Des Öfteren findet man sich selbst kopfschüttelnd wieder, wobei dies jedoch nicht am Killer liegt, sondern seine Ursache in den Wegen dorthin hat.

Während sich Kliesch in Die Reinheit des Todes noch mit zahlreichen und teils ausschweifenden Beschreibungen der Umgebung aufgehalten hat, kommen in Der Todeszauberer nur wirklich relevante Orte des Geschehens zum Zuge. Was vollkommen ausreichend und umso wichtiger ist, da diese kleinen Details der Wirkungskreise eine dichte und greifbare Atmosphäre schaffen. Sprachlich gibt es ebenfalls nichts auszusetzen, einzig die sanfte Covergestaltung könnte ein kleiner Punkt zur Kritik sein. Vielleicht ist aber auch gerade diese Sanftheit das Passende, denn obwohl die Morde sehr brutal und ziemlich blutig sind und auch dargestellt werden, verbirgt die ganze Geschichte um den Schläfenmörder eine emotionale Tiefe, die es herauszufiltern gilt und sich lohnt.

Schwer zu sagen, ob Kliesch mit seinem zweiten Roman einen Sprung geschafft hat und sich vom Debüt abhebt, doch Fakt ist, dass auch das zweite Buch jede seiner Seiten wert ist. Dank des relativ offenen Endes darf man auf weitere Thriller um das ungleiche Gegner-Duo Julius Kern und Tassilo Michaelis hoffen. Ob es dann auch zu einem Wiedersehen mit Eva Fuchs kommen wird oder nicht – in jedem Fall hat sich Vincent Kliesch einen festen Platz in der deutschen Thriller-Szene verdient und sollte diesen weiter ausbauen und festigen.


Fazit:

Kern und Tassilo sind auch im zweiten Kliesch-Roman ein Garant für spannenden und abwechslungsreichen Thrill. Der Todeszauberer besticht wie sein Vorgänger durch Unvorhersehbarkeit trotz bekanntem Täter und spannenden Disputen und fügt außerdem noch eine leichte Prise Sex hinzu – eine Mischung, die es in sich hat und definitiv überzeugt!


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Kliesch, Vincent: Die Reinheit des Todes

Blanvalet, 1. Auflage Mai 2010
Klappenbroschur, 320 Seiten
€ 8,95 [D] | € 9,20 [A] | CHF 15,50
ISBN: 978-3-442-37492-2
Leseprobe

Genre: Thriller


Klappentext:

Was würdest du tun,
wenn dein größter Feind deine letzte Hoffnung ist?

Ein geheimnisvoller Serienmörder stellt das LKA Berlin vor scheinbar unlösbare Rätsel. Sein drittes Opfer, eine ältere Dame, wird in einem weißen Leinenhemd aufgebahrt auf ihrem Esstisch gefunden. Spuren gibt es keine, denn die Wohnung ist klinisch geputzt – ein Alptraum für die Ermittler. Die letzten Hoffnungen ruhen auf Julius Kern, der Jahre zuvor einen grausamen Massenmörder fassen konnte. Doch Kern ist daran fast zerbrochen. Während er nur langsam zu seiner alten Form zurückfindet, hat sein Gegner bereits das nächste Opfer im Visier.


Rezension:

Ein völlig steriler Leichenfundort stellt das Berliner LKA vor ein alptraumhaftes Rätsel – nicht die geringste Spur und damit nicht den Hauch einer Chance hat der Täter hinterlassen und macht es dem ermittelnden Team schwer. In seiner Not wendet es sich an Julius Kern, der nicht nur mit eigenen Zweifeln, sondern auch denen anderer zu kämpfen hat. Denn die letzte Mordermittlung kostete Kern fast alles: Familie, Job, Verstand. Doch der „Putzteufel“ reizt ihn und so sagt er seine Mitarbeit zu, trotz aller Vorbehalte der höheren Stellen. Doch damit wird nicht nur Kern zurück auf den Plan gerufen, sondern auch sein schlimmster Feind – nämlich genau der Mann, der vor einigen Jahren von Julius gefasst wurde und anschließend einen Freispruch vor Gericht erwirkt hatte. So wird Kern doppelt herausgefordert, denn er muss sich nicht nur mit der aktuellen Ermittlung auseinander setzen, sondern auch mit seiner Vergangenheit, die so stark mit Tassilo zusammenhängt. Was ebendieser ihn nie vergessen lässt und den ohnehin schon alptraumgeplagten Kommisar immer und immer wieder daran erinnert. Für Kern ist es eine Gratwanderung, denn Tassilo bietet seine Hilfe an – doch kann Kern dem Mann, der seine Ehe auf dem Gewissen hat, trauen?

Drei Erzählstränge und ein von Anfang an klarer Täter – klingt erstmal sehr wirr und nicht besonders überzeugend. Und tatsächlich hat der Leser es durch drei unterschiedliche Perspektiven zu Beginn des Buches recht schwer, sich einzufinden und sich vollends in die Geschichte fallen zu lassen. Was Die Reinheit des Todes jedoch ausmacht, ist nicht die Suche (des Lesers) nach dem Täter an sich, sondern das langsam aufzudeckende Rätsel um die Hinter- und Beweggründe. Spannend dabei sind die eingeflochtenen Rückblenden zum alten Tassilo-Fall, der in seiner Komplexität eine eigene Ausarbeitung wert gewesen wäre – leider ein Punkt, der beim Leser etwas sauer aufstößt, denn so verlieren sowohl die alte als auch die neue Ermittlung ein ganzes Stück an Glanz und Spannung. Jede der beiden hätte von mehr „Aufmerksamkeit“ profitieren und den Leser noch ein bisschen besser unterhalten können. Schade, dass der Autor diese Möglichkeit sich und seinen angehenden Fans genommen hat, denn dieser Fall hat seinen ganz eigenen Reiz – selbst in der abgeschwächten und zusammengedrückten Form, die er im vorliegenden Roman bekommen hat.

Eine große Stärke beweist Vincent Kliesch bei der Erschaffung seiner Charaktere. Mit Ecken und Kanten und gerade dadurch unheimlich sympathisch überzeugen sowohl Kommisar Kern als auch Gegenspieler Tassilo – selten hat man einen Massenmörder, auf dessen erneutes Auftreten man sich schon im Voraus freuen kann. Erstaunliche Wesenszüge sind auch bei den anderen Mitwirkenden zu erkennen, Vincent Kliesch kratzt hier nur ein wenig an der Oberfläche der menschlichen Fassade und öffnet damit trotzdem unglaubliche Abgründe. Dabei kommt kein Bereich zu kurz, denn gerade Kerns Privatleben wird durch Noch-Frau und halbwüchsiger Tochter zu einem interessanten Nebenstrang, der nicht unwichtig für das Zusammenspiel mit Tassilo ist. Doch auch der für dieses Buch wichtige „Putzteufel“ weiß auf seine ganz eigene Art zu überzeugen – mit Detailliebe widmet sich der Autor hier der Vergangenheit und den Schlüsselerlebnissen, die nach Aufklärung vieles in einem anderen Licht stehen lassen. Was hierbei sehr positiv auffällt, ist die Gleichwertigkeit aller drei Protagonisten, denn zu keiner Zeit hat man als Leser das Gefühl, dass jemand bevorzugt oder benachteiligt wird.

Berlin-Fans kommen zudem durch umfangreiche, manchmal allerdings auch übertriebene Umgebungsbeschreibungen auf ihre Kosten. Hier hätte das Lektorat gerne das eine oder andere Mal den Rotstift zücken und Kleinigkeiten verändern können. Eine saubere Sprache lässt deutlich erkennen, dass Kliesch in seiner Arbeit als Moderator und Comedian den Umgang mit Worten gewöhnt und trotz dieser gerne als weniger ernste Arbeit verschrieene Tätigkeiten zu durchaus ernsthaften Gedankengängen fähig ist.
Bis zum Ende gut durchdacht und in jeder Hinsicht stimmig, mit faszinierenden und ebenbürtigen Gegenspielern sowie fesselnden Cliffhängern, aber leider viel zu wenigen Seiten und einem zweiten Haupthandlungsstrang, der gerne eine eigene Veröffentlichung hätte erhalten dürfen – Die Reinheit des Todes ist ein glanzvolles Debüt, von dessen Autor jederzeit wieder gelesen werden möchte.


Fazit:

Mit Die Reinheit des Todes liegt das trotz kleinerer, nicht ins Gewicht fallender Mängel überzeugende Debüt eines Allround-Talentes vor. Vincent Kliesch versteht es, den Leser trotz klarem Täter in eine spannende Ermittlung zu verwickeln. Obwohl die eingebundene Vorgeschichte durchaus ein eigenes Buch verdient hätte, kommt hier jeder Thriller-Leser voll auf seine Kosten.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Kliesch, Vincent: Der Todeszauberer

dtv premium, 1. Auflage April 2011
Originaltitel: The Rapture
Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg
Klappenbroschur, 400 Seiten
€ 14,90 [D] | 15,40 [A] | sFr 22,90
ISBN: 978-3-423-24844-0
Leseprobe

Genre: Endzeit-Thriller


Klappentext:

»Ich kann Dinge sehen, bevor sie passieren. Katastrophen. Ich spüre sie.«

Die Psychotherapeutin Gabrielle Fox bekommt es mit einer unheimlichen neuen Patientin zu tun: Die 16-jährige Bethany hat ihre Mutter auf grausame Weise ermordet. Und sie behauptet, sie könne Naturkatastrophen vorhersehen …


Rezension:

Seit einem Autounfall ist die Kunsttherapeutin Gabrielle Fox an den Rollstuhl gefesselt und spürt in der unteren Hälfte ihres Körpers maximal noch Phantomschmerzen. Gegen ärztlichen Rat will sie schnellstmöglich wieder ins Berufsleben einsteigen und tritt daher eine Stelle am Oxsmith Hospital an. Dort trifft sie auf eine Patientin, die bereits eine Therapeutin nahezu in den Wahnsinn getrieben hat. Bethany Krall, gerade erst sechzehn Jahre jung, hat ihre Mutter mit mehreren Messerstichen brutal ermordet und leidet zudem unter der Wahnvorstellung, anstehende Naturkatastrophen vorhersehen zu können. Als sich die Vorhersagen ihrer Patientin jedoch als wahr erweisen und von Bethany prophezeite Dinge tatsächlich eintreten, macht sich Gabrielle gemeinsam mit dem Physiker Frazer Melville an die schwierige Aufgabe, die Welt oder zumindest einen Teil der Menschheit vor der bevorstehenden Mega-Katastrophe zu warnen und so Menschenleben zu retten. Dass dieser Weg nicht stolpersteinfrei sein wird, ist den beiden zwar klar, doch mit derartigem Widerstand haben sie nicht gerechnet – doch was soll man auch Wissenschaftlern über ein Phänomen erzählen, das mit Belegen nicht zu stützen ist?

Leider kann man zum Inhalt von Endzeit gar nicht viel mehr sagen, ohne der Geschichte tatsächlich sofort einiges vorweg zu nehmen. Mehrere Vorhersehungen Bethanys treten ein und das Vorwarnen scheitert ein ums andere Mal, nach ausbleibenden Warnungen werden Fox und Frazer von Schuldgefühlen wegen unterlassener Hilfeleistung zerfressen und der letztendlich angekündigte Untergang der uns bekannten Welt zieht sich lange hin. Die Auflockerungsversuche der Autorin durch das Einbinden einer zarten Liebesbeziehung zwischen der Kunsttherapeutin und dem Physiker mit allen Zweifeln und Mutmaßungen, die man sich vorstellen kann, scheitert schlichtweg an der Umsetzung dieser Beziehung. Denn leider bedient sich Liz Jensen hier starker Klischees, die zumindest diesen Part der erzählten Geschichte sehr vorhersehbar machen. Ein wirklicher Ausgleich findet also nicht statt, vielmehr ist das gesamte Buch streckenweise sehr langatmig und verführt des Öfteren zum Beiseite-Legen, um ein einfacheres, schneller zu lesendes und leichter zu verdauendes Buch zur Hand zu nehmen.

Bis auf kleine Lichtmomente gestaltet sich Endzeit sehr durchwachsen. Sowohl Szenerie als auch die Charaktere wollen keine rechte Begeisterung beim Leser entfachen, ebenso verhält es sich mit der teils recht schwierigen Sprache. Medzinische Fachbegriffe aus der Psychologie und Gespräche über mehrere Seiten mit meteorologischem Fachgesimpel ermüden schnell, zumal der unwissende und ungeschulte Leser irgendwann auch einfach die Lust verliert, jeden Fachbegriff nachzuschlagen. Passagenweise lädt der Text geradezu zum Überfliegen ein, obwohl die Grundidee gar keine schlechte ist. Die Langatmigkeit vermiest dem Leser allerdings doch zeitweise den Spaß. Nichtsdestotrotz „erkämpft“ sich Liz Jensen mit ihrem Debüt doch einen gewissen Respekt und macht neugierig auf das, was zukünftig wohl noch aus ihrer Feder entspringen mag.


Fazit:

Mit recht gemischten Gefühlen bleibt der Leser nach Liz Jensens Debüt Endzeit zurück. Passagenweise sehr zähflüssig schafft der Roman es trotzdem, ein beängstigendes und gar nicht so abwegiges Szenario zu beschreiben und den Leser gefangen zu nehmen. Wem langwieriges Lesen und zahlreiche medizinische Fachbegriffe nicht viel ausmachen und wer sich besonders für Endzeit-Szenarien interessiert, sollte zugreifen. Schnell Ungeduldigen hingegen sei zu anderem Lesestoff geraten.


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Heyne Hardcore, 1. Auflage August 2010
Originaltitel: Act of Love
Aus dem Amerikanischen von Gabriele Bärtels
Überarbeitete Neuausgabe von Heinz Scheffelmeier
Taschenbuch, 288 Seiten
€ 8,95 [D] | € 9,20 [A] | CHF 15,50
ISBN: 978-3-453-67586-5
Leseprobe

Genre: Psychothriller


Klappentext:

Tod, Blut und Gewalt sind keine Unbekannten im Fifth Ward, einem berüchtigten Viertel von Houston. Doch die bestialische Hinrichtung einer Prostituierten stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Ein perverser Killer sucht sich gezielt weibliche Opfer aus, um sein Verlangen nach Leidenschaft, Wut, Hass und Rache zu befriedigen. Für die Frauen beginnt ein Leben in ständiger Angst – für den Killer, der sich selbst als »Houston Hacker« bezeichnet, ist es ein Akt der Liebe.


Rezension:

Der Fifth Ward ist die schlimmste Ecke, die Houston zu bieten hat. Marvin Hanson, von engen Freunden meist nur „Gorilla“ genannt, wuchs in diesem Viertel auf und kennt daher das Grauen, das dort vorherrscht, und die Gesetze, die dort befolgt werden, sehr genau. Aus diesem Grund werden er und sein Partner Joe Clark zu sämtlichen Fällen gerufen, die in dieser Gegend passieren – scheinen sie auch noch so harmlos.
Als Smokey, ein der Polizei bereits bekannter, dem Alkohol nicht gerade abgeneigter Obdachloser aus dem Fifth Ward, eine tote Prostituierte meldet, ist dem Ermittlerduo schnell klar, dass es sich hierbei nicht um einen simplen Straßenmord handelt, sondern mehr dahinter stecken muss, so grausam, wie die Leiche zugerichtet wurde. Ein anschließender Besuch im Leichenschauhaus, der selbst den hartgesottenen Polizeibeamten auf den Magen schlägt und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, macht ziemlich schnell klar, dass es sich beim Mörder um einen Serientäter handeln muss.

Für Hanson steht sofort außer Frage, den Killer ausfindig zu machen und zu stellen, doch mit jeder Stunde, die erfolglos vergeht, und mit jedem Tag, an dem der Täter von den Boulevardzeitungen als „Houston Hacker“ bezeichnet und auf die Titelseite gebracht wird, steigt der Druck auf Hanson. Nicht nur der von außen, sondern auch und vor allem der, den er sich selbst macht. Und immer lauter wird die Gewissheit, dass der Täter sich im näheren Umfeld befindet, denn interne Informationen gelangen nach außen und in die Presse. Und als schließlich auch noch anonyme Drohungen gegen Hansons Familie auf dem Plan treten, zählt für den Gorilla nur noch eines: der Tod des Killers durch seine Hand.

Im zarten Alter von nicht einmal dreißig Jahren befasste sich Joe R. Lansdale, der vor allem durch seine Reihe um das Ermittlerduo Hap Collins und Leonard Pine international bekannt wurde, mit dem damals absoluten Tabuthema der Nekrophilie. Die Morde in Akt der Liebe dienen nämlich nicht nur dem Tötungsakt selbst, die Opfer werden vielmehr erstochen und zerfetzt, aufgeschlitzt und eines Organs beraubt, anschließend während des eintretenden Todes oder direkt danach vergewaltigt. Doch der Autor begnügt sich nicht nur mit der harmlosen Umschreibung dieser für den gesunden Menschenverstand unfassbaren Vorgehensweise, sondern liefert dem ohnehin bereits angewiderten und schockierten Leser eine detailreiche Beschreibung des jeweiligen Zustandes der Leichen. Sehr anschaulich und gerade dadurch „nachvollziehbar“ werden dem Leser nicht gerade leicht verdauliche Happen zugeworfen, die allerdings genau das ausmachen, was Lansdale den Titel des Pioniers der Szene beschert hat.

Dabei ist vor allem erstaunlich, wie der Autor es schafft, mit nur wenigen wichtigen Charakteren eine derart dichte und umfangreiche Geschichte aufzubauen und eine solche Menge an möglichen Verdächtigen zu liefern. Anders als bei den heute bekannten Serienkiller-Romanen hat man bis zuletzt keinen konkreten Tipp, wer der Täter sein könnte, sieht man einmal von den Vermutungen der Ermittler selbst ab. Doch auch diese überzeugen den Leser nie hundertprozentig von ihrer Richtigkeit, sodass nicht nur Protagonist Hanson, sondern auch der Leser selbst tatsächlich bis kurz vor Ende des Buches im Dunkeln tappt.
Auch sprachlich erstaunt Lansdale seine Leser, denn trotz der Härte und der Abartigkeit der beschriebenen Verbrechen finden sich immer wieder literarische Perlen, die auch Wortliebhaber in ihrer Schönheit begeistern können. Eben dieser Mix aus Schönheit und Abschaum macht Akt der Liebe zu einem Buch, von dem man angetan und abgestoßen zugleich sein kann. Am Ende begreift man zwar noch immer nicht vollständig, was in einem Menschen vorgehen muss, um zu solchen Taten getrieben zu werden, doch beim Umblättern der letzten Seite weiß man bereits, diesen Roman nicht das letzte Mal in der Hand gehalten zu haben.

Die 2010 zum 30. „Geburtstag“ neu erschienene Auflage bei HeyneHardcore liefert, im Gegensatz zum recht harmlosen Original der Erstausgabe von 1999, ein immerhin in Ansätzen vorbereitendes Cover. Eine weitere Besonderheit sind das in vielen Punkten überzeugende Vorwort von Andrew Vachss, ein guter Freund des Autors, und das sympathische Nachwort von Joe R. Lansdale himself, in dem er den Werdegang des vorliegenden Romans seinen Lesern zugängig macht.


Fazit:

Blutig, detailreich, schockierend und ohne Rücksicht auf schwache Gemüter – schon auf den ersten Seiten nimmt Akt der Liebe den Leser vollends gefangen. Einzigartig in seiner Schreibe trägt Joe R. Lansdale völlig zu Recht den Titel des Vorreiters im Genre des Psychothrillers – damals wie heute setzt er ein Zeichen und lässt verstörte Leser zurück. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die Grenzen überschreiten möchten.


Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


cbt, 1. Auflage März 2011
Originaltitel: Wherever Nina lies
Aus dem Amerikanischen von Violeta Topalova
Taschenbuch, 320 Seiten
€ 8,99 [D] | € 9,30 [A] | CHF 15,50
ISBN: 978-3-570-30741-0
Leseprobe

Genre: Jugend-Thriller



Klappentext:

Sie sucht die Wahrheit –
doch die Wahrheit kann grausam sein …

Ellie sucht ihre Schwester Nina – und das schon seit zwei Jahren. Nina ist eines Tages plötzlich verschwunden. Die Polizei glaubt, das wilde Mädchen ist weggelaufen. Doch Ellie ist felsenfest überzeugt: Nina ist etwas passiert.
Da trifft Ellie den attraktiven Sean – sogleich spürt sie eine tiefe Verbindung, denn auch Sean hat einen Bruder verloren. Gemeinsam machen sich Ellie und Sean mit dem Auto auf die Suche, immer auf den Spuren Ninas. Bald glaubt sich Ellie nah am Ziel, da erfährt sie die schockierende Wahrheit …



Rezension:

Eines Nachts kommt Ellies ältere Schwester Nina weinend nach Hause, am nächsten Tag ist sie spurlos verschwunden – das war vor zwei Jahren. Während die Mutter sich seitdem in Arbeit stürzt und scheinbar nicht weiter darüber nachdenkt, hört Ellie nicht auf, an ihre Schwester zu denken und zu hoffen, dass sie eines Tages wiederkommen würde. Ihre große Schwester fehlt ihr so sehr, dass sie die ganzen zwei Jahre über nie die Suche aufgegeben hat.
Als ihr nun bei einem Trödelankauf im Laden gegenüber des Cafés, in dem sie arbeitet, eine Zeichnung in die Hände fällt, die nur von Nina stammen kann, flammt erneut Hoffnung in ihr auf und sie setzt alles daran, den Verkäufer dieser Zeichnung ausfindig zu machen. Hilfreich dabei scheint zuerst die in die Zeichnung eingearbeitete Telefonnummer zu sein, die sich aber als Reinfall erweist. Ein Blick auf die Überwachungsbänder des Ladens lässt Ellie schließlich zu einer Abrissparty gehen, wo sie mit einem Foto rumgeht und sämtliche greifbare Anwesende nach ihrer Schwester fragt.
Auf dieser Party wird sie von einem Fremden angesprochen, der eine Maske trägt und sich als Sean vorstellt. Ellie fallen sofort seine schiefergrauen Augen auf und sie lässt sich auf einen kurzen Flirt ein, doch dann erkennt sie unter den Partygästen den Mann vom Überwachungsband wieder und läuft ihm hinterher. Doch auch dieser mögliche Hinweis erweist sich leider als Sackgasse.

Ellies beste Freundin Amanda kann sich das ganze Elend nicht mehr mit ansehen und fleht nahezu auf Knien, dass Ellie sich endlich mit der Tatsache abfindet und ihre Schwester gehen lässt. Doch das kommt für Ellie auf keinen Fall in Frage. Als Sean bei ihr im Café auftaucht und ihr seine Hilfe anbietet, zögert sie nicht lange und begibt sich mit ihm auf Spurensuche. Denn der Zufall – oder das Schicksal – spielt ihr erstaunlich gut in die Hände, indem sie bei jeder Zwischenstation auf neue Hinweise stößt. Und als wäre das Glück ihr wohlgesonnen, entdeckt sie in Sean einen Menschen, der sie versteht und ihre Gefühle nachvollziehen kann. Schnell kommen sie sich während ihrer Fahrt näher, doch Ellie verliert nie ihr Ziel aus den Augen: Das Finden ihrer großen Schwester. Und tatsächlich sieht alles ganz danach aus, gut werden zu können. Bis das Schicksal plötzlich eine grausame Wendung nimmt und Ellie vor einem Alptraum steht, den man sich schlimmer kaum vorstellen kann.

Lynn Weingartens Jugend-Thriller-Debüt ist ein Buch, das den Leser zwiegespalten zurücklässt. Die Geschichte läuft nur sehr langsam an, erst knapp bei der Hälfte beginnt ein Spannungsaufbau, der dann jedoch ziemlich schnell an seinen Höhepunkt gelangt. Nach dem seichten Einstieg und relativ langem, fast belanglos erscheinendem Geplänkel ist der Sturz mitten ins Geschehen fast schon ein wenig zu schnell – hier wäre ein bisschen Ausgewogenheit und gleichmäßige Verteilung sicher angebracht gewesen. Trotzdem liest sich Mottentanz von Anfang an flüssig und gut, die Sprache der Autorin passt gut zum Inhalt und zur Zielgruppe. Durch den die sanfte Steigerung des Spannungsbogens werden immer mehr kleine Details aus Ninas Leben bekannt, die schließlich dazu führen, dass am Ende alles einen Sinn ergibt – und das wirklich von Anfang bis Ende. Fragen bleiben – zumindest bei der Rezensentin – keine übrig, man schließt das Buch mit einem zufriedenen Gefühl.

Die Charaktere scheinen zu Beginn recht klischeehaft zu sein – ein geheimnisvoller Fremder, eine leicht überdrehte beste Freundin, eine stille und in sich gekehrte Protagonistin -, erfrischend dabei ist jedoch Ellies Café-Kollege Brad. Ein überaus liebenswerter und typischer Schwuler, dem nichts mehr am Herzen liegt, als dass Ellie sich endlich einmal verliebt. Er ist auch derjenige, der während Ellies Reise kein einziges Mal böse wird, obwohl er sämtliche ihrer Schichten im Café übernehmen muss. Wer wünscht sich nicht einen solchen Kollegen?
Was hingegen ein wenig fernab der Realität zu sein scheint, sind manche Handlungen der Protagonisten. So zum Beispiel der überstürzte Aufbruch Ellies, ohne ihre Mutter zu informieren oder wenigstens einen Zettel zu hinterlassen. Oder die Tatsache, dass Amanda ohne Probleme mal eben einen Flug buchen kann, um Ellie hinterher zu fliegen – die Frage, welche Vorbildfunktion diese Mädchen auf die Leser haben, besonders in Bezug auf Verantwortungsbewusstsein, taucht im Laufe des Romans einige Male im Kopf auf.

Positiv hervorzuheben ist die Gestaltung des Buches. Bereits das Cover besticht durch schlichte Schönheit, auch wenn Aufmachung und Titel nicht so recht zum Inhalt passen wollen. Besonders schön sind die Zeichnungen, die man im Buch findet – diese sind die kleinen Hinweise, denen Ellie folgen kann, und durch ihren Abdruck bekommt der Leser nicht nur die Möglichkeit, seine Augen ab und zu ausruhen zu können, sondern wird so noch ein Stück weit mehr Teil der Geschichte.
Als Rundumpaket betrachtet liefert die Autorin also einen soliden Jugendroman des Thriller-Genres. Bleibt abzuwarten, ob sie noch steigerungsfähig ist – Potential ist in jedem Fall erkennbar und man darf sich hoffentlich auf weitere Bücher freuen.



Fazit:

Für echte Thriller-Fans ist Mottentanz sicher nicht mehr als nur eine schnelle Zwischenmahlzeit. Die jugendliche Zielgruppe hingegen dürfte sich mit Lynn Weingartens Debüt durchaus wohl fühlen. Obwohl in manchen Punkten nicht ganz nachvollziehbar und erst ziemlich spät wirklich einen Spannungsbogen aufbauend, schafft dieser Jugend-Thriller kurzweilige, wenn auch nicht unbedingt hängenbleibende Unterhaltung.



Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

PAN-Verlag, 1. Auflage Februar 2011
Originaltitel: The Girl Who Loved Tom Gordon
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Hardcover mit Hologramm, 304 Seiten
€ 14,99 (D) | € 15,50 (A)
ISBN 978-3-426-28356-1
Leseprobe

Genre: Psychothriller mit fantastischen Elementen



Klappentext:

Ich habe keine Angst.
Überhaupt keine Angst.
Der Wanderweg ist gleich dort vorn.
Es ist wirklich ganz unmöglich, sich hier zu verlaufen …

Um zehn Uhr sitzt Trisha noch im Auto ihrer Mutter. Um halb elf hat sie sich im Wald verirrt. Um elf Uhr versucht sie, sich nicht zu fürchten. Nicht daran zu denken, dass Leute, die sich verirren, vielleicht nie mehr zurückkehren. Hunger und Durst, Mücken und wilde Tiere, Einsamkeit und Dunkelheit – Trisha hat dem Grauen der Wälder wenig entgegenzusetzen. Und vor allem nicht dem, was sich aufgemacht hat, sie heimzusuchen …



Rezension:

Trisha – die Kurzform für Patricia – ist neun Jahre alt, fast zehn, und groß für ihr Alter. Ihre Eltern haben sich vor einiger Zeit scheiden lassen, sie und ihr Bruder Pete leben bei der Mutter und sehen den Vater regelmäßig an den Wochenenden. Pete kommt in der neuen Schule nicht klar, ist Außenseiter und sehnt sich nach Hause zurück. Verantwortlich dafür ist natürlich seine Mutter, die ihn schließlich aus Malden, wo der Vater noch immer lebt, weggeschleppt und an diese neue blöde Schule geschickt hat. Er würde gern bei seinem Vater leben und dieses Thema ist ein ständiger Streitpunkt zwischen Pete und seiner Mutter. Um dagegen anzugehen, plant Quilla immerzu Ausflüge mit ihren Kindern, um sie bei Laune zu halten. Dabei wird Petes Gemecker konsequent ignoriert, bis es nicht mehr aushaltbar ist – meistens liefern sich Quilla und Pete heftige Wortgefechte. Trishas Rolle dabei ist die gute Miene zum bösen Spiel, immer ein Lächeln auf dem Gesicht und Begeisterung für die Unternehmungen ihrer Mutter. In Wahrheit aber nervt sie das Gejammer von Pete und der immer wieder kläglich scheiternde Versuch von Quilla, Pete auf irgendeine Art zu besänftigen.

An diesem Morgen steht eine Wanderung auf dem Plan und schon während der Autofahrt geht das Geschimpfe von Petes Seite los. Mit ihrer Lieblingspuppe Mona sitzt Trisha auf der Rückbank des Wagens und versucht, den Streit auf den Vordersitzen auszublenden. Trisha ist, wie ihr Vater, begeisterter Fan der RedSox und trägt an diesem Tag nicht nur das Trikot mit der Nummer 36 (Tom „Flash“ Gordon), sondern auch eine Baseball-Kappe mit dem Autogramm ihres Idols. Die Kappe war ein Geschenk ihres Vaters und verdient deshalb besondere Erwähnung, da der Baseball und speziell Tom Gordon im Laufe des Buches eine wichtige, sogar tragende Rolle übernehmen werden.
Nach Ankunft am Startpunkt – Quilla und Pete unterbrechen ihren Streit nicht einen kleinen Moment – schnürt jeder seinen Rucksack fest und der Marsch geht los. Trisha fällt hierbei ein kleines Stück zurück, verliert die anderen beiden jedoch nie aus den Augen. Als sie bei einer Wasserpumpe vorbeikommen und Trisha diese gern ausprobieren möchte, hört ihr niemand zu. Auch nach mehrmaligem Rufen reagieren weder Pete noch ihre Mutter auf ihren Wunsch, und so entschließt sich Trish – ganz das trotzige Kind, das in jedem von uns schlummert – zu einer Kurzschlussreaktion: Obwohl sie eigentlich gar nicht pinkeln muss, verlässt sie den vorgeschriebenen Wanderpfad und schlägt sich einen Weg in die Büsche. So lange sie den Pfad noch im Auge hat, könnte sie jemand anderes sehen, und so gelangt sie immer tiefer in den Wald, hört aber noch die streitenden Stimmen von Pete und Quilla. Nachdem sie pinkeln war, hört sie jedoch nichts mehr, und auch den Weg zurück findet sie nicht. Zunächst bleibt sie ruhig, schließlich kann sie ja nicht weit vom Wanderweg weg sein, doch nach und nach überkommt sie doch eine Unruhe. Statt wieder raus zu finden, entfernt sie sich immer weiter von der festgelegten Route und schließlich muss sie die Nacht im Wald verbringen. Allein und mit nichts weiter als dem, was sie trägt und was sie in ihrem Rucksack hat. Ein neunjähriges Mädchen, das bald zehn wird und groß für sein Alter ist.

Stephen King ist bekannt, um nicht zu sagen berühmt-berüchtigt für seine Fähigkeit, bei den Lesern ein tiefschürfendes Grauen und Gruseln zu wecken. Auch mit Das Mädchen gelingt ihm dies – jedoch nur in den Grundzügen und nicht so, dass man als Erwachsener wirklich in den Genuss seines Könnens kommt. Vor allen Dingen kommt in diesem Roman eines zum Vorschein: Die erzählerische Kunst Kings. Mit einer erstaunlichen Ruhe und Konsequenz berichtet er über Trishas Tage und Nächte in diesen Wäldern, von ihren Gedanken und Ängsten, von ihren Hoffnungen und von den Versuchen des schlichten Überlebens. Dabei ist auffällig, dass Trisha sehr ernste und sehr erwachsene Gedanken hat – Gedanken, die man nicht einmal jedem Erwachsenen zutrauen würde, geschweige denn einem nicht mal zehnjährigen Mädchen, das mitten im Scheidungskrieg seiner Eltern steckt. Sehr viel glaubhafter ist da der Charakter von Pete gestaltet, von dem man zwar nicht viel kennen lernt, der aber genau in das Schema eines rebellierenden Teenagers passt. Und auch die Handlungen von Quilla, der Mutter, sind glaubwürdig und realitätsnah. Einzig die Hauptperson des Buches weist von Anfang an Details auf, die nicht so recht zu einem kleinen Mädchen passen wollen – schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass King dieses Buch vor mehr als zehn Jahren geschrieben hat und die Artikulationsweise von Trishas bester Freundin völlig undenkbar gewesen wäre.

Die Grundidee, ein kleines Mädchen in einem Wald auszusetzen und auf sich gestellt sein zu lassen, ist eine fabelhafte, die großartig zu Kings Konzepten passt. Nur die Umsetzung hinterlässt viele Schleifspuren, ohne dass man konkrete Kritikpunkte nennen könnte. Es besteht ein unheimlich starker Bezug zu Baseball und zu Tom Gordon, was der Originaltitel im Gegensatz zum deutschen Buchtitel bereits verlauten lässt – Leser der deutschen Ausgabe rechnen mit vielem, aber sicher nicht damit, dass das Buch zu einer guten Hälfte in Baseballbeschreibungen ausartet, zu denen kein wirklicher Bezug gefunden werden kann.
Hinzu kommt, dass King nicht müde wird, immer wieder die gleichen Dinge zu wiederholen oder zu beschreiben. Etwa dass Trisha bald zehn, aber schon ganz schön groß für ihr Alter ist. Dass die Tage in den Wäldern nicht viel Abwechslung bieten, ist wohl jedem Leser klar, trotzdem scheint der Autor großen Wert darauf zu legen, Trishas Wege bis ins kleinste Detail offen zu legen, und das mehrmals. Das führt leider dazu, dass man in Versuchung gerät, manche Passagen einfach zu überfliegen, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass man das ja schon ein (oder zwei oder drei) Mal gelesen hat. Hier hätte etwas mehr Abwechslung gut getan, denn King versteht etwas davon, die Gegend und die Atmosphäre anschaulich darzustellen. Man bekommt direkt Lust, selbst einmal durch Amerikas Wälder zu streifen – natürlich nur auf den vorgeschriebenen und befestigten Wanderwegen.

Was ein riesiges Lob verdient, ist die Aufmachung der deutschen Neuausgabe vom PAN-Verlag. Ein stabiles Hardcover, das in einem dunklen Blaugrün – passend zu den Wäldern – gehalten ist und in dessen Buchdeckel eine Hologrammkarte eingearbeitet wurde, die bei leichten Bewegungen ein größer- bzw. kleiner werdendes Mädchen zeigen und am unteren rechten Bildrand ein gelbes Augenpaar aufblitzen lassen. Obwohl das Mädchen auf dem Cover ein weißes Kleid, das an ein Nachthemd erinnert, trägt, kann man sich als Leser gut vorstellen, Trisha inmitten der Bäume zu sehen. Und auch die innere Aufmachung des Buches ist wunderschön gestaltet – jedes neue Kapitel wird durch nebelverhangene Bäume eingeleitet. Das lockert die gefühlt gleichbleibenden Abläufe stark auf und bietet dem Leser die Möglichkeit, zwischen den einzelnen Kapiteln ein wenig zu Atem zu kommen. Insgesamt wurde Das Mädchen wie ein Baseball-Spiel aufgebaut – vor dem Spiel, mehrere Innings und nach dem Spiel – dadurch wird der Inhalt und die Aufmachung zu einer runden Sache, die auf jeden Fall gut durchdacht wurde und zumindest optisch anmutet.



Fazit:

Gemischte Gefühle bleiben beim Leser zurück, als er Das Mädchen abschließt – das soll King gewesen sein? Man ist anderes von ihm gewohnt und vielleicht sollte gerade dieses Anderssein den Reiz dieses Buches ausmachen. Für Baseball-Kundige und Waldspaziergänger sehr gelungen, ein Gruselfaktor für Kinder und Jugendliche – doch das so berühmte King-Grauen versteckt sich hier leider zusammen mit dem „Ding“ in den Wäldern.



Wertung:

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
optische Aufmachung: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

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